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Stock, Martin; Hofeditz, Franz (1998) Grenzen der Kompensation: Energiebudgets von Ringelgänsen unter der Wirkung von Störreizen


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Luftsport, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die Arbeit untersucht die Auswirkungen von Störreizen auf das Energiebudget von Ringelgänsen in unterschiedlich intensiv von Erholungssuchenden genutzten Flächen des Untersuchungsgebietes. Dabei steht die Frage nach den Möglichkeiten der Tiere, Beeinflussungen des Energiehaushaltes zu kompensieren, im Mittelpunkt des Interesses. Die Betrachtungen bauen auf Erkenntnissen aus vorangegangenen Untersuchungen zu Verhaltensänderungen und Verschiebungen im Zeit-Aktivitäts-Budget infolge anthropogen verursachter Störreize auf.

zu vorangegangenen Untersuchungen siehe:

Stock, Martin & Hofeditz, Frank (1994): Beeinflussen Flugbetrieb und Freizeitaktivitäten das Aktivitätsmuster von Ringelgänsen im Wattenmeer? - Artenschutzreport 94 (4): 13-19.

Stock, Martin & Hofeditz, Franz (1998): Beeinflussen Flugbetrieb und Freizeitaktivitäten das Aktivitätsmuster von Ringelgänsen? - UBA Texte 77/97 - Forschungsbericht (UBA-FB) Ökosystemforschung Wattenmeer - Teilvorhaben Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 2: 397-416. - Berlin

Stock, Martin & Hofeditz, Franz (1998): Zeit-Aktivitäts-Budgets von Ringelgänsen in unterschiedlich stark von Menschen beeinflußten Salzwiesen des Wattenmeeres. - UBA Texte 77/97 - Forschungsbericht (UBA-FB) Ökosystemforschung Wattenmeer - Teilvorhaben Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 2: 417-465. - Berlin

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INNEN

Störreizbedingte Zeitverluste für die Nahrungsaufnahme und erhöhte energetische Kosten werden durch die Gänse im stärker von Erholungssuchenden genutzten Gebiet durch Verhaltensänderungen und erhöhte Nahrungsaufnahme pro Zeiteinheit kompensiert.

Die Grenze der Kompensation ist aufgrund der physiologischen Zwänge aber erreicht. Infolgedessen könnten die Gänse bei weiterer Erhöhung der anthropogenen Beeinflussung das Gebiet verlassen.

 

BEZUG/QUELLE

Umweltbundesamt, Fa. Werbung und Vertrieb

Ahornstr. 1 - 2

10 787 Berlin

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2665) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

  • Halbinsel Eiderstedt; Schleswig-Holsteinische Marsch und Inseln; Schleswig-Holstein
  • zwei benachbarte Salzwiesen in Westerhever und vor dem Norderheverkoog, Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Untersuchungszeitraum März-Mai 1991
  • Vergleich von Verhaltensweisen und physiologischen Parametern von Ringelgänsen zweier unterschiedlich stark von Erholungssuchenden genutzten Salzwiesen:
  • indirekte Erfassung der täglichen Nahrungsaufnahme anhand
  • der täglich produzierten Kotmenge: Ermittlung von Kotabgaberate, Trockenmenge, Trockengewicht
  • der Verdaulichkeit der Nahrungspflanzen: Verdaulichkeitskoeffizienten
  • dem Energiegehalt der Nahrungspflanzen
  • -> Berechnung der Nahrungs- und Energieaufnahme
  • täglich umsetzbare Energie = Energiegehalt der Nahrungspflanzen-Energiegehalt des Kotes
  • Nahrungsaufnahmerate [g organischer Trockensubstanz/Tag]=Kotmasse [g organischer Trockensubstanz/Tag]/(1-Verdaulichkeitskoeffizient)
  • Energiegehalt der Nahrungspflanzen [kJ/Tag]=Nahrungsaufnahmerate [g organischer Trockensubstanz/Tag]* Energiegehalt der Pflanzen [kJ g organischer Trockensubstanz]
  • Energiegehalt des Kotes [kJ/Tag]=Kotmasse [g organischer Trockensubstanz/Tag]* Energiegehalt des Kotes [kJ g organischer Trockensubstanz]
  • Erfassung der Aktivitäten/Zeit-Aktivitäts-Budgets: Scan-Sampling-Methode

  • -> Berechnung des Energieverbrauchs
  • täglicher Energieaufwand=Erhaltungsumsatz*å (Kosten der Aktivitäten * Zeitanteil der Aktivitäten am Gesamttag)+Kosten der Thermoregulation
  • artspezifischer Erhaltungsumsatz: Mittelwert für Ringelgänse im Untersuchungsgebiet 388 kJ/Tag
  • Kosten der einzelnen Aktivitäten als Vielfache des Erhaltungsumsatzes: reichen von Faktor 1,1 für Rasten bis Faktor 15,0 für Fliegen
  • Kosten der Thermoregulation: abhängig von Umgebungstemperatur, Wind und Globalstrahlung
  • oder
  • Ermittlung des Energieaufwands anhand der Körpermassenentwicklung der Tiere: Auswertung von Messungen und Fängen von Ringelgänsen zwischen 1986-1992:
  • täglicher Energieaufwand = täglich umsetzbare Energie-Energieäquivalent für die tägliche Körpermasseänderung
  • Berechnung der Energiebilanz = täglich umsetzbare Energie-täglicher Energieaufwand
  • positive Bilanz -> Produktion von Körpersubstanz
  • negative Bilanz -> Abbau von Körpersubstanz zur Deckung des Energiebedarfs

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Ermittlung des Einflusses von Störreizen auf die Budgetparameter umsetzbare Energie, Energieaufwand, Energiebilanz: Bildung von Korrelationskoeffizienten mit der Reizhäufigkeit
  • Reizhäufigkeit: störreizbedingte Reaktionen der Gänse pro Stunde; dabei nur Wertung der Reaktionen, bei denen mindestens die Hälfte des weidenden Trupps aufmerkt oder abfliegt
  • Grenze der Kompensation definiert durch: die Zeit zur Nahrungsaufnahme, Nahrungsangebot, Verdauungskapazität, max. Nahrungsaufnahmerate dabei 20,1 g Trockensubstanz pro Stunde

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

  • in früheren Veröffentlichungen (siehe Feld Inhalt)
  • detaillierte Darstellung des Untersuchungsgebietes nach Lage, Größe, Vegetationsverhältnisse und anthropogener Nutzung
  • Darstellung der Ergebnisse vorangegangener störungsökologischer Untersuchungen zu
  • Zeit-Aktivitäts-Budgets
  • Verhaltensänderungen, störreizbedingte Reaktionen von Ringelgänsen


EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beunruhigung durch

Erholungssuchende

Flugverkehr

 

EINWIRKUNGSGRAD

Westerhever: intensiv genutzter Bereich, von einem Weg durchzogen

0 Tage Störreizhäufigkeit £ 0,5 Reize/Stunde

3 Tage 0,51-1,0 Reize/Stunde

13 Tage > 1,0 Reize/Stunde

Norderheverkoog: weniger von Erholungssuchenden berührt

4 Tage Störreizhäufigkeit £ 0,5 Reize/Stunde

4 Tage 0,51-1,0 Reize/Stunde

7 Tage > 1,0 Reize/Stunde

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

  • mit fortschreitender Vegetationsentwicklung werden Körperreserven angelegt: Energiebilanz in beiden Untersuchungsgebieten im März negativ, im April und Mai positiv
  • insgesamt Energiebilanz der Tiere vor dem Norderheverkoog günstiger als die der Tiere in Westerhever: im Gesamtuntersuchungszeitraum konnten den Tieren vor dem Norderheverkoog 11,7 % mehr Körperreserven anlegen als die Tiere in Westerhever
  • Energiebilanz in beiden Gebieten negativ mit der Störreizhäufigkeit korreliert
  • Aufnahme an umsetzbarer Energie
  • Westerhever: steigt mit steigender Störreizhäufigkeit (signifikant), Gänse erhöhen die Nahrungsaufnahme -> Kompensation
  • Norderheverkoog: verringert sich mit steigender Störreizhäufigkeit (nicht signifikant), Nahrungsaufnahme wird nicht erhöht -> fehlende Kompensation, da ausreichend störreizarme Tage zur Verfügung stehen, um nicht darauf angewiesen zu sein, die höheren störreizbedingten Aufwendungen durch eine Erhöhung der Nahrungsaufnahme zu kompensieren
  • Energieaufwand stieg in beiden Gebieten mit zunehmender Störreizhäufigkeit, da Gesamtflugzeit steigt
  • Energieaufwand in Westerhever höher:
  • höhere Energiekosten für die vermehrte Nahrungsaufnahme
  • vermehrtes Auffliegen als Reaktion auf Störreize, da sich Gänse in von Menschen unbeeinflußte Gebiete zurückziehen konnten
  • Norderheverkoog: Energieaufwand in allen Untersuchungsmonaten gleich, in Westerhever Absinken des Energieaufwandes im Verlauf der Untersuchung
  • Verringerung des Energieüberschusses an Tagen mit häufigen Störreizen vor dem Norderheverkoog höher als in Westerhever, da kompensatorische Nahrungsaufnahme fehlt

Kompensationsgrenze:

  • maximale Nahrungsaufnahmerate der Gänse in Westerhever fast erreicht (Maximalwert 19,6 g Trockensubstanz/Stunde), Maximalwert vor Norderheverkoog 17,5 g Trockensubstanz/Stunde
  • Gänse in Westerhever haben gezeitenabhängiges Verhalten aufgegeben, um mehr Zeit zur Nahrungsaufnahme zu nutzen; Nahrungsaufnahmezeit ist am Tag aber nur bedingt dehnbar und Ringelgänse im Untersuchungsgebiet sind tagaktiv
  • Reservestoffanlagerung und Jungvogelanteil im nachfolgenden Herbst in Westerhever geringer als bei Norderheverkoog