Bundesamt für Naturschutz

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Ulbricht, J. (1998) Raum-Zeit-Verhalten von Graugänsen (Anser anser) in einem mecklenburgischen Sammel- und Rastgebiet: Habitatnutzung und Reaktionen auf Störreize


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Im Sommer versammeln sich die Graugansfamilien, die aus den Mausergebieten zurückkehrenden Nichtbrüter und Zuzügler aus anderen Gegenden zu Sammel- und Rastgemeinschaften. Während ihres mehrwöchigen Aufenthaltes im Gebiet ernähren sich die Graugänse vorwiegend von (energiereichen) Getreidekörnern, die sie auf Stoppeläckern in der Umgebung der Gewässer, die ihnen als Schlaf- und/oder Tagesaufenthaltsplatz dienen, finden. Da systematische Studien zum Einfluss von Störungen auf Graugänse, insbesondere in Sammel- und Rastgebieten, bislang fehlten, werden seit 1994 im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) geförderten Projektes "Unzerschnittene, störungsarme Landschaftsräume" (Förderkennzeichen 0339541) Untersuchungen zu dieser Frage durchgeführt. Kenntnisse über den Tagesablauf und die räumlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Bestandteilen des Habitats sind eine Voraussetzung für die Abschätzung der anthropogenen Einflüsse auf die Qualität des Sammel- und Rastgebietes. Weiterhin sollen einige (vorläufige) Ergebnisse von Beobachtungen zur Reaktion von Graugänsen auf Störreize mitgeteilt werden.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Sammel- und Rastgemeinschaft der Graugans nutzt nach einem relativ festen Zeitmuster im Tagesverlauf verschiedene Bestandteile ihres Habitats: Schlafgewässer, Nahrungsflächen (Stoppeläcker) und Tagesruhegewässer. Störungen hatten nur einen geringen Einfluss auf den Tagesrhythmus. Die Nahrungsflächen lagen max. 8,5 km vom Tagesaufenthaltsplatz entfernt. Die Wahl der Übernachtungsplätze richtete sich nach deren Lage zu aktuell genutzten Nahrungsflächen; jedes Schlafgewässer hatte einen mehr oder minder deutlich abgegrenzten Einzugsbereich. Ihre Flexibilität bei der Schlafplatzwahl ermöglichte den Gänsen die Nutzung eines relativ großen Gesamtgebietes, ohne dabei Entfernungen von mehr als 6 km zwischen Nahrungs- und Schlafplätzen zurücklegen zu müssen.

Die Fluchtdistanz gegenüber Fußgängern, die sich den Graugänsen auf Landwegen näherten, lag bei mehr als 200 m; auf Störreize durch Autos reagierten die Tiere schwächer.

Gegenwärtig gibt es im Untersuchungsgebiet noch große Agrarflächen, die nicht von Straßen oder Landwegen zerschnitten sind. In diesen Bereichen können sich die Tiere weitgehend ungestört aufhalten. Der Ausbau von Land- bzw. Feldwirtschaftswegen würde hier voraussichtlich zu einer Zunahme von Störungen und somit zu einer Entwertung dieses Sammel-und Rastgebietes für Graugänse führen.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2049) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

"Sumpfsee/Breeser See" im Raum Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern)

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Die Untersuchungen erfolgten in den Jahren 1994 und 1995 jeweils in der Zeit von Mitte Juli bis Ende September. Zur Feststellung der Tagesrhythmik wurde über den Untersuchungszeitraum hinweg regelmäßig der Zeitpunkt des morgendlichen Abfluges der Graugänse von den Schlafgewässern zu den Ackerflächen bzw. von dort zum Tagesaufenthaltsplatz sowie der Zeitpunkt des abendlichen Abfluges zu den Äckern und von dort zu den Schlafgewässern registriert. Die Aufenthaltsorte der Gänse wurden durch Beobachtung der Abflugrichtungen und nachfolgendes Absuchen von potenziellen Nahrungsflächen bzw. die Kontrolle der Seen ermittelt. Mitunter war es im leicht hügeligen Gelände sogar möglich, den Flug zwischen verschiedenen Plätzen, z.B. vom Tagesgewässer zu verschiedenen Ackerflächen, lückenlos zu beobachten. In einigen Fällen konnte anhand einzelner, individuell markierter Tiere (Halsmanschetten) die Beziehung zwischen verschiedenen Aufenthaltsorten eines Gänsetrupps hergestellt werden. Bei der Erfassung der räumlichen Verteilung der Grauganstrupps im Gebiet, insbesondere auf den Nahrungsflächen, wurden auch die Reaktionen der Tiere auf Störreize registriert. Die Bestimmung der Reaktionsdistanzen erfolgte mit Hilfe topographischer Karten (Maßstab: 1:10.000) oder mittels eines Infrarot-Laser-Entfernungsmeßgerätes.

Um einschätzen zu können, in wieweit bei der Wahl der Nahrungsflächen auch das Sicherheitsbedürfnis der Tiere eine Rolle spielt, wurden die Reaktionen der Graugänse auf anthropogene Störreize in Abhängigkeit von der Entfernung zur Störreizquelle untersucht.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Veränderung der Biotopnutzung. Räumliche Verlagerung der Aktivität.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Ausgeprägte Raum-/Zeitnutzung von Ackerflächen (Nahrungsbiotope) und Stillgewässern (Schlag-, Tagesgewässer).


EINWIRKUNGSART

Fußgänger, Spaziergänger

Kraftfahrzeuge

 

EINWIRKUNGSGRAD

Flucht, Aufmerken (Halsrecken)

 

TIERART

Graugans

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG

Fußgänger, die sich auf Landwegen bewegten, lösten z.T. noch starke Reaktionen (Flucht) aus, wenn sich die Gänse in Entfernungen von mehr als 200 m aufhielten, und noch bis 400 m war in einigen Fällen ein verstärktes Aufmerken (> 20 % mit gerecktem Hals) festzustellen. Bei Distanzen ab 300 m kann davon ausgegangen werden, dass keine Störung mehr erfolgt.

Schwächer reagierten die Tiere auf Autos, die auf den Landwegen fuhren: Die Vögel flüchteten in der Mehrzahl der Fälle nur, wenn die Distanz zum Fahrzeug unter 100 m lag; in Entfernungen bis 300 m zeigten sie lediglich verstärktes Aufmerken. Bei Distanzen ab 300 m kann davon ausgegangen werden, dass keine Störung mehr erfolgt.

Graugänse reagieren sehr unterschiedlich auf Störreize. Negative Erfahrungen (z.B. Bejagung) können eine Vergrößerung von Reaktionsdistanzen bewirken.

Andererseits gewöhnen sich die Tiere z. B. an regelmäßigen Straßenverkehr. Die sporadisch auftretenden Störreize durch Fußgänger, Autofahrer etc. in der Offenlandschaft hingegen werden von den Gänsen in einem geringeren Maße toleriert.

Es wurde eine ausgeprägte Rhythmik zwischen Schlafgewässer (20.00-5.00 Uhr), Nahrungsaufnahme (5.00-8.00 Uhr), Tagesgewässer (8.00-17.30 Uhr), Nahrungsaufnahme (17.30-20.00 Uhr) festgestellt. Die Frage nach dem möglichen Einfluss von Störungen auf diesen tageszeitlichen Ablauf ergab, dass auch Störungen ihn nicht verändern. Eine Nahrungssuche bspw. in der Nacht erfolgt nicht. Nach Beobachtungen des Autors hielten sich die Graugänse nachts ausschließlich auf Gewässern und nicht auf Äckern (Nahrungsbiotope) auf.

Störreize an den Ackerflächen können bewirken, dass die Tiere vorzeitig zu ihren Schlaf- bzw. Tagesruhe-Gewässern abfliegen. Die Zeit der abendlichen Nahrungsaufnahme verkürzt sich dann. In den wenigen festgestellten Fällen hatte dies jedoch keinen Einfluss auf den Zeitpunkt des morgendlichen Abfluges oder die Länge des Aufenthaltes auf den Nahrungsflächen am folgenden Morgen. Es ist aber möglich, dass das Defizit durch eine erhöhte Intensität der Nahrungsaufnahme ausgeglichen wird.

Wurden die Graugänse frühmorgens auf der Nahrungsfläche gestört, dann suchten sie meist ein nahegelegenes Gewässer auf; anschließend flogen sie in der Regel nochmals auf eine Ackerfläche. Die Phase der morgendlichen Nahrungsaufnahme wurde in solchen Fällen mitunter bis in die späten Vormittagsstunden ausgedehnt.

Abgesehen von den genannten, kurzfristigen Abweichungen gab es im Zeitraum der Untersuchungen keine wesentlichen störungsbedingten Veränderungen im Tagesrhythmus der Graugänse. Doch ist nicht auszuschließen, dass anthropogene Störungen, wenn sie mit größerer Häufigkeit auftreten, Veränderungen im Tagesablauf bewirken können.

Im Gebiet wurden alle potenziell geeigneten Stillgewässer auch - zumindest zeitweise - als Schlafgewässer genutzt. Der Autor interpretiert dies so, dass nachts die Gewässer störungsfrei sind.

Jedoch wurden nicht alle Gewässer auch als Tagesgewässer genutzt; dies ist darauf zurückzuführen, dass diese anders als die Schlafgewässer strukturiert und weitgehend störungsfrei sein müssen. Halten sich bspw. Boote in den Tagesgewässern mit flachen Uferzonen oder Sand- und Schlammbänken sowie ufernahem Grünland auf, verliert dieses seine Eignung als Tagesgewässer.