Bundesamt für Naturschutz

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Schnidrig, R.; Marbacher, H.; Zeller, R.; Ingold, P. (1991) Zum Einfluß von Wanderern und Gleitschirmen auf das Verhalten von Gemsen und Steinböcken


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Der Beitrag berichtet über einige Aspekte aus der Voruntersuchung des Projekts "Tourismus und Wild" (1990-1992) im 20 km2 großen Jagdschutzgebiet Augstmatthorn. Im Rahmen der im Sommerhalbjahr 1989 durchgeführten Voruntersuchung werden u. a. die Auswirkungen von Wanderern und Gleitschirmen auf das Verhalten von Gemsen und Steinböcken untersucht. Konkret werden folgende Fragen beantwortet:

1. Wie beeinflussen Wanderer auf Wegen das Raumnutzungsverhalten von Gemsen?

2. Wie wirkt sich das Queren von traditionellen Routen durch Wanderer auf das Verhalten der Gemsen aus, insbesondere wenn die Tiere dabei über einen Grat wechseln?

3. Wie reagieren Gemsen und Steinböcke auf einen über sie hinwegfliegenden Gleitschirm?

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

 

  • Die Gemsen nutzen die Hänge des Untersuchungsgebietes nach bestimmten Mustern, die von der Tages- und Jahreszeit, dem Wetter und offensichtlich auch vom touristischen Betrieb abhängig sind.
  • Sobald Wanderer im Gebiet erscheinen, verlassen die Gemsböcke die wanderwegsnahen Gebietsabschnitte, welche vorwiegend aus Weiden bestehen und von den Tieren bevorzugt zum Äsen aufgesucht werden. Der Rückzug in felsige, vom Nahrungsangebot her ungünstige Gebietsabschnitte wirkt sich voraussichtlich nachteilig auf die Nahrungsaufnahme aus. Die nachfolgenden Untersuchungen sollen klären, ob eine Kompensation möglich ist, indem die Tiere die Nahrungsaufnahme z. B. vermehrt auf die Dämmerungs- und Nachtstunden verlegen. Vegetationskundliche Erhebungen sind notwendig, um abschätzen zu können , wie gut das Nahrungsangebot in den verschiedenen Gebietsabschnitten ist.
  • Bereits ein einziger Wanderer kann jungeführende Gemsgeißen in einer Weise beeinflussen, dass sie bestimmte Gebietsabschnitte dauerhaft bzw. länger nicht aufsuchen können. Sollte dies regelmäßig auftreten, hätte dies vermutlich einen erheblichen Gebietsverlust für die Tiere zur Folge.
  • Die Reaktionen der Gemsen und Steinböcke auf den Gleitschirm waren von einer unerwarteten Intensität. Sollten sich diese Reaktionen bei weiteren Flügen wiederholen, so hätte das Gleitschirmfliegen einen als gravierend zu bezeichnenden Einfluß auf Tiere wie Gemsen und Steinböcke,, insbesondere da der im Flugexperiment eingehaltene Hangabstand von vielen Gleitschirmpiloten ansonsten unterschritten wird.

BEZUG/QUELLE

Verein Jordsand zum Schutze der Seevögel und der Natur e.V.
"Haus der Natur" Wulfsdorf

22926 Ahrensburg

Anschrift der Verfasser:

Universität Bern, Zoologische Institut
Abt. Sozial- und Nutztierethologie

Wohlenstraße 50 a

CH-3032 Hinterkappelen,BE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1859) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Jagdbannbezirk Augstmattbezirk, Bernische Voralpen, Schweiz

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Kartierung der Standorte der Wildtiere, deren Aktivität sowie die Standorte der Wanderer in zeitlichen Abständen mittels "scan-sampling" Methode

Vier ausgewählte Ganztagesbeobachtungen (Tagesprotokolle: Anzahl der Wanderer bzw. Gemsböcke als Säulen- bzw. Liniendiagramm), einmalige Beobachtungen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Raumstrukturen

Anzahl der Wanderer

Anzahl der Gemsböcke

Bewegungsmuster der Wildtiere

Fluchtdistanz


EINWIRKUNGSDAUER

Ganzjährig

 

EINWIRKUNGSART

Optischer Reiz im Gelände bzw. am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Unterschiedlich in Abhängigkeit von der Entfernung

Unterschiedlich in Abhängigkeit von der sozialen Gruppe der betroffenen Tierart

 

TIERART

Gemse (Rupicapra rupicapra)

Steinbock (Capra ibex)

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Zum Einfluss von Wanderern auf die Raumnutzung von Gemsböcken:

An den beiden sonnigen Tagen hielten sich bis zum Erscheinen der ersten Wanderer 60-100% der Gemsböcke in den Äsungsflächen (obere Region der Nordwestflanke) auf. Beim Auftauchen der ersten Wanderer verließen die Gemsböcke die offenen Nahrungsflächen und zogen sich in ungänglichere felsige Bereiche zurück. Erst nachdem die meisten Wanderer das Gebiet verlassen, kehren sie in die "Weiden" zurück.

 

Zum Einfluss von Wanderern, die traditionelle Routen von Gemsgeißen queren

Außer einer Gruppe, die sich bereits ca. 300m unterhalb des Grates in der Nordwestflanke befand, "flüchteten" beim Erscheinen des "Wanderers" (Versuchsperson) auf dem schmalen Pfad entlang des Grates alle zurück in die Südostflanke. An diesem Tag wechselten sie nicht mehr in den Nordwesthang.

 

Zum Einfluss von Gleitschirmen auf Gemsen und Steinböcke:

Die Gemsen (Geißen und Jungtiere) reagierten auf den Gleitschirm (Hangabstand ca. 150-200m) sofort mit schneller Flucht. Nach 5 Minuten waren sie bereits mehr als 500m von ihrem Ausgangsort entfernt. Die verschiedenen Gruppen schlossen sich zu einer größeren, lockeren Gruppe zusammen. Fast alle Tiere wechselten nach ca. 45 Minuten auf die andere Gebirgsflanke.

Die Steinböcke rannten, sobald der Gleitschirm in der Luft war, dicht zusammengedrängt panikartig davon. Nach einer halben Minute hatten sich die Tiere bereits ca. 300 m vom Ausgangsort entfernt und verschwanden alle über den Grat.

(Der Startplatz des Gleitschirmpiloten befand sich ca. 150 m neben den Steinböcken.; sie konnten die Startvorbereitungen nicht sehen.)