Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Wille, Volkhard; Bergmann, Hans-Heiner (2002) Das große Experiment zur Gänsejagd: Auswirkungen der Bejagung auf Raumnutzung, Distanzverhalten und Verhaltensbudget überwinternder Bläss- und Saatgänse am Niederrhein


Diese Auswertung wurde erstellt von: Jannes Bayer

 

SPORTARTEN

Jagd

 

INHALT

Die auch in Mittel- und Westeuropa traditionsreiche Bejagung von Wildgänsen hat sich von der Ernährung der Landbevölkerung hin zu einem reinen Freizeitvergnügen entwickelt. In den letzten Jahren haben aber das Anwachsen der Überwinterungspopulationen von Gänsen und zunehmende ökonomische Krisen vieler Agrarbetriebe zu einer verstärkten Diskussion über die Ausweitung der Gänsejagd in Deutschland geführt. Die vorliegende Untersuchung soll Auswirkungen der Bejagung auf Verhalten und Raumnutzung der Wildgänse erfassen und daraus Vorschläge für Jagdregelungen und Schutzmaßnahmen ableiten.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Autoren führen an, dass die Jagd auf Wildgänse mehrere direkte und indirekte Auswirkungen hat. In einem überschlägig berechneten Modell und einem Vergleich mit ähnlichen Studien wird das Zusammenwirken verschiedener Faktoren dargestellt, um den Anteil von Einzelfaktoren abschätzen zu können. Schwerpunkt bildet dabei der sich aus veränderter Raumnutzung und verändertem Distanzverhalten resultierende, deutlich erhöhte Weidedruck auf unbejagten Gebiete. Die Bejagung von Gänsen in Mitteleuropa führt demnach nicht zu einer Entschärfung, sondern auch in monetärer Hinsicht zu einer Steigerung des Konfliktpotenzials mit anderen Nutzungen der Kulturlandschaft.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 3014) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Das Untersuchungsgebiet liegt am Unteren Niederrhein zwischen der niederländischen Stadt Nijmegen und der deutschen Stadt Emmerich (NRW).

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Innerhalb eines vierjährigen Untersuchungszeitraumes (November 1994 bis März 1999) wurde der Einfluss der Bejagung auf überwinternde Bläss- und Saatgänse anhand von Vergleichsuntersuchungen hinsichtlich mehrerer Verhaltensmuster in jagdrechtlich unterschiedlich reglementierten Gebieten erfasst.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Gänsezählungen, Raumnutzung der Gänse, Messung/Erfassung des Distanzverhaltens, des Verhaltensbudgets und der tageszeitlichen Verhaltensmuster sowie Erfassung der Störreize bzw. Jagdaktivität.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Der niederländische und der deutsche Teil des Gebietes unterlagen zur Zeit der Untersuchung unterschiedlichen Jagdbestimmungen: Während auf deutscher Seite seit 1974 die Jagd auf Bläss- und Saatgänse ganzjährig untersagt ist, durften diese bis zum Winter 1999/2000 (also nach Ende der vorliegenden Untersuchungen) in den Niederlanden vom 01. September bis zum 31. Januar von Sonnenaufgang bis 10.00 Uhr gejagt werden.


Die Schlafplätze der überwinternden Gänse lagen während der Untersuchung auf niederländischer Seite. Die dort auf einem westlich gelegenen Schlafplatz nächtigenden Gänse waren dabei einem ständigen und intensiven Jagddruck ausgesetzt, die auf einem östlich gelegenen Platz nächtigenden Gänse konnten direkt auf deutsches, also jagdfreies Gebiet überwechseln und erfuhren somit in der Regel keine Bejagung.


EINWIRKUNGSDAUER

Bejagung ausschließlich im niederländischen Bereich des Untersuchungsgebietes vom 1. September bis zum 31. Januar von Sonnenaufgang bis 10.00 Uhr im vierjährigen Untersuchungszeitraum. Einzig während strenger Witterungsbedingungen wurde die Jagd in einem Jahr vorübergehend eingestellt.

 

EINWIRKUNGSART

Freizeitorientierte Bejagung der Wildgänse, insbesondere in den Einflugschneisen zu den Schlafplätzen.

 

EINWIRKUNGSGRAD

Die Intensität der Gänsejagd nahm (gemessen an der Zahl der aktiven Jäger) parallel zu den Gänsebeständen zu. Außerdem muss der Gänsejagd eine generalisierende Störwirkung zugesprochen werden, da auch beim Einwirken anderer Störreize deutlich erhöhte Reaktionsdistanzen festgestellt wurden.

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Räumliche Verteilung

In allen vier Wintern ließen sich ähnliche Raumnutzungsmuster erkennen: Die ersten im Herbst eintreffenden Gänse hielten sich vorwiegend in unmittelbarer Nähe der Schlafplätze auf, bei wachsendem Bestand an Gänsen wurden Flächen in der Umgebung mehr und mehr miteinbezogen. Beim Einsetzen der Jagd flogen die Gänse vorzugsweise von den Schlafplätzen in den nicht bejagten, deutschen Bereich herüber. Mit dem Ende der Jagdzeit änderte sich dies wiederum deutlich innerhalb von drei bis fünf Tagen und die Gänse flogen überwiegend niederländische Bereiche an.

 

Distanzverhalten

Während der Bejagung waren die Reaktionsdistanzen der dem Einfluss der Jagd ausgesetzten Gänse deutlich erhöht, nach dem Ende der Jagdzeit glichen sie sich wieder an.

 

Verhaltensbudget

Hinsichtlich des Verhaltensbudgets waren die Unterschiede zwischen bejagten und unbejagten Vögeln nicht signifikant. Unter Jagdeinfluss waren zwar Unterschiede im Aufmerken beim Putzen und beim Ruhen, nicht aber beim Fressen feststellbar.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Die Autoren führen vergleichbare Studien an, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen und somit auch auf eine Verschärfung des Konfliktes zwischen überwinternden Gänsen und anderen Nutzern der Kulturlandschaften hinweisen. Durch die Bejagung ändert bzw. schränkt sich die Raumnutzung der überwinternden Vögel deutlich ein, was erhöhten Weidedruck in bestimmten Gebieten zur Folge hat.

 

BEMERKUNGEN

Die Autoren weisen außerdem ausführlich auf die teilweise veränderte Phänologie der Gänse (z. B. hinsichtlich der Erstankunft, Verweildauer und Bestandszahlen) hin, die zur Beurteilung bestimmter Parameter zu berücksichtigen ist. So können längere Rastdauern, wie sie auch am Niederrhein vorliegen, beispielsweise die Möglichkeit zu einer besseren Anpassung an örtliche Jagdbedingungen oder andere Störgrößen bieten.