Bundesamt für Naturschutz

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Stucki, B. (1983) Einfluss des Skitourismus auf das Verteilungsmuster der Wildtiere im Raum Grindelwald


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Pistenskilauf (Ski Alpin), Tourenskilauf, Wintersport

 

INHALT

Anhand der winterlichen Spurenverteilung wird der Einfluss des Skitourismus auf die Raumnutzung von Wildtieren im Raum Grindelwald untersucht.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Flächenmäßig sind die Wintereinstände in den Bereichen oberhalb und an der Waldgrenze von Skitourismus-Aktivitäten am stärksten betroffen. Obwohl Waldflächen durch Skifahrer nur relativ gering frequentiert werden, haben sie im Bereich der Wälder dennoch einen Einfluss auf die Spurenverteilung von mehreren Wildtierarten.

Das Abseitsfahren betrifft vor allem die Lebensräume von Gemsen, Schnee- und Birkhühnern. Wie die Pisten, haben auch die regelmäßig befahrenen Abseitsfahrerrouten einen den Lebensraum einengende Wirkung. Die Arten reagieren mit verschiedenen Fluchtdistanzen auf von Abseitsfahrern ausgehende - unberechenbare - Störreize. Fluchtdistanzen bei Rauhfusshühnern sind artverschieden. Bei Gemsen nehmen die durchschnittlichen Fluchtdistanzen mit einer grösseren Entfernungen zu den Pisten zu (fehlende Gewöhnungseffekte).

Ebenfalls unterscheidet sich der Einfluss des Skitourismus auf tag- und nachtaktive Tiere. Hasen bleiben im Gegensatz zu Füchsen wegen des kleinen Aktionsraums und einer deutlich ausgebildeten Ortstreue auch während skitouristischer Nutzungsphasen im Bereiche der Ruheplätze. In ungestörten Gebieten war jedoch die Spurendichte der Hasen grösser; dies ist ein Hinweis darauf, dass dort die Aktivitätsdichte wengier beeinflusst war als in gestörten Bereichen. Füchse hingegen scheinen sowohl pistennahe als auch pistenferne Bereiche zu nutzen. Rauhfusshühner suchen vor allem pistenferne Gebiete auf, da sowohl der Sommer-, als auch der Wintertourismus in gleichen Bereichen stattfindet. Dies liegt daran, dass die meisten Pisten, die durch den Wald führen, im Bereich von Wanderwegen und Waldstrassen verlaufen.

54 % aller Flächen, die keine Tierspuren aufwiesen und folglich gestört waren, befanden sich weniger als 50 m von Pisten entfernt. Mit zunehmender Entfernung von den Pisten nahm die Anzahl der Spuren und die Anzahl der die Spuren verursachenden Arten zu. Dies gilt auch für die Abseitsfahrerrouten.

 

BEZUG/QUELLE

Universität Zürich - Irchel, Zoologisches Institut, Abteilung Ethologie und Wildforschung

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1996) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Raum Grindelwald am Fusse der Berner Alpen, Schweiz

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Spurentaxation von Wildtieren und Abseitsfahrern

Diversitätsbestimmung (Häufigkeit und Verursacher der Spuren)

Analysen durch schrittweise multiple Regression

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Spurentaxation: Auf sogenannten Einheitsflächen innerhalb eines Kilometers Entfernung zur nächsten Piste (Pistennahbereich). In jeder Einheitsfläche bestimmte der Autor für jede Tierart die Anzahl der Spuren. Bestimmung der Distanz. Umrechnung der Anzahl der Spuren pro zurückgelegte Distanz auf eine 100 m Transektenstrecke ( Spurendichten pro Tierart und Einheitsfläche). Durchführung der Spurentaxation in den Monaten Januar und Februar 1980.

Diversität: Beitrag einer Tierart zur Gesamtdiversität für jede Testfläche unter Brücksichtigung der unterschiedlichen Spurendichten einer bestimmten Art in einer bestimmten Einheitsfläche (je höher die Spurendichte einer Art in einer bestimmten Einheitsfläche, desto größer ist der Beitrag dieser Art zur Diversität der Einheitsfläche).

Skitouristische Faktoren: Entfernungen zur nächsten Skipiste wurden für jede Einheitsfläche, unter Berücksichtigung des Reliefs bestimmt. Unterteilung der Distanzen in 7 Klassen. Wie bei der Bestimmung der Spurendichten von Wildtieren, so wurden auch diejenigen der Abseitsfahrer (auch Tourenskifahrer) bestimmt und in 5 Klassen unterteilt. Zudem wurde auch der Anteil kanalisierter (flächenmäßig auf kleinem Raum in die gleiche Richtung führend) Abseitsfahrer geschätzt. Der Skitouristische Belastungsgrad der unterschiedlichen Störfaktoren Abseitsfahrer und Skifahrer auf präparierten Pisten wurde einzeln betrachtet. Zur Abschätzung beider Belastungen kombinierte der Autor die Abseitsfahrerspuren pro Einheitsfläche mit der Skipistenentfernung. Diese wurden in 5 Klassen unterteilt (sehr grosser, grosser, mittlerer, kleiner und sehr kleiner Belastungsgrad).

Habitatfaktoren: Zu den relevanten Faktoren zählten Schneebeschaffenheit, Exposition, Hangneigung, Höhe über Meer, Rehfütterung, Lage in Bezug auf den Wald, Fels, Waldrand, Bewohnung, Entwicklungsstufen des Waldes, Holzarten und Schlussgrad. Unterteilung der Habitatfaktoren in Klassen.


EINWIRKUNGSART

Pistenfahrer: Insgesamt werden 86,5 km markierte Pisten unterhalten. Viele Pisten führen an Waldrändern entlang. Von 332 Einheitsflächen, deren Mittelpunkt höchstens 50 m von der Piste entfernt lag, grenzen 49 % an einen Wald. Vier Fünftel der Einheitsflächen, die auf Pisten lagen, wiesen weniger als 40 % Neigung auf.

Abseitsfahrer: Von 474 Einheitsflächen, die sich näher als 1000 m zu Pisten befanden wiesen 40 % keine Abseitsfahrerspuren auf. Insgesamt nehmen alle, regelmäßig von Abseitsfahrern aufgesuchten Gebiete eine grössere Fläche als alle Pisten zusammen ein. Viele Abseitsfahrerspuren befanden sich in Skipistenentfernungen von bis zu 150 m. Sie lagen in Höhen zwischen 1800 und 2200 m, im Waldgrenzenbereich und auf Freilandflächen unterhalb der Waldgrenze. Flächen ohne Abseitsfahrerspuren befanden sich vor allem in Gebieten die fernab der Skipisten lagen.

Am stärksten belastet waren die freien Gebiete oberhalb und unterhalb der Waldgrenze. Von 342 Quadraten wiesen 62 % skitouristische Belastungen auf.

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gemse Die Gemsen bevorzugten Höhen zwischen 1400 und 2000 m ü NN, Einheitsflächen mit einer Neigung grösser als 60 %, Nähe zu Felsen und Bereiche (im Wald) mit hohem Waldrandanteil. Die Tiere hielten sich meist in Entfernungen von 300 bis 500 m zu Skipisten auf und bevorzugten Gebiete, die für Abseitsfahrer ungeeignet sind. Es zeigte sich, dass Gemsen geeignete Standorte selbst dann aufsuchen, wenn sie direkt an einer Piste liegen. Mit zunehmender Entfernung der Einstände der Gemsen von den Pisten stiegen ihre Fluchtdistanzen auf Störreize. Dies ist aber abhängig vom Standort der Tiere und dem des Skifahrers und der Entfernung des Tieres zum nächsten Felsen.
Reh Die meisten Rehspuren wurden zu 95 % auf der linken Talhälfte des Untersuchungsgebietes gefunden. Dort ist das Reh mit 18,87 Spuren / km Taxationsstrecke die am häufigsten festgestellte Wildtierart. Die Tiere bevorzugten Bereiche bis 1600 m ü NN, große Wälder über 50 ha und Waldflächen mit hohem Waldrandanteil und die Nähe zu Rehfütterungsstellen. Rehe hielten sich meistens weiter als 300 m von Pisten entfernt auf. Gehäuft traten von Rehspuren in Bereichen mit einem kleinem skitouristischen Belastungsgrad auf.
Feld- und Schneehase Eine Unterscheidung der Spuren von Feld- und Schneehase war nicht möglich; deshalb werden beide Arten hier zusammengefasst. Die Hasen hielten sich häufig zwischen 1800 und 2000 m ü NN und auf Einheitsflächen im Wald mit hohem Waldrandanteil auf. Viele Spuren wurden zwischen 150 und 300 m Entfernung zu Pisten und direkt unter der Waldgrenze gefunden. Es zeigte sich, dass Hasen skitouristisch stark belastete Gebiete meiden.
Rotfuchs Rotfuchsspuren wurden in 58,8 % aller Einheitsflächen festgestellt. Die meisten Spuren wurden unterhalb von 1800 m ü NN beobachtet. Im Hinblick auf andere Faktoren konnte der Autor keine eindeutigen Korrelationen feststellen. Tendenziell hielten sich Füchse eher nahe der Skipisten auf.
Baum- und Steinmarder Die Spuren beider Marderarten wurden generell zusammengefasst, da eine Unterscheidung nur bei optimalen Bedingungen möglich war. Marder bevorzugten die oberen Waldbereiche. Der Autor entdeckte häufig Spuren in kleinen Wäldern und im Freiland mit einem hohen Waldrandanteil. Viele Spuren fanden sich in Bereichen mit einem hohen skitouristischen Belastungsgrad.
Hermelin, Mauswiesel Spuren vom Hermelin wurden in 14 und vom Mauswiesel in 9 Einheitsflächen festgestellt. Wegen der geringen Datenmenge wurde keine Korrelation zu skitouristische Belastungsfaktoren hergestellt. Zudem existieren keine Hinweise auf (negative) Auswirkungen des Skitourismus auf beide Arten.
Eichhörnchen Insgesamt wurden Eichhörnchenspuren in 67 Einheitsflächen festgestellt. Skipistenentfernungen und Abseitsfahrer scheinen keinen Einfluss auf die Verteilung der Tiere zu haben. Ebenso konnten keine negativen Einflüsse des Skitourismus erkannt werden.
Rauhfusshühner Haselhuhn: Insgesamt wurden nur viermal Spuren von Haselhühnern festgestellt. Die skitouristischen Störungen der Tiere sind eher gering, da ihre Lebensräume ungeeignet für Abseitsfahrer sind. Dennoch bevorzugt das Haselhuhn weit von der Piste entfernte Bereiche.
Auerhuhn: Spuren des Auerhuhns wurden nur in zwei Wäldern feststellt, meist in einer Entfernung zwischen 50 und 150 m von den Skipisten. Dies begründet der Autor aber durch die lokal besondere Verteilung ihrer Lebensräume. Diese befinden sich im Untersuchungsgebiet überall in der Nähe zu Skipisten; für Abseitsfahrer sind die Lebensräume des Auerhuhns keine zum Skifahren gegeignete Flächen. Dennoch zeigte sich, dass der Nutzungsgrad durch Auerhühner mit der Skipistenentfernung ansteigt.
Birkhuhn: Spuren wurden fast ausschließlich im Waldgrenzbereich zwischen 1800 und 2000 m ü NN gefunden. Aus der Spurenverteilung schließt der Autor, dass die Nähe zu Felsen und Freiland- und Waldflächen in Waldrandnähe für die Tiere wichtig sind. Gebiete mit grosser skitouristischer Belastung wurden genauso gemieden, wie Bereiche mit nur kleiner Belastung. Die Tiere mieden Gebiete, in denen Abseitsfahrer nicht kanalisiert fuhren.
Schneehuhn: Schneehühner kommen (im Winter) fast ausschließlich oberhalb der Waldgrenze vor. Die Spurenverteilung zeigte, dass die Tiere steilere Hänge bevorzugten. Die Hühner mieden Bereiche mit einem hohen Abseitsfahrerdruck. Skipisten beeinflussten ihre Spurenverteilung nicht.