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Zeitler, Albin (1996) Räumliche und zeitliche Nutzung eines Wintergatters durch Rotwild (Cervus elaphus) an Tagen mit und ohne Hängegleit- und Gleitsegelbetrieb


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter)

 

INHALT

Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit kurzzeitigen und reversiblen Veränderungen im Raum-Zeit-Muster von Rothirschen während der Überwinterung im Wintergatter. Es geht hierbei sowohl um die unmittelbaren Reaktionen als auch die Konsequenzen für das Raum-Zeit-Muster der Tiere.

Da außer Hängegleiter- und Gleitsegler-Überflügen keine weiteren anthropogenen Nutzungen auf das Verhalten der Tiere wirksam waren, konnten somit kurzfristige Auswirkungen des Hängegleiter- und Gleitsegler-Betriebes ohne andere zu beachtende Störfaktoren untersucht werden.

Die Studie hat wenige nur wenige Beobachtungstage zur Grundlage und erhebt keinen Anspruch auf statistische Sicherheit.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Wintergatter sollen verhindern, daß es zu Schälschäden durch das Rotwild kommt. Wichtiger Begleiteffekt ist dabei das Vermeiden von Störungen für die Tiere. Außer der Beschickung der Rotwildfütterung treten keine weiteren Störungen durch menschliche Aktivitäten auf. Die Beobachtungen zeigen, daß sich an Tagen mit Flugbetrieb räumliche und zeitliche Änderungen in der Nutzung der Freiflächen einstellen. Dieser Einfluß aus der Luft steht der Absicht und dem Zweck eines Wintergatters entgegen. Es ist anzunehmen, daß die Schälschäden innerhalb des Waldes im Wintergatter zunehmen.
  • Während des Untersuchungszeitraumes schien sich die Beeinträchtigung in Grenzen zu halten, da sich die Nutzungszeit auf wenige Tage beschränkte (innerhalb der 33 Tage gab es 7 Flugtage).
  • Den Ergebnissen der Untersuchung nach könnte allerdings angenommen werden, daß jeder Flugtag im Wintergatter eine Zeitverzögerung der Nutzung um 1,5 Stunden bewirkt und daß die Nutzung des Gebietes sich von 14 Gebietsabschnitten auf 3 verringert, wenn Flugbetrieb herrscht. In Jahren mit einem Witterungsverlauf, der mehr Flugtage erlauben würde, könnte der Flugbetrieb Beeinträchtigungen des Raum-Zeit-Musters der Tiere und damit ihres Lebensraumes hervorrufen.
  • Allerdings wäre es auch möglich, daß sich Gewöhnung der Tiere gegenüber den Hängegleitern und Gleitseglern einstellt. Die Anzahl der beobachteten Tiere, die sich tagsüber auf den freien Weideflächen aufhielten und auch bei Flugbetrieb im Sichtbereich über und am Rand des Wintergatters verblieben, ist seit 1992 bis 1995 gestiegen (11 Tiere 1992; 16 Tiere 1993/94, bis zu 18 Tiere 1995).

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 140) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Voralpines Hügel- und Moorland, Bayern

Wintergatter "Wildengrund", Größe ca. 60 ha, am Südosthang des "Immenstädter Horns" bei Immenstadt, Landkreis Oberallgäu. Gebiet befindet sich in Höhenlagen von 1100 bis 1450 m ü. NN. Vom 1.11. bis 15.5. gilt für das Wintergatter und das umgebende Wildschutzgebiet (ca. 150 ha) ein Betretungsverbot, das überwacht und eingehalten wurde.

Mehr als die Hälfte der Flächen sind offene Weiden, alpwirtschaftliche Nutzung während der Vegetationszeit,

im Gatter überwintern seit 1992 jährlich 40-45 Rothirsche.

An machen Tagen gab es Überflüge von Hängegleitern und Gleitseglern vor allem aus dem nordöstlichen, nördlichen und westlichen Zaunbereich, die Starts erfolgten von drei Startplätzen am Mittag (1451 m), südlich von Immenstadt. Darüber hinaus gab es keine anderen menschlichen Aktivitäten.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Das Wintergatter bot die Gelegenheit, Rothirsche an Tagen mit und ohne Hängegleiter- und Gleitsegler-Flüge zu beobachten und Unterschiede in der Raum-/Zeitwahl bei sonst gleichen Bedingungen dem Flugbetrieb zuzuordnen.
  • Untersuchungszeitraum April/ Mai 1995 (13.4.-16.5.), Rotwild beginnt zu diesem Zeitpunkt zunehmend auf die ausapernden Freiflächen zu drängen. Untersuchungszeitraum: 33 Tage, davon 7 Flugtage, Beobachtungstage: 10 Tage ohne und 2 Tage mit Flugbetrieb.
  • Gesamte Wintergatterfläche war von einem bestimmten Punkt (1,4 km Luftlinie, Bereich der Alpe Mittag) aus überschaubar. Diese Fläche wurde in 15 Gebietsabschnitte eingeteilt: 5 vertikale Flächensektoren (1 bis 5), die in drei horizontal begrenzte Unterabschnitte (oben, Mitte, unten) eingeteilt wurden.
  • Beobachtungskriterium: Aufenthalt der Tiere auf den Freiflächen zur Nahrungsaufnahme und zum Ruhen.
  • Erfassung der Anzahl Rothirsche im Untersuchungsgebiet sowie ihres Verhalten im 15 Min.-Takt, Zuordnung zu den Sektoren und Unterabschnitten des Gebietes.
  • Parallele Erfassung der Anzahl der Hängegleiter- und Gleitsegler-Piloten über dem Immenstädter Horn, solange sie sich im Sichtbereich des Rotwildes befanden.
  • Fütterungszeiten (regelmäßig von 10.00-längstens 13.30 Uhr), die Zeitverteilung der Hängegleiter- und Gleitsegler-Aktivitäten von den Startplätzen am Mittag (1451 m) sowie die Aktivitätszeiten des Rotwildes auf den Freiflächen waren aus systematischen Erhebungen der Jahre 1992-1994 (im Rahmen einer anderen Studie) bereits bekannt.
  • Beobachtungen konzentrierten sich auf die Zeit nach 14.00 Uhr bis die Tiere an der Futterstelle standen bzw. nach Dämmerungsbeginn.
  • Da alle Beobachtungen bei annähernd gleichen Wetterbedingungen stattfanden, werden Auswirkungen des Wetters auf die Nutzung der Freiflächen ausgeschlossen.

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Raum-Zeit-Verhalten mit und ohne Flugbetrieb


EINWIRKUNGSDAUER

An 7 der insgesamt 33 Tage des Untersuchungszeitraumes gab es Hängegleiter- und Gleitsegler-Flugbetrieb

 

EINWIRKUNGSART

optische Reize

 

TIERART

Rotwild (Cervus elaphus)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

An Tagen mit Flugbetrieb kam es zur Verringerung der genutzten Fläche: die 3 Gebietsabschnitte, die sich am weitesten entfernt von den Flugrouten befanden, wiesen eine höhere Dichte der Tiere auf. Die übrigen Gebietsabschnitte wurden in dieser Zeit nicht aufgesucht.

An Tagen ohne Flugbetrieb verteilten sich die Tiere über fast alle Gebietsteile: 14 der insgesamt 15 Gebietsabschnitte wurden genutzt.

An Tagen mit Flugbetrieb kam es zu einer Verzögerung im Beginn der Nutzung der Freiflächen um 1-2 Stunden (Verschiebung in Richtung Dämmerungsbeginn) gegenüber den Tagen ohne Flugbetrieb.

Akute Fluchten des Rotwildes auf den Freiflächen oder aus den bewaldeten Einständen konnten bei Erscheinen der Hängegleiter oder Gleitsegler nicht beobachtet werden.

Auch ein irrtümlicher direkter Überflug des Wintergatterbereiches durch gebietsfremde Piloten in 20 m Höhe (5.5.1995, gegen 13.30 Uhr) löste keine Flucht aus dem Einstand oder dem Wintergatter aus.

Die beobachteten Verhaltensänderungen zeigten keine Hinweise auf nachhaltige Auswirkungen des Flugbetriebes auf das Rotwild. Auch nach einem Wochenende mit 3,5 aufeinanderfolgenden intensiven Flugtagen waren die Tiere am ersten Tag ohne Flugbetrieb wieder frühzeitig auf den Freiflächen zu beobachten.