Bundesamt für Naturschutz

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Schnidrig-Petrig, Reinhard; unter Leitung von Ingold, Paul, (1994) Modern icarus in wildlife habitat: effects of paragliding on behaviour, habitat use and body condition of chamois (Rupicapra r. rupicapra)


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter)

 

INHALT

Diese Dissertation untersucht - am Beispiel von vier Gebieten in den Schweizer Alpen- die Auswirkungen des Paragleitens auf Gemsen. Untersuchungsgegenstand sind unmittelbare Reaktion, Raumnutzung und Kondition der Tiere in unterschiedlich intensiv durch Paragleiter genutzten Untersuchungsräumen von verhältnismäßig gleichförmiger Raumstruktur.

Die Studie dokumentiert Veränderungen des Untersuchungsgegenstandes durch die Ausübung des Paragleitens und fordert daher aus Naturschutzsicht eine stärkere Reglementierung und Kontrolle dieser Sportausübung. Für Entscheidungen über konkrete Schutztmaßnahmen stellt die Studie eine Grundlage an Informationen über das Verhältnis zwischen Paragleiten und Wildtieren bereit.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Die Studie zeigt, dass PG auch in intensiv oder regelmäßig beflogenen Gebieten negative Auswirkungen auf unmittelbare Reaktion, Raumnutzung und Kondition von Gemsen zeitigt, da sich diese nicht ausreichend anpassen können.
  • Es werden auch weitreichende Folgen für Population und Ökosystem befürchtet. Daher soll der PG-Sport stärker kontrolliert werden.
  • Stärkere Reaktionen bei Über- als bei Passierflügen wurden mit der besseren Sichtbarkeit der PG vor dem Himmel erklärt.
  • Gemsen scheinen den Menschen am PG wahrnehmen zu können.
  • Starke Fluchtreaktionen werden von Faktoren ausgelöst, die sich oberhalb der Tiere befinden. Die Gründe hierfür sind noch nicht hinreichend geklärt.
  • Starke Fluchtreaktionen werden von bodennahen, plötzlich auftauchenden oder länger an einem Ort kreisenden PG oder durch plötzliche, laute Geräusche von Flugobjekten (z. B. Heißluftballonbrenner) ausgelöst.
  • Lernvorgänge (Habituation), Unterschiede in der Sensibilität bzw. Scheuheit der Individuen (z. B. ausgelöst durch Bejagung) oder Migrationsphänomene scheuerer Tiere können mögliche Ursachen für unterschiedliches Fluchtverhalten in den verschiedenen Gebieten sein. Dies konnte aber abschließend noch nicht festgestellt werden.
  • Die Zunahme von Streckenflügen wird wegen ihrer möglichen negativen Auswirkungen auf die Raumnutzung der Gemsen kritisch beurteilt.

Habituations-, Anpassungsvorgänge:

  • Fluchtreaktionen in den Wald sind arttypische Anpassungen an Bedrohungen aus der Luft, Bedrohungen am Boden haben Fluchtreaktionen in unwegsame Felsregionen zur Folge, Nähe zu Wald beruhigt die Tiere.
  • Die Möglichkeit, sich nähernde PG frühzeitig wahrzunehmen und in Sicherheit zu beobachten, sind günstige Voraussetzungen für etwaige Habituationsvorgänge.
  • Es ist möglich, dass die Tiere in Kandersteg gelernt haben vom Betrieb auf der "Normalroute" auf nachfolgende "Off-Route-Flüge" zu schließen und um diese zu vermeiden, schon prophylaktisch in den Wald flohen.
  • Die Möglichkeit einer Kompensation bei der Nahrungsaufnahme durch Nachtaktivität wird nicht ausgeschlossen.
  • Kompensationsvorgänge müssen nicht unbedingt erfolgreiche Anpassung bedeuten.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 129) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Berner Alpen, Schweiz

Gebiete: Kandersteg 550 ha (intensiv beflogen), Niesen 400 ha (regelmäßig, aber weniger intensiv beflogen), Augstmatthorn 500 ha (sporadisch beflogen), Doldenhorn (noch keine Befliegungen beobachtet).

Alle Untersuchungsgebiete waren durch alpine Weiden (Ausnahme Doldenhorn), Geröllhalden und Felsen (oberhalb der Baumzone in 1300-2800 m Höhe) sowie Fichten- und Weißtannenbestände geprägt;

Wander-, Verkehrs- und Siedlungsinfrastruktur befanden sich in der Nähe.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

unmittelbare Reaktionen: Zufallsbeobachtungen und Versuchsanordnungen mit abgesprochenen PG-Flügen;

Kondition (in Kandersteg): Körpergröße, Körpergewicht und Hornlänge vor und nach dem Aufkommen des PG-Sports (1985) werden verglichen; zusätzlich Metatarsus-Länge und Fettreserven;

Höhe und Position der Paragleiter wurden mit Hilfe eines Inclinometers bestimmt; 40 Individuen wurden markiert;

Untersuchungszeitraum: Juni-Oktober 1990, 1991, 1992 (Voruntersuchungen seit 1989).

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • unmittelbare Reaktion, Raumnutzung, Kondition
  • Flugfrequenz
  • Flughöhe, -art, -route
  • Fluchtort und Entfernung dazu
  • Farbe des Paragleiters (hatte keine Auswirkungen)
  • Gruppengröße (hatte keine Auswirkungen)
  • Jahreszeit

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Zu allen Gebieten sind Raumstrukturen, andere Belastungsfaktoren, Beginn, Frequenz und Ausübungszeiten des Paragleitens und anderer Belastungsfaktoren, Flugrouten und -zeiten, Größe, Zusammensetzung, Raumnutzung und Sozialverhalten der Population sowie andere vorkommender Tiergruppen erfaßt worden.

Bei dem Vergleich konditioneller Parameter sind Daten aus der Zeit vor dem Aufkommen des PG-Sports bekannt.


EINWIRKUNGSDAUER

Schwerpunkt Mai bis Oktober

Flüge zwischen 9.00 und 17.00 Uhr

 

EINWIRKUNGSART

optischer Reiz am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Unterschiedliche Flughöhe, -art, -route, unterschiedlich dicht aufeinanderfolgende PG

 

 

TIERART

Gemsen (Rupicapra rupicapra)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Unmittelbare Reaktion

Weibliche Gemsen reagierten in allen Gebieten stark auf Paragleiter.

Die Reaktion männlicher Tiere war im allgemeinen schwächer und reichte von so gut wie keiner Reaktion bis zu Flucht über weite Strecken.

Beide Geschlechter bevorzugen als Fluchtort bei Flugbetrieb Waldbestände.

 

Sicherungsverhalten:

In allen 54 untersuchten Fällen zeigten weibliche Tiere Sicherungsverhalten;

Die mittlere Sicherungsdistanz betrug 530 m in intensiv, 460 m in regelmäßig, und 780 m in sporadisch beflogenem Gebiet; die maximale Sicherungsdistanz betrug 1000 m.

Flugroute bzw. die relative Höhe zwischen Paragleiter und Gemse hatte signifikante Auswirkungen auf die Sicherungsdistanz (Gemsen reagieren stärker auf Überflüge als auf Passierflüge).

Flugfrequenz, die Nähe zu Wald, Gruppengröße, Farbe des PG und die relative Höhe und Position der Gemse in Beziehung zur Entfernung zu Wald beeinflussen die Sicherungsdistanz nicht.

 

Fluchtverhalten:

Weibliche Tiere reagieren fast immer mit Flucht (in 47 der 54 Fälle), wobei sich die Fluchtdistanzen innerhalb und zwischen den Untersuchungsgebieten unterschieden.

Die mittlere Fluchtdistanz betrug 450 m in intensiv, 460 m in regelmäßig, und 780 m in sporadisch beflogenem Gebiet. Die maximale Fluchtdistanz betrug 800-900 m.

Flugroute bzw. die relative Höhe zwischen Paragleiter und Gemse, Nähe zu Wald und Flugfrequenz hatten signifikante Auswirkungen auf die Fluchtdistanz.

Die stärksten Fluchtreaktionen erfolgten im sporadisch beflogenen Untersuchungsgebiet, intensiv und regelmäßig beflogene Gebiete unterschieden sich nicht.

Bei allen 3 Flugfrequenzen erfolgten aber starke Fluchtreaktionen, wenn von Wald entfernte Tiere überflogen wurden.

Überflüge und große Entfernung zu Wald erhöhten die Fluchtdistanz (besonders bei Überflügen war die Distanz zu Wald ausschlaggebend).

In allen Fällen, in denen die Tiere nicht reagierten, befanden sie sich in der Nähe von Wald und es handelte sich um einen Passierflug.

Wald wurde Felsen als Fluchtort klar vorgezogen, Fluchtwege dorthin betrugen zwischen 10 und 800 m.

 

Raumnutzung

PG verändert die Raumnutzung und die Verteilung der Tiere im Raum.

 

in intensiv beflogenem Gebiet:

Gemsen in der Nähe von regelmäßigem PG-Betrieb ("Normalroute") zeigten entweder Rückzugsverhalten auf eine Entfernung von 600-800 m und setzten dabei aber ihre normalen Aktivitäten fort, oder sie zogen sich in den Wald zurück.

Örtlich nicht begrenzte, unvorhersehbare PG-Flüge ("Off-Route") vertrieben Gemsen von ihren bevorzugten Futtergebieten und ließen sie bis zu 8 Stunden im Wald verharren.

Das Ausweichverhalten stand in zeitlichem Bezug zum Beginn eines intensiven PG-Betriebs auf der Normalroute, vermutlich um prophylaktisch Begegnungen mit Off-Route-Flügen zu vermeiden.  

 

in sporadisch bzw. nicht beflogenem Gebiet:

Schon das Auftauchen eines PG konnte hier die "normale" Raumnutzung der Gemsen (kein Aufenthalt im Wald im Verlauf des Tages) verändern, was ihnen weniger Zeit in den bevorzugten Nahrungsgebieten ließ.

 

Kondition

(in intensiv beflogenem Gebiet in Gegensatz zu nicht beflogenem Kontrollgebiet)

Intensives PG hatte negative Effekte auf die Kondition, aber keine negativen Auswirkungen auf die Körpergröße und die Hornlänge.

Das Körpergewicht weiblicher Tiere hatte seit dem Aufkommen des PG-Sports abgenommen.

Andere Gründe für eine Verschlechterung der Kondition konnten ausgeschlossen werden.

Weibliche Jungtiere waren in Hinblick auf konditionelle Veränderungen, gemessen an der Korrelation von Körpergewicht und Fettreserven, noch empfindlicher.

 

Andere Konsequenzen

Abwanderungserscheinungen schienen im intensiv beflogenen Gebiet aufzutreten.

PG scheint auch weitergehende Auswirkungen auf die Population zu haben (zurückgehendes Verhältnis Mutter-Jungtiere).

Veränderungen von Räuber-Beute-Beziehungen oder interspezifische Konkurrenz als Folge des PG-Sports konnten nicht ausgeschlossen werden, sind aber schwierig zu bewerten.

Es wurde vermutet, daß Kompensationsvorgänge bei der Nahrungsaufnahme im Bergwald zu untolerierbaren Schäden für das Ökosystem führen können.

Unfälle oder Verlust von Föten als Folge von Fluchtreaktionen können sich auf die Population auswirken.