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Sonnenburg, H. (1992) Störungsökologische Untersuchungen in Brutkolonien der Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons Pallas, 1964)


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Andere Freizeitaktivitäten, Landgebundener Sport, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die Diplomarbeit entstand im Rahmen der "Ökosystemforschung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer" und ist Bestandteil des Teilprojektes "Vögel im Wattenmeer: Raumnutzung und der Einfluss von Störungen" (vgl. die Arbeiten von KNOKE & STOCK 1998 ff.). Sie umfasst eine Bruthabitatanalyse der Zwergseeschwalbenpopulation (Sterna albifrons) an der Westküste Schleswig-Holsteins; des weiteren untersucht der Autor den Einfluss touristischer Aktivitäten auf den Brutverlauf und -erfolg in 3 Kolonien Südwest-Eiderstedts.

Der touristische Strandbetrieb erzeugte deutlichen Einfluss auf die Reaktionen von Zwergseeschwalben. Dies äusserte sich durch die häufigeren Ausweichreaktionen (Abfliegen) bzw. die längere Abwesenheit vom Brutplatz im Vergleich zu anderen Arten. In keinem der 3 näher untersuchten Gebiete hatte die Zwerseeschwalbe Fortpflanzungserfolg. Im Untersuchungsjahr überlagerten ungünstige Witterung und Hochwasser die übrigen Einwirkungen. Diese und der Einfluß von Freßfeinden (Prädatoren) werden als im Untersuchungsjahr entscheidende Faktoren in Bezug auf den Bruterfolg benannt. Ein kausaler Zusammenhang mit den erholungsbedingten Einwirkungen war nicht nachweisbar.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Auswirkungen menschlicher Präsenz in Brutgebieten der Zwergseeschwalbe

Ansiedlung: Durch den Vergleich von Phasen mit intensivem Strandbetrieb und Schlechtwetterphasen, hat sich gezeigt, dass die Zwergseeschwalben durch den Strandbetrieb an der Besiedlung deutlich eingeschränkt werden. Nach der Auffassung des Autors stellt sowohl die Verhinderung, als auch die Verzögerung des Brütens eine Gefährdung des Bruterfolges dar: die Brutperiode verzögert sich in die Hauptphase des Tourismus und der Druck der Fressfeinde (Prädation) erhöht sich ebenfalls (flügge Rabenkrähen, Möwen).

Brutverlauf und Bruterfolg: Direkte Zerstörung der Gelege können durch Abzäunungen der Brutbereiche verringert werden. Stresszustände infolge von Störreizen äußern sich durch häufiges Auffliegen. Dadurch kommt es zu Brutunterbrechungen mit der Folge erhöhter Prädationsgefahr, stark schwankenden thermischen Belastungen ("Thermostress") der Gelege und der zu hudernden Jungvögel und Gelegeaufgabe.

Menschliche Störreize:Die von Personen ausgelösten Reaktionen (Auffliegen) und Abwesenheit vom Nest waren stärker ausgeprägt als bei anderen Arten. Ein kausaler Zusammenhang zwischen den beobachteten anthropogenen Reizen und der Brutaufgabe bei Zwergseeschwalben konnte nicht nachgewiesen werden. Es konnte keine Korrelation zwischen räumlicher Nähe zur Störquelle und dem Bruterfolg festgestellt werden. Da auch Paare mit häufigen und langen Abwesenheitsphasen Junge erbrüteten, deutet dies nach Auffassung des Autors darauf hin, dass Zwergseeschwalben einen gewissen Toleranzbereich haben, der ihnen das Brüten in der Nähe von Menschen ermöglicht.

Einfluss von Fressfeinden (Prädatoren):In den Untersuchungsgebieten reagierte die Zwergseeschwalbe gegenüber Rabenkrähe, Silbermöwe und Sturmmöwe relativ häufig mit Abflug oder Angriff. Es hat sich gezeigt, dass die Tiere in der Lage sind, Möwenarten bzw. Situationen zu unterscheiden. So konnten die Zwergseeschwalben zwischen nahrungssuchenden und überfliegenden Tieren unterscheiden. Bei nahrungssuchenden Möwen wurden diese schon auf große Distanz von allen bzw. fast allen Mitgliedern der Kolonie attackiert.

Einfluss der Witterung:Der Einfluss der Witterung auf den Bruterfolg war erheblich. Es gab viele Hochwasserverluste am Westerhever Schafberg und am Böhler Leuchtturm, sowie Gelegeverluste am Schafberg durch hohe Niederschläge.

 

BEZUG/QUELLE

Universität Osnabrück, Fachbereich Biologie / Chemie

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1941) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Für die störungsökologischen Untersuchungen wählte der Autor 3 Gebiete aus, die sich im Westteil der Halbinsel Eiderstedt befinden und von denen zwei im Vorland von St. Peter-Böhl liegen und eines im Vorland von Westerhever. Dabei handelt es sich zum einen um ein Untersuchungsgebiet in der "Strandkorbdüne" südöstlich von St. Peter-Böhl mit einer Grösse von etwa 100*100 m. Das zweite, ebenfalls im Vorland von St. Peter-Böhl gelegene Untersuchungsgebiet "Böhler Leuchtturm" umfasst eine Fläche von 250*50 m. Dieses Gebiet befindet sich im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Das dritte Untersuchungsgebiet liegt am "Schafberg", einem künstlich geschaffenen 4 m hohen Hügel im Norden der Tümlauer Bucht. Die Tiere verteilten sich hier über eine Fläche von ca. 80*120 m. Die Untersuchung wurde von Mai bis Juli 1991 durchgeführt.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Vergleichende Beschreibung und Analyse der Koloniestandorte

Aufnahme der raum-zeitlichen Reaktionen bzw. Verhaltensänderungen der Zwergseeschwalben auf Störereignisse

Ist-Ist-Analyse (Westerhever Schafberg: weitgehend unbelastetes Referenzgebiet)

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Habitatanalysen

Bei der Habitatanalyse wurden folgende Daten aufgenommen: technisch und administrativ (Schutzstatus, Kennzeichnung/Beschilderung und Einzäunung, Bewachung/Betreuung), räumlich-geographisch (z. B. Vorland einer Insel), biotoptypisierend (z.B. "Strandwall", "Salzwiese"), kleinräumig-strukturell (Neigung, Substratanteile, Vegetationsbedeckung und -höhe), Entfernung umliegender (potentieller) Nahrungsgewässer, Präsenz weiterer Vogelarten und (potentieller) Prädatoren, Art und Umfang menschlicher Störungen

 

Störungsuntersuchungen

Störungsbiologische Protokollierung

Zeittaktprotokoll: Im Zwei- bzw. Drei-Minuten-Takt wurden alle brütenden Zwergseeschwalben auf ihre An- bzw. Abwesenheit kontrolliert. Dabei unterschied der Autor nach Vogel auf Nistmulde anwesend, Vogel nicht auf Nistmulde anwesend und unklar, ob anwesend.

Ereignisprotokoll: Um potentielle Störreize zu erfassen mussten folgende Kriterien erfüllt sein: überfliegende Vögel im 25 m-Umkreis der brütenden Zwergseeschwalbe oder trotz grösserer Entfernung eine erkennbare Reaktion auslösend ( dies gilt für alle Möwen, Graureiher, Greifvögel und Rabenkrähen); Personen im Umkreis von 50 m oder trotz grösserer Entfernung eine erkennbare Reaktion auslösend; nur bei erkennbarer Reaktion aufgenommen ( dies gilt für Entenvögel, Limikolen, Tauben, Küstenseeschwalben und Flugzeuge). Bei rastenden Personen kann es zu mehreren Störereignissen kommen.

Bei jedem Störereignis wurden folgende Faktoren notiert: Uhrzeit, Art und Anzahl des potentiellen Störreizes, Art der Reaktion: Attackieren des Eindringlings, Abflug vom Nest, deutliches Aufmerken, keine eindeutige Reaktion, unbekannt und letztlich noch Abwesenheitsdauer

Kartierung von lagernden Personengruppen: Zeitliche Protokollierung von lagernden Personengruppen mit Ankunfts- und Aufbruchszeiten und Position. Dies war jedoch nur im Gebiet der Strandkorbdüne der Fall.

 

Einfluss unterschiedlicher Arten von Störreizen

Die potentiellen Störreize wurden folgenden Rubriken zugeteilt: Personen, Möwen, sonstige (Graureiher, Ringelgans, Brandente, Mäusebussard, Rohr- und Wiesenweihe, Baum- und Turmfalke, undef. Griefvögel, Austernfischer, Kiebitz, Sand- und Seeregenpfeifer, Säbelschnäbler, Küstenseeschwalbe, Haustaube, Star, Rabenkrähe). Die Abflüge der Zwergseeschwalbe, aufgrund einer unklaren Ursache wurden ebenfalls verschiedenen Rubriken zugeordnet.

Die unmittelbare Störwirkung wurde anhand folgender Parameter ausgewertet: Frequenz potentieller Störreize, Frequenz solcher Ereignisse, die in der Kolonie zu Abflügen vom Nest führen, im Zusammenhang mit potentiellen anthropogenen Störreizen stehende Abflugfrequenz je beobachteter brütender Zwergseeschwalbe, mittlere Dauer einer derartig ausgelösten Abwesenheit vom Nest, Verhältnis Abwesenheitszeitsumme zur Protokollierungszeit.


EINWIRKUNGSDAUER

Störungen pro Stunde

 

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Störungen von Erholungssuchenden

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons) Wahl der Brutplätze (Verteilung der Zwergseeschwalbekolonien und -brutpaare an der Westküste Schleswig-Holsteins auf verschiedene Biotoptypen in %)
Kolonien (n=22) Brutpaare (n=276)
Salzwiese/Abbruchkante 19 19
Koogweide 4 3
Vordünen/Muschelschill 19 24
Sand-/Kiesstrand 23 13
Strandwall 35 41

Der grösste Teil der Koloniestandorte besitzt einen sehr geringen Bedeckungsgrad der Vegetation (weniger als 5 % Bedeckung).

Die meisten Zwergseeschwalbenkolonien (72 %) bestanden aus weniger als 10 Brutpaaren und nur 14 % mit mehr als 20 Brutpaaren. Am zahlreichsten sind Koloniegrössen von 6-10 Paaren.

 

Störungsökologische Ergebnisse:

Schlupf- und Bruterfolg, Verlustursachen

Im Untersuchungsjahr 1991 war ein Fortpflanzungserfolg in keinem der drei Untersuchungsgebiete gegeben.

 

Strandkorbdüne

40 % der Bruten führten zu einem Schlupferfolg. Insgesamt schlüpften in diesem Gebiet 7 oder 8 Junge, von denen jedoch keines älter als 9 Tage alt wurde. Die Verlustursachen blieben unklar, wobei aber der Einfluß der Prädatoren ( Möwen, Rabenkrähen, Fuchs, Mink und möglicherweise auch Turmfalken) als der stärkste vermutet wird. Überflutungen wurden aufgrund der erhöhten Lage ausgeschlossen, genauso wie anthropogene Störungen, da keine Spuren entdeckt werden konnten. Bei Gelegezerstörungen konnten Hunde und Austernfischer als Verursacher nicht ausgeschlossen werden.

 

Böhler Leuchtturm

Weniger als 10 % der Bruten kam zu einem Abschluss. Auch hier wurde kein Jungvogel flügge. In diesem Gebiet fielen insgesamt wesentlich mehr Nester unerkannten Räubern zum Opfer als dem Hochwasser. Die Verlustursachen konnten hier jedoch auch nicht eindeutig festgestellt werden. Der Autor vermutet aufgrund der fehlenden Spuren, dass heranfliegende Möwen und Rabenkrähen die meisten Gelege erbeuteten. Der Einfluss von Menschen und Hunden konnte ausgeschlossen werden, da ihre Spuren nicht nahe genug an die Nester heranreichten.

 

Westerhever Schafberg

Hier konnte der Bearbeiter nur in 7 % der Bruten einen Schlupferfolg feststellen. Keines der Jungen überlebte die erste Lebenswoche. Die Haupturssache für Gelegeverluste war in diesem Untersuchungsgebiet Hochwasser. Ebenfalls kann ein Teil des Verlustes auch auf die nach der Brutzeit einsetzenden starken Regenfälle und auf Prädatoren zurückgeführt werden. Es wurden zwar keine Personen im Koloniebreich gesehen, dennoch kann ein direktes menschliches Einwirken nicht ausgeschlossen werden, da auf eine Spurensuche verzichtet wurde.

 

Reaktionen auf Häufigkeit und Frequenz potentieller Störreize

Strandkorbdüne

Personen: Insgesamt kam es zu 3,2 menschlichen Störungen pro Stunde, von denen 2/3 ein Abfliegen bei den Zwergseeschwalben auslösten. Im Mittel war jedes Tier daraufhin 2 Minuten von ihrem Gelege entfernt, in der Hälfte der Fälle zwischen 75 Sekunden und 5 Minuten. Direkte Angriffsreaktionen konnten nicht beobachtet werden, lediglich Überfliegen der Eindringlinge mit langen Rufen. Die Frequentierung der Strandkorbdüne war sehr verschieden. Die Vögel wurden maximal ca. 5 bis 7 mal pro Stunde von Personen gestört. Meistens waren die Reaktionen mit Abflügen innerhalb der Brutkolonie verbunden. Die Abflugfrequenzen pro Zwergseeschwalbe im Zusammenhang mit Personen lag maximal bei 2 Abflügen pro Stunde.

Möwen und sonstige Störreize: Im Mittel kam es zu einem Möwenüberflug pro Stunde und jede Zwergseeschwalbe verließ seltener als 0,2 mal pro Stunde aufgrund von Störungen durch Möwen ihr Gelege. Im Mittel blieb sie 1 Minute von ihrem Gelege entfernt. Bei sonstigen Störreizen betrug die Frequenz 0,4 pro Stunde, wobei jede zweite Situation Abflugreaktionen auslöste. Die Dauer der Abwesenheit betrug hier in der Hälfte der Fälle 45 bis 100 Sekunden. Die Abwesenheitswerte liegen bei Möwen und sonstigen Störreizen weitaus niedriger als bei Personen.

Fast 3/4 der Reizsituationen gingen von Personen aus (Strandbetrieb: Rasten, Sonnenbaden, Umherlaufen, Drachen steigen lassen und Hunde frei herumlaufen lassen). Auf Möwen (meist Lachmöwen ) ist hingegen weniger als 1/4 der Störungen zurückzuführen. Insgesamt wirkt somit 4,5 mal pro Stunde ein potentieller Störreiz auf eine Kolonie ein. Jedes einzelne Tier flog infolgedessen einmal pro Stunde auf und blieb im Mittel etwa 1 bis 4 Minuten von seinem Gelege entfernt.

 

Böhler Leuchtturm

Personen: In diesem Gebiet befanden sich die Strandwanderer in grösserer Entfernung zu den Nestern als in der Strandkorbdüne. Insgesamt waren nur in 1/4 der Fälle Personen der Grund für ein Auffliegen (seltener als einmal pro Stunde).

Möwen und sonstige Störreize: Der größte Teil der Überflüge durch Möwen blieb hier ohne Abflugreaktion der Zwergseeschwalbe. Im Mittel wurden zweimal pro Stunde potentielle Störreize registriert. Die Abwesenheit dauerte in der Hälfte der Fälle 30 bis 90 Sekunden. Die sonstigen Störreize (besonders Rabenkrähe) traten im Durchschnitt 0,75 mal pro Stunde auf, bei denen nur 0,2 mal pro Stunde ein Abflug ausgelöst wurde. Die Abwesenheitsphasen lagen bei ca. 1 Minute.

Mehr als die Hälfte der potentiellen Störreize gehen auf Möwenüberflüge (meist Lachmöwen und teils auch Sturmmöwen und Silbermöwen) zurück. Insgesamt wirkten hier 4 mal pro Stunde Strörreiz auf die brütenden Zwergseeschwalben ein, die jedoch nur zu 1/4 abflugauslösend waren.

 

Westerhever Schafberg

Möwen und sonstige Störreize: Im Mittel kam es zu 1,5 Möwenüberflügen pro Stunde und die Zwergseeschwalben erschienen nach einer Störung bereits nach 20 bis 40 Sekunden (spätestens nach 50 Sekunden) wieder auf ihren Gelegen. Die sonstigen Störreize (besonders Küstenseeschwalben) traten hier 1,2 mal pro Stunde auf. Die Abwesenheitsdauer betrug in den meisten Fällen weniger als 1 Minute.

Hier traten ebenfalls Möwen (meist Lachmöwen, aber auch Sturm- und Silbermöwen) als häufigste potentielle Störreize auf. In diesem Untersuchungsgebiet kam es zu keinen anthropogenen Störungen. Insgesamt hat sich eine Frequenz von 1,25 abflugauslösenden Störreizen pro Stunde ergeben. Die mittlere Abflugfrequenz pro Zwergseeschwalbe lag bei 0,5 pro Stunde.