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Zeitler, Albin; Georgii, Bertram (1995) Ikarus und die Wildtiere. Grundlagenstudie zum Thema Hängegleiten, Gleitsegeln und Wildtiere


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter)

 

INHALT

Diese Grundlagenstudie untersucht - am Beispiel des südlichen Oberallgäus (eines der am stärksten für Tourismus und Freizeitaktivitäten erschlossenen Gebiete der Bayerischen Alpen) - die Auswirkungen des Drachen- und Gleitschirmfliegens auf die Wildtiere. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen Gemse (Rupicapra rupicapra) und Rothirsch (Cervus elaphus). Untersuchungsgegenstand ist die Abhängigkeit des Verhaltens von Gemsen und Rothirschen von der Flugfrequenz und der die Tiere umgebenden Raumstruktur.

Mit dieser Wissensbasis werden Lösungsansätze für ein konfliktfreies Miteinander von Wildtieren und Flugbetrieb erarbeitet sowie wildbiologische Entscheidungshilfen für die Zulassung von Fluggeländen bereitgestellt.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

In regelmäßig beflogenen Gebieten besteht die Möglichkeit für die Tiere, die Ungefährlichkeit der Drachen- und Gleitschirmflieger zu erlernen. Selbst wenn Hängegleiter oder Gleitschirme in solchen Gebieten überraschend auftauchten, betrug die Fluchtdistanz der Tiere nicht mehr als 10-30 m (S. 28).

 

"Nach den 2 Untersuchungsjahren gibt es keine Hinweise auf eine Schädigung von Wildbeständen, die gesichert auf das Hängegleiten zurückzuführen wären. Veränderungen in der Raumnutzung von Wildtieren sind seit langem durch das Bergwandern eingeleitet worden. Nur im Ausnahmefall wirkt sich das Hängegleiten in intensiv genutzten Gebieten zusätzlich aus" (S. 30).

Kritisch zu beachten ist das Erschließen unberührter und deckungsarmer Bereiche durch Streckenflieger.

 

BEZUG/QUELLE

Umweltbundesamt, Zentrale Fachbibliothek Umwelt,

Bismarckplatz 1

14193 Berlin

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 138) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Voralpines Hügel- und Moorland, Bayern

Südliches Oberallgäu, eines der am stärksten erschlossenen Gebiete der Bayer. Alpen,

800 qkm groß, davon: regelmäßige beflogenes Gebiet: 53 qkm, gelegentlich beflogenes Gebiet: 49 qkm, selten beflogenes Gebiet: 60 qkm (~1/5 des Gebietes), nicht beflogen: 638 qkm

Waldanteil des Gebietes von ca. 30 %

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Beobachtung des Raum-Zeit-Verhaltens der Tiere über alle Jahreszeiten, Beobachtungstage mit und ohne Flugbetrieb/Wanderbetrieb, Reaktionen der Tiere in Abhängigkeit von der Flughäufigkeit und den Raumstrukturen in der Umgebung der Tiere.

Untersuchungszeitraum: Nov. 1992-Dez. 1994:

1. Phase von Herbst 1992-Herbst 1993, die Beobachtungen waren gleichmäßig über das Untersuchungsgebiet verteilt, grober Überblick über die Reaktion der Tiere. Insgesamt 1.100 Flüge, davon entfielen 825 (75 %) auf regelmäßig beflogene Gebiete, 221 (20 %) auf gelegentlich beflogene und 54 (5 %) auf selten beflogene Gebiete.

2. Phase von Herbst 1993-Dezember 1994, Beobachtungen wurden nur noch in den Gebieten unternommen, in denen die Tiere ihr Verhalten merklich geändert hatten. Eine Gesamtanzahl von Flügen wird für die 2. Phase nicht genannt.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

1. Flugfrequenz

2. Raumstrukturen

Unterscheidung der Geländestruktur der Orte als auch der Vegetationsstruktur

 

Geländestruktur Vegetationsstruktur

1. Grat, Rücken a) vegetationsfrei oder schneebedeckt

2. Geländekante b) freie Fläche ohne Strukturen im Umkreis von 30 m um ein Tier

3. Hang c) freie Fläche ohne Strukturen in weniger als 30 m Umkreis

4. Tal, Terrasse d) Felswände oder -blöcke

5. Mulde e) Krummholz

6. Graben f) Baumzeilen oder -gruppen

g) Wald

Überflughöhen


EINWIRKUNGSDAUER

Ganzjähriger Flugbetrieb; Schwerpunkt April bis Oktober; die meisten Flüge zwischen 10.00 und 16.00 Uhr; tageszeitlicher Schwerpunkt liegt auf frühem Nachmittag.

 

EINWIRKUNGSART

optischer Reiz am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Unterschiedlich dicht aufeinanderfolgende Drachen- und Gleitschirmflieger

Unterschiedlich hoch fliegende Drachen- und Gleitschirmflieger

 

TIERART

Gemsen (Rupicapra rupicapra), Rothirsche (Cervus elaphus), (im Mittelpunkt der Studie), peripher auch Murmeltiere (Marmota marmota), Rauhfußhühner (Tetraonidae), Steinadler (Aquila chrysaetos)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

In 5 % der Untersuchungen reagierten die Tiere mit Flucht, in 20 % der Beobachtungen mit Ausweichen, in 75 % der Beobachtungen zeigten sich die Tiere tolerant gegenüber den Drachen und Gleitschirmen.

In regelmäßig beflogenen Gebieten waren die Reaktionen "Flüchten und Ausweichen" bei Gemsen und Rothirschen sehr viel seltener als in gelegentlich oder selten beflogenen Gebieten. In regelmäßig beflogenen Gebieten bewirkten Drachen und Gleitschirme kaum eine Verhaltensänderungen.

Neben der Befliegungshäufigkeit des Gebietes wird das Verhalten der Tiere bei Wahrnehmung der Drachen und Gleitschirme auch durch die Deckung beeinflusst. Gemsen wie Rothirsche reagierten in guter Deckung weitaus toleranter als in offenem Gelände.

Bei Streckenflügen werden zwar ausgedehnte Landschaftsteile überflogen, Problemgebiete für die Wildtiere befinden sich dabei nur in Aufwindbereichen von jeweils etwa 5 bis 100 ha, die nach dem Absinken bei Talüberquerungen einen neuen Höhengewinn ermöglichen.

 

Gemsen

In selten beflogenen Gebieten flüchteten die Gemsen bei Wahrnehmung von Drachen und Gleitschirmen, sobald die Deckung gering war oder fehlte und wichen auch bei mittlerer bis guter Deckung häufig aus.

Wiederholten sich die Begegnungen zwischen den Gemsen und den Drachen/ Gleitschirmen innerhalb weniger Tage, schwächte sich ihre Reaktion ab. Sie wichen nicht mehr über weite Strecken, sondern in deckungsreichere Areale aus und kehrten innerhalb von 1-2 Stunden zurück. Fanden Flüge aber in einem Rhythmus von etwa 14 Tagen statt, hatte das stets die Flucht der Gemsen zur Folge. Die Rückkehr der Tiere in die zuvor genutzten Bereiche erfolgte erst nach mehreren Stunden.

Rothirsche

Rothirsche reagierten i. d. R. empfindlicher als die Gemsen. In selten beflogenen Gebieten flüchteten die Rothirsche fast ausnahmslos. Sie kehrten erst nach mindestens 3 Stunden zurück, manchmal verzögerte sich ihre Rückkehr auch bis zum nächsten Morgen.

Bei Rotwild waren bezüglich des Fluchtverhaltens deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern festzustellen. Große Rudel mit mehr als 15 männlichen Tieren wichen beim Anflug von Drachen/ Gleitschirmen langsam bis zügig in gedecktere Bereiche aus und kehrten bald wieder zurück. Bei gemischten Rudeln bzw. Rudeln mit einem Überhang an weiblichen Tieren und Kälbern flüchtete der größte Teil der Tiere, nicht nur von freien Flächen, auch aus deckungsreichen Krummholzarealen.

Überflughöhe und Überflugdauer

Die kritische Überflughöhe bei Gemsen lag bei etwa 100 m. Ausschlaggebend für die Toleranz der Gemsen ist neben der schnellen Erreichbarkeit von Deckung das zügige Überfliegen der Tiere. Keine Fluchtreaktionen gab es erst bei einer Überflughöhe von mehr als 100 m. Bei Rotwild liegt diese bei 150-200 m.

Wechselwirkung Flug-/Wanderbetrieb

Da Bergwanderer i. d. R. 1-2 Stunden vor Beginn des Flugbetriebs unterwegs sind, bewirken die Wanderer häufig bereits einen Raumwechsel der Tiere, so dass die Auswirkungen des Fliegens nicht mehr abgrenzbar sind.

In Gebieten mit dichtem Wanderwegenetz (mehr als 3 km auf 100 ha) können die Wildtiere den Wanderern nur bedingt ausweichen. In diesen Gebieten reagierten die Gemsen besonders empfindlich auf die Fliegerei, wenn gleichzeitig viele Wanderer unterwegs waren.

Störungsbedingte Ortswechsel der Tiere ließen keine Rückschlüsse auf den Verursacher zu.

Kondition von Gemsen und Rothirschen in Fluggebieten

Für negative Auswirkungen des Flugbetriebes auf die Kondition der Tiere gibt es im Untersuchungsgebiet keine Hinweise.

 

gewonnene Eindrücke:

Murmeltiere

Murmeltiere reagierten i.  d.  R. nur mit kurzem Aufblicken. In gelegentlich beflogenen Gebieten liefen sie Richtung ihres Baus, blieben aber meist außerhalb und setzten die Nahrungsaufnahme fort.

Rauhfußhühner

In den beobachteten Fällen liefen oder verblieben die Tiere in Deckung bzw. flogen dorthin. Dies entspricht ihrem normalen Verhalten bei Bedrohungen.

Steinadler

Zu Konflikten zwischen Steinadler und Drachen-/Gleitschirmflieger kann es dann kommen, wenn in der Nähe von Felswänden geflogen wird, in denen die Vögel ihre Horste haben. Vor allem während der Paarungs-, Brut- und Aufzuchtzeit reagierten die Steinadler im engeren und weiteren Horstbereich mit Droh- und Angriffsflügen auf die sich nähernden oder passierenden Drachen- und Gleitschirmflieger.