Bundesamt für Naturschutz

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Obergföll, Franz-Josef; Bock, Achim; Kindermann, Wulf (1987) Der Konflikt zwischen Sport und Naturschutz: dargestellt am Beispiel von Grasskirennen auf dem Halbtrockenrasen unter der Burg Teck, Landkreis Esslingen


Die Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Pistenskilauf (Ski Alpin)

 

INHALT

Am Beispiel des untersuchten Halbtrockenrasens "Weide unter der Teck" wird der Zielkonflikt zwischen Sport und Umwelt- bzw. Naturschutz aufgezeigt.

Die direkten Effekte des Grasskilaufens ähneln denen von Trittbelastungen: Quetschungen, die die Austrocknung der Pflanzen fördern, Verringerung des Gesamtdeckungsgrads und der Assimilationsfläche sowie eine negative Beeinflussung der Blühwilligkeit. Auf Standorten, die durch Freizeitaktivitäten beansprucht werden, überleben nur angepasste Arten, deren Unempfindlichkeit gegenüber den Belastungsfaktoren auf ihrer geringen Größe, der Gewebeelastizität, dem Wachstum im apikalen sowie interkalaren Meristem (eingeschobene Wachstumszonen), mehreren Reproduktionsmöglichkeiten, bodennahen Verzweigungen oder der schnellen Regenerationsfähigkeit oberirdischer Organe beruht.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Untersuchungen in den Jahren 1984 und 1985 haben infolge der Grasskirennen einen deutlichen Rückgang der charakteristischen Halbtrockenrasen-Arten Asperula cynanchia (Hügel-Meister), Scabiosa columbaria (Tauben-Skabiose), Linum catharticum (Purgier-Lein) und Carlina acaulis (Silberdistel) ergeben. Damit verbunden war ein Rückgang der Gesamtartenzahl, des Kräuteranteils und des Gesamtdeckungsgrades. Demgegenüber konnten sich Belastungszeiger, allen voran Lolium perenne (Deutsches Weidelgras), ausbreiten. Alle Arten zeigten verminderte Wuchshöhen und eingeschränkte Blühwilligkeit.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2651) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Halbtrockenrasen an einem Hang zwischen der Burg Teck und der Gemeinde Owen, Landkreis Esslingen, Baden-Württemberg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Zur Erfassung der Belastung durch die Grasski-Weltmeisterschaft und zur Schadensdokumentation wurden quer zu den Belastungsgradienten Transekte mit mehreren 1 m² großen Probeflächen angelegt. Mit Hilfe von Transekten lässt sich ein Belastungsgradient anhand der Veränderungen der Vegetation räumlich und zeitlich - durch Anwendung einer exakt reagierenden 18-teiligen Deckungsskala - erfassen. Die Vegetation und die Grasskirennen-spezifischen Belastungen / Schäden wurden 1984 und 1985 dokumentiert. In Vegetationstabellen werden für dieselben Probeflächen Vegetationsaufnahmen vor und nach den Rennen gegenübergestellt.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Da ein Pflanzenbestand strukturell durch seine Wuchsform charakterisiert ist, wurden die Skalenwerte der Deckung mit Angaben zum Schädigungsgrad der einzelnen Individuen - soweit möglich - ergänzt:
x (= besonders kümmerlich wachsend, sehr stark an den Boden gedrückt),
a (= 5 bis 50 % der Individuen geschädigt aufgrund von Freizeitaktivitäten),
b (= 50 bis 90 % der Individuen geschädigt aufgrund von Freizeitaktivitäten),
c (= über 90 % der Individuen geschädigt aufgrund von Freizeitaktivitäten, auch Totalausfall der Art bzw. Abtrennung der oberirdischen Sprossteile) und
m (= keine Bonitur möglich, i. d. R. abgemäht vor dem Rennen).

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Das Untersuchungsgebiet ist ein Halbtrockenrasen, der bereits vor dem 2. Weltkrieg der Naherholung diente, jedoch seit der Anlage von Straßen und Parkplätzen intensiv von Wanderern, Modellfliegern und v.a. Grasskiläufern genutzt wird.

Die Witterung während der Großveranstaltung 1984 war sehr regnerisch, sodass nur wenige Zuschauer anwesend waren und einige Rennpartien abgesagt wurden. Im Jahr 1985 fand das Internationale Rennen bei schönem Wetter ohne Einschränkungen statt.

 

 


EINWIRKUNGSDAUER

keine Angabe, wahrscheinlich am Wochenende zuzüglich der Trainingstage.

 

EINWIRKUNGSART

Veränderung der Vegetation

 

EINWIRKUNGSGRAD

Schädigung der vegetativen Teile von Pflanzen bis hin zur Schaffung von Rohbodenstandorten durch vollständige Beseitigung der Vegetation.

 

VEGETATIONSEINHEIT

Asperula cynanchia (Hügel-Meister), Scabiosa columbaria (Tauben-Skabiose), Linum catharticum (Purgier-Lein) und Carlina acaulis (Silberdistel)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Transekt im Bereich des Startplatzes:

  • Im Vergleich der Vegetationsaufnahmedaten beider Jahre vor und nach dem Rennen, zeigt sich, dass die direkten Schädigungen der Arten 1984 aufgrund der regnerischen Witterung (Verkleben von Bodenteilen und Pflanzen) deutlich größer waren.
  • In beiden Jahren treten hohe Schäden an Kräutern und insbesondere an generativen Pflanzenorganen auf.
  • Viele 1984 noch vor dem Rennen gefundene Arten sind danach verschwunden und konnten sich auch 1985 nicht erholen.
  • In der Zone besonders hoher Belastung muss sogar das belastungsresistente Deutsche Weidelgras in beiden Jahren Deckungseinbußen hinnehmen.
  • Eine besonders krasse Zunahme vegetationsfreier Flächen ist in Probeflächen mit größeren Besucherzahlen entlang der Piste im Jahr 1985 zu verzeichnen.
  • Auch sind die Rosetten von Plantago media (Mittlerer Wegerich) und die Blätter von Achillea millefolium (Gemeine Schafgarbe) dadurch geschädigt, dass Erde in großen Mengen auf die Organe geschoben wurde.
  • Allerweltsarten wie Medicago lupulina (Gemeiner Hopfenklee) und Trifolium repens (Weißklee) nehmen in einigen Quadraten nach dem Rennen sogar zu. Diese Arten sind in der Lage, schnell neue Triebe zu bilden.
  • Ebenso vergrößert sich der Deckungsgrad einiger "Spätentwickler", die im Herbst ohnehin nochmals austreiben.
  • Typische Arten der Trittrasen wie etwa Poa annua (Einjähriges Rispengras) treten 1985 im Transekt nicht mehr auf.
  • Trotz Auspflockung wurden auch die Bestände der Silberdistel (Carlina acaulis) zerstört.

Transekt quer zur stark beanspruchten Rennstrecke:

  • (1984 konnte, aufgrund geänderter Streckenführung, die Vegetation erst nach dem Rennen aufgenommen werden. Der Startbereich (Quadrat 1-8) wurde im Juli 1985 für das Rennen gemäht.) Auf den Probeflächen 1-8 wächst ein sehr artenarmer, vom Belastungszeiger "Deutsches Weidelgras" weitgehend dominierter Magerrasen mit teils schütterer Vegetation: 8-14 Arten bei einem Anteil der vegetationsfreien Fläche von 30-60 %.
  • Hier ist auch der "Lückenzeiger" Veronica arvensis (Feld-Ehrenpreis) anzutreffen, der für einen intakten Halbtrockenrasen untypisch ist. Ähnliches gilt für die Arten Verbena officinalis (Gemeines Eisenkraut) und Sonchus asper (Rauhe Gänsedistel) (die in hier nicht dargestellten Transekten vertreten waren).
  • Erst am Transektende tritt der typische Kalkmagerrasen wieder in den Vordergrund, wie die Artenzahlen und die mehr oder weniger geschlossene Rasendecke mit ausgeprägter Moosschicht bei gleichzeitig hoher Dominanz der Kräuter belegen.
  • Nach der Weltmeisterschaft bietet sich strukturell ein anderes Erscheinungsbild. Die Pflanzendecke ist über die gesamte Breite des Transekts und darüber hinaus schwer geschädigt.
  • Die vegetationsfreien Bereiche haben zu-, die Artenzahlen abgenommen, die Moose in den Probeflächen 9 und 10 sind verschwunden. Sogar die Horste von Festuca rubra wurden geschädigt; sie werden durch das Rennen regelrecht herauspräpariert. Des weiteren sind die Kalkmagerrasenarten sehr stark geschädigt und weisen nur wenige Arten mit durchweg geringen Individuenzahlen auf. Eine weitere Abnahme ist nach der Weltmeisterschaft nicht zu beobachten.
  • Die Unterschiede zwischen artenreicher Randzone und artenarmer Piste wurden jedoch im Zusammenhang mit dem Renngeschehen (Tritt durch Zuschauer) weitgehend nivelliert und sind optisch nicht mehr feststellbar.