Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Mattes, H.; Meyer, E.I. (2001) Kanusport und Naturschutz - Forschungsbericht über die Auswirkungen des Kanusports an Fließgewässern in NRW Ornithologische Aspekte


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Angeln, Kanu, Kajak, Naturbeobachtung

 

INHALT

Im Rahmen eines zweijährigen interdisziplinären Forschungsprojektes wurde untersucht, ob und inwieweit Beeinträchtigungen durch den Kanusport auf die fließgewässergebundene Vogelfauna entstehen.

Folgende Arbeitshypothesen wurden untersucht:

  • Zeigen Wasservögel, in Abhängigkeit von der Befahrensintensität, unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrern?
  • Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg von wassergebundenen Vogelarten?
  • Unterscheidet sich der Erfolg an den unterschiedlich frequentierten Gewässern?
  • Inwieweit beeinträchtigt der Bootsverkehr die Fütterungsintensität von Eisvögeln und Uferschwalben?
  • Wie reagieren Rast- und Wintervögel auf Kanufahrer?


SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

"Auch in den verschiedenen Flussabschnitten im Untersuchungsgebiet zeigten Haubentaucher eine hohe Plastizität ihrer Verhaltensweisen im Umgang mit Kanus. Während adulte Tiere und Familien zumindest in einigen Abschnitten geringe Fluchttendenzen zeigten und hier der Eindruck einer Gewöhnung entstand, reagierten andere Tiere mit hohen Fluchtdistanzen und heftigeren Reaktionen gegenüber Kanus wesentlich empfindlicher."

"Stockenten können ein großes Maß an Anpassung zeigen und profitieren oftmals von der Nähe zum Menschen. Auf der anderen Seite zeigen andere Individuen auf wenig befahrenen Strecken sehr heftige Reaktionen gegenüber Kanus, so dass in Einzelfällen nachhaltige Beeinträchtigungen vom Kanuverkehr ausgehen können."

"Reiherenten zeigen gegenüber Booten z.T. deutliche und heftig ausgeprägte Reaktionen, vor allem jungeführende Weibchen (verleiten), aber auch Gruppen adulter Tiere (auffliegen). In anderen Fällen sind auch "angepasste" Reaktionen möglich, die mit weniger Risiko behaftet sind. Aufgrund dieser Heterogenität der Verhaltensweisen, auch innerhalb eines Flussabschnittes, ist die Einschätzung einer Tendenz schwer. Bei Befahrung mit Kanus ist immer mit Gefahr einer nachhaltigen Beeinträchtigung (Brutverlust) zu rechnen."

Blesshuhn: Ein hoher Bruterfolg wird durch die hohe Qualität des Brutbiotops, u.a. das Nahrungsangebot, beeinflusst. In stadtnahen Bereichen scheint die Anzahl der Kanufahrer darauf keinen negativen Einfluss zu haben. "In Einzelfällen können Kanuten in wenig frequentierten Gewässern jedoch durchaus einen nachhaltigen Einfluss auf den Bruterfolg einzelner Paare ausüben."

"Teichhühner können einen gewissen Grad an Synanthropie zeigen, bei regelmäßigen Kanufahrten gibt es u. U. einen erhöhten Gelegeverlust, der durch stetige Nach-/Ersatzgelege wieder ausgeglichen wird. Echte Zweitbruten werden dann nicht mehr durchgeführt."

Flussregenpfeifer: "Obwohl einzelne adulte Tiere nur geringe und kurze laufende Ausweichbewegung gegenüber einem Boot zeigen, reagieren brütende Tiere wesentlich empfindlicher, so dass bei einem Brutversuch die Beeinflussung des Bruterfolges durch Kanuten wahrscheinlich wird."

Flussuferläufer: "Zusammenfassend wird deutlich, dass zwar die Altvögel geringe Fluchtdistanzen zeigen, dass aber in Abhängigkeit von der Befahrensintensität und dem Verhalten der Kanuten Brutpaare in der sensiblen Phase der Brutplatzwahl vertrieben werden können und Brutversuche scheitern können."

Eisvögel können kurzzeitige Pausen bei der Passage von Booten zum Einflug in die Brutröhre nutzen und somit durch Kanuverkehr ausgelöste Fütterungslücken kompensieren. "Abhängig ist dieses jedoch möglicherweise von dem Vorhandensein störungsarmer Stillgewässer in der Aue. Trotz eventuell geringer Einflughäufigkeit pro Tag und trotz beobachteter Störwirkungen waren die meisten Brutversuche erfolgreich. Um jedoch detailliertere Angaben machen zu können, sind weitere und eingehendere Untersuchungen zum Bruterfolg, zur Einflughäufigkeit und zur Nutzung von Jagdhabitaten erforderlich. Negative Auswirkungen kann der Kanusport auf die Eisvögel haben a) durch Betreten von Abbrüchen während der Phase der Brutplatzwahl (März-August), b) durch Blockieren der Röhren beim Aussteigen c) bei mehrstündiger Durchfahrt in kurzen zeitlichen Abständen, insbesondere wenn die Eisvögel ausschließlich das Fließgewässer als Jagdhabitat nutzen".

"Uferschwalben zeigen während der Paarbildung und Nestplatzbindung eine hohe Empfindlichkeit gegenüber anthropogenen Einflüssen. Einzelne Kanudurchfahrten während der Fütterungsphase werden aber offensichtlich toleriert, ein längerer Aufenthalt von Booten oder Personen in unmittelbarer Röhrenumgebung jedoch nicht."

Gebirgsstelze: "Reaktionen auf Boote sind zwar deutlich sichtbar, diese beschränken sich jedoch in der Regel auf kurzfristige (und kompensierbare?) Ausweichflüge."

Wasseramsel: "Eine geringe Befahrensintensität hat eher geringe Auswirkungen auf die Wasseramsel-Bestände. Dagegen kann ein hoher Kanubetrieb zu häufigen und weiten Ausweichflügen der Altvögel führen, da Wasseramseln typischerweise an relativ schmalen Gewässern vorkommen, wo seitliches Ausweichen nicht möglich ist. Auf jeden Fall sollten längere Aufenthaltszeiten in der Nähe von Wehren oder Brücken vermieden werden, um Störungen an den potenziellen Brutplätzen so gering wie möglich zu halten."

 

BEZUG/QUELLE

Deutscher Kanu-Verband e. V.

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Eltingmühlenbach, Ems/Rheine, Ems/Münster, Werse/Münster, Lippe/Benninghausen, Lippe/Werne, Lippe/Haltern (Westfälische Bucht), Ruhr/Arnsberg, Ruhr/Echthausen), Wenne (Süderbergland); Nordrhein-Westfalen

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Dokumentierung der Befahrensintensität mit Booten; Brutvogelbestand (12 wassergebundene Arten); Wintervogel- bzw. Rastvogelbestand; experimentelle Kanufahrten; ob eine Steilwand mit Brutröhre passierende Boote einen Einfluss auf die Fütterungsintensität von Eisvögeln haben, wurde mittels zeitparallel geschalteter Lichtschranken ermittelt; Uferschwalben wurden experimentell durch Anwesenheit von Kanus gestört, die Fütterungsfrequenz (bzw. Einflughäufigkeit) wurde gemessen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Verhaltensänderung; Fluchtdistanz; Reaktionsdistanz; Fütterungsfrequenz/Einflugfrequenz in Niströhren

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Im Regelfall Anwesenheit von Individuen, deren Verhalten von einem sich nähernden Boot beeinflusst wird. Eisvogel/Uferschwalbe: Fütterung von Jungvögeln in den Niströhren in Steilabbrüchen am Gewässerrand.

 

 


TIERART

Haubentaucher (Podiceps cristatus)

 

Zeigen Haubentaucher in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

Die Faktoren "Bootsverkehr" und "Befahrensintensität" lassen sich aufgrund einer ausreichend hohen Anzahl von Beobachtungen in den Gebieten Ems/Rheine und Lippe/Werne zeigen: Brütende Tiere auf der Ems/Rheine - bei vergleichsweise hoher Befahrensintensität durch Kanus der örtlichen Vereine - zeigen in sehr großen Anteilen kaum Flucht- oder Ausweichreaktionen, sondern lassen auch bei geringeren Distanzen die Boote passieren. Sie verließen allerdings dann das Nest, wenn sich die Boote nicht gut sichtbar annäherten und somit die Tiere überrascht wurden, wobei die meisten Tiere dann bei nachfolgenden Vorbeifahrten sitzen blieben. Auch Einzeltiere und Familien zeigten zu einem großen Teil Reaktionen, die einem Ausweichverhalten zuzuordnen sind, z. B. Rückzug in die Ufervegetation.

An der nur wenig befahrenen Lippe/Werne zeigten sich die brütenden Tiere empfindlicher gegenüber einem Kanu und verließen häufiger das Nest. Auch die Einzeltiere und Familien tauchten sehr viel häufiger und in größeren Entfernungen vor dem Boot ab, als das im vorherigen Abschnitt der Fall war. Sie versuchten sehr oft eine gleichbleibende Distanz zum sich nähernden Boot zu halten, indem sie immer wieder abtauchten. Handelte es sich um Tiere, die ein Revier besetzt hielten, waren sie in dieser Situation in einem Konflikt. Auf der einen Seite wollten sie eine bestimmte Distanz einhalten, auf der anderen Seite aber das eigene Revier oder - stärker noch - den Brutplatz nicht verlassen. So mussten sie aufgrund der begrenzten Flussbreite vor dem Boot herschwimmen und konnten nicht um das Boot herum schwimmen. Als Alternative blieb nur die Flucht per Abflug übrig. Das ist allerdings für Haubentaucher energetisch ungünstig. Daher wurden die Distanzen bis zu dem Punkt geringer, an dem die Tiere unter dem Boot durchtauchen konnten. Das bedeutete oftmals enormen Stress, da es regelmäßig vorkam, dass die Tiere in unmittelbarer Nähe der Boote wieder auftauchten und dann direkt wieder abtauchen mussten. Bei Familien konnten solche Ereignisse dazu führen, dass die Jungtiere von ihren Eltern getrennt wurden. Dies wurde mehrfach beobachtet."

 

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg? Unterscheidet sich der Erfolg an den unterschiedlich frequentierten Gewässern?

Für den Bruterfolg werden Biotopqualität (Nahrungsangebot, Struktur des Gewässers) und "Qualität" der Eltern als ausschlaggebender Faktor angesehen, während witterungsbedingte Einflüsse keine Bedeutung zu haben scheinen.

An der Ems bei Rheine scheiterten 1998 5 von 8 Brutversuchen; als Verlustursachen werden unbekannte Gründe, Hochwasser und Kanu (einmal) sowie Angeln (zweimal) angegeben (S. 124).

Entlang des 11 Kilometer langen Lippeabschnitts bei Werne brüteten von sechs Haubentaucherpaaren drei, jedoch mit geringem Bruterfolg. Angler und Bauaktivitäten werden als Verlustursachen vermutet (S. 167 f).

 

Wie reagieren Rast- und Wintervögel auf Kanufahren?

Im Gegensatz zu den anderen Wasservogelarten flogen überwinternde Haubentaucher (und Zwergtaucher) nicht aufgrund einer einzelnen Bootsdurchfahrt auf.

 

TIERART

Stockente (Anas platyrhynchos)

 

Zeigen (wilde, nicht domestizierte) Stockenten in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

"Die Reaktionen der Wildvögel auf Kanus waren sehr unterschiedlich. Abhängig vom Grad der Synanthropie (u. a. Parkvogelverhalten) zeigten die Enten nur sehr kurze Ausweichbewegungen (z. B. an der Werse/Münster) oder reagierten sehr heftig, z. B. in Form von Verleiten bei jungeführenden Weibchen an der Lippe/Haltern und Lippe/Werne. Da sich in solchen Situationen Mutter und Jungtiere trennen und die Jungvögel ihr Heil in der Flucht und im "sich verstecken" suchen, und damit für eine Zeit auf sich alleine gestellt sind, stellt eine solche Situation eine große Gefahrenquelle dar."

Lediglich für den Emsabschnitt bei Münster wurde dokumentiert, dass Störungen am Gelege zur Aufgabe des Nestes führen können; im dokumentierten Falle waren dies die untersuchenden Personen. Potenziell können solche Störungen aber auch von Kanuten ausgehen.

 

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg? Unterscheidet sich der Erfolg an den unterschiedlich frequentierten Gewässern?

Stockenten kommen in unterschiedlicher Siedlungsdichte an allen untersuchten Fließgewässerabschnitten vor. Der Brutvogelbestand setzt sich jedoch überwiegend aus domestizierten Individuen mit Parkvogelcharakter zusammen. Diese Individuen wurden nicht näher untersucht.

 

Wie reagieren Rast- und Wintervögel auf Kanufahren?

"Die Beobachtung der flüchtenden Tiere sowie die Zählung der Wasservögel nach der Kanufahrt auf der Lippe/Haltern ergab, dass ein Teil in größerer Entfernung hinter dem Boot auf dem Fluss landete und der andere Teil nach relativ kurzer Zeit auf benachbarten Auengewässern einfiel. Allerdings konnte die Flucht der meisten aufgeflogenen Tiere nicht bis zur Landung verfolgt werden; die Enten könnten das Gebiet auch ganz verlassen haben.

Dagegen hielten sich [...] v. a. Stockenten an der Lippe/Benninghausen längere Zeit in der Luft auf und drehten Schleifen über dem Gewässer. Die Ursache liegt vermutlich an dem Fehlen störungsfreier Stillgewässer in der Aue." Ein sich experimentell nähernder Einer-Kajak führte im Regelfall zum Auffliegen der Stockenten, nur wenige Individuen reagierten "gegen die Fahrtrichtung schwimmend". Die Stockenten zeigten an der Lippe bei Haltern "ein weites Spektrum an Fluchtdistanzen von 10 bis 125 m" (S. 186). "Der Großteil [...] der, bei der Flucht beobachteten, Stockenten landete spätestens nach 2 Minuten, verließ aber die Lippe und landete vornehmlich auf den benachbarten Auengewässern." (S. 187)

Bei der Betrachtung des Fluchtverhaltens ist es erforderlich, die Aktivitätsrhythmen der Wasservögel mit einzubeziehen. Stockenten sind überwiegend nachtaktiv und verbringen den Tag ruhend. Nahrungs- und Ruhebiotope sind räumlich getrennt, bilden aber eine funktionale Einheit. Ruheplätze der Stockenten befinden sich bevorzugt an den Gewässerufern. Der Autor zitiert Untersuchungen an einem Ruhrstausee (Kemnader See), die zeigten, dass fast sämtliche Stockenten nach Störung durch Boote aufflogen und gezielt die ca. 300 m entfernt liegenden Teiche anstrebten und dort nach wenigen Minuten wieder in Ruhehaltung vorzufinden waren. Es erfolgte somit eine Verlagerung von den primären Ruheplätzen zu den Ausweichruheplätzen. Am Abend verließen die Enten die Teiche während ihres Aktivitätsphasenwechsels und fielen wieder auf dem Stausee zur Nahrungssuche ein. Aufgrund der unterschiedlichen Habitatansprüche konstatiert SELL (1991) am Beispiel von Stock- und Tafelente ein artspezifisches Kompensationsvermögen. Die Tafelente mit ihren relativ unspezialisierten Ansprüchen an das Ruhehabitat (freie Wasserfläche) entgeht Störungen durch Boote, indem sie sekundäre Tagesruheplätze aufsucht. Dagegen stellt die Stockente höhere Ansprüche an ihre Ruheplätze (vegetationsreiche Ufer). Stehen nach einem störungsbedingten Aufflug geeignete sekundäre Ruheplätze nicht in großer Anzahl zur Verfügung, streben sie wieder die Primärruhebiotope an.

Dieses Reaktionsschema wurde im Untersuchungsgebiet an der Lippe bei Haltern bestätigt.

 

TIERART

Reiherente (Aythya fuligula)

 

Zeigen Reiherenten in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

"Die Reaktionen gegenüber Kanus waren sehr unterschiedlich, Einzeltiere und Gruppen ließen das Boot nur sehr selten passieren und reagierten in der Regel mit Auffliegen. Eine solche Fluchtreaktion bedeutet den Abbruch vorheriger Verhaltensweisen, z. B. Ruhen, Futtersuche, Balzen, etc. und stellt damit einen relativ starken Eingriff dar. Darüber hinaus zeigten jungeführende Weibchen oftmals sehr heftige Reaktionen, z. B. Verleiten, was mit einem deutlich erhöhten Prädationsrisiko für die Jungvögel verbunden ist. Demgegenüber verhielten sich an der Ems/Rheine einige Familien sehr viel "moderater". Hier zog sich die Familie in die Ufervegetation zurück, sodass das Boot passieren konnte. Eine solche Verhaltensweise ist neben dem geringerem Risiko für die Jungen sehr viel weniger energieaufwendig."

Bei Bootannährung versuchten die Weibchen zu verleiten; dieses Verhalten erfolgte bereits bei einer Distanz von 100-300 m (Ems/Rheine) zum Boot.

Dokumentation eines Beispiels (S. 128; in anderen Fällen waren die Reaktions- und Fluchtdistanzen deutlich größer und teilweise sogar - in Abhängigkeit von der Wahrnehmbarkeit eines Kanus bzw. der potenziellen Reaktionsdistanz durch die Reiherenten - panikartig [S. 172, Lippe/Werne]): "Der Großteil der (an der Ems bei Rheine) angetroffenen Reiherenten-Altvögel reagierte in beiden Jahren mit Auffliegen gegenüber dem Einer-Kajak. Die Fluchtdistanzen beim Auffliegen lagen in einem Bereich vorwiegend zwischen 10-40 m. Eine Reihe von Tieren drehte, nachdem sie vor dem Boot herschwamm, um und passierte das Boot entgegen der Fahrtrichtung in einer Entfernung von 10-25 m. Ein großer Anteil der aufgeflogenen Reiherenten versuchte vorher das Boot, entgegen der Fahrtrichtung schwimmend, an der Uferlinie zu passieren, zog dann aber ein Auffliegen vor. Bei einigen der nahen Vorbeifahrten an Weidengebüschen wurden Reiherenten aus diesen herausgescheucht, sodass sie aufflogen."

Für den untersuchten Emsabschnitt bei Rheine wird dokumentiert, dass von Anglern ausgehende Störeinflüsse zur Aufgabe eines Nestes führten.

 

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg von Reiherenten? Unterscheidet sich der Erfolg an den unterschiedlich frequentierten Gewässern?

Im Untersuchungsgebiet werden die meisten untersuchten Flussabschnitte von Reiherenten besiedelt, wobei jedoch die Anzahl der jungeführenden Weibchen in den beiden Jahren sehr unterschiedlich waren (z. B. Lippe/Benninghausen 1998 drei jungeführende Weibchen, 1999 nur einmalige Beobachtung eines Weibchens).

 

Wie reagieren Rast- und Wintervögel auf Kanufahren?

An der Lippe bei Haltern reagierten sämtliche Individuen gegenüber einem sich experimentell nähernden Kajak mit Auffliegen. Die Fluchtdistanzen lagen schwerpunktmäßig zwischen 50 und 150 m (S. 186). Im Regelfall lag die Fluchtzeit unter 5 Minuten. "Oftmals landeten diese auffliegenden Arten ca. 300-1000 m hinter dem Boot auf der Lippe, aber auch auf den Nebengewässern." (S. 187).

 

TIERART

Blesshuhn (Fulica atra)

 

Zeigen Blesshühner in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

"Brütende Blesshühner auf der Werse in Münster zeigten auf sich annähernde Kajaks zum überwiegenden Teil keine Ortsveränderungen und verließen nur zu einem kleineren Teil das Nest. In wenigen Fällen wurde ein Drohverhalten gezeigt, jedoch ausschließlich in Entfernungen von unter 2 m." (S. 147)

"Blesshuhn-Familien, d.h. jungeführende Altvögel, reagierten zu einem relativ großen Anteil mit einem Ausweichverhalten auf ein sich annäherndes Boot, der größere Teil zeigte keine Ortsveränderungen. Die Reaktionsdistanzen lagen im Bereich zwischen über 2 m und bis 40 m." (S. 147).

Bei experimentellen Fahrten auf der Werse/Münster mit zwei Kajaks reagierten einige Individuen mit einem Ausweichen auf eine Distanz von >10 bis 30 m. Ein Großteil der Tiere reagierte überhaupt nicht und ließ die Boote auch in geringer Entfernung passieren. (S. 148)

"In den beobachteten Reaktionen gegenüber einem Kanu zeigen die Blesshühner in den verschiedenen Untersuchungsabschnitten sehr große Unterschiede. Während vor allem brütende Tiere in den Gebieten mit einer geringen Frequentierung durch Kanus sehr hohe Fluchtdistanzen und starke Fluchtreaktionen zeigen, v. a. Lippe/Werne, reagieren sie in Gebieten mit einem regelmäßigen und dichten Kanuverkehr (stadtnah) nur sehr eingeschränkt und zeigen oftmals ein Ausweichverhalten." [...]

 

TIERART

Teichhuhn (Gallingula chloropus)

Zeigen Teichhühner in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

An der Ems bei Rheine verließen brütende Altvögel bei experimentellen Kanufahrten das Nest bei einer Vorbeifahrt in einer Distanz von 2 Metern nicht. "Einige Einzeltiere reagierten mit Fluglauf zur Ufervegetation, einige zogen sich schwimmend zurück." (S. 131). Auch an der Lippe bei Benninghausen fuhren Boote in geringem Abstand an Nestern vorbei, ohne dass das Nest verlassen wurde. (S. 159)

Die Autoren dokumentieren an der Lippe bei Benninghausen (S. 160 f) "die Zeitspanne ab dem Moment, von dem an das Boot den Nestplatz passierte und das Teichhuhn zum Nest zurückkehrte. Hierbei riefen die Teichhühner oftmals nach ca. einer Minute, dann zeigten sie sich im Nestbereich nach ca. 2,5 Minuten (Mittelwert = 156 sec). Nach gut drei Minuten erreichten sie die Nestplattform (Mittelwert = 193 sec.), um nach knapp 3,5 Minuten wieder zu brüten (Mittelwert = 207 sec.).
Auch Familien mit Jungvögeln zeigten zu einem Großteil überhaupt keine Reaktion oder zogen sich in die Vegetation zurück, bzw. gingen an Land. Nur in wenigen Fällen konnte ein Fluchtverhalten in Form eines Fluglaufes registriert werden. Die beobachteten Reaktionsdistanzen lagen im Bereich zwischen > 5 m und bis 40 m, mit einem Peak zwischen > 10 m bis 30 m.
Bei einzelnen konnten ähnliche Verhaltensweisen wie bei Familien beobachtet werden, jedoch ist der Anteil der Tiere, die sich zurückzogen und/oder an Land gingen, deutlich erhöht und insgesamt größer, als der Teil der Tiere, die scheinbar überhaupt nicht reagierten. Die hier festgestellten Distanzen zeigen ein recht einheitliches Bild. Passieren ließen die Tiere das Boot in Entfernungen bis zu 20 m. Die meisten Reaktionsdistanzen bei den beobachteten Ausweichverhalten lagen im Bereich zwischen 5 bis 40 m, wohingegen in Einzelfällen Tiere auch in Entfernungen bis > 100 m reagierten und ihren Standort verließen."

Ebenfalls an der Ems bei Rheine wird die Aufgabe von Gelegen auf die Anwesenheit von Anglern zurückgeführt. In einem Falle konnten in dem gestörten Bereich zwei Jungvögel beobachtet werden, die wahrscheinlich einem Nachgelege entstammen (S. 131).

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg von Teichhühnern? Unterscheidet sich der Erfolg an den unterschiedlich frequentierten Gewässern?

"Der Brutablauf ist insofern bemerkenswert, als dass eine recht hohe Zahl von Ersatzgelegen gezeitigt wurde. Möglicherweise steht dies in Zusammenhang mit den Vorbeifahrten von Kanus, da die durchschnittliche Zeit bis zum erneuten Aufsuchen des Nestes nach einer Flucht bei gut 2,5 Minuten liegt. In dieser Zeit liegt das Gelege offen und unbewacht dar und kann von potenziellen Beutegreifern entdeckt werden."

 

TIERART

Flussregenpfeifer (Charadrius dubius)

 

Zeigen Flussregenpfeifer in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

"Die Reaktionen gegenüber Kanus sind bei Flussregenpfeifern sehr unterschiedlich. Während einzelne, adulte Tiere kaum Flucht- und höchstens kurze Ausweichreaktionen zeigen, reagieren brütende Tiere eindeutig auf sich nähernde Boote." (S. 163; s. u.)

 

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg von Flussregenpfeifern?

Während sich 1998 an der Ruhr ein Brutpaar aufhielt, der Bruterfolg jedoch fraglich ist, konnte 1999 eine erfolgreiche Brut mit mindestens einem fast flüggen Jungvogel nachgewiesen werden. In der Klostermersch an der Lippe bei Benninghausen bestand 1998 starker Brutverdacht, 1999 kam es zu einem Gelegefund, Jungvögel ließen sich jedoch nicht mehr nachweisen.
"Die Ursachen des Brutverlustes bleiben unklar, zumindest aber geben die mehrstündigen Beobachtungen am 03.07. und 17.07.1999 deutliche Hinweise. So reagierten die brütenden Tiere sehr empfindlich auf (auch ruhig und einzeln) vorbeifahrende Boote und verließen i. d. R. das Nest, wenn das Boot auf gleicher Höhe war. In dieser Zeit blieben die Eier offen liegend zurück, ihr einziger Schutz vor potenziellen Fressfeinden war der hohe Tarnungsgrad." Auf S. 164 wird erläutert, dass bei sieben beobachteten Bootsdurchfahrten die Flussregenpfeifer das Nest in sechs Fällen verließen.

1988 erlitt in der Emsaue bei Rheine ein Paar einen Brutverlust durch das Befahren des Brutplatzes mit PKW, bzw. durch starken Besuch von Anglern. Anschließend hielt sich das Paar häufiger auf einer Sandbank in der Ems auf. "Bei Kanudurchfahrten flogen die Tiere auf." (S. 132).

 

TIERART

Eisvogel (Alcedo atthis)

Zeigen Eisvögel in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten? Inwieweit beeinträchtigt der Bootsverkehr die Fütterungsintensität von Eisvögeln?

Der Autor berichtet von Beobachtungen einer Brut an der Lippe bei Benninghausen, bei der die Nestlinge "auffallend geringe Körpergewichte" aufwiesen (S. 209). Dies wird auf den "verstärkten Freizeitbetrieb in Brutplatznähe" zurückgeführt. Anmerkung des Rezensenten: Geringe Körpergewichte sind im Regelfall auf eine schlechte Kondition der Jungvögel, infolge beispielsweise Parasitenbefall oder unzureichender Ernährung zurückzuführen. Solche Individuen weisen meist eine geringere Fitness auf als ausreichend ernährte Individuen. Sie können deshalb keinen oder nur einen reduzierten Beitrag zum Erhalt der regionalen Eisvogelpopulation leisten.

Im Vergleich mit zwei Studien ist die Fütterungsintensität (Einflughäufigkeit pro Tag) der Eisvögel im Untersuchungsgebiet reduziert. Eine weitere herangezogene Studie ergab jedoch vergleichbare Fütterungsfrequenzen. Somit ist unklar, ob die ermittelte Frequenz auf Störungen zurückzuführen ist oder ob sie innerhalb der normalen Schwankungsbreite der Fütterungsfrequenzen liegt.
Für letztere Annahme gibt es Indizien, da die "Schwankungen der täglichen Einflughäufigkeiten ... unabhängig von den Bootsdurchgängen" verlaufen (S. 210).

Der Einfluss des Kanubetriebs auf die Hinflüge der untersuchten Paare an der Ems und Werse ist wahrscheinlich eher gering. Die tageszeitliche Verteilung der Nestbesuche in Bezug zu den Bootsdurchgängen zeigt, dass die Fütterungshäufigkeit in Stunden mit relativ starken Kanudurchgängen nicht deutlich verringert ist und dadurch keine Verschiebung der Fütterungsphasen auftritt. Die untersuchten Paare nutzten kleinere Bootspausen zum Hinflug in die Röhre. Der zeitliche Abstand der Hinflüge vor und nach einer Kanudurchfahrt war teilweise geringer als eine Minute. Die zwischenzeitlich geringen Hinflüge pro Stundenklasse sind vermutlich auf die üblichen Pausen (zur Eigenversorgung, zur Gefiederpflege oder zur Fortpflanzung bei Schachtelbruten) nach einer Fütterungsphase zurückzuführen.

"Zu ... völlig anderen Ergebnissen kommt SCHMIDT (1998) durch einen Vergleich von zeitgleichen Beobachtungssequenzen, die sich hinsichtlich der Intensität des Bootsbetriebes unterschieden. Er stellte fest, dass in den 2-5 stündigen Beobachtungsphasen mit Bootsbetrieb die Anzahl von Einflügen pro Stundenklasse deutlich bis hochsignifikant niedriger lagen als zu den kanufreien Zeiten. Darüber hinaus konnte er eine Reihe von gescheiterten Fütterungsversuchen und größere Fütterungslücken während des Kanubetriebs nachweisen. Inwieweit sich diese verringerten Einflugzahlen auf die gesamte Tagesleistung ausgewirkt haben, ist unklar. An einem Beobachtungstag jedoch, der sich für ca. 2,5 Stunden bei ungefähr 14 Booten durch eine vergleichsweise niedrige Fütterungsintensität auszeichnete, wurde nachfolgend durch eine verstärkte Einflugfrequenz kompensiert, so dass mit insgesamt 63 Einflügen ein relativ hoher Tageswert gemessen werden konnte."

 

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg von Eisvögeln?

"Die Messergebnisse und die Sichtbeobachtungen an der relativ stark befahrenen Ems/Münster und Werse/Münster haben gezeigt, dass den untersuchten Paaren die bootsfreien Phasen offenbar ausreichen, um in die Brutröhre einzufliegen.
Da Störungen nicht nur am Brutplatz, sondern am gesamten Fließgewässer als Jagdgebiet und Anflugstrecke möglich sind, werden die Auswirkungen durch Bootsfahrten auch von der Entfernung und Lage der Jagdplätze zu der Bruthöhle bestimmt. An der Ems/Münster sind in der Nähe sämtlicher Brutplätze Auenstillgewässer vorhanden, die als Jagdbiotope genutzt werden. In diesem Fall beschränkt sich der Einfluss des Kanuverkehrs auf die Fütterungsleistung nur auf den Anflug zur Bruthöhle. (Es ist aber nicht ausreichend bekannt, in welchem Ausmaß die Nebengewässer als Jagdgebiete dienen.)"

Unterscheidet sich der Erfolg an den unterschiedlich frequentierten Gewässern?

"Befinden sich die bevorzugten Jagdplätze ausschließlich an den Fließgewässern, hat ein regelmäßiger und hoher Kanuverkehr vermutlich starke Auswirkungen auf den Jagderfolg. Die Beobachtungen haben ausnahmslos gezeigt, dass Eisvögel die Boote nicht passieren lassen, sondern auffliegen. Ständiges Auffliegen erhöht nicht nur den Stress für die Tiere, sondern dürfte einen Einfluss auf den Jagderfolg und somit auf die Fütterungshäufigkeit der Nachkommen haben. Die vorliegenden Ergebnisse wurden an Eisvögeln an stark befahrenen, aber durch Nebengewässer begünstigten Flussstrecken gewonnen. Es ist denkbar, dass sich die Eisvögel durch diese Situation besser als an anderen Stellen an den Kanubetrieb gewöhnen konnten. Festzuhalten bleibt jedoch, dass das Aufsuchen der Bruthöhle durch vorbeifahrende Boote eher wenig, der Jagdansitz aber wesentlich gestört wird. Das dürfte so auch für Eisvögel gelten, die nicht an Kanubetrieb gewöhnt sind. Den Nebengewässern kommt somit eine hohe Bedeutung bei der Abschätzung der Verträglichkeit gegenüber Bootsverkehr zu."

 

TIERART

Uferschwalbe (Riparia riparia)

 

Zeigen Uferschwalben in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten? Beeinträchtigt der Bootsverkehr die Fütterungsintensität?

Fütternde Uferschwalben reagieren empfindlich gegenüber experimentellen Kanufahrten (1998 an der Ems/Münster und 1999 an der Lippe/Benninghausen). Es zeigt sich eine "deutliche Abhängigkeit der Einflugintensität der Schwalben von der Entfernung des Bootes zum Brutplatz. Befindet sich dieses mehrere Meter von den Röhreneingängen entfernt, so wird keine geringere Einflugintensität gezeigt. Hält es sich jedoch direkt vor den Eingängen auf, fliegen kaum noch Tiere ein (Verringerung nahezu um den Faktor 10)."

Generell scheint es eine individuelle Disposition von Uferschwalben (an der Ems bei Münster) gegenüber Störungen zu geben, da im Experiment (zweistündige Beobachtungsperiode mit und ohne Störung) 2 Brutpaare ihre Fütterungsfrequenz bei An- oder Abwesenheit von Booten nicht änderten, während zwei Brutpaare die Fütterungsfrequenz deutlich reduzierten (S. 141 f).

An der Lippe bei Benninghausen war die Fütterungsfrequenz sämtlicher fünf untersuchter Brutpaare deutlich reduziert (14 Einflüge bei Anwesenheit eines Einer-Kajaks, 125 Einflüge ohne Störung) (S. 166).

Durch sich direkt an den Steilwänden aufhaltende Personen wird das Brutgeschehen negativ beeinflusst (LOSKE 1980). "Dabei reagieren Uferschwalben besonders anfällig gegenüber Erholungssuchenden während der Koloniegründung und der Eiablage, da z.B. das Röhrengraben neben dem Nestbau auch ein wichtiger Bestandteil des Paarbildungsprozesses ist (LOSKE et al. 1999)."

 

TIERART

Gebirgsstelze (Motacilla cinerea)

Zeigen Gebirgsstelzen in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

Bei Annäherung von Kanus folgen z.B. nahrungssuchende Tiere "größtenteils mit geringen Fluchtdistanzen auf (< 20m). Da die Fluchtstrecken nicht groß waren, wurden dieselben Tiere immer wieder aufgescheucht und z. T. über längere Strecken vor den Booten hergetrieben."

 

TIERART

Flussuferläufer (Actitis hypoleucos)

 

Wie reagieren Rast- und Wintervögel auf Kanufahren?

An der Ems lagen gegenüber einem Kanu die Fluchtdistanzen bei teilweise unter 10 Metern. "Auch die Fluchtstrecken waren teilweise gering, sodass die Tiere mehrmals hintereinander aufgescheucht wurden. Einige Individuen drehten später um und flogen am Boot vorbei, andere ließen das Boot auf der anderen Uferseite passieren." (S. 132)

An der Lippe/Benninghausen wurden 1998 während der Beobachtungszeit 34 Kontakte mit Flussuferläufern registriert, bei denen der überwiegende Anteil der Tiere abflog. 1999 konnten insgesamt 70 Ereignisse registriert werden. In nur vier Fällen ließen die Tiere das Boot passieren, die Fluchtdistanzen lagen vor allem zwischen >10 m und 20 m.

An der Lippe/Werne wurden 1998 während der Beobachtungszeit 19 Kontakte mit Flussuferläufern registriert, bei denen bis auf eine Ausnahme die Tiere abflogen. 1999 wurden 69 Ereignisse registriert. In nur vier Fällen ließen die Tiere das Boot passieren, die Fluchtdistanzen lagen vor allem zwischen >10 m und 30 m (vgl. S. 174).

 

TIERART

Graureiher (Ardea cinerea)

 

Fluchtdistanzen von Graureihern lagen meist bei ca. 20 bis 70 m.  

 

TIERART

Kormoran (Phalacrocorax carbo)

 

Fluchtdistanzen lagen zwischen > 60 und 100 m (Lippe/Benninghausen; S. 156).

Fluchtdistanzen lagen zwischen > 30 und > 100 m (Lippe/Werne; S. 170).

 

TIERART

Höckerschwan (Cygnus olor)

 

"Von kleinen Ausweichbewegungen abgesehen, wurden die Boote ohne größere Aktivitäten vorbei gelassen." (Lippe/Benninghausen; S. 157)

Lippe/Haltern: "Die angetroffenen Höckerschwan-Familien zeigten aufgrund der Kanuannäherung überwiegend Ausweichverhalten. Oft schon in größerer Entfernung begannen sie in Fahrtrichtung des Bootes zu schwimmen. Bei zunehmender Annäherung des Kanus gaben die Altvögel Warnrufe von sich, drehten um und passierten das Boot entgegen der Fahrtrichtung, oder sie zogen sich zur Ufervegetation zurück oder gingen an Land. Nur bei vergleichsweise wenigen Familien konnten keine deutlichen Verhaltensänderungen registriert werden. (S. 177).
Auch viele der Höckerschwan-Einzeltiere reagierten gegenüber dem Einer-Kajak mit Ausweichverhalten, insbesondere indem sie vor dem Boot in Fahrtrichtung herschwammen. Hervorzuheben ist jedoch, dass eine Reihe von Tieren aufgrund der Annäherung aufflogen. Die Fluchtdistanz beim Auffliegen lag schwerpunktmäßig zwischen 5-30 m."
"Die wenigen Brutpaare auf beiden Untersuchungsgewässern hatten Bruterfolg." (S. 217)

 

TIERART

Rohrweihe (Circus aeruginosus)

 

Rohrweihen brüten normalerweise in Röhrichten oder Getreidefeldern, insofern ist der Brutversuch auf einer in die Lippe ragenden Weide in der Hellinghauser Mersch 1998 bemerkenswert. Allerdings wurde dieser Brutplatz, bedingt durch anthropogene Störungen, aufgegeben. So war - kurze Zeit nach der Brutaufgabe - auf der direkt gegenüberliegenden Uferseite die Vegetation flachgetreten. Dabei waren zwei Schneisen zur Wasserlinie sichtbar, ca. 4 m voneinander entfernt. In gut 50 m Entfernung war ein Picknickplatz erkennbar (flachgetretende Vegetation und herumliegender Müll). Dazwischen lag ein Trampelpfad (Fußweg) und auf der Wiese davor waren noch deutlich die Spuren eines an- und abfahrenden Autos erkennbar. Der Schluss liegt nahe, dass hier Angler und/oder Kanuten der Grund für die Brutaufgabe waren.

Das brütende Weibchen verließ bei Bootsdurchfahrten immer das Nest.

 

TIERART

Wasseramsel (Cinclus cinclus)

 

Zeigen Wasseramseln in Abhängigkeit von der Befahrensintensität unterschiedliches Verhalten gegenüber Bootsfahrten?

Auf Kanubefahrungen auf der Wenne reagieren Wasseramseln mit geringen Fluchtdistanzen (ca. 10-30 m). Einige der sehr geringen Fluchtdistanzen entstanden durch Überraschungseffekte der Tiere (z.B. aufgrund nicht einsehbarer Bachbiegungen), die Mehrzahl der Individuen flog jedoch nach langem Sichtkontakt auf. Die einzelnen Fluchtstrecken wurden an der Wenne mit 10 - 50 Meter registriert, bis ein Kanu den Vogel erneut aufscheuchte.

"Andere Untersuchungen geben ähnliche Werte an (DORKA 1982: 10-50 m, WESTERMANN 2000: 10-30 m)." (Fluchtdistanzen)

"Nach Beobachtungen von WESTERMANN (2000) an der Rur/Eifel, ließen Wasseramseln, am Uferrand sitzend, mehrere Boote in z.T. sehr geringem Abstand (5-12 m) passieren. Eine derartige Reaktion, die auch an der Ruhr / Arnsberg und von DORKA (1982) beobachtet wurde, ist vermutlich abhängig von der Fließgewässerbreite. In der Regel fliegt die Mehrzahl der Tiere jedoch in Fahrtrichtung auf, was ein erneutes Auffliegen beim nächsten Zusammentreffen zur Folge hat. Durch dieses "Treiben" erreichen die Tiere die Reviergrenze (vgl. CREUTZ 1995), wo sie danach in Form von Über- und Umfliegen der Boote zurückkehren (eig. Beob., DORKA 1982). Bei geringem Kanubetrieb hat ein derartiges Verhalten nur geringe Auswirkungen. Bei hoher Befahrensintensität jedoch kann das ständige Auf- und Zurückfliegen eine erhöhte Stresssituation bedeuten. Das Zeitbudget für die Nahrungssuche und das Komfortverhalten wird dadurch erheblich eingeschränkt. So stellte DORKA (1982) während "eines dreitägigen "Kanurennens an der Enz eine vergleichsweise erhöhte Anzahl langstreckiger Ausweichflüge fest. Bei einem Weibchen war darüber hinaus die Abwesenheitszeit vom Nest fast doppelt so lang wie unter ungestörten Verhältnissen." An dem Rennen Anfang April waren zwischen 300 und 350 Boote beteiligt, die im Abstand von ein bis 3 Minuten starteten.

 

Beeinflusst das Kanufahren den Bruterfolg der Wasseramsel?

"Zusammenfassend ist zu vermuten, dass die Brutentwicklung an der Wenne und Ruhr nicht durch das Kanufahren beeinflusst wurde. An der Wenne liegt zwar die Phase des Kanubetriebs aufgrund des geringen sommerlichen Wasserstandes genau in der Fortpflanzungperiode der Wasseramsel (März-Juni), die Befahrensstärke ist hier aber insgesamt als eher gering einzustufen." (S. 215)

"DORKA (1985) stellte an einem Abschnitt der Enz mit 1,25 flügger Jv/BP (n = 4 BP) einen im Vergleich zu anderen Strecken sehr geringen Bruterfolg fest. Der Autor führte dies, da keine anderen Störquellen vorhanden waren, auf die starken Kanubefahrungen (max. 20-25 Boote am Wochenende) während der gesamten Brutperiode zurück, insbesondere auf das 3-tägige Kanurennen Anfang April, bei dem 300-350 Boote ganztägig in einem Abstand von ein bis 3 Minuten starten.
Allerdings gibt er einen überdurchschnittlichen
Bruterfolg an einem anderen Enz-Abschnitt an, der aufgrund der Frequentierung von Spaziergängern und Kanuten als schwer gestört eingestuft wurde."

 

Verhalten gegenüber Personen in Brutplatznähe

An denjenigen Brutplätzen, die häufig anthropogenen Störungen unterliegen (v. a. Wehre), unterbrachen die Wasseramseln bei einer schrittweisen Annäherung die Fütterungen nicht. Bis zu einer Entfernung von 15-20 m zum Nest zögerten die Altvögel zwar, flogen es aber nach kurzer Zeit an. Bei Brutstandorten, die nicht so intensiv von Personen frequentiert werden, reagierten die Wasseramseln mit längeren Wartezeiten und somit empfindlicher.

"Umfangreichere experimentelle Untersuchungen zum Verhalten von Wasseramseln gegenüber menschlichen Störungen am Brutplatz führte WESTERMANN (2000) an der Rur/Eifel durch. Er untersuchte die Fütterungsfrequenzen und Verhaltensweisen von sieben Brutpaaren unter ungestörten und gestörten Bedingungen. Bei letzterem näherte sich eine Person 50 m, 20 m und 0 m dem Nest an. Die Studie ergab u.a., dass a) ab einer Distanz von 50 m die Fütterungstätigkeit deutlich reduziert wurde, b) die Nestanflüge bei Aufenthalthalt direkt am Nest (0 m) abgebrochen wurden, c) die Brutpaare z.T. unterschiedlich stark auf "Störreize" reagierten, insbesondere bei den 0 m-Distanzen (2 Brutpaare flogen trotzdem ein), d) die Rückkehrzeiten der Wasseramseln nach direktem Nestaufenthalt der Person keine Langzeitwirkung erkennen lassen (in 5 von 8 Fällen Fütterungen spätestens nach 3 min).

Beide Untersuchungen verdeutlichen, dass sich Wasseramseln an anthropogene Störungen im Bereich des Brutplatzes gewöhnen und störungsunempfindlicher reagieren. Längere Aufenthaltszeiten in direkter Nestumgebung können aber die Fütterungshäufigkeiten der Altvögel verringern. Außerdem besteht die Gefahr, dass bei einer unachtsamen Annäherung an den Brutplatz die Jungvögel vorzeitig aus dem Nest springen.

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Eine Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf andere Gewässer in Nordrhein-Westfalen wird für sinnvoll erachtet, da alle fließwassergebundenen Vogelarten über die Studie abgedeckt sind; jedoch muss offenbleiben, ob Arten wie der Flussuferläufer aktuell wegen der Nutzung von Gewässern durch Kanuten an einer erfolgreichen Wiederbesiedlung der Fließgewässer als Brutbiotop gehindert werden.

"Vollständig übertragbar sind die Befunde aus den Wintervogelbeobachtungen. Es ist davon auszugehen, dass an sämtlichen bedeutenden Rastgebieten Kanufahren zumindest die Gefahr einer gravierenden Beeinträchtigung bedeutet." (S. 234 f)

"Die Übertragbarkeit der Brutvogeluntersuchung gestaltet sich dagegen schwieriger. Neben Morphologie, Struktur und Größe eines Gewässers bestimmen das Vorhandensein störungsempfindlicher Arten, die potenzielle Ansiedlung weiterer Arten, der Gewöhnungsgrad der Vögel und die Ausstattung der Umgebung (Ausweichhabitate) die Beurteilung