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Spandau, Lutz (1988) Angewandte Ökosystemforschung im Nationalpark Berchtesgaden dargestellt am Beispiel sommertouristischer Trittbelastung auf die Gebirgsvegetation


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Ziel des Forschungsprojektes ist die Entwicklung und Anwendung eines übertragbaren, methodischen Instrumentariums als Beitrag zur angewandten Ökosystemforschung im Nationalpark Berchtesgaden. Die entwickelte Methodik zur Erfassung und Beurteilung der Auswirkungen sommerlicher touristischer Aktivitäten wird ausführlich dargestellt und in einer Fallstudie für zwei Teilgebiete des Nationalparks demonstriert.

Die Modellentwicklung basiert auf Daten des digitalen Landschaftsinformationssystem des Nationalparks. Im Hinblick auf die Trittbelastung der Hochgebirgsvegetation wird zum einen die Empfindlichkeit verschiedener Landnutzungstypen gegen Tritt bewertet und zum anderen Schadensprognosen für unterschiedlich stark frequentierte Wegebereiche in Abhängigkeit von Hang- und Wegeneigung erarbeitet. Die Validierung der Modelle in den Testgebieten zeigt eine hohe Übereinstimmung der real erfaßten Gegebenheiten mit den prognostizierten Aussagen. Bei Beachtung der Übertragungsvorschriften sind Prognosen für die Gesamtfläche des Nationalparks möglich.

Abschließend werden methodische, konzeptionelle und instrumentelle Aspekte des Projektes diskutiert.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Hinsichtlich der Trittbelastung an Wegen zeigen die Ergebnisse, daß der Nationalpark den momentan zu verzeichnenden Nutzungseinfluß "verkraftet". Der Schutzzweck laut Nationalparkverordnung wird nicht gravierend eingeschränkt.

Derzeit kann auf restriktive Maßnahmen zur Einschränkung der sommertouristischen Aktivitäten verzichtet werden, nur punktuell sind Maßnahmen in bereits flächig geschädigten Bereichen erforderlich.

Ein weiterer Wegeausbau durch potentiell sehr empfindlich (Stufe 7) und empfindlich (Stufe 6) auf Tritteinfluß reagierende Landnutzungseinheiten ist jedoch zu vermeiden.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2662) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Jenner, Funtensee; Nördliche Kalkalpen, Berchtesgadener Alpen; Bayern

Testgebiete des MAB Projektes im Nationalpark Berchtesgaden

Jenner mit 3.292 ha, Höhen zwischen 600 und 1.874 m ü. NN

Funtensee 470 ha, Höhe ca. 1.800 m ü. N

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Bildung von Landnutzungseinheiten und Bewertung hinsichtlich ihrer potentiellen Veränderung durch Sommertourismus (Empfindlichkeit gegen Tritt): Luftbildauswertung

Validierung der Bewertung durch Stichprobenkartierung und -auswertung im Testgebiet Jenner

Auswahl von Flächen gleichen Belastungsgrades

Vegetationskartierung entlang von Transekten für die Landnutzungseinheiten alpine Rasen (Blaugrasrasen der Hochlagen und der tieferen Lagen) und beweidete, gepflegte Almflächen (Milchkraut-Weiden, Kammgras-Weiden)

Erfassung von Trittzonation der Vegetation und dem Anteil trittempfindlicher Arten

Feststellung der Datensicherheit nach Erhebungsart/Datenquelle und Datenqualität

Erfassung der Besucher im Sommer durch Zählung, Stichproben-Registrierung

Trittschadenskartierung entlang der Wanderwege im Testgebiet Jenner

Berücksichtigung der Faktoren Hang- und Wegeneigung, Frequentierung und Empfindlichkeit der jeweiligen Landnutzungseinheit

Entwicklung eines Modells zur Erfassung von Trittschäden

Validierung der Ergebnisse im Testgebiet Funtensee

Ermittlung der potentiellen Veränderung der Landnutzungseinheiten sowie der Trittbelastung für das gesamte Nationalparkgebiet, Anwendung der Modelle auf Basis digitaler Daten im Landschafts-Informationssystem des Nationalparks, Stichprobenüberprüfung

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Trittbelastung:

Veränderung der Struktur von Pflanzengesellschaften

mechanische Beschädigung von einzelnen Pflanzen

Belastungsgrad: definiert durch Belastungsmenge = Wegefrequentierung und Belastungsstärke = Wegeneigung

Bewertung des Risikos einer Veränderung durch Tritt für die Landnutzungseinheiten:

potentielle Veränderung durch Tritt, bewertet nach

physiognomisch-struktureller Gefährdung: Pflanzengesellschaften mit überwiegend krautigen Pflanzen wird höheres Risiko der Veränderung durch Tritt zugewiesen als Pflanzengesellschaften mit einem hohen Anteil an Holzgewächsen

Anzahl potentiell trittgefährdeter Arten: "potentiell trittgefährdete Arten" - umfasst Artenliste des Untersuchungsgebietes abzüglich der Arten der Trittgesellschaften sowie der Arten, die keinem Tritt ausgesetzt sind

aktueller Belastungsgrad: Maßstab zur Beurteilung der Empfindlichkeit ist derjenige Belastungsgrad, bei dem eine Veränderung der Landnutzungseinheit zu erwarten ist

Bildung von 7 Stufen zur Empfindlichkeit der Landnutzungseinheit gegenüber Tritt aus potentieller Gefährdung und Belastungsgrad:

höchste Empfindlichkeit - Stufe 7: Belastungsgrad sehr gering, sehr hohe potentielle physiognomisch-strukturelle Gefährdung und sehr hoher Anteil trittgefährdeter Arten, bspw. Moore

geringste Empfindlichkeit - Stufe 1: sehr hoher Belastungsgrad, sehr geringe potentielle Gefährdung, bspw. Trittrasen


EINWIRKUNGSART

Vegetationsschäden und Standortveränderung durch Tritt

 

EINWIRKUNGSGRAD

Belastungsverteilung: mit zunehmender Entfernung von attraktiven Punkten nimmt die Frequentierung der Wege ab:

Gebiete mit Konzentrationspunkten: Jennergipfel, Bahnstationen

Gebiete mit Konzentrationsachsen: Besucherdichte ist durch Entfernung vom Konzentrationspunkt bestimmt, Lagern, Picknick etc. im ebenen, zugänglichen Gelände im Umfeld der Achse

Gebiete ohne Konzentrationstendenz: Besucher breiten sich gleichmäßig aus

Testgebiet Jenner: alle drei Gebietstypen vertreten

Wegefrequentierung: im Mittel 600-800 Personen/Tag; Maximalwert für Jennergipfel 2.700 Personen/Tag, Minimalwert außerhalb der massentouristischen Bereich 60-80 Personen/Tag

Testgebiet Funtensee: Erholungsgebiet ohne Konzentrationstendenz (keine Infrastruktur, nur nach langem Fußweg zu erreichen)

im Mittel 280 Personen/Tag im Gebiet

am Hauptweg 180 Personen/Tag, weitere Wege 50-80 Personen/Tag

 

ART DER BEEITRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Anwendung der Ergebnisse auf den gesamten Nationalpark

  • Risiko potentieller Veränderungen der Landnutzungseinheiten durch Tritteinfluß: Übertragung der erstellten Bewertung auf die Flächenverteilung der Landnutzungseinheiten im Nationalpark zeigt:
  • überdurchschnittlich hohes Veränderungsrisiko und damit hohe Empfindlichkeit (Stufen 5 und 6) für einen relativ hohen Anteil (ca. 47,5 %) der Fläche, da alpine und hochalpine Einheiten weite Flächen einnehmen
  • mäßige und geringe Empfindlichkeit (Stufen 3 und 2) v. a. für Waldgesellschaften, betrifft ca. 37,1 der Nationalparkfläche
  • Ermittlung der potentiellen Trittschäden an Wegen:
  • keine Schäden an 47,6 des untersuchten Wegenetzes, relativ hoher Anteil nicht geschädigter Wege ist durch landschaftsgerechte Wegeführung (Nutzung alter Wege von Almbauern, Jäger etc.) begründet
  • flächige Schäden auf 14, 1 des Wegenetzes; sollten in ein Dauerbeobachtungskonzept einbezogen werden

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

  • Die Modelle zur Bewertung der Trittempfindlichkeit von Landnutzungseinheiten und zur Ermittlung der Trittbelastung durch touristische Aktivitäten im Sommer sind für den Nationalpark validiert und bei Beachtung der formulierten Übertragungsvorschriften übertragbar.
  • keine Aussage zur Übertragbarkeit auf Gebiete außerhalb des Nationalparks