Bundesamt für Naturschutz

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Seewald, Fritz (1991) Mountainbiking - Natur und Umwelt


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

 

SPORTARTEN

Mountainbiking

 

INHALT

"Diese Broschüre soll die Interessenskonflikte, die mit Mountainbiking verbunden sind, aufzeigen und uns darauf aufmerksam machen, wie man diesen Sport ausüben kann, ohne negative Auswirkungen im ökologischen Gefüge hervorzurufen." (Vorwort)

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

"Zusammenfassung der Auswirkungen auf Boden, Bodenvegetation und Bodentiere:
Mögliche Schäden sind:
Flurschäden: wirtschaftliche, biologische und ästhetische Beeinträchtigung
Bodenschäden : Erosionsrinnen: Muren, Bodenabtrag, gesteigerter Oberflächenwasserabfluss, Bodenverdichtung, Schädigung des Lebensraumes
Vegetationsschäden: Störung der Pflanzendecke, Verminderung der Artenzahl, Beeinträchtigung des Lebensraumes fördert Bodenschäden (s. o.)
Zerstörung des Lebensraumes für Tiere: Absterben, Aussterben oder Auswandern der Tiere."

 

BEZUG/QUELLE

Amt der Salzburger Landesregierung, Naturschutzreferat, Michael-Pacher-Str. 36, A-5020 Salzburg, Österreich; Universität Salzburg, Institut für Sportwissenschaften, Akademiestr. 26, A-5020 Salzburg, Österreich.

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1904) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Untersuchungsgebiet

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Zusammentragen von Literaturdaten und Angaben von Informanten zu möglichen Wirkungen des Mountain-Bikings auf die Umwelt.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Kriterien

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Ausgangslage


ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Auswirkungen des Mountain-Biking auf Boden, Vegetation und Bodenfauna

Befahren befestigter Wege (Forststraßen, Privatstraßen, Versorgungsstraßen, etc. )
Unmittelbar durch das MTB verursachte Boden- und Vegetationsschäden können ausgeschlossen werden. "Es ist allerdings zu bemerken, dass - im Gegensatz zu Forstfahrzeugen - durch das schnelle Anfahren oder abrupte Abbremsen, besonders, wenn dies wiederholt und an denselben Stellen geschieht, sich Erosionsrinnen bilden können, die sich durch heftigen Niederschlag weiter vertiefen."

"Off-road"- (= Querfeldein) Fahren; darunter fallen auch die "Abschneider".
"Die hohe mechanische Belastung durch das MTB (großer Druck auf eine kleine Auflastungsfläche, verbunden mit hohen Zug- und Scherkräften) führt in jedem Falle zur Schädigung der Vegetationsdecke, wenn Wege und Straßen verlassen werden. Geht die stabilisierende Wirkung des Pflanzenkleides verloren, kommt es zur Erosionstätigkeit (Humusabtrag, Freilegung des darunter liegenden Schotter- und Felsbodens). Verletzungen der Grasnarbe entstehen vor allem durch blockierende Reifen beim Bremsen oder durch plötzliches Anfahren und Beschleunigen. Der geübte Mountain-Biker versucht zwar eine derart unökonomische Fahrweise zu vermeiden, aber aufgrund der derzeitigen Entwicklung dieser Sportart muss wohl vermehrt mit "Laien" auf diesem Gebiet gerechnet werden."

Als Faktoren, die die Wirkung des MTB beeinflussen, werden zusammengestellt: Fahrweise bein An- bzw. Abfahren und Bremsen, Reifenprofil, Reifendruck, Reifenbreite, Gewicht des Fahrrades, Gewicht des Mountainbikers, Bodenstruktur, Bodenfeuchtigkeit, Steilheit des Geländes, Art der Vegetationsdecke, lokale klimatische Bedingungen und Durchwurzelung.
Erosion in den Alpen kann zu einem signifikanten Problem werden. Deshalb wird darauf hingewiesen, dass v.a. im Frühjahr und nach starken Regenfällen sowie oberhalb der Waldgrenze das Risiko besonders hoch ist, dass Mountain-Biking zu Erosionsschäden führen kann.
"Spur- und Rinnenbildung in der Falllinie, die während rasanter "Downhill-Fahrten" entstehen kann, ist besonders erosionsgefährdet."

 

Lebensraumspezifische Wirkungen

Störungen durch MTB im Wald: "Diese liegen einmal im Bereich des Grob- und Feinwurzelsystems, womit die Wasser- und Nährstoffversorgung des Baumes und die Festigung des Bodens leiden. Auch die Störung des Keimlingswachstums und die Verschlechterung der Keim- und allgemeinen Wachstumsbildungen durch Bodenverdichtung kommen in Betracht. Im reinen Fichtenforst ist, infolge der geringen Bodenvegetation und der meist dichten Nadelauflage, eine schwächere negative Auswirkung gegeben, als in einem Mischwald mit entsprechendem Bodenwuchs. Allerdings ist hier die Beschädigungsgefahr des flach ausstreichenden Wurzelsystems der Fichte gegeben." Die Empfindlichkeit der Bodenvegetation per se sowie als Lebensraum von Tieren gegenüber MTB-spezifischen Wirkungen wird betont. Mountain-Biking im Wald sei daher zu vermeiden (S. 26).

Almwiesen sind "Teil der bäuerlichen Kulturlandschaft und werden größtenteils auch heute noch als Weideland genutzt. [...] Die ökologischen Folgen einer Reifenspur sind zwar - verglichen mit den Kuhtritten auf solchen Wiesen - eher zu vernachlässigen. Es ist aber die Tatsache zu bedenken, dass es sich eben um eine zusätzliche und vermeidbare Belastung handelt. Verbote ergeben sich hier zunächst vordergründig auf der Basis des Eigentumsrechtes und in zweiter Linie natürlich auch aus der Sicht des allgemeinen Naturschutzes."

"Skipisten sind das vermeintlich ideale Gelände für das "Downhill-Fahren". Aber gerade die ohnehin biologisch schwer in Mitleidenschaft gezogenen Pistenverhältnisse vertragen keine weiteren Belastungen. Skipisten müssen sich in der kurzen sommerlichen Vegetationsperiode von der starken Winterbelastung - soweit das überhaupt möglich ist - erholen. Die hohe Lage, verdichtete Bodenstruktur, verminderte Vegetationsdecke und starkes Gefälle machen Pisten gegenüber Begehung und Befahrung besonders anfällig. Anrisse in der Grasnarbe und die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt des Bodens, sowie auf die Pflanzen- und Kleintierwelt sind hier besonders schwer "heilbar"".

"Sonderstandorte" (u. a. Feuchtwiesen, Schneetälchen, Kleinmoore, Orchideenwiesen, Bachränder) sind oft Refugien seltener Pflanzen und Tiere und für die Vielfältigkeit der Landschaft von besonderer Bedeutung. In Feuchtbiotopen geraten vom Aussterben bedrohte und deshalb gesetzlich geschützte Pflanzen und Tiere (z.B. Schmetterlinge und ihre Nahrungspflanzen) buchstäblich unter die Räder. Viele Feuchtbiotope sind Naturschutzgebiete und daher Tabuzonen."

"In Hochlagen über 1500 m, über der Waldgrenze, kann jede Vegetationsveränderung aufgrund der kurzen Vegetationsperiode, des langsamen Pflanzenwachstums und der extremen klimatischen und ungünstigen Bodenbedingungen nur mehr sehr langsam wieder heilen. Zahlreiche Untersuchungen weisen dies nach. In Höhenlagen um 2600 m wachsen die Wurzeln der Krummsegge (Bestandteil der Grasheidestufe der Alpen) nur ca. 0,9 cm pro Jahr. Verletzungen der Grasnarbe brauchen viele Jahrzehnte zur Verheilung. Um eine beschädigte Fläche von nur einem Quadratmeter von allen Seiten von selbst wieder zuwachsen zu lassen, vergehen an die 500 Jahre! Pflanzen des Bergstrauchgürtels (z.B. Alpenrose) benötigen 35 Jahre, um voll auszuwachsen.
All dies sollten Mountainbiker bedenken, wenn sie sich in diese Region begeben.

Fortgesetzte Eingriffe in das labile alpine Gleichgewicht können verheerende Folgen haben. Winter- und Sommertourismus, Waldsterben, Bodenversauerung, Wildüberhege und andere kleinere und größere Einwirkungen führen in Summe zu Lawinen- und Murenabgängen, zu Hochwasserkatastrophen und somit zu einer immer größeren Gefährdung der Alpenbewohner und ihrer Gäste. Zur Zeit scheint das Ausmaß der ökologischen Belastung durch Mountainbiker noch relativ gering zu sein und ist bezüglich der Schädigung z.B. mit dem Skisport nicht zu vergleichen. Wir sollten aber mögliche Probleme in den Anfängen erkennen."

Auswirkungen des Mountain-Biking auf größere Tiere

"Schalenwild" (Rehe, Gemsen, Rothirsche) werden als empfindlich gegenüber unerwarteten Störungen charakterisiert. Es wird darauf hingewiesen, dass unter der Voraussetzung der Wahrung einer "gewissen Fluchtdistanz" eine Gewöhnung an Lärm (u.a. aus forstwirtschaftlichen Aktivitäten resultierend) oder Wanderer erfolgt. "Wenn Mountainbiker daher sichtbar auf Distanz am Wild vorbeifahren, bleibt es relativ ruhig. Das schnelle, geräuschlose Herannahen eines Mountainbikers (ähnlich Skifahrer, Paragleiter, Drachenflieger) führt zum sogenannten "Raubtiereffekt". Das Tier assoziert mit diesem Verhalten einen direkten Angriff auf sein Leben und antwortet mit einer Fluchtreaktion, wobei erst nach Zurücklegung großer Distanzen pausiert wird. Dabei erhöhen sich Kreislauf- und Stoffwechselwerte auf das 3-5-fache, die zur Erschöpfung und zu Stresshandlungen führen können."
Es werden weitere Angaben von Informanten zusammengetragen, die jedoch überwiegend deren forstwirtschaftlichen oder jagdlichen Interessen entstammen (u. a. angebliche Zunahme von Verbissschäden aufgrund von Verdrängung aus Äsungsgebieten, Beeinträchtigung der "Ausbildung kräftiger Trophäen").

Mögliche Auswirkungen des Mountainbikings auf die Vogelwelt

"Hier sind insbesondere die empfindlichen, von Aussterben bedrohten Rauhfußhühner (Auer-, Birk-, Schnee- und Haselhühner) gefährdet, deren Lebensraum sich im Wald (z. B. Auerhuhn, Haselhuhn) bzw. über der Waldgrenze befindet (z. B. Birkhuhn, Schneehuhn). Störungen während der Balzzeit, die sehr schwerwiegend wären, kommen durch Mountainbiker kaum vor, da die Balz in den frühsten Morgenstunden stattfindet (Auerhuhn, Birkhuhn). Werden jedoch brütende Rauhfußhühner aufgeschreckt, kühlen die Eier aus, was zum Absterben des Embryos führen kann. Auch aufgeschreckte Jungvögel, die zur Regulation ihrer Körpertemperatur noch auf die Henne angewiesen sind, flüchten und können an Unterkühlung zugrunde gehen oder das Opfer von Raubtieren (Greifvögeln, Wiesel, ....) werden. [...]"

Mountainbike-Rennen und Umwelt

In diesem Abschnitt verweist der Autor auf verschiedene Renntypen, die Problematik der Genehmigung von Rennen in Österreich (1991 reichte die Zustimmung des Grundbesitzers aus, ohne dass Umwelt- oder Forstbehörden zu konsultieren gewesen wären) sowie die kumulativen Wirkungen von Umweltbelastungen bei Rennen verglichen mit anderen Mountainbike-Aktivitäten: kumulative Wirkungen entstehen durch die gleichzeitige Anwesenheit einer im Regelfall hohen Anzahl von Rennteilnehmern und den Zuschauern.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

In einem Abschlusskapitel werden "Verhaltensregeln für Mountainbiker" aufgestellt (S. 31 ff), die vier Sachverhalte beinhalten: (1) "Zwischenmenschliches Verhalten", (2) "Sicherheitsverhalten", (3) "Verhalten gegenüber Pflanzen und Tieren" und (4) "Allgemeines umweltgerechtes Verhalten". Die Verhaltensregeln gegenüber Pflanzen und Tieren werden hier dokumentiert:

Bedenke, Du bist in der Natur nur zu Gast!

Nimm Rücksicht auf den Boden und die Pflanzenwelt; bei Beachtung der gesetzlichen Vorgaben kommt es kaum zu einem Konflikt mit dem Naturschutz 

  • Bedenke, Du bist in der Natur nur zu Gast!
  • Nimm Rücksicht auf den Boden und die Pflanzenwelt; bei Beachtung der gesetzlichen Vorgaben kommt es kaum zu einem Konflikt mit dem Naturschutz
  • meide also Naturschutzgebiete, schützenswerte Flächen (z. B. Moore), Almwiesen und Skipisten
  • fahre nie "off-road"
  • fahre nicht frei im Wald
  • meide, wenn möglich, scharfes Anfahren und abruptes Bremsen: es entstehen Fahrrillen, die zu Erosion führen können
  • Nimm Rücksicht auf die Tierwelt
  • vermeide Lärm
  • vertreibe durch freies Fahren nicht das Wild aus seinen Einständen: es verfällt in Stressverhalten
  • fahre auf Waldwegen nicht in der Dämmerung - das Wild wird bei der Äsung gestört
  • meide Wildfütterungen
  • fahre keine "Abschneider"

Weiterhin werden 10 goldene Regeln für Mountainbiker zitiert, die 1988 von der "European Mountain-Biker Organisation" verabschiedet wurden:

"1. Du bist bei der Natur nur Gast, also verhalte Dich entsprechend.

2. Nimm Rücksicht auf Flora und Fauna.

3. Hinterlasse die Natur so, wie Du sie vorgefunden hast.

4. Unterlasse unnötigen Lärm.

5. Beachte den Vorrang des Wanderers gegenüber dem Radfahrer.

6. Fahr nur auf ausreichend breiten Wegen.

7. Lasse erhöhte Vorsicht beim Bergabfahren walten.

8. Trau Dir nie mehr zu, als Du bewältigen kannst.

9. Schütze Deinen Kopf durch einen Helm.

10. Benutze nur ein technisch einwandfreies Gerät."

 

BEMERKUNGEN

Diese Zusammentragung enthält nur Literaturangaben oder Informationen Dritter, jedoch keine empirischen Daten. Spezielle störungsökologische Aspekte werden auf einem generalisierenden Niveau abgearbeitet, was für die Zielsetzung der Broschüre jedoch angemessen ist. Teilweise werden interessengebundene Informationen von Waldbesitzern oder Jägern übernommen.