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Neebe, Bettina (1992) Der Einfluß von Störreizen auf die Herzschlagrate brütender Küstenseeschwalben (Sterna paradisaea)


Diese Auswertung wurde erstellt von: Frauke Hoffmann

 

 

SPORTARTEN

Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Anhand der Erfassung der Herzschlagrate (HR) sowie gleichzeitiger Verhaltensbeobachtungen sollen am Beispiel brütender Küstenseeschwalben (Sterna paradisaea) die Auswirkungen verschiedener Störreize ermittelt werden. Die Untersuchungen wurden 1991 im Nationalpark Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer auf der Hamburger Hallig durchgeführt, einem stark von Touristen besuchten Küstenbereich.

Für die Untersuchung wurden 4 Gelege in unterschiedlicher Nähe zum Strand sowie ein weiteres Gelege in Parkplatznähe ausgewählt. Anthropogene Reize sind häufigste Ursache für die Erhöhung der Herzschlagrate. Störreize durch Schafe rufen jedoch intensivere Störwirkungen hervor als Personen. Bei der Annäherung von Personen sind Gewöhnungseffekte erkennbar.

Dass nur die Hälfte aller erregungsbedingten HR-Erhöhungen mit einer äußerlich wahrnehmbaren Verhaltensänderung einherging zeigt, daß die HR ein sehr empfindlicher Streßindikator ist.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Vögel sind sogar in abgegrenzten Brutgebieten vielfältigen Störreizen ausgesetzt. Anhand des Verhaltens der Tiere sind die Einflüsse dieser Reize oft nicht erkennbar. Die Herzschlagrate ermöglicht dagegen zu beurteilen, ob ein Reiz zu einer Streßsituation führt.

Reaktionen auf die Annäherung von Personen hängen davon ab, aus welcher Richtung die Annäherung erfolgt und wie häufig sich Personen auf den Wegen bewegen. Die heftigsten Reaktionen zeigen die Vögel bei Annäherung von selten begangenen Wegen auf das Gelege zu.

Annäherungen von Schafen führen zu deutlichen Reaktionen der Herzschlagrate, begründet durch die Gefahr des Gelegeverlustes durch Zertreten.

Die Fähigkeit der Tiere zur Gewöhnung zeigt sich in der geringeren Reaktion auf Personen der häufig begangenen Wege. Die fehlende Gewöhnung der untersuchten Brutpaare auf täglich wiederkehrende Störreize (Störversuch) ist möglicherweise dadurch begründet, daß diese Zeitspanne zu lang ist, um zu Gewöhnungseffekten zu führen. Dagegen zeigt sich eine Verringerung der Fluchtdistanzen bei kurz aufeinanderfolgenden gleichartigen Reizen.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2676) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

 

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

  • Hamburger Hallig, Schleswig-Holsteinische Marsch und Inseln, Schleswig-Holstein
  • Teil des nordfriesischen Bereichs des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer
  • verarmte Salzweide, intensive Schafbeweidung

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Untersuchungszeitraum Frühjahr 1991
  • zwei Teil-Untersuchungsgebiete: Strandkolonie (4 Gelege), Parkplatzgelege (1 Gelege)
  • Erfassung des Brutgeschehens:
  • Ermittlung von Lage und Anzahl der Nester: Verhaltensbeobachtungen der Koloniepaare, bei Brutverdacht Suche im betreffenden Bereich
  • direkter Eingriff in die Gelege zum Wiegen und Beschriften der Eier
  • Erfassung der Störreize:
  • Personenzählungen über 10 Stunden (Strandkolonie) bzw. 15 Stunden (Parkplatzgelege)
  • Erfassung der Störreaktion:
  • Erfassung der Herzschlagrate (HR) über Stethoskop-Mikrophon-Einheit im Nest und Aufzeichnung per Tonbandgerät: ab dem 25.05. über 15 Tage
  • Verhaltensbeobachtungen, Sichtbeobachtungen ab dem 05.05.
  • daneben Protokollieren von Gelege-, Ei- und Außentemperatur, Wetterdaten

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Erfassung der Herzschlagrate:
  • Ausgangsfrequenz: Mittelwert einer ungestörten Zeitspanne vor dem Störreiz, die mind. eine halbe Minute andauert
  • als Erregung angesehen: Über- bzw. Unterschreiten der doppelten Standardabweichung der HR
  • Erregungsende: Zeitpunkt, an dem die HR über mind. 30 sek. innerhalb des Toleranzbereiches "Mittelwert +/- doppelte Standardabweichung" verlief
  • Maß der Störungsintensität:
  • Intensität der HR-Erhöhung: Wert des Integrals der HR-Änderung auf Basis des Mittelwertes
  • Dauer der HR-Veränderung in sek.
  • Beurteilung der Habituation anhand von Flucht-, Angriffs- und Rückkehrdistanzen

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Untersuchungsgebiet:

  • Hallig stark von Touristen frequentiert: 1990: 80.000 Besucher, 90 % davon zwischen April und Oktober
  • Bestand an Küstenseeschwalben auf der Hamburger Hallig 1991: insgesamt 243 Paare, Lage der beiden größten Seeschwalbenkolonien in dem Teilgebiet der Hallig mit intensiver Schafbeweidung und hoher Besucherdichte
  • untersuchte Kolonien als "Brutgebiet mit Betretungsverbot" gekennzeichnet
  • Strandkolonie: Größe ca. 200 x 400 m
  • in 150 m Entfernung zum Badestrand, südlich von Wasserkante begrenzt
  • mehrmals im Jahr überflutet
  • im Norden durch "häufig" begangenen Weg begrenzt, von Nord nach Süd verläuft "mäßig" begangener Weg durch die Fläche
  • Parkplatzgelege: Größe ca. 450 x 100 m
  • in 200 m Entfernung zum Parkplatz, nördlich von Wasserkante begrenzt

Herzschlagrate und Verhalten ohne Störreize:

mit durchschnittlich 301-362 Schläge/min HR in Ruhe relativ hoch, Ursache sind relativ niedrige Außentemperaturen (erhöhter Stoffwechsel zur Thermoregulation)

tendenziell Zunahme der HR bei steigender Aktivität und Motorik, dabei Unterscheidung von 5 Verhaltensklassen:

Schlaf, geschlossene Augen, Schnabel im Rückengefieder

Ruhehaltung mit nach vorn gerichtetem Schnabel und eingezogenem Hals, Augen offen

Umherschauen, aufrechte Sitzhaltung mit Kopfbewegungen

Alarmstellung, aufrechte Sitzhaltung, stark gereckter Hals, Fixierung einer Störquelle

Auffliegen


EINWIRKUNGSDAUER

keine Aussage

 

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beunruhigung durch

anthropogene Reize:

Personen auf Wegen

PKW

Flugzeuge

interspezifische Reize:

Schafe

Möwen

 

EINWIRKUNGSGRAD

Frequentierung der Wege durch Personen

häufig (> 10 pro Tag)

mäßig (5-10 pro Tag)

selten (< 5 pro Tag)

Störversuche zur Habituation:

an täglich wiederkehrenden Reiz: tägliches Abschreiten einer immer gleichen Wegstrecke durch gleich gekleidete Person zu einem festen Zeitpunkt

an kurz aufeinander folgende Reize: mehrmals Annäherung einer Person auf direktem, immer gleichem Weg zum Gelege

Störreaktionen auf anthropogene Reize:

  • Reaktion der HR auf Störreize nur Erhöhung (keine Absenkung) um 11 - maximal 63 %
  • 70 % der Reaktionen anthropogen verursacht, davon 19 % durch Versuche
  • deutliche Verhaltensänderungen bei 50 % aller erregunsgedingten HR-Erhöhungen
  • Annäherung von Personen
  • häufig begangene Wege:
  • selten erkennbare Erregungszustände durch Personen ausgelöst
  • Parkplatzgelege: in 3 von 22 Fällen deutliche Tachycardie, betrifft Fälle, in denen der Störreiz vom üblichen Muster abweicht, bspw. höhere Personenzahl, höherer Geräuschpegel
  • mäßig begangene Wege: immer deutliche Erhöhung der HR bei Abweichen der Personen von häufig begangenen Wegen auf die Gelege zu: HR-Erhöhung ab einer Entfernung der Person von 100 m vom Gelege, bei 30 m Auffliegen und abschließend Angriffsreaktion
  • selten begangene Wege: Reaktion erfolgt deutlich früher: HR-Erhöhung ab einer Entfernung der Person von 250 m vom Gelege, bei 140 m Auffliegen und Angriff
  • Intensität der Reaktion und Fluchtdistanzen des Brutpaars am Rand der Kolonie geringer als die des Brutpaars im Zentrum der Kolonie
  • Parkplatzgelege: Reaktionen auf Fahrzeuge nicht nachgewiesen
  • Reaktionen der HR auf überfliegende Flugzeuge aus methodischen, technischen Gründen nicht nachweisbar, Verhaltensreaktionen jedoch nicht beobachtet

Reaktionen auf interspezifische Reize:

  • 30 % der Reaktionen interspezifisch verursacht
  • deutliche HR-Erhöhung bei Annäherung von Schafen an das Gelege, mitunter Angriffsreaktionen, Intensität der HR-Reaktion auf Schafe höher als auf Personen
  • eines der untersuchten Gelege im Juli durch Schafe zertreten
  • kurze HR-Erhöhung mit geringer Intensität beim Überfliegen von Möwen in 3 von 10 Fällen beim Parkplatzgelege, Tiere der Strandkolonie zeigten keine Reaktion
  • in zwei Fällen Warnrufe als Reaktion auf Artgenossen bei unveränderter HR

Versuche zur Habituation:

  • Gewöhnung an einen täglich wiederkehrenden Reiz anhand von Verhaltensbeobachtungen nicht nachweisbar (keine Untersuchung der HR)
  • Tendenz der Gewöhnung an kurz aufeinanderfolgende Störreize durch Verhaltensbeobachtungen erkennbar, Fluchtdistanzen sinken

BEMERKUNGEN

direkte Nestsuche und Arbeiten im Gelege während der Brut: nicht erfaßte Störwirkung durch Bearbeiterin