Bundesamt für Naturschutz

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Zehnter, Hans-Christian; Abs, Michael (1994) Fahrradfahrer und Fußgänger als Zeitgeber der diurnalen Aktivitätsrhythmik überwinternder Reiherenten (Aythya fuligula)


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Laufen, Radfahren, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die Autoren gehen der Frage nach, ob Freizeitaktivitäten auch dann zu Verhaltensänderungen bei Tieren führen bzw. geführt haben, wenn keine unmittelbaren Reaktionen - bspw. Fluchtreaktionen - beobachtet werden können. Untersuchungen der Herzfrequenz bei Tieren zeigen, dass zwar äußerlich keine Reaktionen wahrgenommen werden können, dass der Organismus des von einem Störreiz betroffenen Tieres jedoch sehr wohl reagiert. Hier soll gezeigt werden, dass Freizeitaktivitäten zu Verhaltensänderungen einer Art geführt haben, die jedoch nur dann wahrnehmbar ist, wenn exakte Verhaltensbeobachtungen zugrunde liegen, die das Zeit-Aktivitätsbugdet einer Art über einen längeren Zeitraum analysieren. Die Analyse erfolgt primär vor dem Hintergrund von Witterungsparametern.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Auf einem Klärteich im Süden Bochums (Deutschland, Nordrhein-Westfalen) überwinternde Reiherenten zeigten verändertes diurnales Orts-Zeit-Verhalten als Folge der Freizeitfrequentierung durch Fahrradfahrer und Fußgänger. Zeitgeber der diurnalen Bestandsrhythmik waren sowohl die Dauer der täglichen Photo-Periode als auch der Freizeitbetrieb: Fahrradfahrer und Fußgänger bestimmten Ort und Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme der Reiherenten während der hellen Tagesstunden.

Der mit der Personenfrequenz ansteigende Anteil ruhender Enten wird dadurch erklärt, dass Ruhen ein höheres Aufmerksamkeitspotenzial besitzt als Nahrungstauchen. Der ebenfalls ansteigende Anteil putzender Vögel wird als Übersprungshandlung einer Konfliktsituation zwischen der Motivation zur Nahrungssuche und dem Bestreben zur erhöhten Aufmerksamkeit sowie gleichzeitig als Ergebnis einer thermoregulatorischen Optimalitätsabwägung diskutiert. Witterungsparameter und Personenfrequenz trugen je eigenständig zu den beschriebenen Verhaltensänderungen bei.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2607) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Bochum, Nordrhein-Westfalen, Klärteich einer Größe von 8 ha

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Um das Raum-Zeitmuster der Reiherenten zu erfassen, wurden in insgesamt 116 Halbstunden-Scan-Samplings (ALTMANN 1974) der Anteil ruhender, putzender, schwimmender und tauchender Reiherenten nach Geschlechtern getrennt protokolliert. Hierbei konnte anhand von Geländemarken zwischen wegferner und wegnaher Teichhälfte unterschieden werden, deren jeweilige Flächenausdehnung ca. 3,9 ha beträgt. Die Beobachtungen wurden möglichst gleichmäßig auf den Zeitraum zwischen Sonnenauf-und Sonnenuntergang verteilt. Parallel wurde die Anzahl von Fußgängern (einschließlich Jogger) und Fahrradfahrern pro halbe Stunde gezählt und im folgenden als Personenfrequenz zusammengefaßt sowie in derselben Rhythmik Windgeschwindigkeit [m/s], Windrichtung, Lichtintensität [Lux] und Temperatur [°C] gemessen. Eine Gewöhnung der Vögel an den Untersucher wurde dadurch angestrebt, daß die Bekleidung weitgehend gleich und das Beobachtungs-Verhalten möglichst stereotyp blieb.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Korrelation der Verteilung der Enten mit Witterungsfaktoren (Temperatur, Windgeschwindigkeit, Lichtintensität) und mit Freizeitnutzungen.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Am westlichen Ufer führt ein Weg in einem Abstand von 1-5 m zur Wasserkante, der von Fußgängern, Joggern und Radfahrern benutzt wird.


EINWIRKUNGSART

Optische Beunruhigung durch Radfahrer und Fußgänger

 

EINWIRKUNGSGRAD

Bereits bei einer Frequenz von 11 Personen pro halbe Stunde bevorzugten die Reiherenten die wegferne Teichhälfte

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Die Reiherenten verlagerten, bereinigt durch Witterungsfaktoren, bei zunehmender Personenfrequenz ihre Aktivitäten auf die wegferne Teichhälfte.

Mit zunehmender Personenfrequenz nahm der Anteil nahrungstauchender Enten ab.

Mit zunehmender Personenfrequenz nahm der Anteil schwimmender Enten ab.

Mit zunehmender Personenfrequenz nahmen die Verhaltensweisen Ruhen und Putzen zu.

Die Tagesgänge von Personenfrequenz und Tauchaktivität verliefen reziprok zueinander, d. h. mit zunehmender Anzahl der Personen im Tagesverlauf nahm die Aktivität Tauchen ab.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Die vorliegenden Untersuchungen zeigen wie Herzfrequenzmessungen, dass eine Reaktion der Vögel auf Störreize vorliegt. Sie erlauben aber keine Aussage darüber, inwiefern von negativen Auswirkungen dieses subtil wirkenden anthropogenen Einflusses gesprochen werden kann. Da Reiherenten auch nachtaktiv sind, halten die Autoren eine nächtliche Kompensation der tagüber verursachten reduzierten Nahrungsaufnahme für denkbar.