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Stock, Martin; Hofeditz, Frank (1994) Beeinflussen Flugbetrieb und Freizeitaktivitäten das Aktivitätsmuster von Ringelgänsen (Branta bernicla) im Wattenmeer?


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Luftsport, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Der Aktivitätsrhythmus der an Küstengewässer gebundenen Ringelgänsen (Branta bernicla) wird vom Gezeiten-Rrhythmus bestimmt, die Nahrungsaufnahme findet vorwiegend bei Ebbe statt. Diese Tidalrhythmik ist aus dem Überwinterung - und Frührjahrsaufenthaltsgebiet im Wattenmeer nicht bekannt.

Ziel der Arbeit ist, am Beispiel von drei durch den Menschen unterschiedlich stark beeinflußten Gebieten die Aktivitätsmuster der Ringelgänse während ihres Frühjahrsaufenthaltes im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer vergleichend zu untersuchen, um anschließend die Ursachen für auftretende Unterschiede in den Aktivitätsmustern zu analysieren.

Das Vorhaben stellt einen Teilaspekt des Gesamtprojektes "Ökosystemforschung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer" zum Thema "Einfluß von anthropogenen Nutzungen auf Verhalten, Raumnutzung, Aktivitätsbudget und Energiebilanz von Ringelgänsen im Frühjahrsaufenthaltsgebiet" dar.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Verglichen mit anderen Untersuchungen zu Ringelgänsen kann die Reizhäufigkeit in Westerhever als hoch eingestuft werden. Die Reizhäufigkeit ist im Westerhever Vorland am höchsten und nimmt über den Norderheverkoog zur Hallig Südfall hin ab. Diese nachhaltige Beunruhigung durch Freizeitaktivitäten beeinflußt die Aktivitätsmuster:
  • Das Westerhever Vorland wurde stark von Besuchern frequentiert; das Aktivitätsmuster wurde vom Hell-Dunkel-Wechsel gesteuert, 66,0 ± 7,3 % der Zeit wurde für die Nahrungsaufnahme verwand, die fast ausschließlich auf der Salzwiese stattfand.
  • Im Vorland vor dem Norderheverkoog, das von Menschen nur in geringem Maße beeinflußt wird, zeigten die Gänse ein tideabhängiges Aktivitätsmuster, 50,8 ± 12,7 % der Zeit wurden im Mittel für die Nahrungssuche beansprucht, die auf der Salzwiese und im Watt stattfand.
  • Auf der Hallig Süderoog, ebenfalls durch Menschen nur gering beeinflußt, waren Nahrungsaufnahme und Rasten tideabhängig, obwohl die Gänse sich fast ausschließlich auf der Hallig aufhielten, 78,1 ± 4,8 % der Zeit wurden im Mittel für die Nahrungssuche aufgewendet, die fast nur auf der Salzwiese stattfand (S. 17).
  • Wird das Aktivitätsmuster der Ringelgänse aus dem Norderheverkoog als natürlich angesehen und vergleicht man dieses mit dem der Gänse im Vorland von Westerhever, so kommt man zu folgendem Ergebnis: In Westerhever verbrachten die Gänse mehr Zeit für die Nahrungsaufnahme (Kompensation), für das Fliegen und Sichern und zeigten häufiger Interaktionen. Weniger Zeit verblieb für die Aktivitäten Rasten, Komfortverhalten und Lokomotion an Land. Auf die Störungen reagierten die Tiere durch Rückzug in Randbereiche (S. 18).
  • Die Westerhever Gänse (im Austausch mit der Hallig Süderoog) setzten ihre kompensatorische Nahrungsaufnahme auf der Hallig fort. Nur so ist erklärbar, weshalb der Anteil Zeit an der Nahrungssuche bei den Gänsen auf Süderoog - trotz geringerer Reizhäufigkeit - gegenüber dem der Gänse in Westerhever signifikant um 10 % erhöht war. Die starke Beeinflussung der Ringelgänse in Westerhever wirkt sich somit nachteilig auf die geringer beeinflußte Hallig Süderoog aus.
  • Bedingt durch die hohe Reizhäufigkeit in Westerhever haben die Ringelgänse dort ihre Tidalrhythmik aufgegeben. Im Norderheverkoog konnten die Ringelgänse aufgrund geringer Störintensität ihre Tidalrhythmik beibehalten. Die wesentlich schwächer Ausbildung der Tidalrhythmik der Gänse der Hallig Süderoog wird als intermediäre Ausprägung der Extrema zwischen Westerhever und dem Norderheverkoog bezeichnet.
  • Es konnte keine Beziehung zwischen der Reizintensität eines bestimmten Tages und der Anzahl der Gänse am folgenden Tag festgestellt werden (S. 18).

BEZUG/QUELLE

Staatsbibliothek Berlin, Haus 2

Potsdamer Straße 33

10785 Berlin

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 134) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Westerhever, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein,

Norderheverkoog, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein,

Hallig Süderoog, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein.

Westerhever: Vorland von Westerhever ca. 265 ha, seewärts endet das Vorland mit einer natürlichen Abbruchkante, die in eine Sandbank übergeht. Die Salzwiese von Westerhever besteht größtenteils aus Andelrasen, im sandigen Bereich der Abbruchkante tritt auch Rotschwingel auf. Intensive Schafbeweidung des gesamten Vorlandes im Untersuchungsjahr.

Neben einer starken Frequentierung des Gebietes durch Touristen, wird es auch durch Sportflugverkehr des nahegelegenen Flugplatzes (oftmals in geringer Höhe) beeinflußt (S. 13).

Norderheverkoog: Vorland vor dem Norderheverkoog ca. 340 ha. Die Salzwiese weist vornehmlich Andelrasen und nur an der äußersten Westseite Rotschwingelrasen auf, im Wattbereich sind Grünalgenbestände zu finden. Intensive Schafbeweidung. Salzwiese ist nicht erschlossen, Gebiet daher kaum durch Freizeitaktivitäten berührt, Beeinträchtigung durch Flugverkehr gegeben (S. 13f.).

Hallig Süderoog: 60 ha, liegt in Zone 1 des Nationalparks, Vorland von Westerhever 11 km entfernt. Die Ausprägung der Salzwiese der Hallig ist der Rotschwingelzone zuzuordnen, im Watt sind Grünalgenbestände zu finden. Extensive Schafhaltung (48 ha), 12 ha nutzungsfrei. 1 Warft mit Wohnhaus, im Sommer bis max. 50 Besucher im Rahmen einer geführten Wattwanderung, die sich nur auf der Warft aufhalten und die Nahrungsflächen der Gänse nicht betreten. Weitere Beeinflussung besteht durch den Flugverkehr (S. 14).

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Zeitparallele Beobachtungen in Westerhever und dem Norderheverkoog während des Frühjahrszugs der Ringelgänse in der Zeit von Anfang März bis Ende Mai des Jahres 1991.

Beobachtungsdauer

Westerhever 198 h (16 Ganztagsbeobachtungen)

Norderheverkoog 155 h (15 Ganztagsbeobachtungen)

Hallig Süderoog 45 h (4 zeitgleiche Ganztagsbeobachtungen mit den anderen Gebieten)

  • Beobachtung: je 2 Beobachter pro Ringelganstrupp, Gänse wurden vom morgendlichen Einflug in das Nahrungsgebiet (Salzwiese oder Wattfläche) bis zum abendlichen Abflug in die Rastgebiete verfolgt. Soweit möglich wurde ein Trupp den ganzen Tag über beobachtet, bei Aufsplittung des Trupps konzentrierte sich die weitere Beobachtung auf den größeren Truppteil.
  • 1n 15-Minuten Abständen wurde das Verhalten von 200-300 Individuen nach der Scan-sampling Methode von Altmann ermittelt.
  • Vergleich der 3 Untersuchungsgebiete hinsichtlich der Reizintensität.
  • Beobachtung der Verhaltensweisen (8 unterschiedliche Kategorien): Fressen, Laufen, Schwimmen, Rasten, Aufmerken, Aggression, Putzen, Trinken.
  • Erfassung der Flugbewegungen sowohl zeitlich als auch räumlich sowie deren Dauer.

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Erfassung aller Störreize und die Reaktion der Gänse darauf. Hierzu wurde eine Einteilung in 3 Kategorien vorgenommen: 1. spontane Reaktionen, d. h. Auffliegen der Gänse oder auffälliges Sichern eines Truppteils, ohne daß eine eindeutige Ursache festgestellt werden kann. 2. reizbedingte Reaktionen, d. h. Auffliegen der Gänse oder auffälliges Sichern eines Truppteils bei eindeutig erkennbarer und zeitgleich auftretender Ursache. Reizbedingte Flüge sind durch das plötzliche Auffliegen des gesamten Trupps von den spontanen Flügen zu unterscheiden. 3. keine Reaktion, auf einen eindeutig erkennbaren anthropogenen Reiz erfolgt bei den Gänsen keine Reaktion.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Westerhever

Im Frühjahr wird das Westerhever Vorland von max. 4.500 Ringelgänsen aufgesucht, die auch - wie Beobachtungen und Ringablesungen zeigen - die Hallig Süderoog nutzen (S. 13).

Norderheverkoog

Im Frühjahr wird das Gebiet von bis zu 10.000 Ringelgänsen besucht. Zwischen Westerhever und dem Norderheverkoog findet kein Austausch der Gänse statt. Die Gänse des Norderheverkoogs fliegen gelegentlich zur Hallig Südfall (S. 13f.).

Hallig Süderoog

Auf Hallig Süderoog ist seit Jahren die höchste Gänsedichte der Westküste Schleswig-Holsteins zu verzeichnen. Im Frühjahr versammeln sich dort bis zu 3.500 Ringelgänse (S. 14).

 


EINWIRKUNGSART

optische und akustische Reize durch Erholungssuchende und Flugzeuge

 

TIERART

Ringelgans (Branta bernicla bernicla)

 

ART DER BEEINFLUSSUNG/AUSWIRKUNG

Störungen (S. 14)

Die Reaktionen der Gänse (Aufmerken oder Auffliegen) lassen sich auf folgende Ursachen zurückführen:

Westerhever Norderheverkoog Hallig S.

Flugbetrieb 37 % 48 % 45 %

Freizeitaktivitäten 47 % 19 % 25 %

natürl. Störungen* 15 % 33 % 30 %

*Bei den natürlichen Reizen handelt es sich um andere Vögel (Greifvögel, Möwen, Graureiher).

mittlere Anzahl spontaner und störreizbedingter Reaktionen (pro Tag und pro Stunde) (S. 14):

 

Spontane Reaktionen/Tag

Westerhever Norderheverkoog Hallig Süderoog

12,4 ± 6,0 11,3 ± 5,6 5,6 ± 3,5

 

störreizbedingte Reaktionen/Tag

Westerhever Norderheverkoog Hallig Süderoog

9,3 ± 3,6 4,5 ± 4,5 5,5 ± 2,6

 

störreizbedingte Reaktionen/h (A)

Westerhever Norderheverkoog Hallig Süderoog

0,7 ± 0,3 0,3 ± 0,3 0,4 ± 0,2

 

störreizbedingte Reaktionen/h (B)

Westerhever Norderheverkoog Hallig Süderoog

1,5 ± 0,7 1,0 ± 0,6 0,7 ± 0,3

A = Reaktion des Gänsetrupps, Ursache eindeutig erkennbar

B = Reaktion von mehr als 50 % des Trupps, Ursache nicht eindeutig

 

Aktivitätsmuster (S. 15)

An einzelnen Beobachtungstagen wurden in den jeweiligen Gebieten große Gemeinsamkeiten im Tagesrhythmus der Aktivitäten verzeichnet: Die Aktivität der Gänse in Westerhever als auch im Norderheverkoog begann mit Dämmerungsbeginn und endete mit dem Abflug bei Sonnenuntergang. Die Nahrungssuche nahm die größten Teil des Tages in Anspruch.

Beim Vergleich der Gebiete untereinander tauchten allerdings erhebliche Unterschiede auf:

In Westerhever waren die Anteile der einzelnen Aktivitäten regelmäßig über den Tag verteilt, die Nahrungssuche beanspruchte den größten Teil des Tages. Es konnten nur geringe tageszeitliche Schwankungen verzeichnet werden. Vor Sonnenuntergang nahm die Nahrungssuche stark zu. Rasten, Putzen und Sichern waren relativ regelmäßig über den Tag verteilt, Schwimmen nahm nur einen sehr geringen Teil des Tages in Anspruch.

Vor dem Norderheverkoog waren die einzelnen Aktivitätsanteile ungleichmäßiger über den Tag verteilt: an das morgendliche Aktivitätshoch schloß sich eine inaktive Phase an. Die Nahrungssuche stieg ab dem späten Vormittag wieder an. Die Aktivitäten Putzen und Sichern wiesen keine Unterschiede zu Westerhever auf, die Gänse rasteten und schwammen aber wesentlich häufiger.

Das Aktivitätsmuster der Ringelgänse auf Hallig Süderoog ähnelte dem der Gänse vor dem Norderheverkoog. Die Nahrungssuche nahm auch hier den größten Teil des Tages in Anspruch (Anteil an der Nahrungssuche höher als in Westerhever), fand allerdings ausschließlich auf der Salzwiese statt. An das morgendlichen Aktivitätshoch schloß sich eine inaktivere Phase an. Der Anteil der Nahrungssuche stieg ab Tagesmitte wieder auf das morgendliche Niveau an und blieb bis zum Abend konstant. Der Anteil der anderen Aktivitäten ist mit den Verhältnissen in Westerhever vergleichbar.

Die Unterschiede der relativen Aktivitätsmuster lassen vermuten, "dass in den Untersuchungsgebieten unterschiedliche Faktoren die tageszeitliche Aktivitätsverteilung beeinflußten". Daher wurden die Aktivitätsmuster in Relation zu den Gezeiten betrachtet.

 

Westerhever

Fressen - tidenunabhängig; Rasten und Schwimmen - mit Tidenstand korreliert.

 

Norderheverkoog

Fressen (größtenteils auf der Salzwiese) Rasten, Schwimmen (im Watt) - mit Tidenstand korreliert.

 

Hallig Süderoog

Fressen (ausschließlich auf der Salzwiese) und Rasten - mit dem Niedrigwasser korreliert, Schwimmen - tidenunabhängig.

Die Gänse erschienen in den 3 Untersuchungsgebieten zu verschiedenen Zeiten auf der Salzwiese (Westerhever und Hallig Süderoog erschienen sie bei Sonnenaufgang in kleinen Trupps auf der Salzwiese und sammelten sich dort; vor dem Norderheverkoog gab es auch Tage, an denen die Gänse sich nicht sofort auf der Salzwiese niederließen, sondern sich zunächst länger im Watt aufhielten und mit der Flut dann in die vorgelagerten Lahnungsfelder schwammen, um von dort die Salzwiese zu Fuß zu erreichen). Der Abflug verlief in allen 3 Gebieten gleich.