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Pohl, Barbara (1993) Anthropogene Einflüsse auf Aktivität und Raumnutzung bei Ringelgänsen (Branta bernicla bernicla) in Salzwiesen an der Nordseeküste


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Luftsport, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die vorliegende Diplomarbeit entstand im Rahmen des Gesamtprojektes "Ökosystemforschung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer", Teilprojekt "Untersuchung anthropogener Einflüsse auf Ringelgänse".

Im Rahmen der Diplomarbeit wurden auf den Salzwiesen bei Westerhever Freilanduntersuchungen an Ringelgänsen durchgeführt. Hierbei sollte die Frage geklärt werden, wie stark die anthropogene Nutzung im Gebiet das Verhalten und die Raumnutzung der Ringelgänse beeinflussen. Bei den Beobachtungen interessierte nicht nur die unmittelbare Reaktion, sondern auch der zeitliche Verlauf des Verhaltens nach dem Störreiz. In diesem Zusammenhang spielte auch die Raumnutzung der Ringelgänse eine Rolle und welche Faktoren diese beeinflussen (im Hinblick auf die Anforderungen der Vögel an ihr Durchzugsgebiet, Anhaltspunkte für eine Besucherlenkung). Des weiteren wurde im Rahmen dieser Untersuchung die Methode der Aktivitätstelemetrie im Freiland getestet.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Da es oft unmöglich war, die beobachteten Reaktionen einem Störreiz zuzuschreiben, ist die erfaßte Störreizhäufigkeit nur als Richtwert anzusehen. Es wird vermutet, daß die Reizhäufigkeit im Westerhever Vorland noch weit höher als angegeben war (S. 65). Verglichen mit anderen Untersuchungen zählt das Westerhever Vorland zu den stark gestörten Bereichen.
  • Die drei Nutzungsschwerpunkte der Ringelgänse im Westerhever Vorland wiesen folgende Gemeinsamkeiten auf: die Aufenthaltsflächen wurden nie von Personen betreten, die Gebiete hatten nur einen geringen oder keinen Schafbesatz (Zone 1), in nur einer Blickrichtung der Gänse befanden sich Wege und damit Personen, die andere erlaubte eine von Menschen freie Sicht zum Watt (potentielle Ausweichmöglichkeit war damit gegeben) (S. 69).
  • Die Retentionsdauer der Gänse ist bei der Störquelle "Personen" die längste, da Fußgänger bedingt durch ihre langsame Fortbewegungsgeschwindigkeit länger im Gebiet verbleiben und die Gänse noch verstärkt aufmerken, um die Menschen zu beobachten (S. 79).
  • Die Höhe der Fluchtdistanzen der Gänse ist abhängig vom Wetter, der Bewegungsrichtung und des Aufenthaltsorts der Personen sowie von der offensichtlichen Beachtung für die Tiere. Die geringen Fluchtdistanzen kommen dadurch zustande, wenn sich die Ringelgänse vom Menschen unbeobachtet fühlen, d.h. die Menschen ohne Geschwindigkeitsänderung und ohne in die Richtung der Gänse zu blicken an ihnen vorübergehen (S. 79f.).
  • Der verstärkte Anstieg der Freßaktivitäten nach den ersten 20 Minuten nach Eintritt des Störreiz über den Tagesmittelwert hinaus, wird als Kompensation von Energieverlusten interpretiert. Diese kompensatorische Nahrungsaufnahme hat ein verstärktes Abweiden der Salzwiese zur Folge. Durch die touristische Nutzung des Gebietes ziehen sich die Ringelgänse in bestimmten Zeiten in die Randbereiche zurück. Diese Gebiete werden ungleich stärker zum Fressen genutzt.
  • Das zeitweilige Fressen von Süßgräsern auf dem Deich wird auf die begrenzte Nahrungskapazität der Salzwiese zurückgeführt. Ist diese Nahrungskapazität ausgeschöpft, ist ein Ausweichen auf den Deich erforderlich.

BEZUG/QUELLE

Georg-August-Universität

Biologische Fakultät, Institut für Zoologie

Goßlerstr. 10

37073 Göttingen

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 126) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

 

 


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Westküste der Halbinsel Eiderstedt bei Westerhever, Schleswig-Holsteinische Marschen und Inseln, Schleswig-Holstein

Westerhever Vorland (Salzwiesenvegetation), außendeichs gelegen, Nord-Süd-Ausdehnung 3000 m, Ost-West-Ausdehnung zwischen 200 m im Norden und 1250 m im Süden, Fläche der Salzwiese ca. 265 ha. Der südwestliche Randbereich besteht aus einer natürlichen Abbruchkante, der nördliche Randbereich wird von Lahnungsfelder "geschützt". Im südlichen Bereich des Vorlandes befinden sich zwei Warften (4-6 m hoch), auf der einen befindet sich der Westerhever Leuchtturm mit zwei Häusern (für die Öffentlichkeit unzugänglich), bei der anderen Erhebung handelt es sich um den "Schafsberg", auf den früher die Schafe getrieben wurden, wenn "Land unter" drohte (S. 5).

Es gibt eine für den öffentlichen Verkehr gesperrte Fahrspur vom Deich zum Leuchtturm. Am Deichfuß entlang führt ebenfalls ein befestigter Weg.

An das Vorland schließt sich westlich das offene Sandwatt an (S. 5ff.).

Landwirtschaft und Küstenschutz: künstlich angelegtes Entwässerungssystem durchzieht die Salzwiese, intensive Schafbeweidung, 1/3 der Westerhever Fläche wurde Mai 1991 aus der Beweidung genommen, regelmäßige Lahnungs- und Grüppenarbeiten.

Militär- und Freizeitflugverkehr: nahegelegener Flughafen in St. Peter-Ording, Fluggeräte beider Nutzungen fliegen in geringen Höhen über das Nationalparkgebiet.

Tourismus: Leuchtturm als attraktives Ausflugsziel, auch freilaufende Hunde, Mountainbiker, Spaziergänger, die querfeldein liefen/fuhren. Weitere Störquellen: Wattwanderer, die sich nicht an Beschilderungen hielten, Lenkdrachen.

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Datenerhebung vom 1.3.1992 bis 25.5.1992 (Abflug der Ringelgänse).
  • Freilandbeobachtungen, Individualbeobachtungen für die Ermittlung von Aktivitätsbudgets, minimale Beobachtungsdauer 1,5 min., längste Beobachtungsdauer 85 min., Protokollierung der Reize, die zum Auffliegen führten. Ein Großteil der Individualbeobachtungen wurde in störungsarmen Zeiten durchgeführt.
  • Vermessung und Beringung gefangener Gänse, 13 Individuen wurden mit Sendern ausgestattet (geringste nachgewiesene Tragedauer zwischen 6 und 7 Tagen, max. nachgewiesene Tragedauer 161 Tage)
  • Für Aussagen zur Raumnutzung von Ringelgänsen wurden 3 x täglich (morgens, mittags, abends) Anzahl und Position der Ringelgans- und Nonnenganstrupps notiert.
  • Tageszeitliche Nutzung durch Erfassung der Verteilung der Gänse (5-10x am Tag) sowie Anzahl und Position der Touristen und ggf. der Fahrzeuge im Gebiet.
  • Beobachtung von adulten Tieren (soweit Unterscheidung vorgenommen werden konnte).
  • Beobachtung der Verhaltensweisen (9 Verhaltenseinheiten): Trinken, Nahrungsaufnahme, Lokomotion, Aufmerken, Putzen, Interaktion, Schwimmen, Ruhen, Fliegen. (S. 13f.). Protokollbogen mit Uhrzeit, Truppgröße, Ursache des Auffliegens oder Aufmerkens, Anzahl der aufmerkenden Gänse sowie Reaktions- und Retentionszeit. (Reaktionszeit = Beginn der Reaktion bis zum Zeitpunkt, an dem 50 % der Gänse wieder gelandet sind bzw. weiterfressen)

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Abschätzung von Fluchtdistanzen

Raumnutzung der Ringelgänse sowie der Touristen

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Die Salzwiese unterliegt verschiedenen anthropogenen Nutzungen.


EINWIRKUNGSDAUER

Nutzung des Gebietes durch Personen hauptsächlich an Sonn- und Feiertagen in der Zeit von 10-16 Uhr, auch abhängig vom Wetter.

 

EINWIRKUNGSART

Optische und akustische Reize

 

EINWIRKUNGSGRAD

Tagesmaximum an Besuchern (Mittelwert aller Beobachtungen): 55 zeitgleich anwesende Personen (S. 39)

 

 

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Ringelgans (Branta bernicla bernicla) Raumnutzung
Ringelgänse und Nonnengänse nutzten das Westerhever Vorland nicht zum gleichen Zeitpunkt gleich intensiv. Im April konnte eine kurze Übergangsphase in der Gebietsnutzung beobachtet werden, in der verschiedene Art-Trupps nebeneinander fraßen. An sich hielten sich beide Großtrupps jeder Art in zwei relativ weit voneinander entfernt liegenden Teilgebieten auf (S. 35). Ringelgänse erreichten ihr Maximum erst, als die Nonnengänse das Gebiet verlassen hatten (S. 29).