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Quaisser, Christiane; Hüppop, Ommo (1995) Was stört den Kulturfolger Großtrappe (Otis tarda) in der Kulturlandschaft?


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die Großtrappe gilt - besonders während der Reproduktionsphase - als sehr störungsempfindlich. Über die Wirkung verschiedener menschlicher Aktivitäten ist jedoch wenig bekannt. Im Mittelpunkt dieser Arbeit standen deshalb folgende Fragen: Welche potenziellen Störreize treten während der Brutzeit auf? Wie verändern sich Herzschlagrate und Verhalten brütender Hennen bei Störreizen? Welche Folgerungen lassen sich daraus für den Großtrappenschutz ziehen?

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Veränderung der Herzfrequenz zeigt deutlich eine Reaktion gegenüber Störreizen an. Aufgrund des spezifischen Verhaltens der Großtrappe, sich bei Störungen auf die Tarnfärbung des Gefieders zu verlassen, kommt es selten zu einem störreizbedingten Verlassen des Geleges.

Kommentar: Dies wurde aufgrund des Versuchsaufbaus auch nicht im Rahmen der Studie beobachtet. Dieses Verhalten ist eine Anpassung gegenüber natürlichen Feinden (vgl. Feldhase); Sportaktivitäten dürften nur dann zu einer solch heftigen Reaktion führen, wenn sie unterhalb der Fluchtdistanz der Großtrappe auftreten. Bei einer Annäherung einer Person bis zu einer Distanz von ca. <10 Metern verließ die Großtrappe ihr Gelege nicht.

Hinsichtlich des Großtrappen-Schutzes machen die Autoren folgende Vorschläge: "[...] neue Verkehrswege sollten eher entlang von bestehenden Bahntrassen oder Straßen gebaut werden, neue Gebäude eher in Siedlungen oder an deren Rand, statt dass neue Strukturen errichtet werden und die Landschaft zersiedelt wird. Dies würde gleichzeitig einer weiteren Zerschneidung der Lebensräume entgegenwirken."

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2656) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Großtrappenschongebiet Buckow, Brandenburg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Die Herztöne von zwei brütenden Hennen wurden über eine im Nestboden eingearbeitete Mikrophon-Stethoskop-Einheit erfasst und auf einem Stereo-Tonband gespeichert. Parallel hierzu wurde auf die zweite Spur ein Verhaltens- und Ereignisprotokoll gesprochen. Daneben wurden Luft- und Eitemperaturen alle 10 sec. mit einem Datalogger aufgezeichnet. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich 1993 über 13, 1994 über 6 Tage. In einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 5 Stunden pro Tag konnten 23 bzw. 27 Stunden Herztöne aufgezeichnet werden. Hiervon wurden etwa 9 Stunden ausgewertet.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Die Herzfrequenz wird durch Erregung und Energieumsatz beeinflusst. Von einer Ruhe-Herzfrequenz wurde daher nur dann ausgegangen, wenn das Tier mindestens eine halbe Stunde ungestört das Gelege bebrütete. Grundwerte der Ruhe-Herzfrequenz bildeten die Mittelwerte über eine jeweils zweiminütige Spanne. Als Reize wurden alle erfassbaren Umweltereignisse gewertet. Zusätzlich erfolgten 1993 neun Personenannäherungen unter definierten Bedingungen. Zur Bewertung der Herzfrequenz-Reaktion auf einen Reiz wurde von einem definierten Mittelwert der Herzfrequenz bei ungestörtem Verhalten ausgegangen. Störreize wirken dann, wenn in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang zum Reiz der Mittelwert über- bzw. unterschritten wurde.

Es kam sowohl bei landwirtschaftlichen Aktivitäten als auch bei Zügen und Flugzeugen zu deutlichen Veränderungen der Herzfrequenz (siehe Bemerkungen). Hier werden nur diejenigen dargestellt, die sich auf Personen (Wanderer, Spaziergänger) beziehen.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Ausgangslage


EINWIRKUNGSDAUER

Häufigkeit und Dauer sehr unterschiedlich, teilweise saisonal

 

EINWIRKUNGSART

Landwirtschaft (Wiesenmahd)

Flugzeuge

Züge

Personen

Artgenossen

andere Vogelarten

 

TIERART

Großtrappe

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Die Ruheherzfrequenz beträgt im Durchschnitt 71 Schläge je Minute (50-84; n= 64).

Eine Temperaturabhängigkeit der Herzfrequenz war nicht festzustellen.

Nach Brutunterbrechungen sank die Herzfrequenz nach 3-11,5 min (n=4) von einem bis um etwa 100 % erhöhten Wert wieder auf Ruheniveau ab. (Aufgrund des großen Körpergewichtes der Großtrappe ist zur Wiedererwärmung des Geleges nur ein relativ geringer Energieaufwand notwendig).

Annäherung von Personen führte zu einer Erhöhung der Herzfrequenz um bis auf das 5-fache, wobei im Regelfall eine Verdopplung eintrat. Häufig traten nach der Erhöhung eine Absenkung der Herzfrequenz um etwa 1/3 des Ausgangswertes auf. Verblieb die Person in nächster Nähe (10 m), blieb auch die Herzfrequenz auf einem niedrigeren Niveau (etwa 20 min auf 95 % des Ausgangswertes), näherte sie sich weiter an, sank die Herzfrequenz stetig ab und erreichte ein Minimum unter der Hälfte des Ausgangswertes (Absenkung um 58 %). Verbunden mit diesen Dezelerationen waren Drückreaktionen des Vogels.

 

BEMERKUNGEN

Landwirtschaft: Dieser Komplex besaß den größten zeitlichen Anteil an den Reizen (48 bzw. 82 %). Traktoren, Lastkraftwagen, Mähwerke und Heuwender riefen vor allem bei Henne 2 starke Herzfrequenz-Veränderungen hervor. Dies gilt besonders für plötzlich auftretende Reize oder Reizveränderungen (z. B. Anlassen eines Motors). Die Reaktionen waren z. T. deutlich reizspezifisch. An einem Beispiel wird demonstriert, wie sich der Herzfrequenz-Verlauf bei der mehrfachen Passage eines Mähwerkes und eines Heuwenders bei Henne 2 verändert. Auf das Mähwerk reagierte die Henne stets mit starken Akzelerationen (maximal auf das 9fache des Ausgangswertes, d. h. von 58 auf 509 Schläge je Minute). Dagegen beantwortete sie eine Passage des Heuwenders immer mit Dezelerationen (maximal um 40 % von 70 auf 42 Schläge je Minute bei der ersten Passage). Diese Reaktionsweise traf auch dann zu, wenn beide Fahrzeuge in einem sehr geringen zeitlichen Abstand auftraten. Eine mögliche Ursache dafür könnte die unterschiedliche Entfernung beider Fahrzeuge sein, die unterschiedliche Klangfarbe (Mähwerk deutlich dumpfer als Heuwender) oder auch die schlechte Erfahrung des Tieres mit dem Mähwerk. Ihr Gelege wurde während der Mahd gefunden.

 

Züge und Flugzeuge: Im Untersuchungszeitraum durchquerten durchschnittlich 66 Züge pro Tag das Gebiet auf der 1,5 km entfernten Eisenbahntrasse und überflogen im Mittel täglich 18 Sport-Propellerflugzeuge und 8 Düsenflugzeuge das Gehege. Sie führten jedoch nur selten und nur zu geringen Herzfrequenz-Reaktionen: Von den 6 ausgewerteten Zugpassagen (3 für jede Henne) bewirkte nur eine bei Henne 1 eine Herzfrequenz-Erhöhung um 18 %, gefolgt von einer Erniedrigung von 27 %, und ebenso eine bei Henne 2 kurze Absenkung um 26 %. Ähnlich schwache Reaktionen ergaben sich für Flugzeuge. Sie wurden meist mit schräggehaltenem Kopf beobachtet und aufmerksam verfolgt. Ausgewertet wurden je 6 Sport-Propellerflugzeug- und Düsenflugzeug-Überflüge: Henne 1 reagierte auf ein Propellerflugzeug mit einer Akzeleration um 15 % und anschließender Dezeleration um 19 %. Henne 2 senkte bei einem Düsenflugzeug die Herzschlagrate um 29 % ab und erhöhte sie anschließend um ebenfalls 29 %.

Die Herzschlagraten-Erhöhung findet ihre Entsprechung auch in anderen Studien. Die Dezelerationen sind meist mit Drückreaktionen verbunden. Drücken ist von Arten bekannt, deren Gefieder einen guten Tarneffekt bieten. Brütende Großtrappen flüchten vor allem gegen Ende der Bebrütung erst im Abstand von wenigen Metern. Häufig geben sie danach das Gelege auf. Deshalb sollten vor allem während der Brutzeit alle Personen von bekannten Brutplätzen im Schongebiet ferngehalten werden.

Wie andere Tiere auch sind Trappen andererseits wahrscheinlich in der Lage, sich an unnatürliche Reize zu gewöhnen, wie die Beispiele der Züge und Flugzeuge zeigen. Während bereits Heinroth & Heinroth (1928) eine Gewöhnung an Züge beschreiben, sind die Ergebnisse hinsichtlich der Flugzeuge überraschend. Drastische Reaktionen auf Flugzeugüberflüge sind vielerorts ein großes Problem für Großtrappen, z. B. in den Beiziger Landschaftswiesen (Brandenburg, Dopichay 1993) oder auch in Polen, wo brütende Hennen durch niedrig fliegende Agrarflugzeuge mitunter sogar von ihren Nestern gescheucht wurden (Bereszynski 1979). Im in dieser Studie untersuchten Fall führten höchstwahrscheinlich folgende Dinge zu einem abweichenden Verhalten: Sowohl Sport- als auch Düsenflugzeuge überflogen das Gebiet in großer Höhe und meist geradlinig. Verbunden damit war, ähnlich wie bei den Zügen, ein langsames An- und Abschwellen des Geräuschpegels.