Bundesamt für Naturschutz

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Siebolts, U. (1998) Reaktionen der Flußseeschwalbe Sterna hirundo gegenüber Menschen in verschiedenen Brutkolonien


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

 

SPORTARTEN

Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Adulte Flussseeschwalben einer Brutkolonie vollführen bei Störungen gemeinsame Alarmflüge, ggf. mit aktivem Feindabwehrverhalten und Angriffen, selbst gegenüber Menschen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit die Nestfluchtdistanz der Flussseeschwalbe individuell und koloniespezifisch während der Brutsaison variiert. Außerdem soll gezeigt werden, wie das Auffliege- und das Abwehrverhalten durch die unmittelbare Nähe einer Kolonie zum Menschen beeinflusst werden kann. Anhand der Ergebnisse werden Empfehlungen zur Wegeführung entlang von Flussseeschwalbenkolonien gegeben.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Auffliegedistanzen der einzelnen Paare verringerten sich saisonal kurz nach dem Schlupfgipfel von über 100 m auf unter 60 m. Aufgrund der Synchronisation der Eiablage galt dieses saisonale Muster auch für die gesamte Kolonie. Die Topographie der Kolonieumgebung (Sichtbarkeit von Störreizen) bestimmt wesentlich, in welcher Distanz zum Störreiz mit Auffliegen und Attacken reagiert wird.

In einer seit 50 Jahren in nächster Nachbarschaft zum Menschen gelegenen Kolonie zeigten die Vögel ausgeprägte Gewöhnung: Alarmaufflüge dieser Kolonie fanden signifikant später statt (Habituation), während die Zahl der Angriffe signifikant höher war (Konditionierung) als bei vergleichbaren, aber vom Menschen kaum beeinflussten Kolonien.

Aufgrund der Ergebnisse werden für Wegeführung und Hinweisschilder Entfernungen von mindestens 250-350 m zum Kolonierand vorgeschlagen.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 344) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Wattenmeerinsel Minsener Oldeoog

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

In drei Kolonien wurden folgende Untersuchungen durchgeführt:

Alarmflüge: In den zwei abgelegenen, ungestörten Kolonien wurden in zweitägigem Rhythmus jeweils vier Annäherungen einer Versuchsperson von je fünf Minuten auf immer demselben Weg durchgeführt (außer bei Regen und schlechter Witterung). Während dieser Gänge beobachtete eine zweite Person von einer Tarnhütte aus ca. 20 Nester und protokollierte das Verhalten der Flussseeschwalben bei Annäherung und Entfernen der Versuchsperson. In unregelmäßigeren Abständen wurden solche Annäherungen auch in der Kolonie 1 unternommen, wo die Flussseeschwalben an Menschen gewöhnt sind.

Angriffsverhalten: Im zweitägigen Rhythmus der brutbiologischen Kontrollen wurden die beiden abgelegenen Kolonien 2 und 3 jeweils vor der Kontrolle durchschritten (nicht bei Regen oder schlechter Witterung). Anhand der deutlich hörbaren Angriffsrufe ("Keckem"), die die Sturzflüge der Seeschwalben auf die Versuchsperson begleiteten, konnte die Anzahl der Attacken bestimmt werden. Während des etwa 300 Meter langen Weges durch die Kolonie wurden im zentralen Bereich in 60 m Abstand zwei Photos vertikal in Richtung Zenit belichtet. Die Anzahl der Seeschwalben auf den Photos wurde später ausgezählt und anhand ihrer Größe der Abstand zur Versuchsperson mittels einer Eichreihe bestimmt. In Kolonie 1 konnten aufgrund ihrer Gewöhnung an den Menschen Gänge zur Aufnahme von Angriffen und Vertikalphotos häufiger durchgeführt werden.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Alarmaufflugdistanz; Landedistanz nach Störung; Gewöhnungseffekte

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Das Betreten der 1,5 x 1 km großen lnsel ist ganzjährig verboten. Lediglich eine bewohnte Station des Wasser-und Schifffahrtsamtes Wilhelmshaven ist dort seit 1909 angesiedelt. Im Jahre 1997 verteilten sich etwa 2.300 Brutpaare der Flussseeschwalbe auf sechs räumlich getrennte Kolonien. Die untersuchten Kolonien 2 und 3 liegen weit von der Station entfernt, sodass sie nie oder nur äußerst selten während der Brutsaison von Menschen gestört werden. Anders die Kolonie 1, die sich seit 1947 in direkter Nachbarschaft des einzigen, von Menschen bewohnten Gebäudes etablierte und somit seit 50 Jahren an menschliche Anwesenheit gewöhnt ist. Der sechsköpfige Bautrupp des Wasser- und Schifffahrtsamtes durchquert die Kolonie an Arbeitstagen mindestens achtmal, zusätzlich zu den Aktivitäten der ständig auf Minsener Oldeoog anwesenden Buhnenwärter und der zwei während der Sommermonate stationierten Naturschutzwarte des Mellumrates e. V.


EINWIRKUNGSDAUER

siehe Untersuchungsansatz

 

EINWIRKUNGSART

sich nähernde Person bzw. eine Brutkolonie durchquerende Person(en)

 

EINWIRKUNGSGRAD

gering, da sich die Personen für die Seeschwalben kalkulierbar verhielten

 

TIERART

Flussseeschwalbe

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Alarmflüge

Nähert sich eine Person einer Flussseeschwalbenkolonie, so reagieren die Tiere zunächst mit erhöhter Wachsamkeit, einige Tiere recken die Hälse und geben einzelne leise Warnrufe zur Information der Kolonienachbarn von sich. Bei weiterer Annäherung wird die Reckstellung deutlicher, eventuell wird die Brust angehoben und die Flügel werden gelüftet (Abflugbereitschaft). Schließlich kommt es zu Alarmflügen. Hierbei umkreisen die Flussseeschwalben den Kolonieort, observieren den Eindringling und den Nistplatz und landen erst dann wieder, wenn die "Gefahr" sich entfernt hat.

Die Reaktion eines Paares auf die Annäherung einer Testperson variierte im Verlauf der Brutsaison.

Die Mittelwerte der Auffliegedistanzen aller beobachteten Paare der Kolonie 3 zeigen eine hohe Abflugbereitschaft der Altvögel vor dem Kükenschlupf. Das Minimum wurde mit 60 m kurz nach dem Schlupfgipfel erreicht. Als die meisten Küken ein Alter von ca. fünf Tagen erreicht hatten, stieg die mittlere Aufflugdistanz wieder an, blieb jedoch auf niedrigerem Niveau als vor dem Schlupfgipfel. Erst als die meisten Jungen fast flügge waren, stieg die Auffliegedistanz weiter an. Gleichzeitig verließen immer mehr Vögel die Kolonie. Dieses Verhalten erklärt sich aus dem besonderen Schutzbedürfnis der Küken unmittelbar nach dem Schlüpfen, da sie aufgrund ihrer geringen Mobilität besonders gefährdet sind und ein erhöhtes Wärmebedürfnis haben.

Für die störungsgewöhnte Kolonie 1 fanden sich keine saisonalen Variationen der Auffliegedistanzen (Mittelwert: 52,1 m ±19,5 m; n = 189). Sie blieben über die gesamte beobachtete Saison auf einem Niveau, das dem der Kolonie 3 zum Zeitpunkt kurz nach dem Schlupfgipfel entsprach.

Die Mittelwerte der Auffliege- und Landedistanzen zur Testperson über die gesamte beobachtete Saison unterschieden sich zwischen den Kolonien signifikant. Während in Kolonie 3 schon bei Annäherung auf 124 m im Mittel 50 % der Altvögel aufgeflogen waren, starteten die Tiere der Kolonie 1 erst bei einer mittleren Entfernung von 55 m. Bei den Landungen nach der Störung ist diese Differenz mit 149 bzw. 61 m sogar noch ausgeprägter.

 

Angriffsverhalten

Angriffe von brütenden bzw. Junge versorgenden Flussseeschwalben auf in die Kolonie eindringende Menschen sind allgemein bekannt. Die aufgescheuchten Seeschwalben bilden eine "Wolke", aus der immer wieder einzelne Tiere auf den Eindringling "herabstoßen", um sich dann wieder den in der Luft warnenden Artgenossen anzuschließen. Dabei treten heftige Attacken mit Schnäbeln, Füßen und Flügeln sowie Kotspritzen auf.

Die Angriffsaktivität der Seeschwalben unterschied sich deutlich zwischen den drei untersuchten Kolonien. Die Angriffshäufigkeit war in der an Menschen "gewöhnten" Kolonie 1 etwa zwanzigmal höher (Median = 160; n = 122) als in den Kolonien 2 (Median = 4; n = 23) und 3 (Median = 11, n = 22). Dieser Verhaltensunterschied wird damit erklärt, dass im Rahmen der Gewöhnung der Seeschwalben an den Menschen (Kolonie 1) dessen für sie ungefährliches Verhalten (es kommt trotz regelmäßiger Anwesenheit der Stationsbewohner nie zu einer Gefährdung der Nester oder Küken) mit einem "Feindabwehr-Erfolg" der Seeschwalben gleichgesetzt wird: Weil es nie zu einer Gefährung des Nachwuchses kommt, "glauben" die Seeschwalben, dass ihr Feindabwehr- bzw. Hassreaktions-Verhalten besonders effizient ist, und wenden es deshalb immer wieder an (Konditionierung). (Ethologisch liefert für dieses Verhalten und die Unterschiede zu den Kolonien 2 und 3 die Traditionshypothese, die hier nicht referiert wird, weitergehende Erklärungsansätze).

Während in den Kolonien 2 und 3 etwa 90 % der Seeschwalben in mehr als 10 m Höhe über der Versuchsperson kreisten, kamen die Vögel in Kolonie 1 wesentlich näher: fast 40 % flogen in bis zu 5 m Höhe, über 80 % blieben unter 10 m. (Die Unterschiede erklären sich aus Feindvermeidungsstrategien bzw. dem Spannungsverhältnis einen potenziellen Feind abwehren zu müssen, um die Brut zu retten, und selbst Opfer des Beutegreifers zu werden [Kolonien 2 und 3] und dem vordergründig erfolgreichen Feindabwehrverhalten [Kolonie 1]).

In den von Menschen nur wenig beeinflussten Kolonien kam es nur vereinzelt zu Angriffen der Flussseeschwalben; im Regelfall kreisten sie nur über den Menschen. Zudem handelte es sich bei den angreifenden Vogelindividuen - erkennbar an der Stimme - immer wieder um dieselben Tiere.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Die Ergebnisse dieser Arbeit - auch im Vergleich mit anderen Studien - zeigen, dass kein allgemeingültiges Rezept zum Schutz von Flussseeschwalbenkolonien gegeben werden kann. Jede Kolonie reagiert in ihrem Nestfluchtverhalten durch die Topographie des Standorts und durch eine eventuelle, historisch bedingte Habituation an den Menschen unterschiedlich. Flussseeschwalben, die auf Flößen oder Inseln in Seen oder Flussläufen brüten, sind an Fußgänger am Ufer durchaus gewöhnt und zeigen keine Reaktion.

Nach dem Eintreffen im Brutgebiet sind Flussseeschwalben in der Phase der Koloniekonsolidierung besonders anfällig gegen Störungen.

Nach der Eiablage erhöht sich die Bindung an den Koloniestandort mit dem Fortschreiten der Brutzeit; Störungen wirken weniger intensiv.

Die Ergebnisse dieser und anderer Arbeiten über Seeschwalbenkolonien legen eine großräumige Abgrenzung nahe. Schilder sollten mindestens 250 m vom Rand der Kolonie aufgestellt werden. In der Zeit vor der Eiablage wäre auf Grund der größeren Empfindlichkeit der Flussseeschwalben eine größere Distanz von 350 m wünschenswert. In der Nähe der Kolonie dürfen auf keinen Fall die Wege verlassen werden, da nur dann eine Gewöhnung an Störreize eintreten kann, wenn das Verhalten der Störreizgeber kalkulierbar ist ("Räumliche Konstanz im Auftreten von Störreizen").