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Schmidt, Bertrand (1996) Wissenschaftliche Untersuchungen zur Vogel- und Libellenfauna entlang der Jagst von der Mündung in den Neckar bis Crailshaim. Teil III: Libellen


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

INHALT

Kartierung der Libellenfauna der Jagst mit dem Ziel, grundlegende Daten zu Verbreitung, Status und Populationsstärke aller Arten zu ermitteln. Weiterhin sollen die Auswirkungen aus der Freizeit- und Erholungsnutzung auf die Odonatenfauna analysiert und quantifiziert werden.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Untersuchung belegt, dass bei Verkettung unglücklicher Umstände (Ferien oder Wochenende mit Bootsverkehr, sonniges Wetter und Massenschlupf) 10 % der an der Wasserlinie schlüpfenden Tiere Flügeldeformationen erleiden und 1-2 % der an der Wasserlinie schlüpfenden Tiere wegen Bootsbetrieb getötet werden (Im Untersuchungsfall Flügeldeformation bei 10,17 %, verletzte bzw. tote Individuen: 1,73 %). Starker Bootsverkehr von täglich dutzenden Booten, wie er an einigen Fließabschnitten nachgewiesen wird, ist verantwortlich dafür, dass größere Verluste beim Schlupf der Libellen auftreten.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2721) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Tal der Jagst von Ailringen bis Crailsheim, Baden-Württemberg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Libellenkartierung des Jagsttals von Ailringen bis Crailsheim, Bearbeitung von 58 Flusskilometern Jagst und 45 Gewässern (Quellen, Teiche, Wiesengräben, Bäche) der Aue und Talhänge (die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden hier nicht referiert).

Untersuchung der Auswirkungen anthropogener Störreize und Beeinträchtigungen der Larven- und Schlupfhabitate, Gefährdung, Schutzziele. Analyse von mechanischen und optischen Beeinträchtigungen.

Speziell untersucht wurden Beeinträchtigungen und Auswirkungen von Bootsdurchfahrten auf schlüpfende Tiere während eines Massenschlupfs von O. forcipatus an einer Probestrecke von 300 m Länge flussabwärts Elpershofen am 29.6.96 um 11 h, an einem Samstag mit sonnigem Wetter. Nach Durchfahrt von 8 Booten (4 Kajaks, 4 Kanadier) in 10 min. wurde kontrolliert, wie sich Bootswellen und Rammen und Schrappen" von im Wasser liegenden Ästen und Steinen auf die schlüpfenden Zangenlibellen an der Wasserlinie auswirkt. Untersucht wurde die Fließstrecke als Nullprobe und nach Eintritt des Bootsereignisses.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Mittels einer Konfliktanalyse werden Reaktionsketten und kurz- und mittelfristig wirkende Sekundäreffekte von Libellen auf anthropogene Störreize und Störwirkungen untersucht.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Die Jagst beherbergt als einziger Fluss in Nord-Württemberg landesweit bedeutende Vorkommen der Flusslibellen Gomphus vulgatissimus (Gemeine Keiljungfer) und Onychogomphus forcipatus (Kleine Zangenlibelle). Beide Flussjungfer-Arten durchlaufen eine 3-jährige Entwicklungszeit in der Jagst und können aufgrund ihrer Lebensweise sowohl im Larvenstadium, beim Schlupf und im Imaginalstadium durch Freizeitnutzungen wie Kanuten, Badebetrieb und Ufervertritt beeinträchtigt oder physiologisch geschädigt werden.


TIERART

Kleine Zangenlibelle (Onychogomphus forcipatus)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Die Hauptschlupfzeit von Anfang Juni bis Anfang Juli fällt in die Jahreszeit mit hoher Intensität von wassergebundenen Freizeitaktivitäten am Fluss. Während des Schlupfes, der größtenteils unmittelbar an der Wasserlinie erfolgt, sind die Tiere verletzlich gegenüber Badebetrieb und Bootsverkehr. Durchfahrende Boote verursachen kleine, 3-6 cm hohe, Wellen.

 

Störreize sind:

mechanische Veränderungen im Larvenhabitat durch Fußtritt, Angeln im Flussbett mit Watstiefeln.

Treideln von Booten, mit dem Kanu auf Grund laufen (Schrappen). Bootsfahrten bei Niedrigwasser mit Grundkontakten und Entlangschürfen auf Kies- und Sandbänken.

Lagern auf Kiesbänken im Sommer.

Wellen von Booten und Badegästen überspülen die schlüpfenden Tiere (höchste Schlupfrate von 10-14 Uhr). In dieser Phase schlüpfen 79,8 % aller Tiere, hiervon schlüpfen 57 % der Tiere in der unmittelbaren Nähe der Wasserlinie.

Vertritt der Tiere beim Schlupf.

 

Störwirkungen sind:

Tod oder Verletzung von Larven bei mechanischer Beeinträchtigung aus Vertritt und Bewegung der obersten Stein- oder Sedimentschicht durch fahrende Bootskörper.

Verminderung der Koloniegröße durch Tod einzelner Individuen. Bei dreijähriger Enwicklungszeit zeigen sich Auswirkungen von geschädigten jungen Larvengenerationen erst in den folgenden Jahren.

Wasserbenetzung frischgeschlüpfter Tiere verzögert den Jungfernflug bis zu einer Stunde (SCHMIDT 1995a) bis das Abdomen und die Flügel getrocknet sind oder führt zu Flügeldeformationen. (Anmerkung des Sachbearbeiters: Weiterhin steigt das Risiko an, von einem Beutegreifer, u.a. Vogel, entdeckt und gefressen zu werden, s. u.).

 

Konsequenzen:

Werden schlüpfende Tiere an der Wasserlinie von kleinen, anthropogen verursachten, Wellen (3-6 cm Höhe) erfaßt, bewegen sich die Tiere von der Uferlinie weg und schütteln sich manchmal. Durch Lichtreflexe der sich bewegenden Flügel werden Beutegreifer (Singvögel) öfters auf die Tiere aufmerksam und fressen diese.

Die Durchfahrt von wenigen Booten und sich bewegenden Personen an Ufern mit offen liegenden Kiesbänken reicht aus, um die Tiere in der Mittagszeit für längere Zeit vom Gewässer und damit von geeigneten Paarungsplätzen zu vertreiben.

Verlängerter Schlupf erhöht die Gefahren der Prädation (Ameisen, Schnecken, Vögel).

Flügeldeformationen vermindern die Fitness der Individuen und deren Fortpflanzungserfolg stark oder vollständig.

Der "Schädigungsgrad" von Larvenpopulationen und Imaginalhabitaten ist besonders zwischen 11 Uhr und 14 Uhr am größten, wenn die Aktivität der Libelle ihr Maximum erreicht, eine hohe Schlupfaktivität festzustellen ist und Bootsfahrer und Badegäste Kiesinseln und Ufer zur Rast besiedeln und zudem auf den Fließstrecken Boote fahren. Anmerkung des Rezensenten: Hinzu kommt, dass Weibchen bevorzugt in den frühen Abendstunden zur Eiablage an die Gewässer fliegen und nach bisherigem Kenntnisstand das Gewässer zur Eiablage nur selten aufsuchen. Werden die Weibchen in dieser Phase gestört, kann es zum Ausfall einer Eiablage kommen, wodurch der individuelle Reproduktionserfolg ("lifetime reproduction success") deutlich reduziert wird.

Fällt der Schlupf/Massenschlupf der Kleinen Zangenlibelle auf ein sonniges Wochenende mit viel Bootsverkehr, sterben sehr viele schlüpfende Tiere durch Wasserbenetzung, Vertritt und Prädation durch Vögel. Bootsdurchfahrten von einem Tag können in ungüstigen Fällen 5% der Jahresschlupfpopulation so gravierend schädigen, dass diese Tiere aus dem Reproduktionszyklus ausfallen. (Details s. u.)

Manche optimale Fließstrecke an der Jagst mit sehr guten Habitaten wird nur eingeschränkt besiedelt, da eine mehrjährige Larvenentwicklung aufgrund massiver Freizeitnutzung durch Badegäste und Bootsverkehr mit hohen Verlustraten stattfindet. Insbesondere Bootsstrecken mit jährlich über 3000 Booten und vielen Niedrigwasserfahrten schädigen zahlreiche lokale Larvenkolonien.

Beeinträchtigungen während des Schlupfes (Probestrecke von 300 m Länge flussabwärts Elpershofen, am 29.6.96 um 11 h, ein Samstag mit sonnigem Wetter und Massenschlupf von O. forcipatus)

Eine Auswertung der Zählstrecken zeigt, dass die Rate der Flügeldeformationen von 1-1,5 % der Nullprobe nach Bootsdurchfahrt auf 8,5-15,5 % ansteigt. Besonders hoch sind die Verlustraten der Tiere, die an solitären Ästen oder Steinen im Fluss schlüpfen. Der Einfluss der Kanuten als Verursacher von Flügeldeformationen und Todesfällen ist signifikant nachweisbar.

Nach Durchfahrt von 8 Kanuten stieg die Anzahl der Flügeldeformationen von
6/0,95%, n= 630 schlüpfende Individuen) (natürliche Beeinträchtigung) an der Wasserlinie auf 56/8,48 % (n=660) an. Der Anstieg der verletzten bzw. toten Tiere stieg von 1 (=16 %) auf ca. 5 (=76 %) an. Der Anteil der Schlupfpopulation lag bei bei ca. 44 %.

Im Falle des Schlupfes auf Steinen oder Ästen im Fluss stiegen Flügeldeformationen von 3/1,54 % (n=195) auf 32/15,61 % (n=205) an. Der Anteil der verletzten oder toten Individen erhöhte sich von 0 auf ca. 10 (2,05 %). Der Anteil der Schlupfpopulation lag bei ca. 13,7 %.

Bei Tieren, die an Substraten schlüpfen, die höher als 5 cm über den Wasserspiegel ragten, wurden keine Beeinträchtigungen festgestellt. Der Anteil der Schlupfpopulation lag bei bei ca. 42 %.