Bundesamt für Naturschutz

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Schorr, Martin (1989) Auswirkungen der Angel- und Wassersportaktivitäten auf den Brutbestand ausgewählter Wasservogelarten am Laacher See


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Angeln, Rudern, Segeln, Surfen

 

INHALT

Aufgrund eines Urteils des OVG Koblenz vom 16.4.1987 musste die Bezirksregierung Koblenz das zulässige Kontingent an Seglern und Surfern ermitteln lassen, die gleichzeitig die Seefläche des Laacher Sees nutzen dürfen. Vor einem störökologischen Hintergrund mussten folgende Aspekte bearbeitet werden.

 

 

  • Ableitung störempfindlicher Indikatorarten Protokollierung und Analyse der Wirkungen von Booten auf diese Indikatoren Ermittlung von Schwellenwerten für Wasserfahrzeuge, die ohne Wirkung auf die biotischen Potenziale sind Erarbeitung von Vorschlägen zur Lösung der Konflikte zwischen Wasservogelschutz und Wassersportaktivitäten. Untersuchung der Wirkung von Angelaktivitäten auf Wasservogelarten am Laacher See.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

1. Aufgrund des vorhandenen Brutvogelbestandes war (nur) der Haubentaucher für störökologische Untersuchungen geeignet; in Einzelfällen konnten störökologische Beobachtungen auch an der Blessralle gemacht werden.
2. Die von Angelbooten ausgehenden Störungen sind dominierend. Diese Aussage gilt jedoch nur für den Brutvogelbestand am Laacher See. Deshalb wird ein generelles Angelverbot - das nicht die Berufsfischerei betrifft - innerhalb einer 200 m breiten, dem Schilfverlandungsbereich bzw. Ufer vorgelagerten Zone an Süd- und Ostufer des Laacher Sees vorgeschlagen. Ziel dieser Maßnahme ist, den zur Überwinterung, Rast und Mauser, zur Partnerfindung, Balz, Revierabgrenzung und Nestbau und den zur Brut und Aufzucht der Jungen v.a. im Uferbereich notwendige Ruheraum zu gewährleisten.
3. Segel- und Surfsport wirken als Stressfaktor auf Individuen, während Angelaktivitäten die Brutpopulation unmittelbar betreffen (u.a. Brutbeginnverzögerung) und somit Auswirkungen auf die Fitness haben. Bei Störungen durch Segeln und Surfen ist eine Unterbrechung der Nahrungsaufnahme der Regelfall. In Abhängigkeit von der Störreizintensität erfolgen energieintensive Fluchtreaktionen (Wegtauchen, Überwasserlaufen, Abfliegen).
4. Aus dem sog. Phasenmodell, in dem die von Seglern ausgehenden Verdrängungseffekte auf Haubentaucher beschrieben werden, wird abgeleitet, dass der Verlandungsbereich auch bei Störungen durch Segeln und Surfen von besonderer Bedeutung für Vögel ist. Aufbauend auf der Annahme, dass zumindest der Brutbestand der Wasservögel in der Lage ist zu lernen, dass die Uferbereiche in einer vom Vogel zu kalkulierenden Zone störungsfrei sind, wird vorgeschlagen, das gesamte Ostufer in einer Breite von 200 m für den Segel- und Surfbetrieb zu sperren (weitere Maßnahmen sind unter "Bemerkungen", s. u., dokumentiert).
5. Eine Verkürzung der Saison für Segel- und Surfbetrieb wird vorgeschlagen (Begründung siehe "Bemerkungen").
6. Paddler und Spaziergänger sind gezielt auf ihre spezifisches Störpotenzial hinzuweisen bzw. durch besucherlenkende Maßnahmen Störungen zu vermeiden.
7. Die dieser Untersuchung übergeordnete Fragestellung, ob 41 Segler und 31 Surfer für das Ökosystem des Laacher Sees vertretbar, bzw. weniger vertretbar als 30 Segler und 20 Surfer sind, konnte auf der vorliegenden ornithologischen Datenbasis nicht mit der gewünschten Eindeutigkeit beantwortet werden. Die vielfältigen und teilweise lange zurückreichenden Störeinwirkungen auf den Wasservogelbestand, die Anwesenheit der Angler unmittelbar vor dem Brutbereich und natürliche Faktoren (Arealerweiterung, ungünstige Witterung etc.) lassen sich nicht eindeutig von den tatsächlich durch Segler und Surfer hervorgerufenen populationsökologsich wirksamen Störungen trennen und gewichten. Zudem fehlt eine Status quo-Untersuchung. Vielmehr ist die Summe der negativen Einflüsse auf den Laacher See zu betrachten. Andererseits ist aber anhand der Untersuchungen deutlich geworden, dass bereits ein Segler ausreicht, den Haubentaucherbestand auf der offenen Wasserfläche einschneidend zu beeinträchtigen.
8. Dennoch wird ein Kontingent von 41/31 Segelbooten/Surfbrettern unter den angeregten Modifizierungen der geltenden Bestimmungen (Modifizierung der Nutzungszoneneinteilung und Ruhigstellung der Ufer sowie der geänderten Segel-/Surfsaison) noch für vertretbar gehalten. Diese Bewertung wird jedoch unter den Vorbehalt eines Monitorings gestellt, das prüft, ob die Maßnahmen zu einer Vergößerung des Brutbestand des Haubentauchers nahe an die Kapazitätsgrenze des Laacher Sees als Haubentaucher-Lebensraum führen.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1868) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Laacher See, Landkreis Ahrweiler, Rheinland-Pfalz

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Protokollierung des Verhaltens von Vogelarten (primär des Haubentauchers) in Abhängigkeit von Störquellen

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Fluchtreaktion und -distanz, Beeinflussung des Reproduktivität des Haubentauchers

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Anwesenheit von Haubentauchern und ihre differenzierte Reaktion bei sich Nähern von potenziellen Störquellen


TIERART

Haubentaucher

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Wegen der Störeinflüsse primär durch Angler ist das Vogelartenpotential als verarmt und die Nutzung der vorhandenen Brutplatzkapazität zu lediglich 40 % durch die Indikatorart Haubentaucher als den Zielen der Naturschutzgebietsverordnung Laacher See zuwiderlaufend zu bewerten. An der ungenügenden Ausschöpfung der Brutplatzkapazität sind jedoch alle Störgrößen am Laacher See (Angeln, Wasserfahrzeuge, Campingbetrieb und - mit Einschränkungen - Spazierengehen) beteiligt.

Der verzögerte Brutbeginn des Haubentauchers, v. a. im Bereich der Schilfbucht ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf die permanent und zu nahe an der Verlandungszone liegenden Angelkähne zurückzuführen. Die ruhiggestellte Südbucht weist einen früheren Brutbeginn bei Haubentauchern auf und ist möglicherweise Brutplatz der störempfindlichen Reiherente sowie Beobachtungsort der Zwergrohrdommel. (Die von den Anglern ausgehende Stör-Kette begründet sich folgendermaßen: Das in den Flachwasserbereichen thermisch begünstige Wasser bedingt die jahreszeitlich frühe Entwicklung des Zooplanktons, das die Basis für die Ernährung von Fischen ist. Diese bedingen die Anwesenheit von (Raub-) Fischarten, die wiederum von Anglern beangelt werden. Deshalb halten sich Angler nahe des Schilfgürtels auf und verhindern bzw. behindern die Paarfindung und den Nestbau. Im Laufe des Jahres wandert das Zooplankton in Richtung Seemitte, ihm folgen die Fische und die Angler. Der Abstand zwischen den störenden Angelbooten und dem Schilfgürtel wird immer größer, sodass die Haubentaucher nun verzögert mit der Brut beginnen können.).

Die Reaktion individuell gestörter Haubentaucher auf Angelkähne ist verschieden. Fluchtbewegungen werden im Mittel bei 22,50 m (s=9,75 m), bei ruhig liegenden und bei sich bewegenden Angelkähnen im Mittel bei 49,30 m (s=30,21 mm) ausgelöst. Dies bedeutet, dass ruhig liegende Angelkähne auf nahrungsuchende Haubentaucher einen eher geringen Einfluss haben. Sich bewegende Angelkähne veranlassen die Unterbrechung von Dispersion und Nahrungssuche auf dem See und führen damit zu einer nicht quantifizierbaren physiologischen Beeinträchtigung der Haubentaucher (Stress, verminderter Jagderfolg mit evtl. Auswirkungen auf die Jungenaufzuchtrate).

Der Einfluss des Segelns und Surfens auf den Wasservogelbestand, vornehmlich den Haubentaucherbestand, lässt sich nicht über eine lineare Beziehung beschreiben. Die von PUTZER (1983) mathematisch exakt belegte Störeffizienz des ersten Seglers bzw. Surfers, der in ökologisch sensible Bereiche eindringt, lässt sich auch am Laacher See deskriptiv belegen. Je größer die Segelerfahrung eines Seglers ist, umso eher können Störwirkungen in als vom Haubentaucher störungsfrei erfahrenen Bereichen des Sees auftreten. Ein Segler kann unter diesen Umständen ausreichen, den gesamten Haubentaucherbestand der offenen Wasserfläche sowie von weiten Teilen des Ostufers und der Südost-Bucht des Laacher Sees zu vertreiben.

Anhand einer linearen Regressionsanalyse konnte nachgewiesen werden, dass die Nutzung der offenen Wasserfläche durch Haubentaucher seglerdichteabhängig ist. Jedoch läßt sich keine exakte Beziehung aufstellen, ab dem wievielten Segler der See frei von Haubentauchern ist. Über die Regressionsanalyse läßt sich nur das Faktum belegen, dass Segler und Surfer einen Vertreibungseffekt auf Haubentaucher (und andere Vogelarten) ausüben. Dieser ist umso größer, je mehr Segler/Surfer die Seefläche befahren. Daneben ist die individuelle Disposition eines Haubentauchers entscheidend dafür, wieviel Störung er zum gegebenen Zeitpunkt ertragen kann.

Haubentaucher reagieren bei einem unmittelbaren Zusammentreffen mit einem Segelboot mit Fluchtbewegungen im Abstand von x=126 m (s=60,83 m); eine Fluchtbewegung durch Abtauchen setzt bei 101,17 m (s=31,59 m) ein. Anhand dieser Zahlen wird einerseits der unmittelbare Einfluß von Seglern auf den Haubentaucher (Nahrungserwerb, Ruhen, Mausern) deutlich und andererseits lassen sich Kriterien ableiten, die es ermöglichen, Ruhezonen am Laacher See für den Haubentaucher zu begründen.

Die Zahl der beobachtbaren Zusammenstöße zwischen Surfern und Wasservögeln war sehr gering, sodass am Laacher See keine statistisch auswertbaren Zahlen erzielt werden konnten. Die Intensität der einzelnen Störung durch Surfer (Auffliegen einer störungsunempfindlichen Art) scheint jedoch größer zu sein als bei anderen Störgrößen. Die Möglichkeit für Surfer, auch in ökologisch sensible Schilfbereiche eindringen zu können, und die Tatsache, dass dies im Beobachtungsjahr 1988 geschah, macht eine strikte Einhaltung der in der NSG-Verordnung vorgesehenen Surfzonen durch Surfer erforderlich, um Schäden am Vogelbrutbestand des Laacher Sees zu vermeiden.

Die Auswirkungen von Wassersportaktivitäten auf den Rast- und Mauserbestand im August/September wurden nicht separat beurteilt; hierzu liegt ein umfangreiches Schrifttum vor (vgl. PUTZER 1986), das eindeutig interpretierbare Untersuchungsergebnisse aufweist. Die Beobachtungen an voraussichtlich nicht zum Haubentaucher-Brutzeitbestand des Laacher Sees gehörenden Individuen mit teilweise vierfach erhöhten Fluchtdistanzen unterstreichen diese in der Literatur vorliegenden Untersuchungsergebnisse auch für den Haubentaucher-Rastvogelbestand am Laacher See.

 

BEMERKUNGEN

Zu Schlussfolgerungen 3.): Da die Seemitte von Tret- und Angelbooten kaum frequentiert wird, kann der Segelbereich über die Seemitte hinaus erweitert werden. Die bislang "Tretbootfahren" vorbehaltene Zone kann beibehalten bleiben. Da durch die vorgeschlagene Abgrenzung die bisher geltenden Orientierungspunkte am Ufer zur Abgrenzung der Segler/Surferzone nicht mehr vorhanden sind, ist dieser Bereich durch Bojen in ausreichender Anzahl eindeutig zu markieren. Besonders wichtig wird die Markierung der Grenze dieser Zone vor der Jägerspitze durch eine Boje gehalten, die als Wendemarke zwingend vorzuschreiben ist. Die vorgeschlagene Grenzziehung wird auch insofern als noch vertretbar gehalten, als die Abdrängung der Angelkähne (durch die Wassersportler) näher zum Ufer in Grenzen gehalten wird. Zudem muss hierbei berücksichtigt werden, dass Angler und Segler den See zu unterschiedlichen Tageszeiten nutzen, sodass es in der Regel wenig zeitliche Überschneidungsbereiche gibt.

Zu Schlussfolgerungen 4.): Wie PUTZER (1986) belegt, beginnt die Segelsaison am 1.4. eines Jahres zu einem Zeitpunkt, zu dem sich noch zahlreiche Rastvogelarten auf dem See aufhalten. Ein drastischer Zusammenbruch der Bestände ist die Folge. Aus diesem Grund kann einem Beginn der Segelsaison vor dem 1. Mai eines Jahres aus ornithologischer Sicht nicht zugestimmt werden. Durch die Beobachtungen ist belegt, dass der gesamte See nahrungsökologisch vom Haubentaucher und den anderen Wasservögeln beansprucht wird und zum anderen bei Störfreiheit Haubentaucher auch ihre Jungen auf die offene Seefläche führen. Die Gutachter halten es deshalb für unabdingbar, dass die Segelsaison bereits am 1.9. eines Jahres beendet wird, um eine ungestörte Ernährung der Jungtiere sicherzustellen, v. a. jedoch um in der Phase der Mauser, in der Vögel am störanfälligsten und die negativen Auswirkungen auf den Organismus am größten sind, ausreichend große und weiträumig ungestörte Bereiche am Laacher See zu garantieren. Einem Segeln und Surfen auch nach diesem Zeitpunkt (1.9) in einer ca. 300 m breiten Zone vor dem Campinggelände und in der bislang geltenden Befristung kann zugestimmt werden. Aufgrund der tagesperiodisch abhängigen Verteilung der Haubentaucher auf der Seefläche ist eine Begrenzung der Segeldauer auf den frühen Abend (18.00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit) notwendig, damit die Vögel ungestört der Nahrungsaufnahme nachgehen können. Auch in diesem Fall gilt, dass in einer ca. 300 m breiten Zone vor dem Campinggelände dem Segeln und Surfen nichts entgegensteht.