Bundesamt für Naturschutz

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Tobias, A. (1996) Einfluss von Feinsandüberschichtungen auf grabende Libellenlarven (Gomphidae)


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Kanu, Kajak, Wildwasser

 

INHALT

In Fließgewässer eingeschwemmte Feinsedimente sind eine große Belastung für die Fließgewässerbiozönose. Sie wirken entweder als suspendierte Sedimentfracht oder in Form von Geschiebe auf die Größeren Wirbellosen. Grabende Organismen, wie die Larven der Fließgewässerlibelle Gomphus vulgatissimus (Linne 1758) (Gemeine Flussjungfer), sind insbesondere von sich über das Bodensubstrat hinwegschiebenden Sandmassen bzw. der gegebenenfalls durch den Geschiebetrieb ausgelösten Instabilität der Gewässersohle betroffen. Im Rahmen dieser Untersuchung sollte die Frage geklärt werden, ob die Einwirkung eingeschwemmten Feinsedimentes in Form von Geschiebe als ein möglicher Faktor für den Rückgang der Art in Betracht kommt.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Eingeschwemmte Feinsedimente, welche in Form von Geschiebe durch die Strömung bewegt werden, bewirken bei der grabenden Libellenlarve weder eine Katastrophendrift noch einen Substratwechsel. Die Gomphidenlarven reagieren durch rückwärtiges Herausschieben des Abdomens bzw. der Analpyramide über die Sedimentoberfläche hinaus, um so den Kontakt zum Freiwasser wiederherzustellen. Dieses Verhalten erwies sich als temperaturabhängig. Jedoch wurde eine negative Korrelation zwischen der Anzahl reagierender Tiere und zunehmender Schichtdicke festgestellt. Schichtdicken von mehreren Zentimetern sind anscheinend durch G. vulgatissimus-Larven im letzten Larvenstadium nicht mehr zu bewältigen. Die Larven verenden durch in den Kiemendarm eingesogene Feinsandpartikel, welche die Atmung verhindern.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 471) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Laborstudie

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Um Aussagen zur Wirkung von Sedimentfrachten treffen zu können, wurden Drift- und Substratwahlexperimente in einem künstlichen Fließgerinne und weitere Versuche im Labor durchgeführt. Es wurden Strömungsgeschwindigkeiten von 15-20 cm/sec. erzeugt. Weiterhin wurden Larven experimentell mit Feinsand 1-5 cm hoch überschichtet.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Mortalität von Larven

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Larven konnten sich im Versuchsgerinne entsprechend ihrer Anspüche an die Feinkörnigkeit und Zusammensetzung des Substrates eingraben.


EINWIRKUNGSDAUER

zwischen 15 und 60 min.

 

EINWIRKUNGSART

Übersandung

 

TIERART

Gemeine Flussjungfer (Gomphus vulgatissimus), grabende Libellenlarven

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Ein Einschwemmen von Feinsand in die Fließrinne führte nur zu einem leichten Anstieg der Drift der Larven (> 10 % der Versuchstiere). (Eine kontinuierliche, geringvolumige Zuführung von Sedimenten scheint G. vulgatissimus nicht negativ zu beeinflussen).

Bei Überschichtung mit Sedimenten versuchen die Larven, sich rückwärts auszugraben. Hinterleib bzw. die zum Atmen verwendete Analpyramide werden über die Sedimentoberfläche hinausgeschoben und somit wird der Kontakt zum Freiwasser wiederhergestellt.

Schichtdicken von 1 bis 3 cm lassen ein Ausgraben noch zu.

Mit zunehmender Schichtdicke gelingt es immer weniger Larven sich noch auszugraben. Aus 4 bis 5 cm dicken Überschichtungen gelang es 40 % der Versuchstiere sich bis eine Stunde nach Experimentbeginn auszugraben. Weiterbeobachtungen zeigten, dass sämtliche übrigen Versuchstiere nach einer Stunde tot waren. Die Untersuchungsergebnisse weisen zudem daraufhin, dass die älteren Larvenstadien besonders anfällig sind, während es nur den etwas jüngeren gelang, sich aus der bis 5 cm hohen Übersandung zu befreien. Im Darmtrakt der toten Tiere fanden sich Feinpartikel, die zum Ausfall der Darmatmung und damit zum Ersticken der Larven geführt hatten.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

"Die Übertragbarkeit der Ergebnisse dieser Laboruntersuchung auf Freilandverhältnisse ist ohne weiterführende Experimente im Freiland nur bedingt möglich. Dennoch liefert sie wichtige Hinweise darauf, dass Überschichtungen mit Feinsediment infolge erhöhten Eintrags und erschwerten Bedingungen der Bewältigung durch anthropogene Veränderung der Gewässer als eine der Gefährdungsursachen der Art in Frage kommen."

 

 

BEMERKUNGEN

Für mehrere Tierarten (u. a. die Flussperlmuschel Margaritifera maragaritifera oder die Steinfliegenart Taeniopteryx nebulosa) wurden in die Fließgewässer eingeschwemmte Feinsedimente als wesentlicher Gefährungsfaktor erkannt. Feinsedimenteinschwemmung oder Übersandung ereignet sich natürlich bei Hochwasser oder anthropogen meist im Zusammenhang mit land- und forstwirtschaftlichen Tätigkeiten oder - besonders gravierend - bei der Reinigung von Mühlenwehren.

Aber auch bei Bootsportaktivitäten in flachen Bächen (Schrappen mit dem Bootskiel über den Gewässergrund, Sedimentfahne im Sog des Bootes) wird der Faktor Übersandung von Larven als potenzielle Gefährdungsquelle empfindlicher Arten diskutiert. Jedoch ist eine Verlagerung von Sedimenten in Fließgewässern ein völlig natürlicher Vorgang, dem im Zusammenhang mit anthropogenen Störeinflüssen nur in Ausnahmesituationen eine signifikante Bedeutung zugewiesen werden kann. Übersandung durch katastrophenähnliche Ereignisse und hochfrequentes Durchfahren von flachen Fließgewässern (so u.a. in der Lüneburger Heide oder im Pfälzerwald) können jedoch ein Ausmaß annehmen, das auf der Populationsebene wirkt und zu erheblichen Beeinträchtigungen der Populationen von empfindlichen Arten in einem Fließgewässer führen kann.

Bei G. vulgatissimus wirkt die Tatsache gefährdungsmindernd, dass das besonders empfindliche Larvenstadium bereits im Mai die Emergenz zur Imago vollzieht, in einer Phase also, wo noch keine starken Bootsportaktivitäten zu einer Störung der Atmung oder gar Übersandung führen könnten.

Jedoch können andere empfindliche Arten, wie die Grüne Keiljungfer (Ophiogomphus cecilia), die im Juni und Juli schlüpft, von Übersandung betroffen sein. Diese Art ist - ebenso wie die Flussperlmuschel - eine Art des Anhangs II der FFH -Richtlinie und steht deshalb besonders im Fokus der Bemühungen der EU beim Aufbau des Schutzgebietsystems Natura 2000.