Bundesamt für Naturschutz

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Mattes, H.; Meyer, E. I. (2001) Kanusport und Naturschutz - Forschungsbericht über die Auswirkungen des Kanusports an Fließgewässern in NRW Fischökologische Aspekte


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Kanu, Kajak

 

INHALT

Ziel der Untersuchung war, Wirkungen von Kanus auf Fische zu untersuchen. Dabei wurde einerseits auf mögliche Wirkungen auf die im Wasserkörper schwimmenden Individuen untersucht, andererseits die Frage der Beeinträchtigung von Laichsubstraten durch Kanusport beleuchtet.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

 "Der direkte Einfluss des Kanusports auf die Fischfauna in den untersuchten Gewässern konnte nicht geklärt werden. Dennoch sind potenzielle Beeinträchtigungen denkbar. Das trifft in besonderem Maße zu, wenn man die Reproduktionsökologie in einem Gewässer betrachtet. Jede Fischart nutzt für die Reproduktion bestimmte Habitate und Strukturen. [...] Fischarten mit einer breiteren ökologischen Varianz, in dieser Untersuchung bezogen auf die Laichhabitat- und Strömungspräferenz, sind den Spezialisten überlegen und in höheren Arten- und Individuenzahlen anzutreffen. Die Strukturen, die von den Spezialisten in einem Gewässer als Laichsubstrat benötigt werden, sind gegebenenfalls besonders zu schützen. Die Laichhabitatansprüche der nachgewiesenen Fischarten sind bekannt. Betrachtet man die Häufigkeit und Lage dieser Habitate in einem Gewässer, kann man die pozentielle Gefährdung durch den Kanusport bewerten. So sind z.B. flach überströmte Kiesbetten oder Schotterbänke in einem Mittelgebirgsbach, die den Äschen und anderen Kieslaichern als Laichhabitat dienen können, durch Bodenkontakt der Boote mit Rumpf oder Paddel gefährdet. Diese Einflüsse spielen in einem Tieflandgewässer, wie z.B. der Ems kaum eine Rolle. Hier sind die oft spärlichen Wasserpflanzenbestände und die Sandbänke, die vielen Fischen als Laichhabitat und Jungfischbiotop dienen, durch Bootsverkehr potenziell gefährdet. Betrachtet man die Verteilung der Größenklassen der nachgewiesenen Fischarten und zieht die Ergebnisse der Jungfischnachweise hinzu, bekommt man einen Überblick über den Populationsaufbau. Ein Nachweis von möglichst verschiedenen Größenklassen, besonders in den unteren Klassen, spricht für eine natürliche Reproduktion in einem Gewässer. [...]".

 

BEZUG/QUELLE

Deutscher Kanu-Verband e. V.


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Eltingmühlenbach, Ems, Werse, Lippe (Westfälische Bucht), Ruhr, Wenne (Süderbergland), Möhne, Diemel, Alme; Nordrhein-Westfalen

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Um einen aktuellen Überblick über die Fischfauna zu erhalten, wurden fischereiliche Daten über den Eltingmühlenbach, die Ems, und die Werse durch eigene Elektro-Befischungen erhoben oder durch bereits existierende Datensätze zusammengetragen. Zusätzlich wurden Jungfische mit in die Beobachtungen aufgenommen. Die Anzahl wurde durch Schätzung anhand von Sichtbeobachtungen ermittelt. Zur Bestimmung der Art wurden einige Exemplare aus dem Schwarm mit dem Kescher oder dem Wurfnetz gefangen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Die Autoren halten einen unmittelbaren Nachweis von Beeinträchtigungen von Fischarten durch den Kanusport für schwierig, besonders bei tieferen Gewässern. Jedoch sind im Laichbiotop unmittelbare Wirkungen durch Boote zu erwarten. Die Fischarten wurden deshalb sogenannten Gilden (Arten gleicher Strömungs-Präferenzen; Arten gleicher Laichbiotop- bzw. Laichsubstrat-Präferenz) zugeordnet.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Da die Äschenregion der Fließgewässer für Kanufahrer ein interessantes Revier mit abwechslungsreicher Gewässerstruktur ist, wurde ein Untersuchungskonzept entwickelt, mit dem der Einfluss des Kanusports auf die Äschenlaichplätze direkt nachgewiesen werden sollte. Leider brachten insgesamt 800 Sedimentproben an bekannten und potenziellen Laichplätzen der Äsche in den Gewässern Alme, Diemel, Möhne, Ruhr und Wenne keine ausreichenden Eifunde, um den Einfluss des Kanusports auf die Laichgründe in einem Feldversuch nachzuweisen. Nur an einer Stelle in der Ruhr bei Arnsberg konnten ca. 50 Äscheneier nachgewiesen werden.

 


Äsche (Thymallus thymallus)

Es gelang nicht, einen Fließgewässerabschnitt mit einer ausreichenden Anzahl von Eiern der Äsche ausfindig zu machen, an dem (experimentiell) die Wirkungen von Kanus hätten geprüft werden können. Hier sei deshalb auf die Überlegungen der Autoren verwiesen, die nachvollziehbar das besondere Risiko beleuchten, dem der Laich in Kanugewässern ausgesetzt ist. Die Erläuterungen erfolgen unten in "Übertragbarkeit auf ähnliche Lebensräume".

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Die Autoren diskutieren mögliche Einflüsse des Kanusportes auf die Laichgründe der Äsche. Diese Überlegungen sind von exemplarischer Bedeutung für ähnliche Studien zur Abschätzung potenzieller Wirkungen des Kanusportes auf Fischarten. Sie sollen deshalb hier dokumentiert werden:

"Die Äsche legt ihre Eier als Kieslaicher in flachen Gewässerstrecken ab. Bei Untersuchungen an zwei schwedischen Flüssen wurde die Zusammensetzung der Laichplätze untersucht (DjUMIC 1997). Man fand 10-20 % Sand, 50-70 % Kies (< 2 cm) , 20-30 % Steine (2-10) cm und einige größere Steine (< 10 cm). Eier konnten nur nachgewiesen werden, wenn die Kiesschicht mindestens 5 cm mächtig war. Die bevorzugte Strömungsgeschwindigkeit lag zwischen 23 und 90 cm/s. Die Wassertiefe über den Laichplätzen betrug zwischen 20 und 65 cm. In zwei französischen Flüssen laichten die Äschen in einer Wassertiefe zwischen 13 und 57 cm ab (DjUMIC 1997). Der Tiefgang eines Zweier-Wanderbootes beträgt ca. 11 cm, die Eintauchtiefe des Paddels ca. 24 cm. Daraus wird eine erforderliche Mindestwassertiefe von 30 cm Tiefe abgeleitet (SPECK 1985). Bei diesen geringen Tiefen scheint eine Beeinträchtigung der Laichhabitate durch Bodenkontakt des Bootsrumpfes, der Paddel, durch Verwirbelungen oder durch Treideln möglich. Dieser Einfluss verschärft sich, wenn der im Frühjahr zur Laichzeit häufig erhöhte Wasserstand in der Zeit sinkt, in der sich Eier oder Larven im Sediment befinden. Das erhöht die Gefahr von mechanischen Einflüssen durch den Kanusport erheblich."

"Die Laichzeit der Äsche reicht in unserer Region von März bis in den Mai hinein. Beträgt die Wassertemperatur in dieser Zeit 8,3 °C, schlüpfen die Larven nach 28 Tagen. Anschließend verbleiben sie noch 4-8 Tage im Lückensystem des Sediments. Erst wenn der Dottersack aufgezehrt ist, erfolgt das Freischwimmen an die Oberfläche der Gewässersohle. Insgesamt verbringen die Äscheneier vom Schlupf bis zum Freischwimmen ca. 32-36 Tage im Gewässersediment. In dieser Zeit sind sie besonders anfällig für letale Schäden durch mechanische Bewegung der Sohle. Durch Grundkontakt der Bootrümpfe oder der Paddel können die nur flach im Sediment liegenden Eier und Larven zerdrückt werden. Besonders flache Gewässerstrecken können oft nur durch Treideln überwunden werden. Auch hier besteht die Gefahr, dass Eier und Larven durch mechanische Sedimentbewegungen letal beschädigt werden. Verwirbelungen durch den Einfluss der Paddel können Eier und Larven aus dem Sediment spülen. Abdriftende Eier und Larven werden gern von Bachforellen oder Koppen gefressen."

 

BEMERKUNGEN

"Insgesamt betrachtet muss aber gesagt werden, dass die starke Abnahme der Äschenbestände nicht oder nur sehr eingeschränkt auf den Kanusport zurückgeführt werden kann. Hierfür sind eher Eingriffe in den Gewässerhaushalt anzusprechen. [...] Trotzdem sollten aber zur jetzigen Zeit, da die Vermehrung der Äschen stark eingeschränkt ist, die verbliebenen Laichgründe mit besonderer Rücksicht behandelt werden. In Zukunft sollte erörtert werden, ob die Bestände der Äsche nicht durch ein Hilfsprogramm vermehrt werden können. Vor Beginn dieses Programms sollten aber Erkenntnisse für die Ursachen des Rückgangs der Äschen vorliegen, um die Hilfsmaßnahmen möglichst effizient zu gestalten. So lange die Äschenpopulationen in den Fließgewässern stark rückläufig sind und sich nicht ausreichend erholt haben, sollten auch die Kanusportler mit in die Bemühungen einbezogen werden, den Äschenbestand zu kräftigen."