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Simmen, Jeannette (1996) Gemsen in der Moorlandschaft Schwägalp - Der Einfluss verschiedener Nutzungsaktivitäten des Menschen auf Vorkommen und Verhalten der Gemsen (Rupicapra R. Rupicapra) und anderer Huftiere


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Jagd, Mountainbiking, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

In Abhängigkeit von der Jahreszeit, dem Untersuchungsgebiet und dem Einfluss von Störreizen werden Vorkommen, Habitatnutzung, saisonales Verteilungsmuster, Äsverhalten und Standortwahl der Gemsen untersucht.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Das Verhalten der Gemsen wird von anthropogenen Störungen wie z. B. Alpwirtschaft, Militär und Tourismus, die Untersuchungsgebiet-spezifisch wirken, beeinflusst.

Verteilungsmuster

Verteilungsschwerpunkte liegen in den steilen, felsigen Gebirgsabschnitten der Südseite und auf der Potersalp (Jagdbanngebiet). Gründe für das Fehlen im einem anderen Gebietsteil (Säntisalp) sind nach Auffassung der Autorin die Schafhaltung und militärische Schiessübungen.

Im Frühjahr steigen die Tiere mit der Schneeschmelze in die höheren Lagen und folgen somit der Vegetation und den kühleren Temperaturen im Sommer. Im Winter steigen sie in Abhängigkeit von der Schnnelage wieder talwärts. Zwischen 1200-1500 m ü NN liegen die Viehalpen mit entsprechenden Infrastrukturanlagen, die ganzjährig von den Gemsen gemieden werden.

Standortwahl

Die Lebensraumnutzung ist offenbar abhängig von der Sozialklasse, wobei Geißen und Jungtiere im Sommer einen höheren Sicherheitsanspruch als Böcke haben. Weitere wichtige Faktoren sind das Nahrungsangebot und die Geländestruktur im Zusammenhang mit potenziellen Störquellen. Von besonderer Bedeutung für die Habitatstrukturen sind Waldareale als mögliche Rückzugsgebiete und Weideflächen zur Deckung des Nahrungsbedarfs. Die Tiere müssen immer zwischen Sicherheits- und Energiebedürfnissen optimieren. Ist ein Störereigniss wahrscheinlicher in einem Gebiet, so standen die Tiere näher bei deckungbietenden Strukturen. In ungestörteren Gebieten wagten sie sich weiter in offene Weideflächen.

Äsverhalten

Potersalp: Das Äsverhalten wurde durch die Faktoren Geländestruktur, Wald/Weide-Mosaik, Gruppengröße, Nähe von Störungsquellen und Windstärke beeinflusst. Die unterschiedlichen Äsfrequenzen führt die Autorin aber hauptsächlich auf die größere Toleranz der Gemsen gegenüber menschlichen Aktivitäten zurück. Zu berücksichtigen ist ebenfalls, dass sich dieses Gebiet in einem Jagdbanngebiet befindet.

Nordseite: Der auffälligste Einflussfaktor war die Sozialklassenzugehörigkeit. Die Böcke nahmen deutlich mehr Bisse/Min. (43) als Jungtiere (35), und diese wiederum mehr als die Geißen (28). Genauso verhielt es sich mit der Länge der ununterbrochenen Biss/Schritt-Sequenzen. Geißen und Jungtiere hoben hingegen häufiger den Kopf als die Böcke.

Südseite: Am Vormittag hoben die Tiere am häufigsten den Kopf. Bei starker Bewölkung, mäßigem Regen oder Wind hoben die Gemsen seltener den Kopf als bei schönerem Wetter. Sie nahmen mehr Bisse wenn nur landwirschaftliche Strukturen in der Nähe waren als bei Wanderwegen. Sie hoben den Kopf jedoch am häufigsten da, wo keine potenziellen Störungsquellen vorhanden waren. Dieses Verhalten erklärt sich daraus, dass bei schönem Wetter die Wanderer am Vormittag die bevorzugten Höhenlagen der Gemsen erreichen und diese zu häufigererm Sichern zwingen. Bei schlechterem Wetter sind kaum Wanderer unterwegs.

Das Äsverhalten ist ebenfalls hauptsächlich durch die Sozialklassenzugehörigkeit und die Geländestruktur im Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit von Störereignissen bestimmt. Böcke reagieren weniger anfällig auf Störungen als Geißen und Jungtiere. In stark beeinflussten Gebieten könnten die niedrigen Bissraten eine Reduzierung der Nahrungsaufnahme zur Folge haben und somit auch eine schlechtere Energiebilanz, sofern dies nicht durch eine Ausdehnung der Äsphasen kompensiert werden kann.

Tagesaktivitätsmuster

Die Unterschiede zwischen Sommer und Herbst werden durch die veränderte Vegetation, Temperatur, Tageslänge, aber besonders durch die anthropogene Nutzung des Gebietes beeinflusst. Im Sommer wurden die Alpweiden durch das Vieh genutzt, der Tourismus mit Wanderern und Mountainbikern hatte Hochsaison und die Temperaturen lagen zwischen 25 und 30 °C. Im Herbst hingegen kamen nur noch wenige Wanderer in das Gebiet und die Temperaturen sanken auf 0 bis 15 °C. Im allgemeinen wurden im Herbst mehr Gemsen beobachtet als im Sommer. Am Nachmittag waren vor allem mehr Geißen und Kitzen zu beobachten, die von den Felsen auf die nun vom Vieh verlassenen Alpweiden herabstiegen. Aufgrund der häufigen Störreize im Sommer können die Gemsen nicht intensiv äsen und müssen deshalb einen größeren Teil des Tages aufwenden, um ihren Nahrungsbedarf zu decken: im (störreizintensiven) Sommer verbringen die Gemsen mehr Zeit mit Stehen und Ziehen als im (störreizextensiven) Herbst. Die menschliche Nutzung der Potersalp im Sommer hat einen deutlichen Einfluss auf die Habitatnutzung der Gemsen im Untersuchungsgebiet.

Störeinflüsse

Im Untersuchungsgebiet mussten sich die Huftiere wegen der zahlreichen Störungen durch anthropogene Aktivitäten in störfreie Teilbereiche des Waldes oder in felsige Steilhänge zurückziehen. Somit müssen sie auf eng begrenztem Raum ihre Lebensbedürfnisse befriedigen. Dies äußerte sich im Untersuchungsgebiet z. B. durch erhöhten Verbiss bei den Jungbäumen. Diese zurückgezogene Lebensweise erschwert aber auch die Jagd auf die Gemsen, wobei Populationsvergößerungen die Folge sein können. Konzentrieren sich die Tiere lokal in kleinen Waldarealen kann dies den Wildverbiss stark erhöhen, besonders in der Umgebung von Winterfütterungen. Im Untersuchungsgebiet sind diese für die Wildtiere so wichtig geworden, dass Reh und Rothirsch ihre Wintereinstände in den an sich ungünstigen Nordhang verlegten.

 

BEZUG/QUELLE

Universität Zürich-Irchel, Zoologisches Institut, Winterthurerstr. 190, CH-8057 Zürich, Schweiz

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2692) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Moorlandschaft Schwägalp, Kantone St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden am nordwestlichen Fusse des Säntismassives bzw. Alpstein, Schweiz. Das Untersuchungsgebiet liegt in Höhen zwischen 900 und 1800 m ü NN und besitzt eine Gesamtfläche von 29,4 km². Zusätzlich wurden noch angrenzende Areale die mit der Moorlandschaft zusammen eine Lebensraumeinheit für die Huftiere bilden, mituntersucht. Für die Direktbeobachtungen wählte die Bearbeiterin den meist unbewaldeten Teil nördlich und südlich der Säntiskette oberhalb von 1300 m ü NN. Dieses Teilgebiet umfasst zusätzlich 32,2 km². Es wurde nach topographischen und nutzungsbedingten Gesichtspunkten in 23 Gebietsabschnitte unterteilt mit Flächengrößen zwischen 38 und 266 ha.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

quantitative Beobachtungen der Gemsen im Untersuchungsgebiet

Raum-zeitliche Analysen zu den verschiedenen Beobachtungen in Hinsicht der Verteilung, Vorkommen, Habitatnutzung, saisonales Verteilungsmuster, Standortwahl und Äsverhalten.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Saisonales Verteilungsmuster

Um das saisonale Verteilungsmuster der Gemsen festzustellen, wurden im Gebiet der Alpsteinkette über das Jahr verteilt fünf Simultanzählungen durchgeführt. Jedes entdeckte Tier wurde nach Möglichkeit einer Sozialklasse, Bock, Geiß, Jährling oder Kitz, zugeordnet und in einer Karte eingetragen. Es wurde je einmal während der abendlichen Äsphase und zweimal nach der folgenden Morgendämmerung gezählt. Die nichteinsehbaren Waldflächen wurden aus der Beobachtungsfläche ausgeklammert, wodurch sich der effektiv bearbeitete Raum auf 30,3 km² reduzierte.

Die Dichte wurde für jeden Gebietsabschnitt und jede Simultanzählung getrennt ausgewertet, um Regelmäßigkeiten der Gemsdichten zu erkennen.

Zur Beurteilung der Habitatnutzung wurden Höhenstufen, Hangneigungen und Expositionen bestimmt.

 

Standortwahl

Zwischen dem 20. August und dem 1. September 1995 wurden Direktbeobachtungen von Gemsen durchgeführt. Bei jedem beobachtetem Tier wurden dabei 25 Variablen (Standortbedingungen, die soziale Umgebung betreffendes Verhalten, Wetterdaten, Zeitpunkt und Art der Störquelle) notiert.

 

Äsverhalten

Bei den oben genannten Direktbeobachtungen wurde auch während je einer Minute das Verhalten einer Gemse protokolliert. Das gleiche Tier wurde bis zu 5 mal hintereinander beobachtet, mindestens jedoch 2 mal. Es wurden nur die Tiere beobachtet, die zur Zeit der Aufnahme das Hauptverhalten Äsen zeigten. Falls die Verhaltenselemente Stehen, Liegen oder Ziehen mehr als die Hälfte der Beobachtungszeit einnahmen, so wurde diese Aufnahmeminute nicht mehr in die nachfolgende Auswertung miteinbezogen. Unterschieden wurde dabei nach Kopfheben/Min., Bisse/Min., Bisse/Kopfheben, Äsunterbrüche/Min., Länge ununterbrochener Biss-Schritt-Sequenzen.

Für die drei Gebietsteile, Poteralp (Jagdbanngebiet), Nordseite und Südseite wurden getrennt voneinander die verschiedenen Äsverhaltenssequenzen mit folgenden Faktoren in Beziehung gesetzt, Sicherheit/Geländestruktur, Mosaik Deckung/Nahrung, Deckungsgrad Weide, Gruppengröße, Anteil äsender Tiere, Distanz zum nächsten Nachbarn, Sozialklasse, Art der potenziellen Störquellen, Tageszeit, Schlechtwetter (Bewölkung), Wind.

 

Tageszeitliche Aktivitätsmuster und Strukturnutzung in Abhägigkeit von unterschiedlichen Einflüssen

Die Untersuchungen wurden von Juli bis Oktober 1994 durchgeführt. Die Bearbeiterin wollte damit das Tagesaktivitätsmuster und die Standortwahl der Gemsen im gleichen Zeitraum in zwei unterschiedlich beeinflussten Gebietsteilen vergleichen. Dazu verglich sie das Jagdbanngebiet der Potersalp mit starkem Wanderbetrieb und Sömmerung von Kühen und Ziegen mit der Wider- und Säntisalp mit geringerem Wanderbetrieb, aber Sömmerung von Kühen, Ziegen und Schafen. Je halbe Stunde wurde die Aktivität und der Aufenthaltsort der Tiere notiert. Bei den Verhaltensweisen unterschied die Bearbeiterin nach Äsen, ziehend Äsen, Ziehen, Stehen und Liegen. Der Aufenthaltsort wurde nach Weide (inkl. Geröll), hohe Vegetation (Wald, Hochstauden) und Fels unterteilt. Die Tiere wurden nach den Sozialklassen (s. o.) unterschieden. Bei jeder Aufnahme wurden auch die jeweiligen Witterungsbedingungen notiert.


EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beunruhigungen

 

TIERART

Gemse (Rupicapra rupicapra)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Alpwirtschaft: Die intensive Beweidung durch Schafe und Kühe bedeutet für die Gemse eine Nahrungskonkurrenz. Hüttenhunde bringen zusätzliche Unruhe in das Gebiet.

Militiär: Zwischen Schneelage und Alpzeit wird das Untersuchungsgebiet vom Militär genutzt. Es wird nur auf der Südseite geschossen, generell scheinen noch genügend Rückzugsareale für Gemsen vorhanden zu sein.

Tourismus: Im Hinblick auf den Wandertourismus zeigt sich, dass Gemsen bei ausreichend Möglichkeiten zum Aufsuchen von Deckung durchaus in der Nähe von Wanderwegen vorkommen. Sind keine größeren Felspartien oder ungestörte Waldareale vorhanden, die einen schnellen und kurzen Rückzug ermöglichen, weichen die Tiere auf andere Gebiete aus. Es zeigte sich ebenfalls, dass die Tiere zwischen den Menschen unterscheiden können. Handelt es sich um Sennen, die täglich ihr Vieh rufen und eintreiben, reagieren die Tiere nicht, da diese Menschen als ungefährlich erkannt werden. Handelt es sich jedoch um Querfeldeinwanderer, so wird stets eine Fluchtreaktion ausgelöst.

 

Standortwahl

Im Gebiet der Potersalp hielten sich die Tiere eindeutig an offenen, flachen Standorten in weiter Entfernung von Deckungsmöglichkeiten auf. Auf der Südseite hielten sich die Gemsen bevorzugt auf steilen, stark strukturierten Orten mit einem hohen Felsanteil auf. Zudem bevorzugten sie ein Mosaik aus Deckungs- und Nahrungsbiotopen in der Nähe von Wald und weit entfernt von potenziellen Störquellen. Auf der Nordseite wiesen die Standorte den deutlichsten Weideanteil auf. In Bezug auf die Geländestruktur und das Wald/Weide-Mosaik wurden vor allem Orte mit mittlerer Ausprägung bevorzugt.

Die größten Gruppen mit mehr als 15 Individuen bevorzugten die sichersten Standorte mit einer reichen Geländestruktur. Einzeltiere und kleinere Gruppen bevorzugten Gebiete mit einem höheren Anteil an Weideflächen.

Die Standortwahl ist hauptsächlich von der Sozialklassenzugehörigkeit, der Geländestruktur im Zusammenhang mit potenziellen Störquellen und vom Nahrungsangebot abhängig. Der unmittelbare anthropogene Einfluss ist jedoch weit bedeutender.

 

Äsverhalten

Die meisten Bisse/Min. nahmen die Gemsen auf der Potersalp (54 versus 36 auf der Nordseite bzw. 38 auf der Südseite). Sie zeigten auch die längsten ununterbrochenen Biss/Schritt-Sequezen (24 versus 10/11) und hoben am seltensten den Kopf (1,0 versus 2,3/1,7).

 

Tageszeitliches Aktivitätsmuster und Strukturnutzung der Gemsen auf der Potersalp unter verschiedenen Einflüssen im Sommer und Herbst

Im Sommer konnten zwei Hauptäsungphasen ausgemacht werden, wobei die morgentliche nicht sehr ausgeprägt war. Sie lagen am Morgen zwischen 5 und 9 Uhr sowie abends zwischen 18 und 20 Uhr. Um 19 Uhr war das Tagesmaximum. Zwischen 11.30 und 15.00 Uhr fand eine lange Ruhephase statt, wobei um 14.00 Uhr mit 69 % die meisten Gemsen lagen. Ziehen und Stehen beobachtete man vor allem am frühen Morgen, zu Beginn der mittäglichen Ruhephase sowie ab 16.00 Uhr bis zum Tagesende.

Im Herbst waren die Hauptäsungsphasen gleich nach der Morgendämmerung von 7 bis 8 Uhr und von 17 bis 18 Uhr. Das Tagesmaximum trat schon um 7 Uhr auf. Man beobachtete zwei Ruhephasen. Eine schwächer ausgeprägte zwischen 9.30 und 11 Uhr und eine deutlichere zwischen 13 und 16 Uhr. Im Herbst lagen um 14 Uhr 94 % aller beobachteten Gemsen.

Im gesamten Tagesablauf nahm der Anteil am Äsen im Herbst gegenüber dem Sommer ab. Im Sommer wendeten die Tiere 8,7 Stunden für die Nahrungsaufnahme auf, im Herbst hingegen nur 5,3 Stunden. Der Anteil am Stehen und Ziehen nahm ebenfalls ab, von 2,2 auf 0,4 Stunden. Die Liegezeit hingegen setzten die Gemsen im Herbst von 5,1 im Juli/August auf 6,2 im September/Oktober hinauf.

Um die Strukturnutzung der Gemsböcke im Herbst und Sommer zu vergleichen wurden bei den Beobachtungen zusätzlich die Strukturkategorien zugeordnet. Im Sommer wurden insgesamt 1376 Beobachtungen notiert. 1070 auf Weideflächen, 297 auf Fels und 9 in hoher Vegetation. Im Herbst lagen alle 1057 Beobachtungen auf Weideflächen. Dieser deutliche Unterschied wird dadurch begründet, dass sich die Tiere im Herbst um einiges tiefer unten aufhielten um dort das verbliebene gute Gras zu nutzen.