Bundesamt für Naturschutz

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Schorr, Martin (2000) Potenzielle Konflikte zwischen Bootsportaktivitäten auf Fließgewässern und Arten- und Biotopschutz - dargestellt am Beispiel der Libellen im Bereich der Wieslauter (Pfälzerwald, Rheinland-Pfalz)


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Kanu, Kajak

 

INHALT

Für die Wieslauter wurde 1998 durch den Landkreis Südwestpfalz eine Regelung des Gemeingebrauchs durch Kanuten herbeigeführt, da es in den vergangenen Jahren zunehmend zu Konflikten zwischen Kanuten, Anliegern und Belangen des Arten- und Biotopschutzes gekommen war. Der Beitrag faßt den libellenkundlichen Wissensstand unter störökologischen Aspekten zusammen. Er dokumentiert die argumentative Begründung, die zu einer Regelung der Nutzung der Wieslauter durch Kanuten geführt hat.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Wesentliche Wirkungen gehen von Bootsportaktivitäten auf die Lebensräume der Larven aus. Durch Schrammen über der Gewässersohle, und beim Aus- und Einsteigen in Boote werden Larven verletzt oder getötet bzw. verdriftet. Die Verwirbelung von Feinsediment kann zum Verstopfen des Kiemendarms bei den Larven und damit zum Ersticken führen.
  • Wellenschlag kann bei Arten, die dicht über der Wasserlinie schlüpfen zu Entwicklungsstörungen führen mit der Folge, dass Verkrüppelungen am Abdomen oder an den Flügeln auftreten. Solche Tiere können sich nicht mehr reproduzieren. Als Sekundäreffekt kann die Mortalität durch Prädatoren (v.a. Vögel) erhöht werden, da sich durch Wellenschlag gestörte Tiere auffälliger als ungestörte Tiere verhalten.
  • Vor allem in schmalen Fließgewässern kommt es zu Störungen des Territorialverhaltens in den Revieren der Männchen oder bei der Eiablage der Weibchen bis hin zum Vertreiben der Imagines aus dem Reproduktionsgewässer. Treten solche Störungen massiv oder konstant über längere Zeiträume auf, können sie auch durch Auffüllen der Reproduktionsbereiche durch andere Mitglieder einer Population nicht mehr kompensiert werden.
  • Eine Lösung der Konflikte im Sinne des Arten- und Biotopschutzes kann in vielen Fällen nur durch Nutzungsentflechtung herbeigeführt werden. Eine Nutzung von Vorrangräumen des Arten- und Biotopschutzes durch Sportaktivitäten muß in einigen Fällen unterbleiben.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 145) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

 

 


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Wieslauter, Lk Südwestpfalz, Rheinland-Pfalz

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Auswertung und Kompilation von Literaturdaten. Im Vordergrund der Auswertung steht die Grüne Keiljungfer (Ophiogomphus cecilia), eine Libellenart, die im Anhang II der FFH -Richtlinie verzeichnet ist. Diese Art bildet an der Wieslauter eine überregional bedeutende Population aus.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Deskription von Konflikten, Entwicklung von Lösungsansätzen

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Ausgangslage


TIERART

Grüne Keiljungfer (Ophiogomphus cecilia)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Vor allem den flach überströmten Bereichen eines Fließgewässers, an denen die Weibchen ihre Eier ablegen, kommt ein hohes Konfliktpotenzial zu. Störungen wirken in solchen Bereichen besonders intensiv, da solche Strukturen meist nur lokal eng begrenzt ausgebildet sind und die Weibchen nur sehr selten zur Eiablage an einem Gewässer eintreffen. Kanuten können deshalb sowohl in einen Minimumfaktor im Lebensraum einer Art eingreifen, als auch zu einer Vertreibung des Weibchens führen, wodurch eine Eiablage unterbunden wird.

Durch Wellenschlag, ausgehend von den Bugwasserwellen der Boote, werden im Moment der Emergenz, d.h. in der Zeitspanne der Metamorphose von der Larve zum geflügelten Insekt, Deformationen an der Imago verursacht, die eine erfolgreiche Reproduktion unterbinden. Auf die Schlüpfpopulation wirken weitere Sekundäreffekte. Schlüpfende Libellen, die bei der Metamorphose gestört werden, verhalten sich teilweise so auffällig, daß sie von Vögeln leicht gefunden und erbeutet werden. Dieses Problem gilt nicht für alle Libellenarten gleichermaßen, da evolutiv verschiedene Schlüpfstrategien entwickelt wurden. Jedoch gilt es für die Kleine Zangenlibelle (Onychogomphus forcipatus), die primär Gewässer als Lebensraum nutzt, die auch für Kanuten eine besondere Attraktivität haben ("kiesbankreiche Fließgewässer"); diese Libellenart schlüpft, wir die extrem seltene, in Deutschland nur am Oberrhein vorkommende Große Zangenlibelle (O. uncatus) unmittelbar oberhalb der Spülsaumlinie des Wasserspiegels.

In Gewässern mit niedrigem Wasserstand schrammen die Boote über das Substrat und zerstören unmittelbar die Larvenlebensräume, beschädigen oder töten Insektenlarven oder lösen Drift aus. Solche Effekte treten v. a. in Flachwasserbereichen, während Niedrigwasserperioden und dort auf, wo Kanuten am Ufer die Boote verlassen.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

"Tragfähige und nachhaltig wirkende Lösungen zur Konfliktminimierung zwischen Bootsport und Naturschutz sollten auf folgenden Sachebenen entwickelt werden:

1. Ermittlung von Räumen bzw. Fließgewässern mit besonderer Bedeutung für den Naturschutz ("Tabu"-Gewässer aus Naturschutzsicht).

Kriterien zur Abgrenzung dieser Räume können Schwerpunktvorkommen von Arten oder Vegetationsbeständen sein (u.a. Vorkommen von FFH -Anhang- oder Rote Liste-Arten, arealgeographische Kriterien, Schutzgebiete, sensible Räume).

2. Ermittlung von Räumen ohne Bedeutung für den Naturschutz.

Abgrenzung von Gewässern bzw. Gewässereinzugsbereichen ohne besonders schutzwürdige Art- oder Biotopvorkommen.

Vorhandensein anderer, erheblicher als naturbezogene Sportbootaktivitäten wirkende, Störgrößen (u. a. Lastkähne oder Wasserski-Aktivitäten auf Bundeswasserstraßen).

3. Erarbeitung von einzelfallbezogenen und rechtlich differenzierenden Regelungen von Art, Umfang und Ort der Nutzung (Gemeingebrauchregelungen), v. a. für Gewässer, die nicht eindeutig als "Tabugewässer" oder als Gewässer "ohne" Bedeutung für den Naturschutz charakterisiert werden.

Ermittlung der Erheblichkeit von bootsportlichen Aktivitäten auf Arten- und Biotopschutzpotenziale.

Festlegung von Nutzungskontingenten und/oder Festlegung von jahres- oder tageszeitlichen Nutzungszeiträumen und Nutzungsdauer.

Prüfung der Wirksamkeit der getroffenen Regelungen durch Monitoring der Populationsentwicklung von störungsökologisch relevanten Leitarten.

4. Erarbeitung von wissenschaftlichen Grundlagen, die Konflikte zwischen der bootsportlichen Nutzung eines Fließgewässers und den biotischen Potenzialen gewässer- und populationsbezogen analysieren.

Ermittlung der Störeffekte von Bootsportaktivitäten auf Leitarten.

Ermittlung der Relevanz von Störungen auf die Leitart-Population(en) eines Fließgewässersystems."

Es wird davon ausgegangen, dass generell eine Nutzungsentflechtung unabdingbar ist, um Fließgewässersysteme und Arten mit besonderer Bedeutung für den Naturschutz nachhaltig vor negativen Störwirkungen zu schützen. Andererseits sind für Räume, in denen keine oder keine besondere Priorität für die Ziele des Arten- und Biotopschutzes gegeben ist, viele Regelungen denkbar, die Bootsportaktivitäten auf Fließgewässern möglich machen, ohne dass es zu erheblichen, nicht tolerierbaren Eingriffen in die Fließgewässerökosysteme kommt.

 

BEMERKUNGEN

Einige der, in dieser Publikation ausgewerteten und dokumentierten, Untersuchungsergebnisse können unmittelbar aus der Datenbank des BfN "NaturSportInfo" abgerufen werden; die referierten Ergebnisse werden deshalb hier nicht im Detail dokumentiert.