Bundesamt für Naturschutz

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Stock, Martin; Hofeditz, Franz; Mock, Kerstin; Pohl, Barbara (1998) Einflüsse von Flugbetrieb und Freizeitaktivitäten auf Verhalten und Raumnutzung von Ringelgänsen im Wattenmeer


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Luftsport, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Vor dem Hintergrund des Anstiegs des Fremdenverkehrs an der Küste und der damit einhergehenden zunehmenden Beeinträchtigung der Lebensräume vieler Wasservogelarten sollen am Beispiel der Ringelgänse (Branta bernicla bernicla) - während der Zeit ihres Frühjahrsaufenthaltes im Wattenmeer - folgende Fragen geklärt werden:

1. Welche anthropogenen Störreize treten auf?

2. Welcher Art ist die Reaktion der Ringelgänse darauf?

3. Welche Auswirkungen haben die Störreize auf einzelne Verhaltenskomponenten?

4. Ist die Raumnutzung der Gänse abhängig von der Anwesenheit von Touristen in den Salzwiesen?

Aus den gewonnenen Ergebnissen werden Folgerungen für das Gebietsmanagement abgeleitet.

 

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(IN)EN

  • Zeitverluste bei der Nahrungsaufnahme infolge eines Störreizes wurden nicht direkt nach der Störung ausgeglichen (die ersten 20 Minuten nach der Störwirkung sank die Nahrungsaufnahme am Gesamtbudget signifikant um 10 %), sondern zu einem späteren Zeitpunkt kompensiert.
  • Ringelgänse sind durch diesen Kompensationsmechanismus in der Lage, Zeitverluste nach Störreizen noch am gleichen Tag auszugleichen (S. 386).
  • Es konnte im Rahmen der Untersuchung kein Zusammenhang zwischen der Anzahl anwesender Personen und der Anzahl anwesender Ringelgänse festgestellt werden.
  • Bei geringem Besucheraufkommen sowie in Morgen- und Abendstunden verteilten sich die Gänse auf der Salzwiese in Westerhever gleichmäßig über die Fläche. An Tagen mit hohem Besucherandrang zogen sie sich in Bereiche mit Betretungsverbot zurück.

BEZUG/QUELLE

Umweltbundesamt, Zentrale Fachbibliothek Umwelt

Bismarckplatz 1

14193 Berlin

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 135) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Westerhever, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein,

Norderheverkoog, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein,

Hallig Süderoog, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein.

 

Westerhever: Salzwiesenkomplex ca. 600 ha (Westerhever und Tümlauer Bucht), Vegetationsdecke überwiegend geschlossen, kurzrasig, Gebiet wird von regelmäßigem Entwässerungssystem aus Prielen und Grüppen durchzogen, dieses wird aber nicht mehr unterhalten. Intensive Schafbeweidung des gesamten Vorlandes bis Frühjahr 1991. Große Bereiche seit Ende Mai aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen.

Beliebtes Ausflugsziel durch den Leuchtturm, an manchen Tagen bis zu 1.000 Besuchern, obwohl Leuchtturm und Warft nicht öffentlich zugänglich, Fahrspur verläuft durch die Salzwiese, für öffentlichen PkW-Verkehr gesperrt, wird häufig begangen. Sportflugverkehr durch nahegelegenen Flugplatz, Sportflugzeuge und Hubschrauber umrunden häufig den Leuchtturm in einer Flughöhe unter 50 m (S. 358-361).

 

Norderheverkoog: 420 ha Vorland, Salzwiese seeseitig von Lahnungsfeldern begrenzt, geht ohne natürlichen Übergang in Mischwatt über, Gebiet wird von regelmäßigem Entwässerungssystem durchzogen, intensive Schafbeweidung bis Sommer 1992, danach große Bereiche aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen. Salzwiese ist nicht erschlossen, Gebiet daher kaum durch Freizeitaktivitäten berührt, Beeinträchtigung tlws. durch Küstenschutzarbeiten und Flugverkehr (S. 361f.).

 

Hallig Süderoog: 60 ha, liegt in Zone 1 des Nationalparks, Vorland von Westerhever 11 km entfernt, 3 Seiten der Hallig sind von einer Steinkante umgeben, Salzwiese im Norden geht mit einer Abbruchkante in die Lahnungsfelder über, Reste eines natürlichen Prielsystems durchziehen die Hallig, extensive Küstenschutzarbeiten, extensive Schafhaltung (48 ha), durch Beweidungsdruck kurzrasige Vegetation, 12 ha nutzungsfrei. 1 Warft mit Wohnhaus, im Sommer bis max. 50 Besucher im Rahmen einer geführten Wattwanderung, Flugverkehr (S. 362f.).

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Beobachtungen während des Frühjahrszugs der Ringelgänse in der Zeit von Anfang März bis Ende Mai in den Jahren 1990-1992.

 

Beobachtungsdauer 1990 1991 1992

Westerhever 143 h 198 h 303 h

Norderheverkoog 62 h 154 h -

Hallig Süderoog - 45 h -

  • Ermittlung der Reaktionen der Gänse auf Störreize (Kartierung der Ursache für Aufmerken/ Abfliegen, Uhrzeit des Ereignisses, Truppgröße, Anteil reagierender Gänse, Reaktionszeit, Ort der Landung, Retentionszeit, auch Individualbeobachtungen), Reizhäufigkeit
  • Berücksichtigung der Wetterbedingungen (tägliche Daten der Wetterstation St. Peter-Ording)
  • Zählung der Gänse im Springtiden-Rhythmus nach der Methode von Rösner & Prokosch, weitere Zählungen in Westerhever zur Raumnutzung der Gänse mind. 2 mal täglich, Ableitung der wöchentlichen Maximalzahl der Gänse (in den ersten beiden Jahren nur Zählung von Ringelgänsen, 1992 auch Nonnengänse zur Ermittlung interspezifischer Konkurrenz)
  • Besucherzählungen in Westerhever mind. 2 mal täglich, Kartierung der Anzahl und Position der Besucher.


BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Untersuchungen zur Raumnutzung der Gänse in Abhängigkeit von der Anwesenheit der Touristen (nur in Westerhever), Ermittlung durch Kotzählungen an begangenen/unbegangenen Wegen

Vergleich der Durchzugsphänologie der Ringelgänse in Westerhever mit der der Insel Trischen (Insel weitab vom Festland, ganzjährige Betreuung durch einen Vogelwart, keine Besucher, anthropogene Beeinträchtigung gering, Ausnahme Flugzeugüberflüge).

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Westerhever

Westerhever Salzwiese, im Frühjahr kommen max. 6.000 Nonnengänsen (Branta leucopsis) und 4.500 Ringelgänsen, Gebiet hat durch zunehmende Populationsgröße der beiden Arten an Bedeutung gewonnen.

Norderheverkoog

Im Frühjahr wird das Vorland von bis zu 6.000 Nonnengänsen uns 10.000 Ringelgänsen aufgesucht.

Hallig Süderoog

höchste Ringelgansdichte an der Westküste Schleswig-Holsteins, während des Frühjahrszugs bis zu 4.000 Ringelgänse.

 

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Reize durch Erholungssuchende und Flugzeuge

TIERART

Ringelgans (Branta bernicla bernicla)

 

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

 

für alle 3 Untersuchungsgebiete gilt zunächst:

Anteil nicht identifizierbarer Reize: 49-66 %

Anteil Reaktionen der Gänse durch überfliegende Vögel: 9-13 %

Anteil anthropogener Störungen (S. 374f.):

Westerhever 41 % (davon 21 % Personen, 19 % Flugverkehr),

Norderheverkoog 34 % (davon 8 % Personen, 17 % Flugverkehr),

Hallig Süderoog 31 % (davon trotz bestehender Einschränkung 11% Personen, 20 % Flugverkehr).

Reaktionen der Ringelgänse infolge eines Störreizes (S. 378ff.)

Aufmerken: 5,3 % (n=75), Auffliegen 94,7 % (n=1341).

Ein Störreiz hat nicht nur eine unmittelbare Reaktion der Gänse zur Folge, sondern führt auch zur einer längerdauernden Veränderung ihres Aktivitätsbudgets. Die Nahrungsaufnahme am Gesamtbudget nahm in den ersten 20 Minuten nach dem Reiz signifikant um 10 % ab, um danach wieder um ca. 15 % anzusteigen und sich dann um einem Grenzwert von 85 % zu bewegen. Diese Änderung im Gesamtbudget wird als Kompensierung interpretiert.

 

Reaktionsstärke

Der Anteil auffliegender Gänse war am geringsten, wenn die Störung durch ein Kfz verursacht wurde und am höchsten, wenn sie von einem Hubschrauber überflogen wurden.

 

Reaktionsdauer

Die Flugzeit der Gänse nach einer Störung betrug in Abhängigkeit der Art des Reizes im Mittel 69 bis 116 Sekunden. Die Flughöhe der Flugzeuge hatte auf die gesamte Reaktionszeit der Gänse keinen Einfluß. Hatten Vögel die Fluchtreaktion verursacht, war die Retentionszeit am geringsten und am höchsten, wenn ein Hubschrauber die Störungsursache war. Die Tageszeit hatte keinen Einfluß auf die Reaktionsdauer.

Die gesamte Reaktionsdauer sowie Flugzeit und Retentionszeit unterschied sich bei den meisten Reizen kaum (Median=85 s), nur die von den Hubschraubern verursachten Reaktionen dauerten fast doppelt so lang (Median= 156 s)

Reizhäufigkeit (zur Berechnung der Reizhäufigkeit werden nur Reaktionen gewertet, bei denen mindestens 50 % des Trupps aufflog)

Die Häufigkeit störreizbedingter Reaktionen betrug in Westerhever 1,3 bis 2,2 pro Stunde, vor dem Norderheverkoog 1,0 pro Stunde und auf der Hallig Süderoog 0,7 pro Stunde.

 

Raumnutzung

Die Salzwiese in Westerhever wurde von den Gänsen in Abhängigkeit der anwesenden Besucher auf den Wegen genutzt. Die Ringelgänse konnten den zentralen Salzwiesenbereich verstärkt nutzen, nachdem dort ein zentral durch das Gebiet verlaufender Weg im ersten Untersuchungsjahr aufgelassen wurde (S. 380ff.).

Im März in Westerhever ankommende Ringelgänsen wichen den bereits vor Ort befindlichen Nonnengänsen aus (S. 383f.).

Trotz anthropogener Beeinflussung der Gebiete Westerhever und Norderheverkoog stieg die Nutzung der Salzwiesen durch Ringelgänse im Verlauf der drei Untersuc