Bundesamt für Naturschutz

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Schmidt, Bertrand (1997) Untersuchung und Beurteilung von Besucherlenkungsmaßnahmen (v. a. Kanubetrieb) an der mittleren Jagst aus naturschutzfachlicher Sicht am Beispiel von wassergebundenen Vogelarten


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Erholung am Gewässer, Kanu, Kajak, Zelten

 

INHALT

In Baden-Württemberg zählt die mittlere Jagst, aufgrund ihrer überwiegend naturnahen Flussmorphologie, Fließdynamik, Ufer- und Wasservegetation sowie Fauna und Flora, zu den ökologisch wertvollsten Flussabschnitten 1. Ordnung. Aufgrund des landschaftlichen Reizes des Talraums und der Schönheit der Flussaue besitzt die Jagst ebenso eine hohe Attraktivität für die Erholungs- und Freizeitnutzung, insbesondere für den Kanu- und Kajakbetrieb. Am Mittellauf der Jagst fahren im Jahr mehr als 3000 Boote, am Unterlauf mehr als 5000 Boote. Nachweislich kam es zu Beeinträchtigungen wertbestimmender Tierarten. Deshalb wurde 1997 durch Rechtsverordnungen der Landkreise Heilbronn, Hohenlohekreis und Schwäbisch-Hall der Gemeingebrauch der Jagst neu geregelt. Kernziel der Regelung sind die Beruhigung und der Schutz der naturschutzfachlich hochwertigsten Fließstrecken, wobei 50% der Fließstrecken für die Freizeitnutzung und Bootsbefahrungen weiterhin nutzbar bleiben. Für die Fließstrecken der Jagst zwischen Crailsheim und der Mündung bei Bad Wimpfen (133 km Länge) kommen zwei verschiedene Modelle der Besucherlenkung zur Anwendung:

1. Zeitliche Teilsperrung von Flussabschnitten für Bootsbetrieb und Beschränkung anderer Nutzungen. (Landkreis Schwäbisch Hall und Heilbronn, Hohenlohekreis unterstromig von Unterregenbach bis Dörzbach).

2. "Kooperationsmodell" mit Beschränkungen des Bootsbetriebes und anderer Nutzungen (Hohenlohekreis von Dörzbach bis Berlichingen) (vgl. Bemerkungen).

Ziel der Untersuchung ist es, die Wirksamkeit des Kooperationsmodells, im Hinblick auf den in der Rechtsverordnung definierten Schutzzweck, zu überprüfen. Folgender Fragenkatalog wurde bearbeitet:

1. In welchem Umfang wird die Verordnung im Hohenlohekreis von den verschiedenen Nutzergruppen beachtet und respektiert?

2. Funktioniert das sogenannte "Kooperationsmodell" als Besucherlenkungsmaßnahme? Welche Intensitäten der Freizeit- und Erholungsnutzung an der Jagst treten 1997 während des Frühjahrs und des Sommers auf? Vergleich mit 1995 und 1996.

3. Welche positive Wirksamkeit entfaltet die Verordnung als Instrument der Besucherlenkung im Hinblick auf die schützenswerte Fauna und Flora?

4. Wie wirkt sich eine etwaige Minderung von Störreizen aus der Freizeitnutzung auf wertbestimmende wassergebundene Vogelarten aus?

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Für die wertgebenden, wassergebundenen Vogelarten - insbesondere Wasseramsel, Flussuferläufer und Eisvogel - entfaltet die Verordnung auch bei Kontrolle und Einhaltung nicht die gewünschte Wirksamkeit hinsichtlich des eigentlichen Schutzzwecks nach §2, da aufgrund der relativ geringen Flussbreite von 10-15 (20) m die Fluchtdistanz dieser Tierarten immer unterschritten wird und es zwangsläufig zu Störungen im Nestbereich oder während der Nahrungsaufnahme kommt.

Aufgrund der Beobachtungen und Zählungen 1997 ist mit einer Reduktion des Kanubetriebs auf dem untersuchten Jagstabschnitt von etwa 10-20%, im Vergleich zum Vorjahr, auszugehen. Badebetrieb, Grillen und Lagern erreichten die selben Intensitäten wie im Vorjahr, einer etwas verringerten Angelaktivität steht eine höhere Nutzung der Uferzone durch Zelten gegenüber. Die Badeplatzverordnung wurde in zahlreichen Fällen wissentlich mißachtet. Die mit der Verordnung beabsichtigten positiven Effekte zur Beruhigung und Schonung der Uferzone wurden unter Berücksichtigung aller Nutzungen nicht erreicht.

In dem für wassergebundene Brutvögel sehr sensiblen Zeitraum von Mitte Mai bis Anfang Juni, konnte durch mehrtägige Beobachtungsreihen eine massive Beeinträchtigung durch Störreize aus der Freizeitnutzung, insbesondere Kanuberieb und Zelten belegt werden. Spitzenwerte von über 80 Kanus pro Tag wurden ermittelt. Zahlreiche Bootsgruppen zelteten unerlaubt in der Uferzone, darunter auch mehrfach in Naturschutzgebieten.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2720) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Fließstrecke der Jagst von Krautheim bis Kloster Schöntal mit einer Länge von 15,5 km, Hohenlohekreis, Baden-Württemberg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Die Untersuchung von 10 wasser- und röhrichtgebundenen Vogelarten (Eisvogel, Flussuferläufer, Gebirgsstelze, Nachtigall, Rohrammer, Stockente, Teichhuhn, Teichrohrsänger, Wasseramsel, Weidenmeise) erfolgte von April bis Ende August 1997 mit verschiedenen Erfassungs- und Brutüberwachungsmethoden. Qualitative und quantitative Detailuntersuchungen zu Störreizen, Reaktionen und Konsequenzen (Störwirkung) wurden durchgeführt. Ebenfalls erfolgte eine Erfassung und Analyse der Freizeitaktivitäten hinsichtlich ihrer zeitlichen und räumlichen Intensität (demographisch-soziologischer Aspekt). Zum Verhalten der Kanuten wurde vor Ort eine Videodokumentation erstellt.

Weiterhin erfolgten Probeuntersuchungen des Makrozoobenthos (Larven von Eintags-, Köcherfliegen und Libellen) zur Beurteilung der Wirkungen von Kanuten bei Niedrigwasserfahrten. Unterschieden wurde zwischen durch grobe und feine Substrate beeinflussten Gewässerabschnitten, die jeweils spezifische Arten aufwiesen. Hierzu wurden je 5 Substratproben in Wassertiefen von 8-15 cm entnommen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Vergleich der Brutbestände von Vogelarten im Jahr 1996 (vor Erlass des Kooperationsmodells) und im Jahr 1997 (bei Anwendung des Kooperationsmodells). Dokumentation des Verhaltens der Kanuten und der Wirkungen auf Vogelarten.


EINWIRKUNGSDAUER EINWIRKUNGSGRAD
Vorbeifahren von Booten an Brutwänden (Bruthabitat) mit anwesenden grabenden oder brütenden Eisvögeln, Stromstrich 1-3 m von Uferabbruch entfernt > 500
Schleifen der Boote über Kiesbänke in der Nähe der Brutwand und Lagern am Fluss > 200
Angelstandplätze auf der Steilwand mit Brut 1
Angelstandplätze am gegenüberliegenden Ufer oder in 10-30 m Abstand 5
Mit Wathosen angeln, vor oder in der Nähe der Steilwand 1
Einschlagen von Weidenknüppeln in die Krone des Uferabbruchs in der Nähe von begonnenen Eisvogel-Grabarbeiten der Höhlen, (Raubsäugern wird der Zugang erleichtert) 1
Aufscheuchen der Eisvögel von überhängenden Ästen am Ufer während der täglichen Fischjagd im Nahrungshabitat durch fahrende Kanus 24
Grillen, Lagern und Zelten gegenüber der Steilwand 1
Baden vor der Niströhre in einer Bucht 2
Veränderung der Uferstrukturen durch Tritt, Entfernen von Ästen als Sitzwarte 1
TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gebirgsstelze, Nachtigall, Rohrammer, Stockente, Teichhuhn, Wasseramsel, Weidenmeise, Eisvogel, Teichrohrsänger, Flussuferläufer Die Anzahl der Brutpaare von Gebirgsstelze, Nachtigall, Rohrammer, Stockente, Teichhuhn, Wasseramsel und Weidenmeise unterschied sich in beiden Jahren nicht (signifikant). Folglich ist weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung der Situation eingetreten; das ist u. a. auch darauf zurückzuführen, dass die Regelungen des Kooperationsmodells regelmäßig nicht eingehalten wurden.
Für den Teichrohrsänger und den Eisvogel wurde nachgewiesen, dass sich Störreize aus Kanubetrieb und Zelten in der Uferzone negativ auf den Brutbestand auswirken. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde die Erstbrut des einzigen Eisvogelbrutpaares im Untersuchungsabschnitt am Pfingstwochenende vom 17.5.-19.5. durch starken Kanubetrieb und Zelten aufgegeben und die drei Wochen alten Jungen starben."
Ebenfalls am Pfingstwochenende wurden einzelne anwesende Flussuferläufer in potenziellen Brutbereichen ständig aufgescheucht und dauerhaft vertrieben. Im Vorjahr wurden noch zwei Brutversuche im Juni registriert, die aber durch Beeinträchtigungen aus der Freizeitnutzung scheiterten.
Eisvogel (Alcedo atthis)
Festgestellte Reaktion Häufigkeit (Beobachtungen zwischen 25.4. und 24.8.1997)
Erhöhte Herzschlagfrequenz, Hormonausschüttung (empirisch nachgewiesen und generell auftretend) nicht untersucht
Eisvögel fliegen 1-3 km vor dem Boot her, bevor sie umkehren und in ihr Brutrevier zurückfliegen 16
Ausweichen auf Nebengewässer der Jagst aufgrund andauernder Störreize durch Kanuten 2
Verhinderung der Jungenfütterung durch Blockierung der Nestumgebung durch vorbeifahrende Kanus. Fischtragende Elterntiere können die Brutröhre nicht anfliegen und sitzen in der Ufervegetation. Starke Erregung und Warnrufe (Pfiffe). Nach einem Störereignis dauert es zwischen 4 bis17 min. ohne weiteren "Störreiz", bis ein erneuter Anflugversuch unternommen wird. 18
Beunruhigung oder Vertreiben von Altvögeln durch Kanus beim Baden und Säubern des Gefieders nach Jungenfütterung 3
Nach Bootsdurchfahrt und Flucht auf einen Ast konnte beobachtet werden, dass die Tiere 10-15 min. so erregt waren, dass sie keine Fischjagd betrieben 3
Ausweichen der über dem Gewässer fliegenden Eisvögel bei entgegenkommenden Kanus in die Uferzone, überfliegen von Wiesen und Wegen (Gefahr des Unfalltods) 3
Gewöhnungseffekte an Badegäste, Angelstellen, Kanus beim Brutplatz 1997 (an anderer Stelle bei Hohebach einmal bei Zweitbrut im Jahr 1996 belegt) 0
Makrozoobenthos: Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Libellen (Kleine Zangenlibelle - Onychogomphus forcipatus; Gemeine Keiljungfer - Gomphus vulgatissimus) Die im Sommer durchgeführten Niedrigwasserfahrten mit häufigen Grundberührungen und das Schleifen der Boote über Flachstellen wirken sich örtlich signifikant negativ auf die Besiedlung von wirbellosen Tieren der Stromsohle aus, wie durch Probeuntersuchungen des Makrozoobenthos (Larven von Eintags-, Köcherfliegen und Libellen) belegt werden kann. Eine Auswertung zeigt, dass ca. 44% (6,8 km) der 15,5 km langen untersuchten Fließstrecke durch Grundberührungen in den Monaten Mai bis August mit dem Bootsrumpf und durch Paddelschläge (Doppel- oder Stechpaddel) mit Aufwirbeln von Bodensubstrat beeinträchtigt ist.

In anschließender Tabelle werden die Individuenzahlen an jeweils 5 von Kanus beeinflussten bzw. unbeeinflussten Fließgewässerabschnitten dokumentiert. Die Unterschiede sind statistisch signifikant mit p<0,05.

Substrat/Tiergruppe Probestellen mit Einfluss von Kanus Probestellen ohne Einfluss von Kanus
Steine/Grob-/Mittelkies durchschnittliche Individuenzahl durchschnittliche Individuenzahl
Köcherfliegen
Eintagsfliegen
Libellen
4,4 ± 3,8
14,6 ± 4,5
0
19,4 ± 9,5
44,2 ± 17,5
0,4 ± 0,5
Feinkies/Sand
Köcherfliegen
Eintagsfliegen
Libellen
11,6 ± 7,2
7,8 ± 5,0
0
29,4 ± 9,8
29,8 ± 9,4
2,6 ± 1,8

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Die von der Freizeit- und Erholungsnutzung, insbesondere durch Kanubetrieb, ausgehenden Störungen sind insbesondere für Eisvogel und Flussuferläufer erheblich, da sie einen nachhaltigen und negativen Einfluss auf den Bruterfolg haben. Die Lebensgemeinschaft der Stromsohle (Makrozoobenthos) wird an flach fließenden Streckenabschnitten örtlich stark beeinträchtigt. Aus naturschutzfachlicher Sicht wären folgende zentrale Maßnahmen nötig, um den Schutz der Lebensstätten und der dort lebenden wertbestimmenden Tierarten zu gewährleisten:

  • Zeitlich befristete Sperrung der Jagst von Gommerdorf Brücke bis Kloster Schöntal vom 15.2.-15.9.
  • Einschränkung der Niedrigwasserfahrten mit häufigen Grundkontakten. Befahrung der Jagst im gesamten Hohenlohekreis nur bei Wassermengen, die mindestens dem halben Mittelwasserabfluss des Pegels Dörzbach entsprechen. (½ MQ ca. 5,2 m³/s, ca. 50 cm Pegel).
  • Beschrankung von einigen Feldwegen, die häufig als Zufahrtswege in die Schutzgebiete oder Flussufer genutzt werden und als "Einfallstore" überwiegend motorisierter Freizeitnutzer dienen (Gommersdorf und Marlach).
  • Teilweise Verlegung von Badestellen im Außenbereich an ökologisch hochwertige Bereiche (Bsp. Bieringen-Westernhausen).
  • Kontrolle der Verordnung und Öffentlichkeitsarbeit vor Ort.
  • Entwicklung von Konzepten, die die Akzeptanz der Regelungen erhöhen.

BEMERKUNGEN

(1) Zeitliche Teilsperrung von Flussabschnitten für Bootsbetrieb und Beschränkung anderer Nutzungen.

Durch das Verbot der Ausübung verschiedener Freizeitnutzungen kann davon ausgegangen werden, dass Störungen in den Sperrabschnitten vermindert sind und der Bruterfolg von wertgebenden wassergebundenen Vogelarten während der Sperrzeit gesichert ist. Jedoch mindern Befreiungen auf den Sperrabschnitten die Effektivität der Regelung. Neben dem Bootfahren wurden auch weitere Regelungen zu den anderen Freizeitnutzungsarten im Uferbereich getroffen, diese gelten im Landkreis Heilbronn und im Hohenlohekreis.

 

(2) "Kooperationsmodell" mit Beschränkungen des Bootsbetriebs und anderer Nutzungen.

Das Kooperationsmodell sieht allgemeine Beschränkungen für den Bootsbetrieb vor, die sich auf das Verhalten während der Bootsfahrten beziehen (Benutzung bestimmter Ein- und Ausstiegsstellen, Fahren in der Flussmitte und Einhalten ausreichender Abstände zu Steilufern, Schwimmblattzonen, Uferröhrichten und Flussinseln, Verbot von alkoholisierten und lauten Bootsfahrten). Freizeitnutzungen wie Lagern, Zelten und Grillen sind im Außenbereich an der Uferzone und auf Kiesbänken untersagt. Bestimmte Badeplätze werden im Außenbereich zugelassen; Badenutzung und Betreten des Uferbereichs werden im Detail geregelt.