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Sell, Michael (1991) Raum-Zeit-Muster überwinternder Entenvögel unter dem Einfluß anthropogener Störfaktoren: Experimente an einem Freizeitstausee im Ruhrgebiet


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Erholung am Gewässer, Wassersport

 

INHALT

Gegenstand dieser empirischen Arbeit ist die Untersuchung über den Einfluß menschlicher Störungen auf das Raum-Zeit-Muster verschiedener Entenarten auf einem Überwinterungsgewässer im Ruhrgebiet. Bestandstrends, Aktivitätsrhythmen sowie die Habitatwahl hinsichtlich der Nahrungs- und Ruhehabitate werden für Schell-, Tafelente, Gänsesäger und Stockente analysiert.

Die Effekte, die durch Spaziergänger hervorgerufen werden, wurden mit einer standardisierten Versuchssituation simuliert und versucht, die gemessenen Fluchtdistanzen zu quantifizieren. Störungen durch Bootsverkehr wurden mit einem Vergleich der Verteilung der Individuen vor Beginn der ersten Störung und 15 Minuten nach Durchfahrt des Bootes erfaßt.

Dabei konnten artspezifische Fluchtdistanzen sowie Dispositionen gegenüber anthropogener Störungen festgestellt werden. Die artspezifischen Reaktionen werden als Konsequenz der Habituation und dem Grad der Spezialisierung auf bestimmte Nahrungshabitate diskutiert.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Variabilität der Fluchtdistanzen

Stock- und Tafelente reduzieren im Laufe des Winters ihre Fluchtdistanz, d.h. sie gewöhnen sich an die Spaziergänger, ein in seiner Wirkung neutraler Reiz für sie. Die beiden empfindlicheren Arten der untersuchten Enten, Schellente und Gänsesäger, kommen einige Monate später zum Überwinterungsgewässer. Da "nicht angenommen werden kann, daß sie während der Herbstmonate (an anderen Gewässern) negativere Erfahrungen mit Spaziergängern sammeln als Tafel- und Stockente, ist der kürzere Habituationszeitraum als Ursache für ihre Störungsempfindlichkeit zu postulieren" (S. 83).

Disposition gegenüber Störungen

Die untersuchten Entenarten befinden sich tagsüber, d.h. zu Zeiten mit potentiellem Freizeitbetrieb in verschiedenen Aktivitätsphasen, "die durch Störungen auch nicht verändert werden. In Verbindung der Aktivitätsmuster mit den Habitatansprüchen, [...] ergibt sich daraus ein bisher wenig beachtetes artspezifisches Kompensationsvermögen für anthropogene Störungen" (S. 83).

Die Disposition gegenüber Störungen ist bei Arten, die obligatorisch tagaktiv sind wesentlich ungünstiger. Die Schellenten bspw. ernähren sich optisch von Tieren des Gewässergrundes, eine Form der Nahrungsaufnahme, die tagsüber stattfindet (gleiches gilt für den fischfressenden Gänsesäger). Hinzu kommt für beide Arten, daß die Nahrungshabitate räumlich konzentriert und nur begrenzt vorhanden sind. Ein Ausweichen auf sekundäre Nahrungshabitate wurde nicht beobachtet und deshalb vermutet, daß günstige Nahrungsplätze bereits besetzt sind. Folglich wird an störungsintensiven Tagen viel Zeit mit Ausweich- und Rückkehrflügen verbracht, was im Winter bei den ohnehin kurzem Hellphasen zur Reduktion der Nahrungsaufnahme führen kann. Die einzige Möglichkeit, daß solche empfindlichen Arten am Gewässer dauerhaft siedeln, besteht in der Reduktion der winterlichen Sportaktivitäten.

 

BEZUG/QUELLE

Staatsbibliothek, Haus 1

Unter den Linden 8

10117 Berlin

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 76) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Kemnader See zwischen Witten und Bochum (125 ha), Westfälische Tieflandsbucht, Nordrhein-Westfalen

Vor acht Jahren künstlich angelegter Ruhrstausee, benachbart liegen die Ölbachteiche (Nachklärteiche eines Klärwerkes), wurde als Freizeitgewässer konzipiert, hat befestigte Ufer (Steinschüttungen), ausgedehnte Scherrasen sowie befestigte Wege in den Uferbereichen, außerdem für Naturschutzzwecke abgesperrte Halbinselbereiche.

Aufgrund seiner günstigen Habitatbedingungen hat er sich für einzelne Arten zu einem wichtigen Überwinterungsgewässer in Nordrhein-Westfalen entwickelt.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Kontinuierliche standardisierte Zählungen (werden seit den Vorarbeiten für den Aufstau des Sees erfaßt) zur mehrjährigen und saisonalen Bestandsdynamik der vorkommenden Wasservögel lagen bereits vor. Erfaßt wurden dabei die Verteilung der einzelnen Artbestände auf einer Rasterkarte sowie der Anteil aktiver bzw. inaktiver Individuen.

Ergänzende Daten zur Aktivität der Vögel mittels Dauerbeobachtungen: während der hellen Tagesstunden, bei mehrstündigen Aktivitätsregistrierungen sowie Protokollierungen der Dämmerungsaktivität. Die tagsüber gewonnenen Daten wurden durch nächtliche Beobachtungen (mit einem Restlichtberstärker) abgesichert.

Nahrungsökologie (Erfassung mit verschiedenen Methoden): Beobachtung nahrungssuchender Vögel, Magenanalysen von Todfunden, Benthosproben (Bodengreifer) sowie Absuchen der Uferbefestigungen nach Makroinvertebraten.

Untersuchung von Fluchtdistanzen und Störeffekten mit standardisierter Versuchssituation: Experimentator bewegt sich entlang der sehr einheitlichen Uferwege des Gewässers und peilt die jeweils nächstliegenden Vögel mit einem optischen Entfernungsmeßgerät an.

Fluchtdistanz: jene Entfernung, bei deren Unterschreiten durch einen sich nähernden Feind ein Tier die Flucht ergreift. Außerdem wurden alle Formen von Rückzugs- oder Warnverhalten als Meide- bzw. Fluchtkriterium gewertet (da bereits vor Auftreten augenscheinlicher Reaktionen bei Vögeln psychologische Streßzustände erreicht werden können).

Weitere Störeinflüsse, Überraschungsmomente für die Vögel sowie Mehrfachmessungen derselben Individuen an einem Tag waren durch möglichst strenge Versuchsbedingungen weitgehend ausgeschlossen.

Störeffekte von Sportbooten wurden durch den Vergleich der Verteilung der Vögel vor und nach den standardisierten Störungssituationen festgestellt, Fluchtdistanzen gegenüber Booten wurden kartographisch ermittelt.

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Bestandstrends
  • Saisonale Dynamik
  • Aktivitätsrhythmen und Habitatwahl der untersuchten Arten

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Bestandstrends

  • in der mehrjährigen als auch in der saisonalen Bestandsdynamik zeigen die 4 untersuchten Arten deutliche Unterschiede. In den 8 ausgewerteten Winterhalbjahren (1978/79 bis 1985/86) sind folgende Unterschiede zu verzeichnen:
  • Schellente: hochsignifikant positive Bestandstrends, Tafelente und Gänsesäger: nur in einzelnen Wintermonaten schwache Zunahmen, Stockente: schwach abnehmende Entwicklung.
  • Vergleich der Monate mit Maximalbeständen (geomtrische Mittel): Schellente (Februar, 21 Exemplare), Tafelente (Dezember, 910 Ex.), Gänsesäger (Februar, 38 Ex.), Stockente (Januar, 304 Ex.). Die maximal festgestellten Tagesbestände lagen erheblich höher: 10 Schellenten, 2300 Tafelenten, 260 Gänsesäger, 550 Stockenten.
  • Relativer Bestandsverlauf im Winterhalbjahr: Stock- und Tafelenten sind von Okt.-März in größeren Beständen vertreten (Maximum um die Jahreswende), Schellente und Gänsesäger besiedeln das Winterquartier erst im Dez. (Maximum im Februar).

Aktivitätsrhythmen

  • Schellenten sind die hellen Tagesstunden fast ohne Unterbrechung aktiv auf Nahrungssuche und suchen ihren Schlafplatz bereits in der frühen Dämmerung auf.
  • Stock- und Tafelente verbringen den Tag vorwiegend mit Ruhen und suchen ihre Nahrungsplätze erst in der Abenddämmerung auf. In den späten Nacht- oder frühen Morgenstunden kehren sie von diesen zurück.
  • Gänsesäger verlassen ihren nächtlichen Ruheplatz in der Morgendämmerung zur Nahrungssuche und kehren im Laufe des Tages an diesen zurück. Danach kann sich ein mehrfacher Wechsel zwischen mehrstündigen Ruhephasen und kurzen Freßaktivitäten bis in die Abenddämmerung anschließen.

Aktivitätsphasenwechsel gehen bei allen Arten mit einem Habitatwechsel einher.

Habitatwahl

Nahrungshabitate:

  • Schellenten tauchen nach Nahrung, allerdings nur an wenigen deutlich begrenzten Stellen des Gewässers, wo sich auf nicht von Schlamm bedeckten Uferschüttungen und kiesigem Bodengrund größere Makroinvertebraten ansiedeln können.
  • Tafelenten tauchen und nutzen das Schlammsediment mit hoher Dichte von Tubificiden und Chironomiden.
  • Gänsesäger ernähren sich hauptsächlich von Fischen, die vorwiegend in Bereichen von Wehren und Buchten vorkommen und daher auch beliebte Fangplätze darstellen.
  • Stockenten gehen in Flachwasserbereichen sowie terrestrischen Habitaten in der Gewässerumgebung auf Nahrungssuche (Äcker, Grünland, Wälder, Brachen).

Ruhehabitate:

  • Schell- und Tafelenten bevorzugen windgeschützte, strömungsarme Wasserflächen.
  • Gänsesäger und Stockenten verlassen meist die Wasserfläche und begeben sich für ihre Ruhephase ein Platz in der Ufervegetation oder auf Kiesbänken.


TIERART

Stockente (Anas platyrhynchos),

Tafelente (Aythya ferina),

Schellente (Bucephala clangula),

Gänsesäger (Mergus merganser)

(wichtig bei der Auswahl der Enten war, daß sie verschiedenen Gattungen angehörten und folglich differenzierte Muster der Einnischung in die Bedingungen des Überwinterungsgewässers zeigen)

 

ART DER BEEINFLUSSUNG/AUSWIRKUNG

Anthropogene Störfaktoren

Spaziergänger

Sowohl Stock- als auch Tafelenten reagieren im Herbst etwa doppelt so empfindlich wie im Spätwinter (Meßdaten von Beginn bis Ende der Überwinterungsphase (Okt./Nov.-Feb./März) von mehreren Winterhalbjahren).

Auswirkungen auf das Raum-Zeit-Muster:

Die Vögel ziehen sich in der Regel von den Spaziergängern schwimmend zurück. Es entstehen bei permanenter Anwesenheit von Spaziergängern auf den Uferwegen uferparallele Zonen, die "entenleer" sind.

Die erhöhte Frequentierung hat Nachteile für den Gänsesäger, der die fischreichen Wehr- und Buchtbereiche bei höherem Spaziergängeraufkommen nicht mehr nutzen kann.

Eine wichtige Rolle spielen hierbei auch die abgesperrten Halbinselbereiche, deren "Störungsschatten" zu den wichtigsten Entenliegeplätze des Sees zählen. Sie sind jedoch zu gering dimensioniert, um die Funktion eines Rückzugsraumes voll erfüllen zu können.

An Tagen mit hoher Spaziergänger-Frequenz tritt eine starke Reduktion der an den übrigen Tagen bevorzugten Tafel- und Stockentenruheplätze ein, ebenso die Einschränkung der Tauchplätze für die Schellente.

 

Wassersport

Gegenüber verschiedenen Sportbooten und Surfern entsprechen die gemessenen Fluchtdistanzen den aus der Literatur bekannten: 150-350 m.

Sportbootbetrieb im Winterhalbjahr sehr eingeschränkt, Surfer nutzen an einigen Tagen illegal die westliche Seehälfte, jedoch ohne Einschränkungen bei extremer Witterungslage für die Vögel. Dagegen stören Trainings- und Wanderbootbetrieb (Ruderboote, Kajaks, Kanadier) die Vögel wesentlich: an Wochenende wird der See meist seiner Länge nach durchfahren und aufgrund der geringen Breite des Gewässers bei gleichzeitig hohen Fluchtdistanzen eine hohe Flächenwirkung erzielt.

Auswirkungen auf das Raum-Zeit-Muster:

Im Gegensatz zur Reaktion auf die Spaziergänger fliegen bei Erscheinen eines Bootes alle Vögel des Gewässers innerhalb weniger Minuten auf (daher ein Herausarbeiten zwischenartlicher Unterschiede in der Fluchtdistanz nicht möglich). Statt dessen Vergleich der Verteilung der Individuen auf dem Gewässer an einem Sonntagmorgen vor Beginn der ersten Störung und 15 Min. nach Durchfahrt des Bootes.

Sc