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Reinicke, Thomas (1989) Störungsökologische Untersuchungen an rastenden und überwinternden Wasservögeln auf dem Steinhuder Meer im Winter 1988/89


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Kanu, Kajak, Segeln, Surfen

 

INHALT

Die vorliegende Diplomarbeit untersucht den Konflikt zwischen rastenden und überwinternden Wasservögeln und Wassersport am Steinhuder Meer, Niedersachsen, im Winterhalbjahr. Die Bedeutung des Gewässers für Wasservögel einerseits und anthropogene Nutzungen, insbesondere Wassersport, andererseits werden beschrieben. Dabei werden die Auswirkungen von Segeln, Surfen und Paddeln im allgemeinen dargestellt sowie der Einfluß von Jagd und fischereiwirtschaftlicher Nutzung auf Bestand und Verhalten von Wasservögeln ausführlich diskutiert.

Zur quantitativen Erfassung der Störungen werden Häufigkeit und Effektivität der Störwirkung sowie Bestand und Aktivitäten der Wasservögel in Abhängigkeit von Störungen durch Wassersport kartiert.

Der Autor kommt zu dem Schluß, daß wassersportliche Aktivitäten das Steinhuder Meer in seiner Funktion als "Trittstein" für die ziehenden Wasservogelarten entwerten. Abschließend werden Vorschläge zur Verbesserung des Schutzes überwinternder und durchziehender Wasservögel gemacht.

siehe auch Auswertung für das Informationssystem:

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Außerhalb der Segelsaison kam es zu insgesamt 67 Störungen mit einer Vertreibung von 7.991 Individuen der untersuchten 8 Wasservogelarten. Unter Berücksichtigung der nicht untersuchten Arten liegt die Gesamtzahl gestörter Individuen um mindestens 30 % höher.
  • Wenn sich räumliche Schwerpunkte der wassersportlichen Nutzung mit Verbreitungsschwerpunkten der untersuchten Arten decken, kommt es in diesen Gebieten (bspw. Uferbereiche) zu den häufigsten Störungen und höchsten Vertreibungsraten.
  • Störungen entwerten das Steinhuder Meer in seiner Funktion als "Trittstein" für ziehende Wasservögel.
  • Verhinderung der stressfreien Rast für Durchzügler -> Verschlechterung des Ernährungszustandes und damit der Überlebenschancen
  • Wassersportnutzung des Gebietes kann in der derzeitigen Form nicht als ökologisch verträglich gelten.
  • Vorschläge zur Verbesserung des Schutzes überwinternder und durchziehender Wasservögel:
  • Naturschutz: Vergrößerung der wasserseitigen NSG- Flächen, Verbesserung der Grenzmarkierungen und Überwachung der Einhaltung der Befahrungsverbote
  • Wassersport: Sperrung der Gesamtfläche des Steinhuder Meeres für Wassersport im Winter ab spätestens 1.11. bis mindestens 15.3. (Teilsperrungen nicht erfolgversprechend), im gleichen Zeitraum Schließung und Sperrung von Infrastruktureinrichtungen, bspw. Zufahrtswege, und Verbot des Ankerns in Nähe der Grenzen der NSG
  • Informationsarbeit und bewußtseinsbildende Maßnahmen
  • Einstellung der Jagd
  • Maßnahmen zur Verbesserung der Biotopausstattung, bspw. Optimierung des Nahrungsangebotes für einige Arten durch Senkung des Wasserstandes u. a.

BEZUG/QUELLE

Universität Hannover, Institut für Landschaftspflege und Naturschutz, Institutsbibliothek

Herrenhäuser Str. 2

30419 Hannover

Präsenzbibliothek

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 71) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Steinhuder Meer, Weser- Aller- Flachland: Hannoversche Moorgeest, Niedersachsen

Flachsee, als Feuchtgebiet internationaler Bedeutung nach RAMSAR Konvention anerkannt, gesamter Bereich LSG, teilweise als NSG gesichert

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Untersuchungszeitraum Oktober 1988 - Mitte April 1989, 43 Beobachtungstage, 9.00 - max. 17.00 Uhr

zur Quantifizierung der Einwirkung:

Anzahl der Segler, Surfer und Paddler

zur Quantifizierung der Auswirkung:

Kartierung von Häufigkeit und Effektivität der Störwirkung

Bestandserfassung der häufigen Wasservogelarten im Untersuchungsgebiet

Beschreibung der Reaktionen und Aktivitäten der Wasservögel in Abhängigkeit von Störungen durch Wassersport

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

gewertet als Reaktion/Störung:

Auffliegen eines Vogels (Flucht)

zeitgleiches Auffliegen mehrerer Vögel

als Störung nicht gewertet: Reaktionen, die der Flucht vorausgehen

Beendigung der Nahrungssuche, Ruhestellung und Putzen durch Halsrecken, Wegschwimmen, Flügelschlagen, kurzes Auffliegen

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Bestand an Wasservögeln:

Bestand an Wasservögeln 1983-1988 (S. 17, 19)

Bestandszahlen im Winter 1988/89 für die 8 untersuchten Arten:

Monatshöchstwerte S. 661/62

Tageshöchstzahlen:

810 Haubentaucher, 6000 Stockenten, 640 Krickenten, 520 Löffelenten, 147 Reiherenten, 820 Tafelenten, 1375 Gänsesäger, 136 Zwergsäger

 

Räumliche Verteilung der Wasservögel:

neben Störungen abhängig von Nahrungsangebot, Wind, Wassertiefe, Wellengang, Temperatur

 

Temperatur und Niederschlag im Winter 1988/89:

geringe Niederschlagsmengen, überdurchschnittlich hohe Sonnenscheindauer

im gesamten Untersuchungszeitraum nach Monatswerten für die Jahreszeit zu warm und zu trocken

keine Eisbildung

-> Temperatur/Eisbildung keine maßgeblicher Faktor, Nahrungssuche an jeder Stelle des Sees möglich, aber deutlicher Einfluß des Wasserstandes

 

Wind:

bei normalen Windverhältnissen Nutzung der offenen Wasserfläche durch alle Arten, bei Tafel-, Reiher- und Krickente deutliche Bevorzugung der ufernahen Bereiche

 

bei starken Winden:

Enten: starke West- bis Nordwest- Winde: Rückzug eines Teils der Vögel tiefer in die Buchten des Ostufers, Wechsel des größten Teils an das im Windschatten liegende Westufer - umgekehrte Verteilung bei stärkeren Nord- Nordost-Winden

 

Gänsesäger und Haubentaucher: trotz des mit dem Wind verbundenen starken Wellengangs Aufenthalt im Bereich der offenen Wasserflächen

-> Wind maßgeblicher Faktor bei der Wahl des Aufenthaltsortes für Enten, nicht jedoch für fischfressende Arten

 

Nahrung:

Steinhuder Meer für untersuchte Arten nahrungsreiches Gewässer

 

Nahrungssuche:

Enten meist in Ufernähe

Zwergsäger fischen zwar auch auf offener Wasserfläche, bevorzugen jedoch Ufernähe

Gänsesäger und Haubentaucher fischen verstreut auf dem gesamten See

 

Wasservogel- Jagd

Bejagung von Stockente, Bläßralle, Lachmöve mit Schrotschuß von Booten und Ansitzen am Ufer aus

Anlocken der Tiere mit Kunststoffenten und Getreide-Futterstellen


EINWIRKUNGSDAUER

ganzjährig in unterschiedlicher Intensität

 

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beunruhigungen

 

EINWIRKUNGSGRAD

Summe der Tageshöchstwerte:

934 Segler, 95 Surfer, 36 Paddler

monatliche Summen der Tageshöchstwerte:

10/88 11/88 12/88 1/89 2/89 3/89 4/89
Segler 821 2 - - - 19 91
Surfer 66 1 4 3 5 6 10
Paddler 31 2 - 1 1 1 -

zeitliche Verteilung der Einwirkungen

Trotz Fehlens von Eis 4 Monate segelfrei

Seglerfreie Zeit: Anteil an Surfern wochentags und am Wochenende gleich, Aufenthalt der Paddler überwiegend an Wochenenden

zeitliche Streuung der Wassersportaktivitäten, Verminderung der Tage ohne Einwirkung

räumliche Verteilung der Einwirkungen (Abbildungen S. 98-100)

Nutzung der gesamten Wasserfläche, auch der NSG durch Wassersport

Segler: Nutzung von 75 % der Wasserfläche

Surfer: Konzentration am Nordufer, Nutzung weiterer Teilgebiete in unterschiedlicher Intensität

Paddler: Konzentration in Randbereichen, gesamte unbebaute, teilweise naturnahe Uferzone, Paddeln quer über den See nur in 2 Fällen beobachtet

Übertretung der NSG Grenzen:

keine Segler

3 Surfer - alle während der Segelsaison (räumliche Konkurrenz)

11 Paddler - 10 davon außerhalb der Seglersaison (keine räumliche Konkurrenz)

 

1. Häufigkeit der verschiedenen Wasserfahrzeuge und Anzahl der verursachten Störungen:

Störwirkung durch Paddelboote im Vergleich zu Seglern und Surfern am höchsten

nach Vertreibung von Wasservögeln durch Paddler und Surfer selten erneute Störungen, da sich Tiere aus dem Aktionsradius der Sportler zurückziehen und Sportler den Radius nicht laufend erweitern

Boote Störungen bezogen auf Häufigkeit
Anzahl % Anzahl % des jeweiligen Wassersports
Segler 60 50 22 33 37
Surfer 48 41 24 36 50
Paddler 11 9 21 31 191

2. Störungseffektivität

Vertreibungsrate: Anteil vertriebener Vögel am Gesamtbestand:

Haubentaucher Stockente Löffelente Krickente Reiherente Tafelente Gänsesäger Zwergsäger Mittel
Segler 34 % 15 % 25 % - 20 % - 27 % 13 % 22 %
Surfer 25 % 13 % - 25 % - - 51 % - 29 %
Paddler 41 % 63 % 92 % 90 % 100 % 100 % 15 % 51 % 69 %
  • Haubentaucher und Gänsesäger besonders stark durch Segler und Surfer betroffen
  • relativ geringe Raten bei Sägerarten durch Segler darin begründet, daß die Mehrzahl der Tiere erst nach Beendigung der Seglersaison im Gebiet eintrafen
  • Enten besonders durch Paddler gestört
  • -> Paddeln im Winter störungseffektivste Sportart mit 69 % Vertreibungsrate, von der alle Arten betroffen sind

Fluchtwege und Fluchtrichtung

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gänsesäger Verlassen der ursprünglichen Nahrungsreviere in hoher Individuenzahl, Ausweichen in andere Teilbereiche des Gewässers
selten langes Kreises über See, niemals Verlassen des Steinhuder Meers
Landung auf einem ein bis mehrere Kilometer von der Störquelle entfernt liegenden Teilbereich, dort Fortsetzung der Nahrungsaufnahme
Haubentaucher oft Flucht einzelner Individuen und Wiederverteilung über gesamten Seebereich
kein Verlassen des Steinhuder Meeres
-> beiden fischfressenden Arten stand gesamtes Gewässer zum Nahrungserwerb zur Verfügung, damit größte räumliche Flexibilität, jedoch nur, wenn ungestörte Fluchträume verbleiben, d. h. Störungen (Wassersport u. a.) nicht über den ganzen See verteilt sind und die Wasserfläche nicht vereist ist.
Enten nach Vertreibung aus einem Uferbereich meist Aufsuchen des nächsten Uferbereichs in gleicher Zone
vor erneutem Niedergehen meist minutenlange, unruhige Flüge über weite Strecken der betreffenden Seeseite
bei wiederholter Störung Verlassen der Bereichs, oft > 5 km weite Flüge
mitunter Wechsel vom Gewässer in vernäßte Flächen westlich des Sees
Stockente in der Regel die störungstoleranteste Entenart
kehrte als erste Art ins Gebiet zurück
-> für Entenarten (außer Stockente) weniger gute Ausweichmöglichkeiten in andere Nahrungsgebiete, auf Bodenfauna und Unterwasservegetation angewiesen.

Nebenbeobachtungen

  • Vertreibung der Wasservögel in Zeiten mit viel Segleraufkommen:
  • Segler vertreiben einen Großteil der Wasservögel, so daß nachfolgende Boote als Nichtstörer erscheinen, betrifft insbesondere Paddler und Surfer, erscheinen morgens nach den Seglern am See
  • Begründung für störendes Verhalten laut Befragung einiger Sportler
  • fehlende Wahrnehmung der durch sie verursachten Störungen
  • Unkenntnis ökologischer Zusammenhänge des genutzten Naturraums, der Bedeutung für Wasservögel und der Folgen, der durch Wassersport verursachten Störungen
  • Unkenntnis seitens der Sportler hinsichtlich Existenz der NSG und entsprechender Regelungen
  • Fehlen der gewässerseitigen Begrenzung der NSG im Winter (Bojenkette)
  • nur selten Gleichgültigkeit gegenüber den Ansprüchen der Wasservögel