Bundesamt für Naturschutz

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Schneider-Jacoby, Martin; Bauer, Hans-Günther; Schulze, Wolfram (1993) Untersuchungen über den Einfluß von Störungen auf den Wasservogelbestand im Gnadensee (Untersee/ Bodensee)


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Motorboot/Wasserski/Parasailing, Segeln, Surfen, Wandern/Geländelauf, Wassersport

 

INHALT

Der Gnadensee ist ein besonderes Gewässer im Bodenseegebiet und in Mitteleuropa und erfüllt für Wasservögel die Kriterien eines Feuchtgebietes internationaler Bedeutung.

Für die Kolbenente ist der See der größte Sammelplatz in Mitteleuropa, für Reiher- und Tafelente der bedeutendste Rastplatz am Bodensee, aber auch andere Entenvögel finden hier ihre Habitatansprüche erfüllt.

Eine große Attraktivität besitzt der Gnadensee allerdings auch für den Boots- und Freizeitverkehr auf und am Wasser.

In der vorliegenden Arbeit werden Anzahl und Verteilung der Wasservögel auf dem Gnadensee untersucht und am Beispiel der Kolbenente aufgezeigt, welche Störungen mit den verschiedenen Freizeitnutzungen (Segeln, Surfen, Angeln, Jagd, Aufenthalt am Ufer) auftreten und welche negativen Auswirkungen diese auf Verhalten, Verteilung und Anzahl der Kolbenenten haben können.

Nachdem damit die Bedeutung des Gnadensees für die Wasservögel im allgemeinen und die Kolbenente im besonderen herausgestellt wurde, werden abschließend Schutzvorschläge für das Gebiet abgeleitet.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Auch die wenigen Boote und Personen am Ufer verursachen im Spätsommer, Herbst und Winter massive Störungen für die Wasservögel. Sie beeinflussen die Verteilung und Anzahl der Wasservögel auf dem Gnadensee negativ.

"Der gesamte Gnadensee einschließlich der Flachwasserzone zwischen Mettnau und Reichenau kann im Herbst und im Winter nicht mit Wasserfahrzeuge befahren werden, ohne daß es zu massiven Störungen der Wasservögel kommt" (S. 21).

Die Wasserfläche, trockengefallene oder auch gefrorene Bereiche des Gnadensees unterliegen einer intensiven Nutzung, so daß es kaum Uferbereiche gibt, die keine Zugänge zum See haben. Selbst Naturschutzgebiete sind durch illegale und legale Pfade "erschlossen".

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 146) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Gnadensee, Bodenseebecken, Baden-Württemberg

Untersuchungsgebiet: Gnadensee einschließlich der Flachwasserzonen zwischen der Halbinsel Mettnau und der Insel Reichenau. (Für einzelne Darstellungen wurde das Untersuchungsgebiet in 13 Teilgebiete unterteilt, die hier nicht wiedergegeben werden können).

Das Untersuchungsgebiet ist für Schnatterente, Löffelente, Kolbenente, Tafelente, Reiherente sowie das Bläßhuhn von internationaler Bedeutung.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Beobachtungen der Wasservögel von öffentlich zugänglichen Stellen am Ufer (Campingplatz, Badestrand),

Zählungen der Wasservögel mit Fernglas, Fernrohr und Zähluhr,

Vorbereitung der Untersuchung mit 12 Kolbenenten-Zählungen von Juli-Dezember 1989.

Im Untersuchungsjahr 1990 gab es 12 Kolbenenten-Zählungen in der Zeit vom 23. Juli-24. Oktober,

zusätzlich Erfassung der Verteilung der Wasservögel,

des Bootsverkehr mit Differenzierung der Bootstypen,

der Personen am Ufer außerhalb der öffentlich zugänglichen Stellen sowie

Erfassung der beobachteten Störungen mit Angabe über die Anzahl der betroffenen Vögel.

Weitere Beobachtungen mit 52 Bestandsaufnahmen in der Zeit vom 26. Oktober 1990 bis 2. März 1991. Neben der Verteilung der Vögel wurde auch die Gesamtanzahl festgestellt (Trupps ab 100 Individuen). Beobachtungsdauer betrug für den gesamten Gnadensee durchschnittlich 2 Stunden. Zählungen wurden i. d. R. zwischen 13.00 und 17.00 Uhr durchgeführt.

Am 14. und 24.2.1991 wurden Uferbegehungen durchgeführt und die Nutzungen im Uferbereich kartiert (Boote, Surfbretter und Stege am Ufer, Jagdstände, Picknickplätze, Verkaufsstände auf dem Eis, Grundstücke mit Ufernutzung, Zugänge zum Seeufer, Campingplätze).

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Fluchtdistanzen

Anzahl verbleibender Vögel nach Störung


EINWIRKUNGSART

optischer Reiz

 

TIERART

Wasservögel

Kolbenente (Netta rufina)

 

ART DER BEEINFLUSSUNG/AUSWIRKUNG

Anzahl und Verteilung der Wasservögel

Im Juli und August waren größere Vogelansammlungen nur im Bereich der Schutzzone des Naturschutzgebietes (NSG) Wollmatinger Ried festzustellen. Der Bestand lag bei etwa 6.000-8.000 Wasservögeln. (Da sich Vögel zu einem großen Teil auch in die Schilfgebiete zurückgezogen hatten, konnten nicht alle Vögel erfaßt werden) (S. 5).

Im September waren auch in den Flachwasserbereichen die ersten größeren Vogelansammlungen (außerhalb des NSG Wollmatinger Ried) zu verzeichnen.

Erst Im Oktober wurden dann die gesamte Flachwasserzone des Gnadensees von den Vögeln genutzt.

Im November wurde der Gnadensee vollständig als Wasservogelgebiet genutzt (40.000 Wasservögel). Die meisten Wasservögel verließen die Schutzzone vor dem NSG Wollmatinger Ried, da die ufernahen Bereiche "aufgrund des niedrigen Wasserstandes für die ruhenden Entenschwärme zu unsicher waren" (S. 8). Große Vogelschwärme hielten sich zum Ruhen deshalb bevorzugt in nicht geschützten, tieferen Bereichen auf.

Hierzu gibt es detaillierte Beschreibungen zu den einzelnen Teilgebieten sowie Karten mit der Verteilung der Vögel in den Monaten Juli- Februar.

Im Sommer und Herbst 1990 wurden bis zu 3.620 Kolbenenten im Untersuchungsgebiet gezählt, was etwa einem Fünftel des gesamten mittel- und südwesteuropäischen Bestandes entspricht. Der Gnadensee erfüllt als eines der wenigen Gebiete die Habitatansprüche dieser Entenart (S. 10).

Die Schwingmauser der Kolbenenten erfolgte in der Schutzzone in der Hegnebucht. Bis Anfang September war es für die Tiere nur in diesem Gebiet möglich, sich ungestört aufzuhalten. Mit Abnahme des Bootsverkehrs versuchten die Kolbenenten zu den außerhalb der Schutzzone befindlichen Nahrungsplätzen zu gelangen. Jedoch kam es an den ersten vier Kontrolltagen (in der Zeit von September bis Anfang Oktober) noch zu massiven Störungen durch Boote, so daß ein Teil der Vögel wieder vertrieben wurde. Ab Oktober war der Wechsel zwischen den verschiedenen Flachwasserbereichen des Gnadensees möglich, dennoch konnten die Kolbenenten den Störungen durch den Wassersport nicht gänzlich ausweichen. Bei einigen Zählungen hatte sich Anzahl der Vögel im Gnadensee auf 50 bzw. 14 reduziert. Auch im Winter wurden beim wichtigsten Liegeplatz (Westufer der Insel Reichenau bei Niederzell) regelmäßig Surfer angetroffen.

 

Wasserfahrzeuge und Personen am Ufer

Im Sommer ist der Gnadensee ein sehr stark frequentiertes Wassersport- und Freizeitgebiet. Der Druck lastet vor allem auf den natürlichen Uferabschnitten, wo Boote bevorzugt vor Anker gehen. Nicht nur die Tagesgäste halten sich gerne in den Buchten des Gnadensees auf, auch die außerhalb von Häfen übernachtenden Boote. Meist liegen sie dann im Flachwasser vor den Schutzgebieten und blockieren somit den Zugang für die Vögel.

Ab September lag die Zahl der Wasserfahrzeuge an den Beobachtungstagen meist unter 10. Jedoch erreichten die verschiedenen Wassersportarten eine fast vollständige Flächennutzung des Sees, was nicht ohne Störungen für die Wasservögel blieb, die aber eigentlich den See zu dieser Jahreszeit als Lebensraum benötigten (S. 14).

 

Fischerei und Angelsport (eine Unterscheidung zwischen Sport- und Berufsfischerei war nicht möglich).

Obwohl im Herbst die direkte Uferzone gemieden wurde (Fischfang vom Boot aus), kam es zu starken Störungen für die Wasservögel (z. B. Hineinfahren in die Flachwasserzonen). Die Verteilung der Boote beeinflußte die Nutzung des Sees durch die Vögel.

Der Laichfang des Felchens (Beginn Dezember) wirkte sich stark auf die Wasservögel aus. Da Berufsfischer aus der Schutzverordnung ausgenommen sind, traten Störungen in dieser Zeit durch die regelmäßigen Netzkontrollen (An- und Abfahrten) der ausgelegten Netzte auf (sie liegen sowohl außerhalb als auch innerhalb der Schutzgebiete aus) (S. 16). Die Tauchentengesellschaften hatten somit keine ausreichend großen Ruheplätze mehr, woraufhin die Gesamtvogelzahl auf unter 10.000 Vögel sank.

 

Surfer

Die Ansprüche der Surfer überschneiden sich besonders stark mit den Lebensraumansprüchen der Wasservögel. Störungen durch Surfer konnten selten belegt werden, da die Wasservögel bereits vor der Kontrolle geflüchtet waren. Die Störwirkung wird bei dieser Sportart als sehr hoch eingeschätzt, da die Wasservögel aufgrund von Surfern große Teile des Sees zu fast 100% verließen.

Besonders bevorzugt von den Surfern wurden breite Flachwasserzonen mit auflandigen Westwinden, da auch Anfänger unter diesen Bedingungen üben können. Außerdem eignen sich die Flachwasserzonen besonders zum Absteigen vom Brett.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen (30.10. und 1.11. 1990) wurden die Liegeplätze der Kolbenenten durch Surfer blockiert, so daß die Kolbenenten daraufhin den Gnadensee (und damit einen ihrer wichtigsten Nahrungsplätze in Europa) verließen.

Diese Störungen treten trotz Information der Surfer auf. Allerdings ist anzumerken, daß durch das Einholen der Schilder die Schutzzone im Winterhalbjahr nicht mehr ausreichend gekennzeichnet ist.

 

Segler

Segler verursachten durchschnittlich die größten Störungen. Dies geht auf einen Werfthafen im "Markelfinger Winkel" zurück. In einem beobachteten Fall (3.11.1990) verließen aufgrund eines Segelbootes 6.700 Wasservögel den "Markelfinger Winkel" und nur 1.300 blieben zurück.

Während einer Beobachtung konnten Fluchtdistanzen der Wasservögel auf ein vorbeifahrendes Segelboot protokolliert werden. Die Schwärme reagierten auf 500 m mit Wegschwimmen, bei einer Distanz von 400 m flogen sie auf und rissen weitere Wasservögel, die bis zu 700 m entfernt waren, mit.

Auch andere Bootstypen sorgten für Störung der Wasservögel wie Beispiele zeigen (S. 19):

Ein Rennruderboot, das erst 150 m vor dem Schilf wendete, um zurückzufahren, scheuchte mehr als 5.000 Wasservögel im "Markelfinger Winkel" auf (Beobachtung am 5.10.1990).

Ein zwischen Mettnau und Reichenau einfahrendes Zollboot scheuchte einen Schwarm von 3.000 Wasservögel auf, der gerade an dieser Stelle ruhte (Beobachtung am 11.11.1990). In dieser Jahreszeit reagierten die Wasservögel selbst auf geschlossene, große Boote, die sonst eine geringe Wirkung auf Wasservögel haben.

 

Jagd

Bei der Wasservogeljagd konnte nur einmal direkt eine Störung beobachtet werden: der Jäger hatte die Enten bereits geschossen, aber " 2.000 Bläßhühner entfernten sich noch dichtgedrängt schwimmend vom Ufer" (S. 19). Die übrigen Wasservögel waren bereits geflüchtet.

Die Wasservogeljagd verstärkte die Beunruhigung, die von Personen im Uferbereich ausging. Personen, die sich einen Kilometer von einem bewohnten Gebiet aufhielten, wurden von den Wasservögeln bis auf eine Distanz von 50 m toleriert. Durch die Bebauung am Ufer bestand dort eine jagdfreie Zone, die auch von den Vögeln regelmäßig als Ruheplatz aufgesucht wurde.

 

Personen am Ufer (S.20)

Personen verursachten einen großen Teil der Störungen und dies besonders, wenn sie ansonsten störungsfreie Uferabschnitte blockierten (z. B. Personen, die Modellboote fahren ließen, Spaziergänger, Reiter).

Schlittschuhläufer auf dem Eis verursachten wenige Störungen, solange sie sich nicht dem Eisrand näherten und die Schwärme zur Flucht zwangen.