Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Schnidrig-Petrig, Reinhard; Ingold, Paul (1995) Auswirkungen des Gleitschirmfliegens auf Verhalten, Raumnutzung und Kondition von Gemsen Rupicapra rupicapra in den Schweizer Alpen: Übersicht über eine dreijährige Feldstudie


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter)

 

INHALT

Gemsen leben vorwiegend oberhalb der Waldgrenze. Hier sind sie dem Flugbetrieb besonders stark ausgesetzt. Es wird untersucht, wie Gemsen in verschiedenen Gebieten auf Gleitschirme reagieren und wie sich Gleitschirmbetrieb auf die Gebietsnutzung und das Verhalten der Tiere auswirkt.
Unmittelbare Reaktion: Auf welche Distanz reagieren («sichern») und flüchten Gemsen und wohin verziehen sie sich? Inwieweit beeinflussen Faktoren wie Überflughöhe und Standort der Tiere die Reaktions- und Fluchtdistanzen? Bestehen zwischen Gebieten mit unterschiedlich langem Betrieb Unterschiede in der Reaktion?
Gebietsnutzung: Wie verhalten sich die Gemsen in einem Gebiet mit regelmäßigem und intensivem Gleitschirmbetrieb am Morgen gegenüber dem beginnenden Flugbetrieb? Wann verlassen sie die Äsungsgebiete, und inwiefern hängt dies von der Fliegerei ab? Ändert sich die Dauer des Aufenthalts der Gemsen im Wald je nach Gleitschirmbetrieb auf und abseits der am häufigsten beflogenen Gleitwinkelflugroute, der sogenannten Normalroute? Wie wirkt sich das Überfliegen in einem Gebiet aus, wo bisher relativ wenig geflogen wurde? Wo halten sich die Gemsen in einem vergleichbaren Gebiet auf, in dem nicht geflogen wird?

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Gleitschirmflugbetrieb kann dazu führen, dass Gemsen: (1) wichtige Teile ihres Lebensraumes, d.h. die offenen Bereiche oberhalb der Waldgrenze, nur noch stark vermindert oder gar nicht mehr nutzen können; (2) sich vermehrt im Wald aufhalten, wodurch hier die Schalenwilddichte, mit möglichen Auswirkungen auf die Waldverjüngung, erhöht wird; (3) konditionell geschwächt werden. Da die Festlegung einer «minimalen Überflugshöhe» keine taugliche Maßnahme darstellt (sie müsste so groß sein, dass sie kaum einzuhalten wäre), wird empfohlen, für die Tiere wichtige Einstandsgebiete nicht zu überfliegen.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 128) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Kandersteg-Allmenalp, Schweiz, zudem Niesen bei Spiez, Augstmatterhorn, Doldenhorn im Gasterntal

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Falls Gemsen infolge des intensiven Gleitschirmbetriebs immer wieder von ihren optimalen Äsgebieten ferngehalten werden, könnte sich dies auf die körperliche Kondition der Tiere auswirken. Deshalb wurde das Gewicht von Gemsen in Gebieten mit starkem Gleitschirmbetrieb vor und nach dem Einsetzen des Gleitschirmfliegens verglichen. Als Kontrolle wurde derselbe Vergleich in benachbarten Gebieten ohne Flugbetrieb durchgeführt.

Unmittelbare Reaktionen der Gemsen auf Gleitschirme wurden protokolliert (Daten wurden während Testflügen und bei zufälligen Begegnungen erhoben). Die Tiere wurden stets von zwei Plätzen aus beobachtet. Beide Beobachter wählten je eine äsende und wenn möglich kitzführende Geiß als Fokustier aus. Die beiden Fokustiere mussten sich mindestens 500 m voneinander entfernt aufhalten, sodass sie sich nicht gegenseitig in ihrem Verhalten beeinflussen konnten. Die Reaktions- und Fluchtdistanzen wurden aus den Standorten von Beobachtern, Fokustieren und Gleitschirm zum Zeitpunkt der ausgelösten Reaktion oder Flucht und dem Winkel zwischen dem Gleitschirm und der Waagrechten berechnet. Aus dem Gebiet Allmenalp wurden 36 Begegnungen ausgewertet, aus dem Gebiet Niesen 14 und aus dem Gebiet Augstmatthorn 10. Während 23 Ganztagesbeobachtungen (Morgen- bis Abenddämmerung) und 6 Vormittagsbeobachtungen (Morgendämmerung bis 12.00 Uhr MEZ) wurde im Untersuchungsgebiet Kandersteg-Allmenalp alle 15 Minuten der Aufenthaltsort jeder sichtbaren Gemse in einen Plan eingetragen; zusätzlich wurden der Standort, die Startzeit und die Flugroute jedes Gleitschirms sowie stündlich Angaben zum Wetter und die im Schatten gemessene Temperatur festgehalten. Am Augstmatthorn war die Verteilung der Gemsen von verschiedenen Untersuchungen her bekannt. Zusätzlich wurden hier die Standorte der z.T. individuell markierten Gemsen vor und nach dem Erscheinen eines Gleitschirmes aufgenommen. Am Doldenhorn wurde ihre Verteilung an 7 Tagen in 15minütigen Intervallen von der Morgendämmerung bis in den Nachmittag hinein protokolliert.

In sechs Gebieten der Region Kandersteg wurde anhand der Jagdscheine der Jahre 1979 bis 1992 das Gewicht von erlegten Geißjährlingen und adulten Geißen, in zwei während des Sommerhalbjahres stark beflogenen Gebieten (u.a. Allmenalp) sowie in je zwei benachbarten, bisher kaum beflogenen Gebieten, ermittelt. Die Untersuchung wurde auf weibliche Tiere beschränkt, weil diese als sehr standorttreu gelten. Von 1991 bis 1993 wurden allen im Gebiet Allmenalp und den benachbarten Gebietsabschnitten erlegten Gemsen der Mittelfußknochen (Metatarsus) des einen Hinterlaufes sowie beide Nieren samt dem sie umgebenden Körperhöhlenfett zur Bestimmung der konstitutionell bestimmten Körpergröße und zudem noch Herbst-Fettreserven der Tiere entnommen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Flugdistanz; Raumnutzungsänderung; Kondition (Fettreserven im Herbst)

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Verteilung der Gemsen im Raum vor einem Störreiz durch Gleitschirmflieger.


EINWIRKUNGSDAUER

Kandersteg: von Mai bis Oktober bis zu 200 Starts pro Tag.
Niesen: 70 Starts pro Tag.
Augstmatterhorn: sporadische Gleitschirmflieger an ca. jedem 3. sonnigen Tag.
Doldenhorn: keine

 

EINWIRKUNGSART

In allen Gebieten reagierten und flüchteten die Gemsen auf große Distanz.

 

EINWIRKUNGSGRAD

Die Fluchtdistanzen betrugen im Mittel in Kandersteg 450 m, am Niesen 410 m und am Augstmatthorn 780 m. Die Gemsen suchten vorwiegend im Wald Zuflucht. Gemsböcke reagierten insgesamt weniger stark als Geißen, suchten jedoch ebenfalls meist den Wald auf.

 

TIERART

Gemse (Rupicapra rupicapra)

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Unmittelbare Reaktion der Gemsen auf Gleitschirme:

Die Gemsen flüchteten auf größere Distanz, wenn ein Gleitschirm über ihnen auftauchte, als wenn er auf etwa gleicher Höhe an ihnen vorbeiflog. Sie flüchteten auf geringere Distanz, wenn sie sich in Waldnähe aufhielten, als wenn sie sich weit davon entfernt befanden. Hielten sie sich am Waldrand auf und flog der Gleitschirm nicht näher als 150 m an ihnen vorbei, blieben die Gemsen manchmal am Ort.

Die Fluchtdistanzen waren, unter Berücksichtigung der relativen Höhe der Gleitschirme zu den Tieren und deren Abstand zum Wald, auf der Allmenalp und am Niesen kleiner (im Mittel ca. 550m bzw. 480m) als am Augstmatthorn (780 m).

Am Augstmatthorn flüchteten die Gemsgeißen drei Jahre nach Beginn der Untersuchung nach wie vor auf große Distanz und z. T. über weite Strecken in den nächsten Wald.

 

Auswirkungen von Gleitschirmbetrieb auf die Gebietsnutzung von Gemsen:

Der Gleitschirmbetrieb auf der Allmenalp in Kandersteg beeinflusst die Gebietsnutzung der Gemsen stark. Im Bereich der Normalroute verzogen sie sich nach Beginn des Flugbetriebs aus einer Zone näher als etwa 700 m von der Flugroute. Sie verließen die Weidegebiete früher als die Tiere in der daran anschließenden, mehr als 1 km entfernten Geländekammer. Im Bereich der Normalroute suchten sie jeweils Wald auf, weit davon entfernt meistens Felsen. Allerdings flüchteten diese Tiere ebenfalls in den Wald, wenn Gleitschirme abseits der Normalroute dem Hang entlang flogen. Im Einflussbereich des Normalrouten-Flugbetriebs verzogen sich die Gemsen um so früher in den Wald, je intensiver der Betrieb am Morgen war (offenbar hatten sie gemerkt, dass je nach Stärke des Anfangsbetriebs auf der Normalroute auch die ersten Abseitsflüge früher oder später erfolgen). Die Gemsen blieben dann um so länger im Wald, oft bis zu 8 Stunden, je länger der Abseitsbetrieb dauerte.

Am Augstmatthorn verzogen sich die Gemsgeißen-Jungtier-Rudel, manchmal bis zu 100 Tiere umfassend, nach dem Auftauchen eines einzigen Gleitschirms vorwiegend in ein, nur wenige Hektar großes, Waldstück. Nach 3-4 Stunden verließen sie den Wald wiederum, blieben aber in den waldnahen Weiden. An Tagen ohne Gleitschirm waren die Gemsen in Gruppen über den ganzen Hang verteilt; sie nutzten die begehrten Leckstellen, ästen oder ruhten auch über Mittag meistens in den offenen Bereichen.

Am Doldenhorn, wo bisher keine Gleitschirme festgestellt wurden, ästen die Geiß-Jungtier-Rudel an allen Beobachtungstagen in den Weiden oberhalb des Waldes; sie zogen auch an sonnigen, heißen Tagen um die Mittagszeit in die höher gelegenen Felsen, um im Verlauf des Nachmittags in die Weiden zurückzukehren und weiterzuäsen.

 

Auswirkungen von intensivem Gleitschirmbetrieb auf die Kondition von Gemsen

In beiden Gebieten mit Gleitschirmbetrieb wurden nach dem Einsetzen des Flugbetriebes sowohl Geißjährlinge als auch adulte Geißen mit geringerem Körpergewicht erlegt. In den benachbarten Kontrollgebieten ohne Betrieb konnte keine solche Gewichtsabnahme festgestellt werden. Die Allmenalp-Gemsen waren nicht kleiner als jene in den Kontrollgebieten. Die beobachteten Gewichtsabnahmen sind somit sehr wahrscheinlich auf das Gleitschirmfliegen zurückzuführen. Da leichtere Tiere auch weniger Fettreserven haben, verschlechtert intensiver Gleitschirmflugbetrieb offensichtlich die Kondition der Gemsen.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Wo in Gemslebensräumen oberhalb von Schutzwäldern häufig und intensiv mit Gleitschirmen geflogen wird, sollten, zusammen mit Vertretern des Gleitschirmfliegens an die örtlichen Verhältnisse angepasste Nutzungs-Pläne entworfen werden. Die hier zusammenfassend vorgestellte Studie kann als Grundlage hierzu dienen.