Bundesamt für Naturschutz

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Schmidt, B. (1998) Auswirkungen von Freizeit- und Wassersportaktivitäten an der Jagst auf das Verhalten und den Bruterfolg des Eisvogels (Alcedo atthis) als Grundlage für eine planerische Konzeption und notwendige Besucherlenkungsmaßnahmen


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Angeln, Erholung am Gewässer, Kanu, Kajak

 

INHALT

Im Flussabschnitt der Jagst von Dörzbach bis Kloster Schöntal im Hohenlohekreis wurde 1998 untersucht, wie sich Freizeit- und Wassersportaktivitäten auf das Verhalten und den Bruterfolg des Eisvogels auswirken. Im Zentrum der Studie stand die Frage, ob die Summe aller Störwirkungen und ihre Synergieeffekte auf der Ebene des Individuums und der Population kompensiert werden können, oder ob sie den Fortpflanzungserfolg und die individuelle Fitness mindern und in die Populationsdynamik eingreifen.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Anthropogene Beeinträchtigungen auf der Ebene des Individuums sind hohe Stressfaktoren für das Zeitbudget und führen zu Fluchtreaktionen und zu einer deutlichen Nutzungsminderung des Eisvogellebensraumes.

Starke Beeinträchtigungen am Brutplatz durch Badegäste, Angler und Bootsfahrer von wenigen bis mehreren Stunden täglich bedeuten nicht zwangsläufig eine Aufgabe der Brut. Andererseits konnte nachgewiesen werden, dass häufige Fluchtreaktionen der Altvögel zum Tode führten, da es zu Unfällen bei den Ausweichflügen bei Kanudurchfahrten kam. Eine Brut ging so nachgewiesenermaßen zugrunde.

Wegen der geringen Flussbreite von 10-20 m und einer durchschnittlichen Fluchtdistanz von 30-50 m führt eine Bootsdurchfahrt meist zwangsläufig zur Flucht des Eisvogels.

Bereits geringe Bootsdichten bewirken, dass die Alttiere, aufgrund von Reaktionen der Flucht und Erregung, im Zeitbudget der Jagd und der Jungenfütterung empfindlich beeinträchtigt werden. Die Fütterungsfrequenz nimmt statistisch signifikant ab oder es tritt bei kontinuierlich wirkenden Störreizen eine Fütterungslücke auf.

Insbesondere durch Kanubetrieb werden die Brutpaare sowohl am Brut- als auch Jagdplatz beeinträchtigt und es kommt zu einer Nutzungsminderung des Lebensraumes; bei sehr hoher Bootsdichte kommt es zu einer Abwanderung vom Gewässer an Altwässer und Nebengewässer.

Trotz massiver Beeinträchtigungen im Zeitbudget sind die Eisvogeleltem, selbst nach mehrstündiger Durchfahrt von Booten am Morgen und Mittag potenziell unter bestimmten Voraussetzungen, in der Lage, die verlorengegangene Fütterungszeit quantitativ auszugleichen, da die durchschnittlichen Fütterungsintervalle auf das mehr als Doppelte gesteigert werden können. Vorraussetzung dafür sind eine anschließende Störungsfreiheit der Nestumgebung und des Jagdreviers und eine ausreichend verbleibende Zeitspanne von 3 h, mit Tageslicht zur Fischjagd (von 18 Uhr bis 21 Uhr).

Generell kritisch sind warme Sommertage mit Niedrigwasserbedingungen der Jagst und langanhaltenden anthropogenen Störreizen, sodass sich die Störwirkungen potenzieren können (Summation und Synergieeffekte; biologisch-physiologische Engpässe bei der Eisvogelbrut).

Auf der Ebene der Fitness, also dem Bruterfolg und der Produktion fortpflanzungsfähiger Nachkommen für die nächste Generation, wirken sich häufige Störreize negativ aus. Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass der Bruterfolg 1998 mit der Störhäufigkeit und Intensität korreliert und dass dafür keine witterungsbedingten Widrigkeiten (Hochwasser, Gewässertrübung) oder Predatoren verantwortlich gemacht werden können.

Die zeitlichen Unterschiede im Bruterfolg (1. Brut versus 2./ 3.Brut) sind statistisch signifikant und korrelieren mit den jahreszeitlich unterschiedlichen Intensitäten der Freizeitnutzung an der Jagst. Die Konsequenz einer verminderten Jungenzahl als sehr wahrscheinliche Folge von anthropogenen Störreizen während der Brutzeit wirkt sich auch auf der Ebene der Population erheblich aus. Die Befunde und Ergebnisse lassen den Schluß zu, dass die Eisvogelpopulation an der Jagst die Kapazität des Lebensraumes nicht voll nutzen kann und Eisvogelbrutpaare mit einer verringerten Jungenzahl oder sogar Brutaufgabe auf häufige und erhebliche Beeinträchtigungen aus der Freizeitnutzung reagieren.

Die Jagsttalpopulation hat für die Metapopulation des Eisvogels im Großraum Jagst-Kocher-Tauber-Gebiet eine hohe Bedeutung. Der überwiegend naturnahe Mittellauf der Jagst ist für den Eisvogel, aufgrund der optimalen morphologischen und nahrungsökologischen Ausstattung, ein Lebensraum, der es ermöglicht, in bestimmten guten Jahren eine sehr hohe Anzahl von Eisvogeljungen zu produzieren, die wiederum nötig sind, um Ungunstjahre auszugleichen und verwaiste oder neue Brutgebiete zu besiedeln. Wird durch Beeinträchtigungen aus der Freizeit- und Wassersportnutzung der Eisvogelbestand "künstlich vermindert", hat dies auch negative Konsequenzen für andere Eisvogelteilpopulationen, die in weniger günstigen Lebensräumen im weiteren Großraum siedeln.

Die Umsetzung des sogenannten "Kooperationsmodells" (vgl. SCHMIDT 1997) erbrachte für die wassergebundenen Vogelarten nur eine geringe Verbesserung der Situation. Gründe hierfür waren die morphologischen Bedingungen an der Jagst, aufgrund derer die Reaktionsdistanzen von Wasservögeln zwangsläufig unterschritten wurden und Kanus eine Flucht auslösten (geringe Flussbreite von 10-15 m) und es zwangsläufig zu Störungen im Nestbereich oder während der Nahrungsaufnahme kam. Weiterhin wurden die, im Modell festgelegten, Verhaltensregeln und Vereinbarungen (von Teilen der gewerblichen Anbieter von Kanufahrten) bewußt unterlaufen. Dennoch schätzt der Gutachter das Kooperationsmodell unter den Rahmenbedingungen des "politisch Machbaren" als erfolgreich ein, wobei auch die flexible Kooperation von Kommunen und Angelvereinen zum Schutz von Eisvogelbruten besonders hervorgehoben wird.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1853) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Jagst, Fließstrecke von Dörzbach (Brücke) bis Kloster Schöntal (Gewann Tiergartenwald) auf einer Länge von 22 km, Baden-Württemberg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Erfasst und untersucht wurden alle anthropogen verursachten Störreize und die resultierenden Störwirkungen (Reaktionen und Konsequenzen). Weiterhin wird die Effizienz unterschiedlicher bestehender Befahrungsregelungen und Besucherlenkungsmaßnahmen beurteilt.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Kartierung der Eisvogelbrutpaare; Analyse der Fütterungsfrequenz mit und ohne Störeinfluss durch Kanuten oder andere Erholungsaktivitäten; Vergleich der Dauer natürlicher Störreize (Störreaktionsdauer) mit anthropogenen Störreizen.

Zur Beurteilung der Fitness, d. h. zur anthropogenen Beeinträchtigung des Fortpflanzungsgeschehens bzw. des Reproduktionserfolges, werden folgende Überlegungen angestellt:

I. Der Brutvogel / die Population kann aufgrund von Störreizen und Störwirkungen menschlicher Freizeitaktivitäten nur einen Teil des möglichen Habitats (Brut- und Nahrungsplatz) nutzen.
II. Der Brutvogel / die Population nutzt alle geeigneten Habitate und kompensiert Störreize und Störwirkungen menschlicher Freizeitaktivitäten im Habitat (Brut- und Nahrungsplatz).
Je nach untersuchter Art, Gebiet und Jahr sind folgende Reaktionen und Konsequenzen denkbar:

1. Die Altvögel wandern vor dem Brüten ab.

2. Die Brut wird zu Beginn verhindert.

3. Die Brut geht zugrunde (Schwellenwert der möglichen Kompensation überschritten, Summation und Synergieeffekte).

4. Die Brut gelingt, die Anzahl der Jungen verringert sich.

5. Die Brut gelingt, die Anzahl der Jungen ändert sich nicht, aber die Mortalität der Jungvögel nach dem Ausfliegen erhöht sich.

6. Die Brut gelingt, die Anzahl der Jungen und die Sterblichkeitsrate ändern sich nicht.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Der Eisvogel zeigt eine hohe Indikatorfunktion hinsichtlich der Qualität und Quantität von Störungen in Flusshabitaten. Die Vorkommen an der Jagst sind aus naturschutz-fachlicher Sicht, aufgrund der Gefährdung, Habitatqualität und Populationsgröße von landesweiter Bedeutung.


TIERART

Eisvogel (Alcedo atthis)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Störreiz-Geber: Der Kanubetrieb ist mit etwa 80-85 % Hauptverursacher von anthropogenen Störreizen an der Jagst, gefolgt von Angeln und Baden (Details vgl. Schmidt, 1997). Die jährliche Anzahl fahrender Kanus geht zu etwa 75% auf gewerbliche Kanuvermietung zurück.

Störreaktionsdauer: Vögel, die sich an oder nahe der Brutröhre aufhielten (Drosseln, Meisen, Specht, Sperber) (n=4): durchschnittlich 3 Minuten (2-5 Min.). Anthrogogene Störreize (Menschen am Ufer, Stimmen, Auto, Angler) (n=4): durchschnittlich 22,7 Minuten (5-47 Min.).

Reduzierung der Reproduktionsrate: Trotz des optimalen Brutjahres (Witterung, Nistplätze, Wasserstand, Fischreichtum) mit 7 Brutpaaren, mit durchschnittlich 2,14 Bruten pro Brutpaar, wurden pro 18 begonnenen und 15 erfolgreich durchgeführten Bruten nur 72-78 Junge flügge, was einer durchschnittlichen Reproduktionsrate von 4,0-4,3 Jungen pro Brutpaar und begonnener Brut oder 4,8-5,2 Jungen pro Brutpaar und erfolgreicher Brut entspricht. Dies ist im Vergleich zu anderen Untersuchungen in Europa ein sehr geringer Wert.

 

Fluchtdistanzen und Fluchtreaktionen in Abhängigkeit von der Jahreszeit und der Art und Intensität der Störreize

Vor der Brutsaison liegt die Fluchtdistanz bei ca. 30-50 m Entfernung zur Störreizquelle. Auf fahrende Kanus mit paddelnden Bootsinsassen reagiert der Eisvogel auf Entfernungen von bis zu über 100 m, wenn diese zu hören und auch optisch bei geradem Fließverlauf des Gewässers zu erkennen sind. Nach kurzem Sichern erfolgt die Flucht mit Pfiffen, meist stromabwärts entlang der Ufergalerie. Ruhige Bootsdurchfahrten des Gutachters ohne lautes Paddeln ("treibender Baumstamm") entlang von naturnah strukturierten und buchtenreichen Fließstrecken der Jagst führten z. T. zu einer geringeren Fluchtdistanz von 15-20 m. (In solchen Fällen ist im Regelfall die individuelle Reaktionsdistanz deutlich unterschritten. Wird der Eisvogel auf die Störquelle aufmerksam "erfolgt seine Fluchtreaktion sehr heftig und ungestüm mit lauten Pfiffen ohne vorheriges Sichern und Übersicht der Wasserfläche.").

Beobachtungen und Versuche des Autors zeigen, dass Eisvögel immer wieder direkt durch das Boot aufgescheucht werden und mehrere hundert Meter vor dem Boot herfliegen. Bei ständigem Aufscheuchen auf einer Länge von über 1000 m überschreiten sie gelegentlich die Grenzen von Nachbarrevieren. Kommt es hierbei zu Auseinandersetzungen mit revierbesitzenden Eisvögeln, können die Bruten beeinträchtigt werden.

"Eine Flussbreite von 10-15 m, mit schmaler Aue, führt zwangsläufig zur Flucht des Eisvogels, dagegen bieten Flussstrecken mit buschbewachsenen Kiesinseln, Kolken und Buchten und einer breiten Auengalerie Ruheplätze und Verstecke bei starker Freizeitnutzung. Während der sensiblen Nestlingszeit der Jungen sind die Altvögel besonders empfindlich gegenüber Störungen in Nestnähe. Aufgrund des zeitlichen Zwangs, mehr oder weniger ständig Fische während der täglichen Aktivitätsphasen zu fangen und die Jungen zu füttern, steht das Individuum im Konflikt, selbst zu flüchten oder durch eine geringere Fluchtdistanz auszuharren, um danach schnell wieder Fische in die Brutröhre einzutragen. Beobachtungen im Sommer während der Zweit- und Drittbruten belegen, dass die Fluchtdistanzen bis auf 12 m sinken können und einzelne fütternde Eisvögel sich in Uferbäumen ducken oder in höheren Uferbäumen warten, bis die anthropogene Störung, hier Bootsdurchfahrten, vorbei ist. Zu ähnlichen Ergebnissen und Schlüssen kommt auch DORKA (1997) bei Untersuchungen an der Donau."

Die geringeren Fluchtdistanzen während der Brutsaison sind keine Gewöhnungen an den Bootsverkehr, sondern Stresssituationen, die verhaltensökologisch mit starker Erregung, Sichern und Übersprungsverhalten (falsches Putzen) einhergehen. Nach Bootsdurchfahrten und Flucht auf Äste eines Uferbaumes konnte oftmals beobachtet werden, dass die Tiere über 10-15 min so erregt waren, dass sie keine Fischjagd betrieben.

Dauerbeobachtungen an verschiedenen Brut- und bevorzugten Jagdplätzen zeigen konstant, dass Badegäste, sich bewegende Angler und gewässerabwärts fahrende Kanuten umflogen werden. Dabei weicht der knapp über dem Gewässer fliegende Eisvogel bei entgegenkommenden Kanus erregt pfeifend in die Uferzone aus und überfliegt auch Wiesen, Wege und Straßen. Das Individuum entgeht durch Ausweichflüge der Stresssituation, seine individuelle Fluchtdistanz unterschreiten zu müssen, indirekt erhöht sich aber die Gefahr eines Unfalltodes beim Ausweichflug durch die Ufergalerie und beim Überflug von Wiesen und Straßen. Beobachtungen eines toten Eisvogels im Straßenbankett (SCHMIDT 1996) einer flussnahen Hauptverkehrsstraße im Jagsttal und der Aufprall eines Eisvogelmännchens gegen einen Baum mit anschließender Bewußtlosigkeit zeigen, dass diese Gefahr reell existiert. Die Brut dieses Paares an der Jagst ging in den darauffolgenden Tagen ein, da das Weibchen allein es nicht mehr schaffte, die hungrigen Jungen zu füttern. Bei sehr hohem Freizeitbetrieb, insbesondere durch fahrende Kanuten und Menschen am Ufer, ist kein normaler und situationsangepaßter Verhaltensablauf mit Fischjagd und Jungenfütterung mehr möglich, die Altvögel suchen Nebengewässer, geschützte Altwasser, Buchten und Seitenbäche auf. Bei ruhigem und optisch unauffälligem Verhalten eines Menschen am Ufer, in einigem Abstand zur Bruthöhle, erfolgte keine Fluchtreaktion.

 

Beeinträchtigung des Eisvogels bei der Jungenfütterung (Fütterungsintervalle, Fütterungslücken) und räumliche Nutzungsminderung des Eisvogellebensraumes

Anthropogene Störreize unterbrechen den normalen Verhaltensablauf, was dazu führt, dass die Fütterungsintervalle länger werden oder sogar die gesamte Fütterung zusammenbricht, sodass die Eisvögel schließlich den Nestbereich komplett verlassen.

Eine Verhinderung der Jungenfütterung durch Blockierung der Nestumgebung als auch der bevorzugten Jagdplätze im Eisvogelrevier aufgrund mehrstündigem Bootsbetrieb wurde durch zahlreiche Messungen und Beobachtungen nachgewiesen. Die Fütterungsintervalle desselben Eisvogelpaares an aufeinanderfolgenden Tagen mit und ohne Kanubetrieb unterscheiden sich deutlich bis hochsignifikant.

Adulte Eisvögel sind potenziell in der Lage, ihre Fütterungsfrequenz im Vergleich zum durchschnittlichen Fütterungsintervall kurzzeitig mehr als zu verdoppeln und sie können unter bestimmten Voraussetzungen Fütterungslücken von einer maximalen Dauer von 4-6 h quantitativ wettmachen. Voraussetzung für die Kompensation einer solchen Dauerstörung ist: a) die anschließende Störungsfreiheit der Nestumgebung und des Jagdreviers und b) eine ausreichend verbleibende mehrstündige Zeitspanne mit Tageslicht zur Fischjagd. "Dies bedeutet konkret, dass nur Dauerstörungen in den Morgen- und Mittagsstunden, nicht aber solche spätnachmittags ab etwa 17-18 h MESZ bis hin zur Dämmerung kompensiert werden können. Sowohl Dämmerungsangeln auf oder in der Nähe der Steilwände und zahlreiche Bootsdurchfahrten zwischen 18 und 21 h führen zu erheblichen Störwirkungen, da kaum ein Hinflug zum Hudern und Füttern der Jungen gelingt."

Die höchste Störwirkung hat der Kanubetrieb bei mehrstündiger Durchfahrt von Booten alle 10 Minuten, denn dadurch wird das gesamte Jagd- und Brutrevier kontinuierlich und flächig über die komplette Revierausdehnung beeinträchtigt. "Günstig" wären Kanu-Konvois, zwischen denen größere (mindestens 30-minütige Zeitabstände) liegen, die zur Fütterung etc. genutzt werden könnten. Jedoch liegen Untersuchungen vor, dass sich Konvois - aufgrund fehlender Fahrpraxis oder aus anderen Gründen - sehr schnell auflösen bzw. in die Länge ausdehnen.

Da Altvögel bei der Fütterung mit nassem Kot oder Fischreste aus den Speiballen der Jungen kriechen müssen, ist nach der Fütterung das Baden und das Säubern des Gefieders besonders wichtig. Dies nimmt oft mehrere Minuten in Anspruch und erfolgt im Flußbereich vor der Bruthöhle. Verhindern alternierende oder kontinuierliche Störreize (Kanudurchfahrten, Angeln, Baden) ein ausgiebiges Baden und Putzen des Gefieders, bedeutet dies eine "hygienische" Stresssituation für den Eisvogel.

Die Fortpflanzungsstrategie des Eisvogels ist, im Hinblick auf die kurze hochwasserarme Zeitspanne im Sommer, optimiert. In dieser Phase gelingt es am besten, den hohen Nahrungsbedarf der Jungen zu decken (teilweise werden Mehrfach- oder Schachtelbruten durchgeführt). Von den Kanus gehen in dieser Zeitspanne insoweit Störungen aus, als sie aufgrund der geringeren Fließgeschwindigkeit länger zur Passage von Eisvogel-Brutröhren brauchen, die aus dem Wasser ragenden Kiesbänke gerne zum Rasten genutzt werden und damit oft die Jagdbiotope des Eisvogels temporär unbrauchbar gemacht werden, Kleinfischschwärme vertrieben werden oder es bei Grundkontakt der Bootsrumpfe zur Aufwirbelung von Sedimenten konnt, die die Jagd nach Fischen für den Eisvogel erschweren.

 

Veränderung der Fitness und Populationsstruktur als Konsequenz von Störwirkungen?

Die individuelle Fitness wird gemessen als der Beitrag des Individuums an der Anzahl geschlechtsreifer Nachkommen in den kommenden Generationen. Zur Beurteilung der anthropogenen Beeinträchtigungen aus der Freizeitnutzung auf der Ebene der Population können sowohl die Störreize und Störwirkungen während der Brut- und Nestlingszeit, als auch während der ersten Lebenswochen der ausgeflogenen Eisvögel betrachtet werden (vgl. Bewertungsmethoden, Kriterien).

Der Autor geht davon aus, dass Freizeitnutzungen 1997 und 1998 negetativ auf der Ebene der Fitness gewirkt haben, da
- es 1997 aufgrund des starken Bootsverkehrs von über 60-80 Booten und weiteren Freizeitnutzungen an aufeinanderfolgenden Tagen zu einer Brutaufgabe kam. Auslöser der Brutaufgabe war die Überschreitung des Schwellenwertes im Zeitbudget für Fütterungen bzw. Fütterungsfrequenzen. Fütterungslücken konnten in der verbliebenen Jagdzeit nicht mehr kompensiert werden.
- 1998 wegen eines störreizbedingten Ausweichfluges ein Eisvogelmännchen durch einen Aufprall schwer verunglückte. Dieses Männchen beteiligte sich in den kommenden Tagen nicht mehr an der Fütterung der 2 Wochen alten Jungen, das Weibchen konnte die Belastung der erhöhten Fütterungsleistung nicht kompensieren. Die Brut ging ein.
- 1998 der Bruterfolg und die Jungenzahl der 2. und 3. Bruten im Sommer bei Niedrigwasser und während hoher Freizeitaktivitäten (an Wochenenden, in Ferien und einzelnen Werktagen bis zu 100 Boote täglich) statistisch signifikant geringer ist als der Bruterfolg der Erstbruten im April und Mai mit geringerem Boots- und Freizeitbetrieb (überwiegend am Wochenende max. 40 Boote, wenig Badebetrieb). Nach Angaben des Autors existierten keine erkennbaren Anzeichen dafür, dass die Witterung für den geringen Bruterfolg verantwortlich ist, denn es traten während der Brutsaison keine Hochwässer oder anhaltenden Gewässertrübungen auf. Ebenfalls optimal war die Nahrungsverfügbarkeit (Fischentwicklung und Fischhäufigikeit. Ein untersuchtes Gelege einer aufgegebenen Zweitbrut bei Bieringen enthielt 7 Eier.
- Brutplätze mit hoher Beeinträchtigung durch Freizeit- und Wassersportnutzungen eine geringere Zahl ausgeflogener Jungvögel und eine geringere Jahresreproduktionsrate als vergleichbare andere Brutpaare im Untersuchungsgebiet haben. An einzelnen Tagen war gerade der Brutplatz am Badeplatz Gommersrdorf stark von Badegästen und Bootsbetrieb beeinträchtigt. Eine Gewöhnung, geringere Fluchtdistanz oder Resistenz bezüglich der Freizeitverhältnisse konnte nicht beobachtet werden, jedoch gelang es dem Eisvoge!brutpaar trotzdem regelmäßig, mehrstündige Fütterungsunterbrechungen durch kurze und massive Fütterungen von bis zu 3 Fischen in 5 Minuten zu kompensieren. Dies zeigt, dass trotz hoher Frequenz und Intensität der Störreize die Reaktionen und Konsequenzen nicht in jedem Fall zu einer Brutaufgabe führen müssen, sondern in diesem Fall eine verringerte Jungenzahl bewirkten. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Jagdbiotop des betroffenen Paares nach Einschätzung des Autors optimal ausgebildet war.
- da die Reproduktionsrate bei insgesamt 18 Bruten an der Jagst mit durchschnittlich 4,00 - 4,33 Jungvögeln und begonnener Brut in einem klimatisch und hydrologisch (hochwasserfreien) als optimal einzuschätzenden Jahr deutlich unter dem Reprodutionserfolg in anderen Gebieten liegt. Unter vergleichbaren Brutbedingungen werden von andern Autoren 6-7 Junge angegeben. Vor allem die geringere Jungenzahl der 2. und 3. Bruten lässt sich "plausibel nur mit den beobachteten Störungshäufigkeiten und -intensitäten korrelieren."
- Unter Berücksichtigung der in der Literatur diskutierten Mortalitätsraten von 69-80% im ersten Lebensjahr (BUNZEL 1987) errechnete der Autor aus der Gesamtzahl flügger Jungvögel 2,1 bis 3,2 Jungvögel, die im nächsten Jahr selbst zur Brut schreiten könnten. Bei einer angenommenen Mortalität von durchschnittlich 75% müßte die Population selbsttragend sein, wenn im langjährigen Durchschnitt pro Brutpaar und Jahr 8 Junge flügge werden. Im Jahr 1997 wurden im Vergleich zu 1998 im Untersuchungsgebiet etwa 5-6 Junge flügge. Pro Brutpaar ergibt dies für 1997 nur einen Schnitt von ca. 4 flüggen Jungen pro Jahr im Bereich der, für den Bootsverkehr offenen, Untersuchungsstrecke. Dies verdeutlicht, dass der Reproduktionserfolg zu niedrig liegt, um die Population an der Jagst "aus eigener Kraft" aufrechtzuerhalten.
- Wahrscheinlich ist sie auf Zuzug von anderen Populationen angewiesen (Anmerkung des Sachbearbeiters), obwohl der Eisvogelpopulation an der Jagst in der Metapopulation im Großraum Jagst-Kocher-Taubergebiet eine potenziell hohe Bedeutung als "Spenderpopulation" zukommt. Dies begründet sich aus der guten Lebensraumeignung der Jagst ohne Störeinflüsse. Anstatt einen Populationsüberschuss zu erzielen, wird an der Jagst eine unterdurchschnittliche Jungenzahl "produziert", die nicht einmal ausreicht, um die Teilpopulation an der Jagst stabil zu halten.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

"Als Fazit ist festzuhalten, dass die Befahrungsregelung im Hohenlohekreis mit 30% zeitlichen Sperrstrecken und 70% offenen Fahrstrecken (Kooperationsmodell, Bootsbetrieb mit Kontingentierung, Pegelregelung und Bewußtseinsbildung) bei der Bevölkerung, Naturtouristen und Erholungssuchenden weitgehend toleriert und akzeptiert wird und diese Lösung mittelfristig zukunftsfähig ist, derzeit aber von den gewerblichen Kanuvermietern boykottiert wird. Naturschutzfachlich problematisch sind die vom Landratsamt erteilten Befreiungen zum Befahren der Jagst in dem Sperrabschnitt von Dörzbach bis Unterregenbach."

Aus den Untersuchungsergebnissen werden u. a. folgende Inhalte für die Neuregelung des Gemeingebrauchs vorgeschlagen:

  • Pegelregelung für alle Boote (15.2.-15.9.): Mindestpegel bei 45-50 cm, da die Untersuchungen belegen, dass Niedrigwasserbefahrungen bei Pegel 40 cm und darunter zu erheblichen Beeinträchtigungen der Limno- und Avifauna führen.
  • Kontingentierung für auswärtige und heimische gewerbliche Bootsvermieter (15.2.-15.9.) max 50 Boote: Aufgrund der unterschiedlichen Wirkung von Bootsdurchfahrten, in Abhängigkeit vom Tageszeitpunkt und der Frequenz, ist es schwierig, für die Jagst und vergleichbare Gewässer einen exakten Schwellenwert von Booten festzulegen, ab welchem es zu erheblichen und nachhaltigen Störwirkungen der Eisvogelbrutpaare und der Population kommt. Beeinträchtigungen des Eisvogels (Zeitbudget, Unfalltod, Brutaufgabe) wurden bei täglichen Bootszahlen von etwa 30-80 nachgewiesen. Die Obergrenze an Booten sollte nach Erfahrungswerten des Gutachters bei max. 60-80 pro Tag liegen. Bei einem Anteil von ca. 75% des Bootsverkehrs aus gewerblicher Kanuvermietung ergibt sich eine Zahl von max. 45-60 Booten.
  • Tageszeitliche Beschränkungen für alle Bootfahrer: Verlassen des Gewässers bis 18 h (15.2.-15.9.) Die höchste Fütterungsrate bei Eisvogelbruten findet von Mai bis August etwa von 18 Uhr bis zur Dämmerung (21 Uhr) statt. Bei andauernden morgendlichen und mittäglichen Störreizen benötigt der Eisvogel zwingend ab 17-18 Uhr ungestörte Jagdstrecken und Brutplätze, um Fütterungsdefizite und Fütterungslücken durch erhöhte Fütterungsleistung kompensieren zu können.
  • Informationen und Bewußtseinsbildung: Bootsvermieter müssen Mietern von Booten die Rechtsverordnung aushändigen, deren Inhalt erläutern und auf deren Einhaltung ausdrücklich hinweisen. Boote dürfen nur vermietet werden, wenn der gültige Jagstpegel dies zulässt.

BEMERKUNGEN

"Eine Teilentschärfung des Konflikts Kanubetrieb und Niedrigwasserproblematik wurde durch zeitliche Sperrung der Fließstrecke [...] erreicht. Diese Sperrung wird überwiegend akzeptiert und eingehalten. Das Landratsamt des Hohenlohekreises, Amt für Umweltschutz, Wasserwirtschaft und Baurecht in Künzelsau hat aufgrund der letztjährig festgestellten massiven Beeinträchtigungen aus der Freizeitnutzung und den Untersuchungsergebnissen zu Brutvögeln - in der für den Kanubetrieb offenen Gewässerstrecke flussabwärts Dörzbach - weitere Minderungsmaßnahmen für nötig erachtet. Im Sinne einer Kooperation mit den heimischen gewerblichen Kanuvermietern wurde deshalb eine Sondernutzungserlaubnis zur Befahrung der Jagst an nur drei lokale Anbieter erteilt [...]. Kernpunkte der Sondernutzungserlaubnis für gewerbliche Kanuvermieter waren: keine Fahrten bei extremem Niedrigwasser: "das Landratsamt geht davon aus, dass eine Befahrbarkeit der Jagst bei einem Pegelstand von < 40 cm am Jagstpegel Dörzbach nicht mehr möglich ist" (Pegelregelung); Beschränkung auf insgesamt 50 Kanus (je 30, 10, 10) (Kontingentierung); die Entleiher und sonstigen Mitfahrer sind auf die o. g. Rechtsverordnung und deren Einhaltung ausdrücklich hinzuweisen (Bewußtseinsbildung).

Aus der Sicht des Gutachters und unter der Maßgabe, dass die naturschutzfachlich wertvollen Teilabschnitte der Jagst für den Bootsbetrieb gesperrt bleiben, ist diese Lösung für den Eisvogel sinnvoll und führt sowohl zum entsprechenden ökologischen Erfolg als auch zu der nötigen Akzeptanz bei den Nutzern der Mietboote, denn sie enthält entscheidene Elemente zur Minderung der wichtigsten Beeinträchtigungen nach Art und Intensität, ohne auf das Instrument der Vollsperrung zurückzugreifen. Damit bleibt die Jagst für alle Bootstouristen und Naturfreunde erlebbar, sodass auch die wichtigen Interessen der Erholungsnutzung und des Tourismus berücksichtigt sind. Kanuverbände haben in den letzten Jahren immer wieder differenzierte, intelligente Befahrungsregelungen eingefordert und Sperrungen abgelehnt (CLAUSING 1996a, 1996b)."

Die Wirksamkeit dieser Regelungen gilt jedoch nicht für Flussuferläufer und das Makrozoobenthos (hier v. a. bei Niedrigwasser und an flachen Fließstrecken der Jagst).

Weiterhin wird die Wirksamkeit der Nebenbestimmungen, d. h. die Jagst auf Basis einer Sondernutzungserlaubnis befahren zu können, erheblich reduziert, weil diese Bestimmungen nur teilweise eingehalten wurden.