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Segelfliegen


Segelflugzeug © Michael Pütsch
Foto: Segelflugzeug © Michael Pütsch

Die Wiege des Segelflugs ist die 950 m hohe Wasserkuppe in Hessen, von der aus Studenten im Jahr 1910 erste Flugversuche starteten. Aus den ersten Hängegleitern wurden recht schnell Segelflugzeuge entwickelt. Der Reiz liegt für den Segelflieger im Gleiten des Flugzeugs mit Hilfe der Thermik. Dem Segelflieger stehen zwei Varianten von Sportgeräten zur Verfügung: Segelflugzeug und Motorsegler. Der Sport ist hierzulande relativ weit verbreitet – etwa ein Drittel aller Segelflieger weltweit leben in Deutschland. Segelfliegen erfordert vom Naturraum die für Start und Landung notwendigen Flächen sowie bestimmte topografische Verhältnisse. Die Auswirkungen auf den Naturraum sind sehr unterschiedlich und abhängig von Jahreszeit, Brutzeiten sensibler  Vogelarten, dem überflogenen Gebiet sowie dem Verhalten des Piloten und der Flugplatzbetreiber.

Segelfliegen und Natur

Beschreibung der Sportart

Ein Segelflugzeug ist ein technisch hochentwickeltes Fluggerät aus leichten und hochfesten Baustoffen und nutzt einzig die Sonnen- und Windenergie als treibende Kraft für das Gleiten auf langen Strecken ohne großen Höhenverlust. Es hat starre Flügel mit einer großen Spannweite (meist 15-18 m) und einer ausgeprägten Flügelstreckung sowie eine aerodynamisch gestaltete Kontur und Bauform. Diese dient der Verminderung des Luftwiderstandes und sie allein bestimmt die Leistung des Fluggerätes.

Der Pilot muss durch Beobachtung, Erfahrung und Können die thermischen Aufwinde oder die dynamischen Hang- und Wellensysteme ausfindig machen und zu seinen Gunsten nutzen. Maßgeblich sind hierbei die meteorologischen Bedingungen – nur bei Wetterlagen, welche die thermischen oder winddynamischen Vorgänge in der Atmosphäre begünstigen, ist Segelflug möglich. Die Hauptsaison für den Segelflug liegt daher zwischen April und September.

Um in die Luft zu kommen, benötigt ein Segelflugzeug Starthilfe, meist wird es an einem Seil von einem Motorflugzeug in die Höhe gezogen (Schlepp). Nach etwa 10 min klinkt der Segelflugpilot das Schleppseil in einem günstigen Moment aus und nutzt dann die Energie von Sonne und Wind, um in der Luft zu bleiben.
Verbreitet ist auch die Starthilfe mit einer Seilwinde. Ein 700-800 m langes Drahtseil oder Kunststoffseil, an dem das Segelflugzeug befestigt ist, wird über eine Windentrommel eingezogen. Nach einer kurzen Beschleunigungsstrecke hebt das Segelflugzeug vom Boden ab und kann am konstanten Seilzug in einen Steigflug übergehen. So lassen sich bis zu 400 m an Höhe gewinnen, was ausreicht um Anschluss an die Thermik zu finden.
 
Die mit den Aufwinden erreichte Höhe wird beim Gleiten in Strecke umgesetzt. Bei günstiger Wetterlage kann ein Segelflugzeug mehr als zehn Stunden in der Luft bleiben und dabei mehrere hundert Kilometer zurücklegen.
Moderne Segelflugzeuge erreichen Geschwindigkeiten von 250 km/h. Die meisten Segelflugzeuge haben ein Gewicht von 250 bis 350 kg.
 
Die Landung erfolgt im Normalfall auf dem Flugplatz, dabei sind vorgegebene Platzrunden einzuhalten. Aber auch Außenlandungen können vorkommen. Das Flugzeug wird dann abgebaut und mit einem Spezialanhänger transportiert. Eventuell entstandene Schäden an landwirtschaftlichen Flächen werden durch einen Gutachter ermittelt und sind durch die Haftpflichtversicherung des Piloten abgedeckt.

In Deutschland wird an 395 Flugplätzen und rund 264 reinen Segelfluggeländen Segelflug betrieben (Stand 2010). In der Regel sind die Sportvereine die Betreiber dieser Gelände und für die Platzpflege, Gerätschaften und Gebäude (Vereinsheim, Hallen) verantwortlich. (DAEC & BFN 2003, S. 29f und  Technische Hochschule Aachen)

Wirkung der Natur auf den Sportler

Segelfliegen ist das Erleben der Natur beim Zusammenwirken von Wind und Wetter in der dritten Dimension – die Verwirklichung eines Traumes.

Mit der Loslösung aus dem Flugplatzbereich beginnt das Abenteuer. Der Streckenflieger wählt die Route so, dass er abends wieder zum Startplatz zurückkehrt und realisiert Distanzdreiecke oder Umkehrflüge von bis zu 1000 km. Dabei spielen das Wetter, die Szenerie, die wechselnde Landschaft und die Ungewissheit hinsichtlich der Fortsetzung des Fluges die Hauptrollen. Ungewissheit deswegen, da bei ungünstiger Wetterentwicklung ein Flug durchaus auch einmal außerhalb des Flugplatzes enden kann. Für eine sichere Landung genügt ein ebenes und abgemähtes Feld von 250 m Länge.

Anforderungen an den Naturraum

Die für den Segelflugsport zur Verfügung stehenden Gelände haben unterschiedliche Größen. Reine Segelfluggelände sind durchschnittlich 20 – 25 ha groß, Sonderlandeplätze 60 – 65 ha ( DAeC, 2004). Die Start- und Landebahnen haben eine Länge von knapp 700 m bis weit über 1.000 m. Optimal sind etwa 1.000 m Länge und 300 m Breite.

Die eigentlichen, intensiv genutzten Flächen, wie die Start- und Landebahnen sowie an den Enden die Flächen für den Auf- und Abbau der Segelflugzeuge, sind kurz gehaltene Grünflächen. Die anderen Flugplatzbereiche werden meist nur für die Rollbahn (zum Transport bzw. Rollen der Flugzeuge) und die Auslege- und Rückholstrecke für das Schleppseil genutzt. (DAeC & BfN 2003, S. 31; Schemel & Erbguth, 2000, S. 454)

Auswirkungen auf den Naturraum

Mögliche Konflikte zwischen Segelflug und Naturschutz liegen hauptsächlich in der Störung von bestimmten Tierarten, vor allem dann, wenn ein Mindestabstand zwischen Tier und Fluggerät unterschritten wird. Beim Segelfliegen ist dies hauptsächlich bei Start und Landung der Fall, aber auch während des Fluges, wenn z.B. Brutgebiete von  Greifvögeln tief überflogen werden. In der Nähe von Hängen kann Segelfliegen bei Tieren wie Gämsen und  Steinböcken sowie bei brütenden Vögeln starke Reaktionen auslösen. Von solchen Störungen sind potentiell folgende schützenswerte Vogelgruppen betroffen:

Die durch die Thermik bedingte Hauptzeit für das Segelfliegen, Frühjahr und Sommer, überschneidet sich mit der Fortpflanzungszeit der Tiere (Ingold 2005). Um guten Anschluss an die Thermik zu finden, versuchen Segelflieger aber ohnehin, einen angemessenen Abstand vom Boden einzuhalten. Im Gebirge bewegen sie sich über der Waldgrenze und vorzugsweise über den Gebirgskämmen, da die Thermik in den felsigen und sonnenbeschienen Hängen ausgelöst wird.

Im Luftraum zeigen die Erfahrungen der Segelflieger, dass eine friedliche Koexistenz mit  Vögeln möglich ist. Kollisionen zwischen  Greifvögeln und Segelflugzeugen sind sehr selten. Dennoch führen verschiedene Greifvogelarten während der Brutzeit Scheinangriffe und gelegentlich auch echte Attacken auf Segelflieger (sowie auf Drachen- und Gleitschirmflieger) durch.

Bei plötzlich auftretenden Flugobjekten können manche Vögel mit Alarmverhalten oder Flucht in unterschiedlicher Intensität reagieren: von äußerlich nicht sichtbaren physiologischen Reaktionen (Erhöhung der Herzschlagrate) über Ducken, Sichern, verstärkter Rufaktivität, unruhigem Hin- und Hergehen, Weglaufen, Auffliegen und Verlassen des Gebietes bis zu panikartigen Fluchtreaktionen.

Störungen können die Fähigkeit der Vögel, Fettreserven für Zug und Brutgeschäft anzulegen, beeinflussen. Auf diese Weise kann die individuelle Lebenserwartung und Fortpflanzungsfähigkeit sowie die gesamte Population beeinträchtigt werden.



Naturverträgliches Segelfliegen

Um die Störung durch Flugzeuge so gering wie möglich zu halten, bieten sich als Ansatzpunkte räumliche und zeitliche Regelungen an. Außerdem ist vielfach eine ökologische Aufwertung des Fluggeländes möglich. Hinzu kommen verantwortungsbewusstes Verhalten der Sportler und entsprechende Regelungen durch den  Deutschen Aero Club (DAeC).
Ein Ziel des Ausschusses und Referates „Umwelt und Natur“ des  DAeC ist es, bei den Sportlern die erforderliche Sensibilität für Konflikte des Sports mit der Natur zu erreichen. Hierfür werden Umwelt- und Naturschutzprojekte mit bundesweiter Bedeutung für den Luftsport (wie z.B. Gutachten zum Biosphärenreservat Rhön) initiiert und unterstützt. Die Bemühung um die Sensibilisierung wird durch regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen für die Umweltbeauftragten der einzelnen, dem  DAeC angegliederten Verbände und Vereine weitergetragen.

Im Folgenden sind wichtige Ansätze zur Konfliktminderung aufgeführt:

Räumliche Ansätze der Konfliktminderung

  • Beim Überfliegen eines empfindlichen Lebensraumes sollte generell eine Mindesthöhe von 300 – 600 m eingehalten werden.
  • Die möglichst einzuhaltende Distanz zu Vogelschwärmen (z.B. Wasservogelansammlungen zu Rastzeiten), insbesondere zu Ansammlungen auf Wasserflächen, beträgt mindestens 600 m.

Zeitliche Ansätze der Konfliktminderung

  • In Bezug auf den Gewöhnungseffekt der Tiere an Fluggeräte ist ein im Jahresverlauf gleichmäßiger Flugbetrieb unproblematischer als ein massiv einsetzender, aber nur kurzzeitiger Betrieb.
  • Der Flugbetrieb sollte je nach Jahreszeit auf die aktiven Phasen der sensiblen Tiere abgestimmt werden, um den Störeffekt zu reduzieren, d.h. in der sensibelsten Phase (im Frühjahr und Frühsommer) müssen erweiterte Abstände zu empfindlichen Lebensräumen eingehalten werden.
  • Während der Brut- und Aufzuchtszeit sollte auch aus Gründen der Flugsicherheit besonders auf  Greifvögel Rücksicht genommen werden, d.h. es sollte nicht zu nah an die Horstbereiche herangeflogen werden.

Ökologische Aufwertung der Sicherheitsbereiche des Fluggeländes, die nicht für Start und Landung benötigt werden, durch:

  • Einleitung von Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen
  • Entstehung von Magerwiesenvegetation: eventuell Aushagerung von Fettwiesen durch ein- bis zweimalige Mahd pro Jahr, kein Dünger- und Pestizideinsatz, Abtransport des Mähgutes (vgl. DaeC Poster „Lebensraum Flugplatz“)

Ökologische Aufwertung von nicht genutzten Freiflächen in den Randbereichen des Geländes durch:

  • Feldgehölze, Gebüschgruppen
  •  Hecken (wild wachsend, mit Saum)
  • Staudenfluren, Ruderalfluren
  • Steinhaufen (für  Reptilien)
  • „Grüne Wände“ (mit Klimmpflanzen an Gebäuden) und Flachdachbegrünung
  • Fledermausunterschlupfe (Schlitze in Flughalle, Kästen)

(Schemel et al. 2000, S. 479ff; DaeC Poster „Lebensraum Flugplatz“)

Segelfliegen im Detail

Geschichte

Der Begriff „Segelflug“ wurde erstmalig von Otto Lilienthal (1848 – 1896) benutzt. Er stellte als Erster systematische Untersuchungen über das Fliegen an, von denen später viele andere Flugpioniere profitierten. Auch die Gebrüder Wright griffen bei ihren Flugversuchen auf seine Ergebnisse zurück, wobei ihnen eine entscheidende Verbesserung gelang: durch die Verwindung der Außenflächen und durch eine drehbare vertikale Kielflosse (Seitenruder) erreichten sie eine bessere Steuerbarkeit ihrer Gleitapparate. Allerdings strebten sie, im Gegensatz zu Lilienthal, den Flug mit Motorkraft an, was ihnen 1903 auch gelang.

1909 wurde eine Flug-Sport-Vereinigung (FSV) in Darmstadt gegründet, deren Mitglieder mit selbstgebauten Hängegleitern Gleitflüge durchführten. Sie entdeckten die Wasserkuppe in der Rhön als das ideale Gleitfluggelände in Deutschland und stellten dort 1912 einen ersten inoffiziellen Streckenweltrekord über 840 m mit einer Dauer von 110 s im motorlosen Flug auf.

Mit der rasanten Entwicklung von Ottomotoren mit hoher Leistung und geringem Gewicht gelang der motorisierte Flug, und der Segelflug geriet zunächst in Vergessenheit. Doch als der Versailler Vertrag in Deutschland den Motorflug verbot, kam es zu einem verstärkten Interesse an Gleitflügen. Ab 1920 fanden auf der Wasserkuppe jährlich die Rhönwettbewerbe statt, und die Hängegleiter wurden zu Segelflugzeugen weiterentwickelt. Als 1924 das Sportfliegen mit leichten Motorflugzeugen wieder zugelassen wurde, schien das Ende des Segelfluges gekommen zu sein. Bis dato nutzen Segelflieger die Technik des Fliegens von Hangaufwind zu Hangaufwind.

1926 wurde jedoch von Max Kegel der Beweis für das Existieren von thermischen Aufwinden erbracht und 1928 gelang erstmals ein Thermikflug: Als Erster ein Variometer benutzend zeigte der Segelflieger Robert Kronfeld, wie man bewusst in einem thermischen Aufwind hochkreist. Dies bedeutete den Durchbruch im Übergang vom Hang- zum Thermikflug.

In den nachfolgenden Jahren wurden die Segelflugzeuge kontinuierlich weiterentwickelt, und die Flugleistungen nahmen immer weiter zu. Der erste Rhönwettbewerb wurde mit einer Flugstrecke von 1.830 m gewonnen, 1939 betrug die längste geflogene Strecke schon über 500 km. Auch die Startmethode hat sich vom Gummiseilstart über den Autoschlepp zum Windenstart weiterentwickelt. Parallel dazu wurde 1927 der erste Flugzeugschlepp durchgeführt.
 Technische Hochschule Aachen

Voraussetzungen

Prinzipiell ist es jedem möglich in einem Segelflugzeug mitzufliegen. Um selbst Pilot zu werden, müssen allerdings bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Piloten von Segelflugzeugen benötigen in Deutschland die so genannte Segelfluglizenz (PPL-C). Das Mindestalter bei Ausbildungsbeginn zum Segelflugzeugführer beträgt 14 Jahre und das Mindestalter zum Erwerb der Lizenz 16 Jahre. Die Reisemotorseglerausbildung kann mit 16 Jahren begonnen werden und die Lizenz erhält man frühestens mit 17 Jahren. Über die aktuellen Ausbildungsmodalitäten und Lizenzen informiert der  DAeC. Voraussetzung für die Ausbildung ist eine vom Fliegerarzt festgestellte Flugtauglichkeit sowie ein polizeiliches Führungszeugnis.

Organisation der Sportart

Etwa die Hälfte aller Mitglieder im  DAeC sind Segelflieger, die ihren Sport in rund 900 Vereinen betreiben. 29415 Segelflieger sind Mitglied im  DAeC (2012) und der Organisationsgrad der Sportart liegt bei 100 %.
Die Anzahl der beim Luftfahrt-Bundesamt registrierten Segelflugzeuge beträgt 7.771, die Anzahl der Motorsegler 3.122 (Stand 2011). ( Bestand an Luftfahrzeugen in Deutschland) (DAEC & BFN 2003, S. 31)

Segelflieger betreiben ihre Leidenschaft auch im sportlichen Wettkampf in regionalen und nationalen Meisterschaften. Der ambitionierte Wettkampfpilot hat aber auch die Möglichkeit, sich in internationalen Meisterschaften mit der Europa- oder Weltelite zu messen.
Zur Vorgabe von persönlichen Leistungszielen dient der Dezentrale Nationale Segelflugwettbewerb (NSFW), bei dem die Teilnehmer in der Saison die Flugstrecke und den Zeitpunkt selber wählen und nach dem Flug die geflogenen Streckenleistungen dem Verbandssekretariat zur Wertung einreichen. Der Wettbewerb fördert die kreative und sportliche Rivalität und motiviert zu fliegerischen Leistungen.
Segelfliegen ist aber auch die Einsamkeit zu fühlen, alleine verantwortlich sein für das wertvolle Sportgerät und selbständig die Entscheidungen zu treffen, um das Spiel mit Wind und Wetter zum Erfolg zu führen. Nach einem erlebnisreichen Tag ist es ein Bedürfnis, gesellig und kameradschaftlich, in der Gruppe das Gemeinsame zu pflegen und Erfahrungen weiterzugeben. Diese Lebensart entspricht einem gesellschaftlichen Bedürfnis und kann in der Segelfluggruppe intensiv ausgelebt werden.

Seit zehn Jahren hat der Segelflug keine quantitative Entwicklung mehr erfahren.
Er ist eher eine Randsportart und wird in einer familiären Szene betrieben und gepflegt. Dabei profitiert er vom Nimbus des Idealismus und der Naturverbundenheit. Geprägt wird die Szene sodann von Kameradschaft und Geselligkeit, welche im Flugbetrieb und bei der gemeinsamen Arbeit für den Unterhalt von Infrastruktur und Fluggerät, ausgelebt wird.

Konfliktlösungen