Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Roeckl, Caroline (1993) Raumnutzung und Verhalten von Gemsen (Rupicapra rupicapra) in einem von Gleitschirmfliegern und Wanderern genutzten Gebiet


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die Arbeit untersucht am Beispiel eines Flugberges im Bereich der Allgäuer Hochalpen, ob und wie Wanderer und Gleitschirmflieger die Raumnutzung von Gemsen beeinflussen.

Außerdem soll die Nutzung des Gebiets durch die Gemsen sowie die Strukturmerkmale der genutzten Gebiete während der 3 untersuchten Jahreszeiten (Herbst, Winter, Frühjahr) dokumentiert werden.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Gemsen meiden Gebiete mit Wanderbetrieb zu bestimmten Tageszeiten (tagsüber während des Wanderbetriebs) und zu bestimmten Jahreszeiten (besonders im Frühling während der Setzzeit) (S. 51).

Gleitschirmbetrieb beeinträchtigt die Raumnutzung der Gemsen nicht (S. 32/51).

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 127) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Nördliche Kalkalpen; Allgäuer Hochalpen, Bayern

Das Untersuchungsgebiet am Berg Nebelhorn im Ostallgäu, einem stark touristisch genutztem Gebiet, umfaßt ca. 1200 ha und wird besonders im Sommer intensiv von Wanderern und seit 1987 auch von Gleitschirmflieger genutzt, im Winter findet Skibetrieb statt (S. 6ff.).

Das Untersuchungsgebiet weist in den tieferen Lagen Waldbestände auf, die Höhenlagen sind von offenen Bereichen geprägt, die mit Latschengebüsch durchsetzt sind (S. 6).

Flächenanteil der Raumstrukturen: Grünfläche/Latsche/Fels 27,9 %, Grünfläche/Latsche 13,9 %, Grünfläche/Fels 23,7 %, Grünfläche 9,1 %, Fels 9,8 %, Fels/Latsche 9,8 %, Latsche/Wald 4,9 % (S. 42).

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Die Beobachtungen wurden an 125 Tagen (davon 65 Flugtage) von Mitte September 1992 bis Ende Mai 1993 durchgeführt (S. 7).

Verteilung und Aktivitäten der Gemsen sowie die Position bzw. Flugroute von Wanderern und Gleitschirmfliegern wurden von mehreren Beobachtungspunkten aus dokumentiert (S. 7ff.).

Darüber hinaus wurde Hangneigung, Hangrichtung und Gebietsstruktur (Unterscheidung von Grünfläche, Latschen, Fels und Weg) der von den Gemsen bevorzugten Gebiete ausgewertet (S. 10).

Der Untersuchungszeitraum wurde in Herbst (Mitte September bis Ende November), Winter (Anfang Dezember bis Mitte April) und Frühling (Mitte April bis Ende Mai) eingeteilt, der Sommer als flugintensivste Zeit wurde nicht untersucht (S. 7/21).

 

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • mit und ohne Wanderbetrieb
  • vor und nach dem Wanderbetrieb
  • Frequenz des Flugbetriebs (bis 1,5 Flieger pro Tag wenig Flugbetrieb (FB.), 1,5 bis 3 Flieger pro Tag mittlerer FB., über 3 Flieger pro Tag hoher FB.)
  • vor und während des Flugbetriebs im Winter
  • Flugroute/Art des Eintreffens

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Tagesrhythmus und Aktivitätsbudget der Gemsen

  • Die Gemsen waren im Frühjahr und Herbst besonders in den Morgen- und Abendstunden aktiv, in den Mittagsstunden war die Aktivitätsspitze etwas geringer. Im Winter ruhten die Gemsen in den Morgenstunden und wurden erst bei steigenden Temperaturen aktiv (S. 35).
  • Die Tiere wiesen im Winter eine erhöhte Bewegungsaktivität auf, die Äszeiten waren im Winter und Frühjahr geringer als im Herbst (Verfügbarkeit und Qualität von Nahrung werden als Grund angenommen) (S. 35ff.).

Strukturmerkmale der von den Gemsen bevorzugten Gebieten

  • Die Hangrichtung war im Frühjahr und Herbst nicht entscheidend für die Raumwahl der Gemsen, im Winter wurden sonnige Hänge bevorzugt (S. 39).
  • Mittel und wenig steile Hänge wurden im Winter signifikant weniger genutzt, da dort der Schnee länger liegenblieb (S. 41).
  • Die Raumnutzung zeigte aufgrund der Nahrungs-, Sicherheits- und klimatischen Bedingungen sowie der Schneelage einen ausgeprägten Jahresgang. Im Herbst wurden reichstrukturierte, kleinräumige Gebiete bevorzugt, Latschen und Fels fast nie; im Winter wurden zusätzlich verstärkt Bereiche mit hohem Latschen- und Felsanteil genutzt; im Frühjahr wurden offene alpine Rasen mit Latschen und Felsanteil bevorzugt. Im Winter verringerte sich außerdem der Anteil der intensiv genutzten Flächen, während sich die extensiv genutzte Fläche vergrößerte. (S. 42ff.).

Rudelgröße

  • Im Winter gingen die Rudelgrößen zurück und es traten verstärkt Einzeltiere auf: Größere Rudel waren immer Geiß-Kitz-Rudel. Im Frühjahr kamen zumeist Einzeltiere, Rudel von 2-3 Tieren und Bockrudel vor. Im Herbst waren zumeist Rudel von bis zu 6 Tieren anzutreffen (S. 49ff.).


EINWIRKUNGSDAUER

Wanderbetrieb

Der Wanderbetrieb erfolgte zumeist im Sommer während der Betriebszeiten der Bergbahn.

Tageszeitlicher Schwerpunkt war der Vormittag (ca. 11 Uhr) und besonders der Nachmittag (ca. 14 Uhr) (S. 11/16).

 

Gleitschirmbetrieb

Der Flugbetrieb erfolgte am intensivsten im Sommer (S. 21).

Während der Wintermonate lag die bevorzugte Flugzeit zwischen 12 und 16 Uhr.

 

EINWIRKUNGSART

visueller und akustischer Reiz durch Wanderer am Boden,

optischer Reiz am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Wanderbetrieb

Unterschiedlich dichter Anteil von Wanderwegen (S. 10ff.).

 

Gleitschirmbetrieb

Unterschiedlich häufig auftretende Gleitschirme (S. 22).

Flughöhe wegen der thermischen Bedingungen meist unter 100 m (S. 21).

 

TIERART

Gemsen (Rupicapra rupicapra)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG 

Wanderbetrieb  

Bereiche ohne Weganteil wurden während der Wanderzeit nicht bevorzugt (S. 12).

Im Herbst wurden Gebiete mit Wegeanteil häufiger vor und nach dem Wanderbetrieb genutzt, d.h. die Gemsen wichen dem Wanderbetrieb aus (S. 17).

Die Bereiche mit Wanderwegen wurden im Frühjahr sowohl während der Revision als auch während des Wanderbetriebs häufiger gemieden als im Herbst (S. 18). Dies wurde mit der Schneedecke in den Höhenlage begründet (S. 19).

Die Raumwahl der Gemsen wird zeitlich durch den Wanderbetrieb beeinträchtigt, eine vollständige Aufgabe dieser Bereiche fand aber nicht statt (S. 12/17).

Es wurde vermutet, daß die am Tag stattfindende Verdrängung der Gemsen aus den Äsgebieten durch Wanderer durch Nachtaktivität kompensiert wurde (S. 20).

 

Gleitschirmbetrieb

Die Tiere suchten die Gebiete unabhängig vom Flugbetrieb auf, auch während des Hauptflugbetriebes wurden sie nicht vertrieben (S. 25).

Fluchtreaktionen konnten selbst bei niedrigen Überflugshöhen nur selten beobachtet werden; wenn dann bei überraschendem oder ungewöhnlichen Flugmanövern (S. 25/31).  

 

Weitere Störquellen   

Fluchtreaktionen wurden durch Hubschrauber ausgelöst (S. 33ff.).

Auf Jagdflüge von Steinadlern erfolgte nur Sicherungs- und Ausweichverhalten (S. 34).

Geißen mit Kitzen sind generell störungsempfindlicher (S. 46).

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Da am Nebelhorn kaum Rückzugsmöglichkeiten in ungestörte Bereiche vorhanden sind, können die Untersuchungsergebnisse keinesfalls auf ungestörte Gebiete übertragen werden (S. 33).