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Zukunft Biosphäre GmbH, Gesellschaft zur nachhaltigen Entwicklung (2003) Der Einfluss von Hängegleitern und Gleitseglern auf die Avifauna. Ornithologische Bewertung von Startplatzbereichen auf ausgewählten Fluggeländen in repräsentativen Lebensraumtypen


SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Luftsport

 

INHALT

Die Zukunft Biosphäre GmbH erarbeitete im Auftrag des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV) ein Gutachten zur Einschätzung der Auswirkungen von Hängegleiten und Gleitsegeln auf die Avifauna im Startplatzbereich verschiedener Untersuchungsgebiete.

Ziele des Gutachtens:

1. Erarbeitung eines ornithologischen Gutachtens für 10 verschiedene Fluggelände in Deutschland, die möglichst repräsentativ für einen bestimmten Lebensraumtyp sind.
2. Für eine objektive Bearbeitung sollten die Einzelgutachten möglichst an anerkannte, unabhängige Gutachter vor Ort mit hoher Ortskenntnis und entsprechender fachlicher Erfahrung vergeben werden.
3. Erfassung aller im Untersuchungsgebiet auftretenden (Brutvogel, Durchzügler, Nahrungsgast usw.) Vogelarten unter besonderer Berücksichtigung der Roten Liste.
4. Klärung der Frage, ob (Sing-)Vögel im unmittelbaren Startplatzbereich brüten (=Leitthema des Gutachtens.)
5. Ermittlung der Siedlungsdichte aller im Untersuchungsgebiet nachgewiesenen Brutvogelarten.
6. Beurteilung, inwieweit das vorgefundene dem zu erwartenden Arteninventar entspricht.
7. Vergleich der gefundenen Ergebnisse mit bisherigen Studien.
8. Einschätzung der Übertragbarkeit der Ergebnisse.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Auf Grundlage der verwendeten Methode konnte gezeigt werden, dass die Avifauna in den meisten Untersuchungsgebieten als ausgewogen und (nahezu) vollzählig bewertet wird. Auch in langjährig beflogenen Gebieten ist im jeweiligen Startbereich kein negativer Effekt des Flugbetriebes auf das Brüten im unmittelbaren Bereich der Startplätze und die Siedlungsdichte der Vögel zu erkennen.

Der fehlende Nachweis einzelner, zu erwartender, Vogelarten, werden weniger auf den Flugbetrieb als vielmehr auf die verwendete Methodik, mögliche Lebensraumzerstörungen vor Ort sowie andere Gefährdungsfaktoren zurückgeführt.

Die Siedlungsdichte der in den Untersuchungsflächen festgestellten Brutvogelarten liegt für die meisten Vogelarten in einem tolerierbaren Streubereich um den jeweils für Mitteleuropa angegebenen Maximalwert in anderen geeigneten Habitaten.

Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf vergleichbare Fluggelände ist nur bedingt möglich. Allerdings sind unter ähnlichen Rahmenbedingungen grundsätzliche Aussagen bezüglich dem zu erwartenden Arteninventar, der Siedlungsdichte und der Empfindlichkeit gegenüber dem Flugbetrieb denkbar.

BEZUG/QUELLE

Deutscher Hängegleiterverband (DHV)

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2892) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

  • Fluggelände Schrattenbach, Landkreis Oberallgäu, Freistaat Bayern
  • Fluggelände Neidlingen, Landkreis Esslingen, Baden-Württemberg
  • Fluggelände Einkorn, Landkreis Schwäbisch Hall, Baden-Württemberg
  • Fluggelände Jenner, Berchtesgadener Land, Freistaat Bayern
  • Fluggelände Gschai, Landkreis Emmendingen, Baden-Württemberg
  • Fluggelände Schriesheim, Landkreis Rhein-Neckar, Baden-Württemberg
  • Fluggelände Gangelsberg, Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz
  • Fluggelände Jenzig (Süd), Kreisstadt Jena, Thüringen
  • Fluggelände altes Lager, Landkreis Teltow-Fläming, Brandenburg
  • Fluggelände Getelo, Landkreis Grafschaft Bentheim, Niedersachsen

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Erhebungsmethodik

  • Zur Abschätzung eines "normalen" Arteninventars können bei Singvögeln revier- und brutanzeigende Verhaltensweisen herangezogen werden, daher erfolgte an den Startplätzen eine Dokumentation brutanzeigender Merkmale.
  • ornithologische Erhebungsmethode: rationalisierte Revierkartierung nach BIBBY et al. (1995).
  • Charakteristikum dieser Methode: drei Geländebegehungen, bei denen jede Beobachtung eines revieranzeigenden Vogels als Kennzeichen für ein entsprechendes Territorium dokumentiert wird. Größe der untersuchten Flächen sollte mindestens 4-10 ha betragen.
  • Eintragung der erfassten Beobachtungen in Karten (1:25.000)
  • Erstellung einer digitalen Artenliste.
  • Erstellung einer Artkarte für jede, in dem jeweiligen Untersuchungsgebiet vorkommenden, Vogelart.
  • Hinzuziehung von Abundanzwerten als Vergleichswerte.
  • Erstellung von ornithologischen Einzelgutachten für die jeweiligen Untersuchungsgebiete.

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Auswahlkriterien der Fluggelände (Grundlage: Kriterienkatalog):

  • Muss in einem charakteristischen Lebensraumtyp liegen (möglichst „wertvoller“ Biotoptyp)
  • Bewusste Auswahl von Gebieten, in denen aus naturschutzfachlicher Sicht Uneinigkeiten bezüglich der Geländezulassung bestanden
  • Flugbetrieb seit mehreren Jahren
  • Bereitschaft der Geländehalter zur Kooperation
  • Vollständige Abdeckung möglichst aller Regionen innerhalb des Deutschen Hängegleiterverbandes

Auswahlkriterien der Gutachter:

  • Detaillierte Ortskenntnis aufgrund eines bereits in der Vergangenheit durchgeführten ornithologischen Gutachtens
  • Empfehlung durch die Vogelwarte Radolfszell
  • Ortskenntnis durch Wohnort in unmittelbarer bzw. mittelbarer Geländenähe
  • Wirtschaftlichkeit der Bearbeitung


EINWIRKUNGSDAUER

Flugbetrieb beginnt in der Regel nicht vor 10.00 Uhr und endet meist weit vor Sonnenuntergang.
Anzahl der Flugtage: schwankt zwischen 20 bis 35 sowie maximal 180 Flugtagen.
Anzahl der gleichzeitig fliegenden bzw. pro Tag fliegenden Piloten ist sehr variabel.

 

TIERART

Vögel

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Die ornithologischen Einzelgutachten erbrachten in keinem Fall einen eindeutigen Hinweis auf negative Auswirkungen von Hängegleitern und Gleitseglern auf die jeweilige Brutvogelgemeinschaft.
Das Fehlen bestimmter (Leit-)Arten in einzelnen Untersuchungsgebieten kann nicht monokausal als Effekt des Flugbetriebes ausgelegt, sondern muss wahrscheinlich eher als Resultat eines komplexen Ursache-Wirkung-Gefüges eingestuft werden.
In einigen Gebieten wurden für einzelne Arten die jeweils für mitteleuropäische oder den entsprechenden, engeren Untersuchungsraum angegebenen maximalen Siedlungsdichteangaben in geeigneten Lebensräumen leicht bis mäßig unterschritten. Alle nach unten abweichenden Werte lagen jedoch in einem zu tolerierenden Streubereich um den jeweils angegebenen Mittelwert der Maximaldichten.
Die Erfassung großräumig aktiver Arten erbrachte ebenfalls keine Hinweise auf nachhaltig negative Auswirkungen für die Vogelarten.
Der Einfluss auf die Nahrungssuche von Greifvögeln wird als vernachlässigbar eingestuft, da einzelne Greife die Fluggelände sogar während des Flugbetriebs zu diesem Zweck aufsuchten bzw. ausreichend große Ausweichflächen zur Verfügung stehen. Andere Vogelarten nutzten die Gelände ebenfalls zur Nahrungssuche (Mehl- u. Rauchschwalbe, Star, Rabenvögel), ohne dass eine sichtbare Beeinträchtigung zu registrieren gewesen wäre.
Aussagen bezüglich Signifikanz der Unterschiede in Arteninventar, Bruterfolg und Siedlungsdichte zwischen „stark" und eher „mäßig" frequentierten Startplatzbereichen konnten nicht getroffen werden.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Die Übertragung der Ergebnisse und Aussagen des Gutachtens auf bezüglich Ihrer Naturausstattung vergleichbare Gebiete ist nur bedingt möglich. Die Studie verdeutlicht allerdings, dass in keinem der ausgewählten Lebensraumtypen gravierende Abweichungen vom zu erwartenden Arteninventar bzw. der Siedlungsdichte von Vogelarten festgestellt wurden. Nach Ansicht der Autoren liegt daher die Schlussfolgerung nahe, dass in ähnlichen Gebieten unter vergleichbaren Rahmenbedingungen ebenfalls keine gravierenden Abweichungen zu erwarten sind.