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Felsen


© Michael Pütsch
Foto: Felsen © Michael Pütsch

Felsen sind Lebensräume mit extremen Umweltbedingungen. Welche Pflanzen und Tiere sich hier ansiedeln ist abhängig von vielen unterschiedlichen Merkmalen. Die Gesteinsart, die Entstehung des Felsens, das Alter und die Verwitterung, die geografische Lage, die Sonneneinstrahlung und die Flora und Fauna des Umfeldes bilden in ihrer Kombination die Lebensgrundlage für die Felsbewohner. Daher ist jeder Fels einzigartig. Auch die menschliche Nutzung kann Tiere und Pflanzen am Felsen beeinflussen.

Von großer Bedeutung ist die geografische Lage der Felsen. Felslebensräume finden sich sowohl in den Alpen in allen Vegetationsstufen als auch in den Mittelgebirgen wie z.B. im Elbsandsteingebirge, in der Schwäbischen Alb, im Frankenjura und im Schwarzwald. Einzelne Felsen und Felslebensräume findet man auch entlang von Fluss- und Bachläufen. Felslebensräume in den Hochalpen unterliegen weitaus harscheren Umweltbedingungen als beispielsweise jene im mittleren Rheintal. Innerhalb der Alpen macht es außerdem einen Unterschied, ob Felsen im Bergwald oder an Berggipfeln stehen. Auch in den außeralpinen Bereichen ist es für Tiere und Pflanzen von großer Bedeutung, ob Felsen von Bäumen beschattet oder von der Sonne beschienen werden.

Felsen – Lebensraum für Pflanzen

Allen Felsen ist gemeinsam, dass sich Humus nur in sehr geringen Mengen auf kleinen Absätzen, an Felsbändern, in Gesteinsspalten und -ritzen oder oben auf den Felsköpfen ansammeln oder bilden kann. Als Felskopf bezeichnet man den oberen Felsabschluss, als Felsfuß den Übergang nach unten in den Hang.

Während das Gestein verwittert und allmählich Humus gebildet wird, kann man eine recht typische Abfolge von Organismen beobachten: Zunächst siedeln sich Blaualgen und Flechten an, danach Moose, die wiederum den Weg bereiten für Gräser und Kräuter. Es können sich sogar einzelne Gehölze ansiedeln, wenn noch mehr Humus gebildet wird. Auf flachen Felsabschnitten entwickeln sich mit der Zeit  Trockenrasen bzw.  Gebirgsrasen.

Blaualgen

Blaualgen und Flechten können sich direkt auf dem Gestein ansiedeln, ohne dass Humus vorhanden ist. Die Voraussetzung für den Wuchs von Blaualgen ist, dass der Fels zumindest zeitweise feucht ist, beispielsweise während der Schneeschmelze. Blaualgen sind eine Organismengruppe, die näher mit den Bakterien verwandt ist als mit den Algen. Auf Kalkfelsen können sie schwärzliche Streifen („Tintenstriche“) bilden. Einige Arten tragen zur Gesteinsverwitterung bei, da sie den Kalk auflösen können. Blaualgen sind außerordentlich genügsam und anpassungsfähig. Man findet sie sogar in Arktis und Antarktis.

Flechten

Einige Blaualgen- sowie Grünalgenarten (die zu den echten Algen gehören) haben sich im Laufe ihrer Entwicklung mit verschiedenen Pilzarten zusammengeschlossen und leben mit ihnen in einer speziellen symbiotischen Lebensgemeinschaft, den Flechten. Da die einzelnen Algen- oder Pilzarten dieser Lebensgemeinschaft nicht mehr in der Lage sind, eigenständig zu wachsen, sondern zum Überleben aufeinander angewiesen sind, betrachtet man Flechten als eine eigene systematische Einheit. Weil die beiden beteiligten Organismen eng zusammenarbeiten, können Flechten extreme Lebensräume wie die nackten Felsgesteine besiedeln. Der Pilz liefert Wasser und Mineralstoffe, die Alge liefert Kohlenhydrate, meist Zucker. Die Wasser- und Nährstoffaufnahme erfolgt überwiegend aus der Luft. Findet man auf Felsen eine orange-gelbe Flechtenart, ist das ein Hinweis darauf, dass hier häufig Vögel sitzen, denn diese auffallende Flechtenart kann die Mineralien aus dem Vogelkot zum Wachstum verwerten. Einige Flechten überleben Abkühlung bis – 196 °C und können noch bei – 24 °C Stoffwechsel betreiben. Sie sind Pioniere bei der Besiedlung und Verwitterung von Gesteinen. Flechten reagieren sehr sensibel auf Rauchgase, vor allem auf Schwefeloxide, und dienen daher als Anzeiger für Luftverschmutzung, weshalb sie in den Zentren der meisten Großstädte nicht zu finden sind („Flechtenwüsten“). Flechten wachsen im allgemeinen sehr langsam.

Moose

Moose brauchen eine Stelle im Fels, wo sie wurzeln können. Kleinste Risse im Gestein oder winzigste Absätze mit Bodenansammlungen genügen ihnen schon. Sie bilden flache Überzüge, kugelige Polster, Decken oder Rasen. Mit Fasern haften sie am Gestein fest oder liegen auf flachen Felspartien leicht auf. Moose tragen zur Humusbildung bei, weil sie Humuspartikel und Staub, die mit Regen und aus der Luft herangetragen werden, festhalten. Fallen Samen von höheren Pflanzen auf solche Moospolster können sie sehr gut keimen, weil die Moose Wasser speichern und daher lange feucht bleiben. Die einfach gebauten Laubmoose, die dem Boden anliegen, können auch trockenere Felspartien besiedeln, während die Lebermoose, die bereits Stengel und Blättchen besitzen, feuchtere Stellen benötigen. Man findet sie daher meist auf der sonnenabgewandten Seite der Felsen.

Farne

Farne wachsen bevorzugt in beschatteten, eher feuchten Felsbereichen, am Felsfuß oder auf Felsbändern.  Hirschzunge,  Ruprechtsfarn,  Zerbrechlicher Blasenfarn,  Brauner und  Grüner Streifenfarn,  Jura-Streifenfarn und  Mauerraute bevorzugen kalkhaltige Gesteine, wobei letztere durchaus auf trockeneren Standorten im Licht wachsen kann. Der  Schwarze Streifenfarn wächst dagegen auf kalkarmen Untergründen.

Gräser, Kräuter und Gehölze

Auch für höhere Pflanzen spielt der Kalkgehalt des Gesteins eine große Rolle. Man unterscheidet zwischen Kalkgestein, dessen pH-Wert über 7 liegt (basisch) und Silikatgestein, dessen pH-Wert unter 7 liegt (kalkarm, sauer). Auf Silikatgestein wachsen im allgemeinen vermehrt Flechten- und Moosarten, auf Kalkgestein hingegen findet sich eine größere Vielfalt an Blütenpflanzen.
An den trocken-heißen Felsbereichen können nur besonders angepasste Pflanzen überleben. Man bezeichnet solche Pflanzenarten als Xerophyten (xeros = trocken). Sie haben verschiedene Strategien entwickelt, mit denen sie trockene Perioden überstehen können. Eine kräftige Wachsschicht oder dichte Beborstung bzw. Bedornung der Blätter schützt sie vor starker Wasserverdunstung. In den Speichergeweben der Blätter oder Wurzeln können Wasservorräte angelegt werden. Einige Pflanzen überdauern die Trockenzeiten als Samen oder Knollen. Viele Arten haben im Verhältnis zum oberirdischen Spross deutlich größere Wurzeln. Im Extremfall ist der obere Trieb nur wenige Zentimeter lang und die Wurzel reicht bis zu einen Meter tief in die Felsspalte hinein.

Typische Gräser an Kalkfelsen sind  Erdsegge, Blaugras,  Stachelspitzige Segge,  Alpenschwingel (nur alpin),  Niedriger Schwingel (nur alpin),  Blaues Rispengras und  Blasser Schwingel. Zu den kalkliebenden Kräutern gehören  Pfingstnelke,  Berglauch, Felsenblümchen,  Trauben-Steinbrech,  Hasenohr-Habichtskraut (nur alpin), Kugelschötchen, Brillenschote,  Niedriges Habichtskraut,  Augenwurz,  Zwerg-Glockenblume, Sandkresse, Kahles Berufskraut (nur alpin),  Felsensteinkraut,  Felsenmiere (nur alpin),  Moosnabelmiere (nur alpin), Ostalpenfingerkraut (nur alpin),  Alpenaurikel,  Traubensteinbrech,  Felsenbaldrian (nur alpin) und  Stengelfingerkraut. Heideröschen und  Zwergkreuzdorn sind Gehölze, die auf Kalkfelsen wachsen können.

Typische Besiedler von Silikatfelsen sind  Felsen-Leimkraut,  Felsenehrenpreis,  Hügel-Weidenröschen,  Blasses Habichtskraut,  Hügelweidenröschen, Gaudins Berufskraut, Drüsige Schlüsselblume (nur alpin),  Moossteinbrech (nur alpin), Prachsteinbrech (nur alpin) und  Flügelginster.

Felsen – Lebensraum für Tiere

Felsen sind mit vielen unterschiedlichen, häufig auch seltenen und wertvollen Lebensräumen vernetzt, wie z.B.  Halbtrocken- und Trockenrasen oder  Block- und Gesteinshalden. Aber auch einfache Säume und Übergänge zu Wäldern können im Zusammenhang mit Felsen vielseitige Lebensraumnetze bilden.

Fledermäuse und Schlafmäuse

Fledermäuse wie der Große Abendsegler und die Zwergfledermaus nutzen Felshöhlen als Schlafplätze und Überwinterungsquartiere. Schläfer wie die Haselmaus polstern trockene Höhlen und Spalten im Fels mit Gräsern und Blättern aus und nutzen sie als Wochenstube. Beide Tierarten kommen selten in Konflikt, da Fledermäuse im Gegensatz zu Schlafmäusen eher luftfeuchte Spalten aufsuchen.

Vögel

 Wanderfalken brüten typischerweise an hohen Felsen, weil sie einen guten Rundumblick brauchen. Während der Brut sowie kurz davor sind sie besonders störempfindlich. Wenn der  Uhu am Felsen brütet, ist er ein Nistplatzkonkurrent zum  Wanderfalken. Allerdings ernährt er sich von anderen Beutetieren und ist zu anderen Tageszeiten unterwegs.
Dohlen leben im Familienverband und haben ihre Nistplätze an Felsen, können aber auch an hohen Gebäuden nisten. Kolkrabe,  Steinadler und Rotflügeliger Mauerläufer sind vor allem an Felsen der Alpen zu finden. Weitere Vögel, die an Felsen brüten, sind Mauersegler, Waldkauz und Rotschwänzchen. Sie weichen aber auch auf andere Brutplätze aus.

Reptilien

 Reptilien haben hohe Ansprüche an ihren Lebensraum: Geschützte Sonnenplätze, Paarungs- und Eiablageflächen, Jagdreviere, Deckungs- und Versteckmöglichkeiten sowie Überwinterungsquartiere müssen vorhanden sein. Fels, Schotter- und Feinsubstrate decken diese Ansprüche in umfassender Weise ab. Auf Felsen leben Äskulapnattern, Schlingnattern (die sehr gut „klettern“ können), Smaragdeidechsen, Zauneidechsen und Mauereidechsen. Mauereidechsen bevorzugen Temperaturen von 36 °C, die sie in Deutschland nur im Sommer an aufgewärmten Felsen vorfinden.

Insekten

Felsen dienen vor allem wärmeliebenden Insekten als Ruheplatz, Jagd- und Nahrungsrevier und Heizraum. Viele Insektenarten sind auf spezielle Futterpflanzen angewiesen, die nur an den Felsen wachsen – für sie gibt es keine Ersatzlebensräume.
Insgesamt 67 Großschmetterlings-Arten sind an Pflanzen zu finden, die auf Felsbändern wachsen, z.B. Apollofalter, Schwalbenschwanz, Roter Scheckenfalter und Fetthennenbläuling. Einige Nachtfalterarten sind auf Felslebensräume spezialisiert. Hierzu gehören Platin-Eule, Kleine Flechteneule und Mauerflechtenbärchen. Auch Hummel- und Wildbienenarten besuchen die Vegetation der Felsen. Sehr kleine, felsbewohnende Insekten sind Felsenspringer und Springschwänze. Sie zählen zu den erdgeschichtlich sehr alten Insektengruppen (Urinsekten). Ameisen verbreiten die Samen vieler Felspflanzen. Ein typischer Felsvertreter der Netzflügler ist der Libellen-Schmetterlingshaft. Auch einige Heuschrecken, wie die Rotflügelige Ödlandschrecke, sind an Felsen zu finden.
Sind sandige Stellen vorhanden, kann man auch Ameisenlöwen finden. Die sehr kleinen, räuberisch lebenden Larven dieser Insektenart bauen Sandtrichter, in dessen Mitte sie sich verbergen. Geraten Ameisen in den Trichter, ergreifen die Larven sie mit ihren scharfen Mundwerkzeuge und fressen sie.

Spinnentiere

Auch für Spinnentiere sind Felsen ein nischenreicher Lebensraum. Hier können vor allem Radnetz-, Kugel-, Baldachin- und Plattbauchspinnen entdeckt werden. Auch einige Springspinnenarten sind Felsspezialisten. An Überhängen und in Felsnischen können langbeinige Weberknechte beobachtet werden.

Schnecken

Viele Schneckenarten sind eng an Kalkfelsen gebunden, da sie hier das Baumaterial für ihr Gehäuse finden. Hier lebende Arten sind z.B. Steinpicker, Haferkornschnecke und Felsen-Pyramidenschnecke.

Auswirkung von Natursport auf Felsen

Klettern

Felsen wurden bis in die jüngste Vergangenheit hinein bis auf den vereinzelten Abbau des Gesteins in Steinbrüchen vom Menschen nicht genutzt oder beeinflusst. Dies änderte sich als der  Klettersport in den 1980er und 1990er Jahren populär wurde und immer mehr Anhänger fand: Neue Felsen wurden erschlossen und die Klettergebiete auch außerhalb der Alpen immer intensiver genutzt. Dies führte stellenweise zu starken Belastungen der Felslebensräume.
Deshalb wurden für die verschiedenen Klettergebiete Konzepte entwickelt, die eine größtmögliche Schonung der Felsen zum Ziel haben. In diesen Konzeptionen werden besonders Bereiche wie die Anlage von Infrastrukturen (z.B. Parkplätzen), Zustiege, problematische Kletterrouten, Felsköpfe, Brutzeiten etc. aufgegriffen und Regeln dazu aufgestellt. Richtiges Verhalten der Kletterer trägt viel dazu bei, dass Felslebensräume nur geringfügig beeinträchtigt werden. Umgekehrt kann falsches Verhalten die Tier- und Pflanzenwelt der Felsen nachhaltig schädigen.

Ein umfassendes Portal für Deutschlands Kletterfelsen ist das  Felsinformationssystem des  deutschen Alpenvereins (DAV). Dieses bietet vielfältige Informationen zum  naturverträglichen Klettern und zum Lebensraum Fels. 28 Kletterregionen mit rund 250 Klettergebieten, vom östlichsten Oberbayern bis zum Teutoburger Wald werden u.a. dort vorgestellt.

In den  Alpen belastet der Klettersport die Felslebensräume nur punktuell – vor allem Kletterwände, die gut mit dem PKW erreichbar sind, sind beliebt. Im Verhältnis zur Gesamtausdehnung der alpinen Felslebenräume machen diese jedoch nur einen geringen Anteil aus.

Felsen im Detail

Gesteinsarten, die Felslandschaften und einzelne Felsen in Deutschland bilden, sind beispielsweise Quadersandstein (Elbsandsteingebirge), Riffkalk (Frankenjura, Eifel, Hönnetal, Wetterstein, Zugspitze), Orthogneis, Granit (Südschwarzwald) und Vulkanit (Rotenfels).