Bundesamt für Naturschutz

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Wurm, Sibylle (1996) Auswirkungen akustischer Reize auf die Herzschlagrate brütender Flußseeschwalben (Sterna hirundo)


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Luftsport, Radfahren, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Zur Beurteilung des Einflusses anthropogener Geräusche auf Küstenvögel werden die Auswirkungen akustischer Signale auf die Herzschlagrate brütender Flußseeschwalben untersucht. Dabei werden zum einen experimentell die Reaktionen auf simulierte anthropogene und natürliche Geräusche erfaßt, zum anderen werden Reaktionen auf Ereignisse in der Umgebung (überfliegende Flugzeuge, Personen, Radfahrer, freilaufende Hunde) registriert.

Im Ergebnis zeigt sich, daß anthropogen verursachte Geräusche in gleichem Maße wie natürliche Reize die Ursache für Erregungszustände sein können, die gerade in der Brutzeit durch Lenkungsmaßnahmen minimiert werden sollten. Dabei kann die beobachtete Fähigkeit der Tiere zur Habituation genutzt werden.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Ä Durch anthropogene Geräusche werden Erregungszustände verursacht, die- auch ohne Aktivitätsänderungen - einen deutlichen Anstieg des Energiestoffwechsels bewirken. Da gerade das Brüten eine besonders energiezehrende Zeit ist, sollten im Rahmen des Vogelschutzes solche Geräusche v.a. in diesem Zeitraum vermieden werden.

Habituationserscheinungen sollten für die Planung der Erholungsnutzung genutzt werden, bspw. durch Festlegen von Flugkorridoren, Wegegebot.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2669) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Hallig Nordstrandischmoor im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, Schleswig-Holsteinische Marsch und Inseln, Schleswig-Holstein

Gebiet des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Experiment: Reaktion auf simulierte Geräusche

Untersuchungszeitraum: Brutzeit 29.05.-15.06. 1992

Untersuchung zweier Gelege über mehrmals 24 Stunden (Gelege A: insgesamt 94, Gelege B: 85 Versuche); pro Gelege zwei brütende Vögel, keine Unterscheidung der Individuen für die Messung

Erfassung der Herzschlagrate (HR) über Stethoskop-Mikrophon-Einheit im Nest und Aufzeichnung per Tonbandgerät

daneben Protokollieren von Uhrzeit, besonderen Vorkommnissen, Außentemperatur, Eitemperatur, Verhalten der Vögel für Gelege A (Gelege B nicht einsehbar)

Rahmenbedingung für die Auswertung von aufgezeichneten Herzschlägen:

konstante Eitemperatur

Fehlen anderer Reize für den Vogel, bspw. Ankunft des Partners

Herzschlag mind. 30 s vor Einspielen des Signals in Ruhe

Einzelbeobachtungen: Reaktion auf andere, nicht simulierte Ereignisse

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Ermittlung der Reaktion: Reaktionsart, Reaktionshäufigkeit, Reaktionsstärke

maximale HR-Änderung in Prozent des Ausgangswertes (Varianzanalyse)

temperaturkorrigierte maximale bzw. minimale HR

über 5 Herztöne gemittelte temperaturkorrigierte maximale bzw. minimale HR nach Signalbeginn (HR5max bzw. HR 5min)

über 5 Herztöne gemittelte temperaturkorrigierte maximale bzw. minimale HR beim Abflug des Vogels

 

Reaktionsdauer

Erregungsdauer: Zeitraum vom Signalbeginn bis zum letzten von 10 aufeinanderfolgenden Herztönen, die nach dem Erreichen von HR5max bzw. HR 5min wieder die Grenze der doppelten Standardabweichung der Herztöne 10 s vor dem Signal unter- bzw. überschritten

Reaktionszeit: Abstand Signalbeginn zum ersten Herzton HR5max

Vergleich der Reaktionshäufigkeit (2 x k-Felder-Chi²-Test, Vierfelder-Test)

als erregungsverursachend gewertet: signifikante Unterscheidung der Herzschlagrate in den 10 s nach Signalbeginn von derjenigen in 10 s vor Signalbeginn

Wertung als Habituation: Abnahme der Reaktionsstärke

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Brutplatz: ungemähte Grünlandfläche, dichte Bodenvegetation

benachbart liegende Nester von Seeschwalbe, Austernfischer, Rotschenkel

Fläche von Schiffsgästen nur mäßig besucht, im Juni 1993 im Durchschnitt 13 Personen pro Tag

Einfluß der Außentemperatur: Herzschlagrate in Ruhe stieg mit sinkenden Außentemperaturen, die im weiteren interpretierten Herzschlagraten wurden entsprechend korrigiert.


EINWIRKUNGSDAUER

Experiment

Flugzeug: 17,3 s

Hubschrauber: 17 s

weißes Rauschen: 3 s

Sägezahnton: 3 s

Seeschwalben-Alarmrufe: 5,5 s

Rotschenkel-Alarmrufe: 1,6 s

Austernfischer-Alarmruf 0,7 s

andere Reize, nicht experimentell:

nicht quantifiziert

 

EINWIRKUNGSART

Experiment: akustische Beunruhigung:

anthropogen, bekannt: Flugzeug, Hubschrauber

anthropogen, unbekannt: weißes Rauschen, Sägezahnton

natürliche: Alarmrufe von Seeschwalbe, Rotschenkel, Austernfische

andere Reize, nicht experimentell: optische und akustische Beunruhigung durch

Traktor, Radfahrer, Motorroller, Personen auf Wegen

Flugzeuge

Hunde, Vögel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Experiment: aus Lautsprecher in 1m Entfernung, in zufälliger Reihenfolge

Flugzeug: 69 dB (C)

Hubschrauber: 69 dB (C)

weißes Rauschen: 69 dB (C)

Sägezahnton: 65 dB (C)

Seeschwalben-Alarmruf: 63 dB (C)

Rotschenkel-Alarmruf: 61 dB (C)

Austernfischer-Alarmruf: 60 dB (C)

andere Reize, nicht experimentell:

Überflug bzw. Vorbeigehen in unterschiedlicher Distanz

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

1. Reaktionen auf akustische Signale

Gelege A: Reaktion der HR in 55 % der auswertbaren Versuche

Gelege B: Reaktion der HR bei 65 % der auswertbaren Versuche

Reaktionsart und -häufigkeit, Reaktionsstärke

keine Reaktion: 45 % der Reaktionen in Gelege A, 35 % Gelege B

reine Varianzänderungen der Herzschlagrate: 2 % Gelege A, 1 % Gelege B

Erhöhung der Herzschlagrate: Gelege A: 42 %, Gelege B: 49 %

mittlere Erhöhung der HRum 35 % im Gelege A und 33 % im Gelege B

maximale Erhöhung der HR 93 % bei Reaktion auf Seeschwalben-Alarmruf

Absenkung der Herzschlagrate: Gelege A: 11 %, Belege B: 14 %

mittlere Absenkung der HR bei -14 % bzw. -12 %

maximale Absenkung der HR bei -18 % bei Reaktion auf Flugzeug und Rotschenkel-Alarmruf

für Erhöhung und Absenkung der HR keine signifikanten Unterschiede zwischen den verschiedenen Signaltonarten, tendenziell aber infolge der Hubschraubergeräusche geringste Reaktion

Reaktionsdauer: Erregungsdauer hängt wahrscheinlich eher von der Länge des Signalgeräusches als von dessen Art ab

Erhöhung der Herzschlagrate: Dauer im Mittel: 10,1 s im Gelege A bzw. 9,2 s im Gelege B

Absenkung der Herzschlagrate: Dauer im Mittel: 13,9 s bzw. 12,3 s

Erregungsdauer zeigt keine signifikante Abhängigkeit von der Stärke der Erregung

Erregungsdauer korreliert in den meisten Fällen mit der Länge des Signalgeräusches

Reaktionszeit: Gelege A: im Durchschnitt 4,18 s, Gelege B: 3,45 s

Hinweise für Habituation:

in beiden Gelegen Verminderung der Reaktion mit fortschreitender Untersuchungszeit (signifikant)

darüber hinaus mit zunehmender Untersuchungsdauer Zunahme der "Nicht-Reaktionen"

mit zunehmender Untersuchungsdauer "Kurzzeit-Gewöhnung": Abnahme der Reaktion bei gleichartigen, direkt aufeinanderfolgenden Signalen

Verhaltensbeobachtungen: mit Reaktion der Herzschlagrate nur in wenigen Fällen Verhaltensänderung verbunden =>Herzschlagrate sensiblere Erregungsindikator als Verhaltensbeobachtungen

 

2. Reaktionen der Herzschlagrate während anderer ausgewählter, nicht simulierter Reize

Reaktionsart: nur Erhöhung der HR, keine Absenkung

Erhöhung der HR infolge anderer Geräusche in unterschiedlicher Höhe

Flugzeug: Erhöhung der HR (um 22 %) während eines von vier Überflügen

Traktor: Erhöhung der HR (um 17-45 %) während des Vorbeifahrens in 62-84 m im vier von acht Fällen

schnell vorbeifahrender Radfahrer: keine Reaktion

vorbeigehende Personen: Erhöhung der HR in unterschiedlichem Maß (0 bis 97 %=maximale Steigerung infolge nicht simulierter Reize)

freilaufender Hund: Erhöhung der HR um 88 %

Vögel (überfliegende Lachmöwen, Seeschwalben und Kiebitze): Erhöhung der HR um 32 %-53 %

Verhaltensbeobachtung: Auffliegen vom Nest beobachtet bei

Personen bzw. Radfahrer auf Weg in 62-84 m Entfernung

freilaufendem Hund auf dem Weg