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Drachen- & Gleitschirmfliegen


Gleitschirmflieger © Michael Pütsch
Foto: Gleitschirmflieger © Michael Pütsch

Drachenfliegen und Gleitschirmfliegen üben eine große Faszination aus, denn hierbei kommt der Mensch dem uralten Traum vom Fliegen wie ein Vogel am nächsten. Die Kombination aus Naturerlebnis, technischem Können, Freiheit und Wagemut machen den Reiz des Sports aus, der viele Anhänger in Deutschland gefunden hat.
Ursprünglich flog man hauptsächlich an steilen Hängen im Alpenraum, mit Verbesserung der Flugleistungen von Pilot und Gerät fand der Sport auch in den Mittelgebirgen Verbreitung. Durch den Einsatz von Schleppwinden und die Nutzung thermischer Aufwinde ist das Fliegen im Flachland bei günstigen Wetterlagen ebenfalls möglich.
Die Auswirkungen auf den Naturraum sind von den Umständen vor Ort wie Gebiet oder Tageszeit und dem Verhalten des einzelnen Sportlers abhängig.

Drachen- & Gleitschirmfliegen und Natur

Beschreibung der Sportart

Beim Drachenfliegen (auch Hängegleiten oder Deltafliegen genannt) steuert der Pilot seinen Drachen durch Gewichtsverlagerung. Er hängt liegend in seinem Gurtzeug und kann den Drachen beschleunigen, indem er den Steuerbügel zieht. Verschiebt er seinen Körper zur Seite, dreht der Drachen in diese Richtung.
Beim Gleitschirmfliegen (auch Gleitsegeln oder Paragleiten genannt) sitzt der Pilot in seinem Gurtzeug und hängt an Leinen, die mit dem Segel verbunden sind. Richtung und Geschwindigkeit des Gleitschirms kontrolliert der Pilot durch zwei Steuerleinen. Einseitiger Zug an einer Steuerleine bringt den Gleitschirm in den Kurvenflug.
Wie Vögel nutzen die Piloten den Aufwind, um Höhe zu gewinnen. Fluginstrumente wie Höhenmesser und Variometer helfen im Aufwind bei guter Thermik optimal zu steigen. Die technische Einfachheit und die Mobilität der Fluggeräte sind die großen Pluspunkte dieses Flugsports. Die komplette Ausrüstung für das Gleitschirmfliegen wiegt nur etwa 15 kg und passt in einen Rucksack. Ein Drachenflieger hat etwas mehr zu tragen; ein Drachen wiegt zwischen 20 und 40 kg.
Der Gleitschirm erhält seine tragende Fläche erst beim Aufziehen des Segels. Daher legt der Pilot vor dem Start den Schirm bogenförmig aus und sortiert die Leinen. Zum Starten zieht der Pilot den Schirm auf und läuft gegen den Wind hangabwärts. Dabei werden die Kammern durch Staudruck gefüllt. Danach erfolgen die Kontrolle des Schirms und das Beschleunigen bis zum Abheben. Bei stärkerem Wind verkürzt sich die Startstrecke auf wenige Meter.
Drachenflieger bauen ihren Drachen vor dem Start auf; geübte Piloten benötigen hierfür ca. 20 min. Zum Start richtet der Pilot den Drachen gegen den Wind aus und bringt ihn mit wenigen Schritten hangabwärts in die Luft.

Wirkung der Natur auf den Sportler

Der Sportler erlebt während des Fluges die Landschaft aus einer ganz neuen Perspektive – der Vogelperspektive, was immer aufs Neue unvergessliche Eindrücke hinterlässt. Nur mit minimalster technischer Unterstützung Eins zu werden mit der Luft ist der große Reiz der Sportart, aber auch das Starten und Landen in unterschiedlichen Naturräumen ist mehr als nur ein attraktiver Nebeneffekt für die Sportler.

Anforderungen an den Naturraum

Der für den Sport genutzte Naturraum muss gewisse Voraussetzungen erfüllen, z.B. muss für den Fußstart eine Mindesthangneigung gegeben sein. Als Schleppstrecken dienen häufig Wiesen oder Feldwege, als Startplätze Wiesen und andere Freiflächen. Bauliche Maßnahmen sind in der Regel nicht erforderlich. Die Größe des eigentlichen Startplatzes beträgt ca. 20 x 20 m, der hindernisfreie Abflug muss gewährleistet sein.
Als Landefläche ist eine hindernisfreie Fläche (meist landwirtschaftliches Grünland) von etwa 1 ha erforderlich. (SCHEMEL 2000: 460) Diese Fläche wird gegen den Wind angeflogen. Der Drachenpilot richtet sich im Endanflug auf und bringt den Drachen durch Ausstoßen des Steuerbügels zum Stehen. Dem Gleitschirmpiloten genügt eine kleinere Landefläche (ca. 50 x 50 m). Zum Landen reduziert er die Geschwindigkeit bis zum Aufsetzen mit beidseitigem Bremsleinenzug.
In Deutschland darf nur auf zugelassenen Fluggeländen geflogen werden, von denen derzeit über 1.620 (Stand: 2012) Flächen existieren. Bauliche Maßnahmen oder sonstige Veränderungen werden in der Regel nicht durchgeführt. Bei dem Zulassungsverfahren durch den
 DHV nach § 25 LuftVG werden die flugtechnische Eignung durch Sachverständige geprüft und die Naturschutzbehörden beteiligt. Wo erforderlich, werden notwendige Betriebsauflagen, wie beispielsweise Regelungen für sensible Bereiche, festgelegt.

Auswirkungen auf den Naturraum

Es können Beeinträchtigungen von Flora und Fauna auftreten, müssen aber nicht. Zudem ist nicht jede Beeinträchtigung erheblich und nachhaltig. Entscheidend sind beispielsweise Geländestruktur, Deckungsmöglichkeiten, Tierartenzusammensetzung, Überflughöhe und Geschwindigkeit. Im Deutschen Hängegleiterverband befasst sich eine Fachkraft für Naturschutzfragen hauptamtlich mit der Beurteilung der Umweltaspekte bei den Geländezulassungsverfahren. An den Zulassungsverfahren werden die jeweils zuständigen Naturschutzbehörden beteiligt.
Große Auswirkungen kann das Aufschrecken von Tieren in bisher weitgehend unberührten Lebens- und Rückzugsräumen haben. Vor allem unter Extrembedingungen (z.B. im Winter) sind Störungen besonders gravierend und können sogar dazu führen, dass Lebensräume aufgegeben werden.
Verantwortlich hierfür ist wohl der durch das plötzliche Auftauchen der Flugobjekte hervorgerufene Überraschungseffekt. Reaktionen sind vor allem dann zu erwarten, wenn sie sich aus Sicht der Tiere rasch und unerwartet nähern, z.B. hinter einer Geländekante auftauchen. Tiere reagieren dann vorsorglich mit Flucht und suchen Deckung auf. Hängegleiter und Gleitschirme bewegen sich im Vergleich zu anderen Luftfahrzeugen zwar allgemein gemächlich und eher langsam, aber dafür öfter in niedrigen Höhen und nicht immer berechenbar. Sie können damit dem Erscheinungsbild von Raubvögeln ähneln und Beunruhigungen hervorrufen.
Streckenflüge sind im Allgemeinen unproblematisch, weil sie fast ausschließlich in großer Höhe und eher selten stattfinden.
In der Nähe von Brutplätzen reagieren  Greifvögel während der Brut- und Aufzuchtphase sensibel auf Fluggeräte, die sich auf weniger als 500 m nähern. Sie „verteidigen“ ihren Horstbereich, wie z.B. der  Steinadler durch Girlandenflug. Außerhalb des Brutbereichs und der Brutzeiten besteht meist friedliche Koexistenz zwischen Greifvögeln, Drachen- und Gleitschirmfliegern; sie kreisen häufig im gleichen Aufwind.
Auch Wiesenbrüter wie  Brachvogel,  Uferschnepfe und
 Kiebitz sind während der Brut- und Aufzuchtszeit störungssensibel. Auch ein Flug in Sicherheitsmindesthöhe von 150m über Grund (vorgeschrieben für alle Luftfahrzeuge) kann dann schon zu Störungen führen.
Die Vegetation kann Trittschäden durch Sportler und Zuschauer vor allem im Bereich der Start- und manchmal auch der Landeplätze erfahren. Darüber hinaus können an stärker frequentierten Startplätzen Ansatzstellen für Erosion geschaffen werden. Je steiler und je feuchter der Untergrund ist, desto mehr wird die Vegetation belastet. Zu berücksichtigen ist die Nutzungsfrequenz und der jeweilige Vegetationstyp. Die Nutzung als Startplatz kann aber auch nützlich sein, wenn dadurch eine Verfilzung oder Verbuschung verhindert wird und Lebensräume für besondere Tier- und Pflanzenarten erhalten bleiben.
Auf landwirtschaftlich genutztem Intensivgrünland ist der Flugbetrieb aus naturschutzfachlicher Sicht unbedenklich. Bei einem vielgenutztem Startplatz wird sich die Vegetation zu trittresistenten Pflanzengesellschaften verändern, trittempfindliche Pflanzen können verdrängt werden. Erosionserscheinungen lassen sich mit Hilfe von Gittermatten vermeiden. (Schemel & Erbguth, 2000, S.461-468)



Naturverträgliches Drachen- & Gleitschirmfliegen

Der konstruktive Dialog zwischen Naturschutz und Flugsportlern hat eine gute Tradition. Zum Beispiel werden im  Nationalpark Berchtesgaden jedes Jahr die empfindlichen Horstbereiche des  Steinadlers auf Karten dargestellt, um den Piloten entsprechende Hilfen zu geben. Rücksichtsvolles Fliegen in der Natur heißt:

  • Möglichst hoch fliegen, besonders über deckungsarmen Flächen, bei Frost und Schnee sowie im Frühjahr und Frühsommer.
  • Nationalparks, Naturschutzgebiete, Vogelschutzgebiete und Wildfütterungsstellen meiden.
  • Über selten beflogenen Gebieten besonders sorgfältig Flugrouten und Flughöhen wählen. Überraschungseffekte vermeiden.
  • Auf Flüge während der Dämmerung verzichten.
  • Bei auffälligem Verhalten von  Greifvögeln abdrehen und wegfliegen.
  • Erosionsgefährdete und feuchte Zonen sowie Magerrasen keiner unnötigen Trittbelastung aussetzen.
  • Nicht im hohen Gras, auf bestellten Feldern und auf besetzten Viehweiden und Pferdekoppeln landen oder das Fluggerät zusammenlegen.

Drachen- & Gleitschirmfliegen im Detail

Geschichte

Der Urvater des Menschenflugs, Otto Lilienthal, flog im Sommer 1891 von einem Übungshang in Derwitz bei Potsdam zum ersten Mal mit einer Flugmaschine. Er war der erste Hängegleiterpilot der Welt.
Die Entwicklung des heutigen Drachen- und Gleitschirmfliegens begann allerdings erst in den 1970er Jahren mit einer Erfindung des NASA- Ingenieurs Francis Melvin Rogallo. Forschungsarbeiten an Fallschirmen brachten ihn auf die Idee, eine gänzlich flexible Tragfläche aus Stoff zu konstruieren. 1948 hatten er und seine Frau aus einem quadratischen Stück Stoff ein Fluggerät konstruiert, das sowohl an der Schnur gefesselt als auch frei fliegen konnte. Neben den halbstarren Konstruktionen wurden Mitte der 1970er Jahre endlich auch flexible Flächen (Gleitschirme) getestet, wie sie Rogallo schon immer als eigentliches Ziel seiner Arbeit gesehen hatte.
Die heutigen Drachen haben computerberechnete Flügelprofile und bestehen aus modernen Werkstoffen wie Edelstahl, Aluminium, Kohlefaser und Segeltuch. Sie wiegen zwischen 20 und 40 kg und haben eine Spannweite von etwa 10 m. Herkömmliche Drachen besitzen eine Gleitzahl von ca. 1:12, d.h. in ruhiger Luft wird bei einer Höhendifferenz von 100 m eine Strecke von 1.200 m zurückgelegt. Moderne Starrflügler sind weiterentwickelte Hängegleiter mit einer Gleitzahl von 1:20.
Mitte der 1980er Jahre begann dann eine rasante Entwicklung der Gleitschirme zu den heutigen High-Tech-Flügeln mit einer Gleitzahl von ca. 1:8. Ebenso wie beim Drachen sind stundenlange Thermikflüge und Streckenflüge von über 100 km an der Tagesordnung.

Voraussetzungen

Drachen und Gleitschirme sind motorlose Luftsportgeräte. Werden sie mit Motorkraft betrieben, gelten die Betriebs- und Zulassungsbestimmungen für motorisierte manntragende  Luftfahrzeuge. Drachen- und Gleitschirmflieger benötigen zum Betreiben ihrer Sportgeräte einen Luftfahrerschein, der frühestens mit 16 Jahren erworben werden kann. Die Ausbildung erfolgt in drei Stufen (Grundkurs, Höhenflugausbildung, Überlandflugberechtigung) mit einem umfangreichem theoretischen und praktischen Teil. Natur- und Umweltschutz sind Bestandteile des Lehrplans. Für doppelsitziges Fliegen und Windenschlepp sind gesonderte Berechtigungen erforderlich.
Um die thermischen Möglichkeiten optimal zu nutzen, wird zumeist in den Frühjahrs- und Sommermonaten und tagsüber, in der Regel zwischen 10 und 18 Uhr, geflogen. Der Flugbetrieb ist sehr stark von der jeweiligen Wetterlage abhängig; bei zu starkem Wind oder Rückenwind kann nicht geflogen werden. Je nach Hangexposition variieren die möglichen Flugtage zwischen 30 und 120 Tagen im Jahr. Um gute Wetterlagen optimal nutzen zu können, sind an einem Standort Startmöglichkeiten für mehrere Windrichtungen erforderlich.
In Deutschland dürfen nur geprüfte Gerätetypen genutzt werden. Vorschriften für den sicheren Betrieb und für die Ausbildung der Piloten sind im Luftverkehrsgesetz festgelegt. Die Befugnisse zur Durchführung der Bestimmungen (Gerätezulassung, Ausbildung, Start- und Landeerlaubnisse, Fluggeländezulassung) wurden vom Bundesverkehrsministerium auf den  Deutschen Hängegleiterverband e.V. (DHV) – Mitglied im  Deutschen Aero Club e.V. – übertragen.

Organisation der Sportart

Gleitsegeln und Drachenfliegen können sowohl im Verein als auch individuell betrieben werden. Der Organisationsgrad der Sportler ist hoch; über 90% sind in Deutschland Mitglied im DHV, dem weltweit größten Zusammenschluss von Gleitschirm- und Drachenfliegern. Aktuell verzeichnet der Verband ca. 33.000 Mitglieder (Stand 2012). Knapp 16.000 sind in 380 Vereinen organisiert. Die Gesamtzahl an Gleitschirm- und Drachenpiloten ist seit 1994 in etwa konstant.
Wer die Vereinsmitgliedschaft scheut, kann auch unmittelbar beim DHV Mitglied werden. (SCHEMEL et al. 2000:460f)