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Mainini, Bruno; Neuhaus, Peter (1990) Das Verhalten von Murmeltieren (Marmota marmota) unter dem Einfluß eines starken Wandertourismus


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Erfassung des Einflusses von Wanderbetrieb auf Aktivitäten und Gebietsnutzung von Murmeltieren in einem Gebiet im Berner Oberland, Schweiz. Dabei wurde das Verhalten von Mitgliedern verschiedener Gruppen von Murmeltieren in einem stark und einem schwach von Wanderern frequentierten Gebiet untersucht. Das Ergebnis zeigt einen erheblichen Einfluß des Wandertourismus auf Lebensraumnutzung und Verhalten sowie möglicherweise auch auf die Fitneß von Murmeltieren.

Weiterführende Untersuchungen zur Entwicklung der Murmeltiergruppen nach Einstellung des Betriebs der Sessellifte siehe:

Franceschina-Zimmerli, Ruth; Ingold, Paul (1995): Das Verhalten von Alpenmurmeltieren Marmota m. marmota unter dem Einfluß eines unterschiedlich starken Wanderbetriebes. - Der Ornithologische Beobachter 92 (3): 245 - 247

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

In stark frequentierten Wandergebieten werden Murmeltiere in ihrem Verhalten erheblich beeinflußt. Besonders nachteilig wirken sich das Wandern "Querfeldein" und freilaufende Hunde aus. Wesentlichste Veränderungen sind der Aufenthalt im Bau am Tage bzw. Aufenthalt der Tiere, die nicht im Bau bleiben in der Nähe des Baus.

In stark frequentierten Wandergebieten ist die Zeit zur Nahrungsaufnahme vermindert. Eine Kompensation durch vermehrte Nahrungsaufnahme außerhalb der Wanderer-Tageszeit scheint nicht möglich zu sein, da die Nahrungsmenge durch die Verdauungskapazität limitiert ist. Auch eine Kompensation im Verlauf der Saison ist nicht möglich, da der Wanderbetrieb bis kurz vor Beginn des Winterschlafes anhält. Folgen können Verminderung der Anlage von Fettreserven für den Winter und erhöhte Wintermortalität bzw. Konditionsminderung und verringerte Fitneß sein.

Die Anpassungserscheinungen der Tiere im stark frequentierten Gebiet sind nicht ausreichend, um die Einflüsse auszugleichen.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2644) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

 

 

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

  • Jagdbanngebiet Faulhorn - Schwarzhorn, Berner Oberland, Region Grindelwald, Schweiz
  • nördlich der Zentralalpen, Höhen 1950-2550 m ü. NN

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Untersuchungszeit: Mai - September 1988 und 1989
  • Querschnittsanalyse:
  • Vergleich von Tieren in unterschiedlich stark von Wanderern frequentierten Gebieten
  • Ganztagsbeobachtungen, Scan-Sampling-Methode
  • Beobachtungen und Experimente saisonal gleich in beiden Gebieten verteilt
  • Experimente:
  • Experiment zur Anpassung an Wanderbetrieb: Annäherung der Beobachter in normalem Schrittempo, bis Tiere im Bau verschwinden, Aufsuchen des Baus und Entfernung
  • Experiment zum Verhalten gegenüber unterschiedlichen Wandererformen:
  • Wegwanderer: Gebiets-Durchquerung auf markierten Wegen
  • Variantenwanderer: Gebiets-Durchquerung abseits des Weges in einiger Distanz zum Bau
  • Bauwanderer: Gebiets-Durchquerung, direkt über den Bau gehend
  • Gebiets-Durchquerung mit Hund an kurzer Leine auf dem Weg
  • Gebiets-Durchquerung mit Hund an 10 m langer Leine (Simulation freilaufender Hund)
  • Ermittlung der Fitneß durch Zählungen: Fortpflanzungserfolg, Sommermortalität, Wintermortalität
  • Protokollierung von Zeit, Wetter, besonderen Vorkommnissen (Prädatoren)

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Beurteilung der Verhaltensänderung anhand
  • Zahl der tagsüber sichtbaren Tiere außerhalb des Baus
  • Zahl der außerhalb des Baus mit Nahrungsaufnahme beschäftigten Tiere
  • räumlicher Verteilung der Tiere in Abhängigkeit von der Entfernung zum Weg
  • Beurteilung der Intensität einer Reaktion in den Experimenten:
  • Erste Reaktion: fressendes Tier hebt den Kopf und schaut in Richtung Beobachter
  • Reaktionsdistanz: Distanz Tier - Beobachter im Moment der ersten Reaktion
  • Flucht: stehendes oder langsam gehendes Tier beginnt zu rennen
  • Fluchtdistanz: Distanz Tier - Beobachter, bei welcher das Tier zu rennen (fliehen) anfängt
  • Verschwinddistanz: Entfernung zum Beobachter, bei der das Tier in den Bau verschwindet
  • Verschwinddauer: Zeit die vergeht, bis ein Tier, das verschwand, wieder sichtbar ist
  • Nahrungsunterbrechung: Anheben des Kopfes länger als 5 Sekunden
  • Dauer der Nahrungsunterbrechung
  • Warnpfiffe: Einzel- oder Serienpfiffe, die vor oder während des Durchquerens des Gebietes von einem der Gruppentiere abgegeben werden

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

  • Größe des Untersuchungsraums ca. 7 km², etwa 50 % davon im direkten Einflußbereichs des Wandertourismus, durch Bergbahnen und Postautoverbindungen leicht erreichbar

EINWIRKUNGSDAUER

  • stark an den Betrieb der Bergbahn gekoppelt: von Mai bis September 8.00-18.00 Uhr mit Spitze zwischen 10.00 und 16.00 Uhr
  • vor 8.00 bzw. nach 18.00 Uhr nur wenige Wanderer

EINWIRKUNGSART

  • optische und akustische Beunruhigung durch Wanderer und Hunde
  • (Mountainbike und Hängegleiten bis dato nur selten zu beobachten, Tendenz aber steigend)

EINWIRKUNGSGRAD

  • Verschiedene Gebietstypen:
  • stark frequentiert: Gebiete, die von Wanderwegen durchschnitten werden
  • schwach frequentiert: Gebiete, ohne Kontakt zu Wanderwegen
  • durchschnittliche Zahl der Wanderer im stark frequentierten Gebiet zur Spitzenzeit: 90-120 Personen/Stunde
  • im Durchschnitt mit Bergbahn 1.070 Personen/Tag in die Region befördert
  • Aufenthalt abseits der Wege v. a. in Mittagsstunden; bis zu 50 Personen/Tag
  • täglich ca. 5-10 Hunde, meist freilaufend

Tagesaktivität und Verhalten

  • Baue werden normalerweise aufgesucht bei schlechtem Wetter, Dunkelheit und Gefahr
  • Tagesaktivität der Tiere umfaßt in beiden Gebieten den gleichen Zeitraum: erstes Erscheinen ab 6.00/7.00 Uhr, spätester Aufenthalt außerhalb des Baus 21.00 Uhr
  • in stark frequentierten Gebieten im Vergleich zu schwach frequentierten Gebieten:
  • geringerer Anteil der im Gebiet gesamthaft vorhandenen Tiere hält sich tagsüber (während des Wanderbetriebes) außerhalb des Baus auf
  • wesentlich kleinerer Anteil, der sich außerhalb des Baus aufhaltenden Tiere, mit Nahrungsaufnahme beschäftigt
  • im Durchschnitt ca. 2 Stunden weniger Zeit für Nahrungsaufnahme aufgewendet
  • in schwach frequentierten Gebieten tagsüber stets 80-90 % der Tiere außerhalb des Baus, davon 40-60 % mit Nahrungsaufnahme beschäftigt
  • Sozialverhalten und Verhaltensweisen wie Liegen und Verweilen (Hocken, sitzen etc.) in schwach frequentiertem Gebiet öfter zu beobachten, Verhalten der Fortbewegung und der Aufmerksamkeit in beiden Gebieten gleich
  • Verhaltensreaktionen auf das Auftauchen von Wanderern gleichen denen auf das Auftauchen von Prädatoren.

Die Anwesenheit von Wanderern hat direkten Einfluß auf den Aufenthaltsort und das Verhalten der Tiere. In schwach frequentierten Gebieten üben bereits wenige Wanderer erheblichen Einfluß aus.

Saisonale Unterschiede in der Aktivität

  • deutliche Unterschiede in der Tagesaktivität zwischen den Tieren in stark und denen in schwach frequentierten Gebieten sowohl im Früh- als auch im Hoch- und Spätsommer
  • größter Unterschied im Hochsommer: Anteil der Tiere die sich außerhalb des Baus aufhalten in den schwach frequentierten Gebieten am größten, in den stark frequentierten Gebieten am geringsten
  • im Hochsommer noch keine Unterschiede bei den Jungtieren, erst später gleiche Abweichungen wie bei den Alttieren

Räumliche und zeitliche Gebietsnutzung

  • stark frequentierte Gebiete:
  • in Zeiten des Wanderbetriebes (Vormittags bis gegen Abend) vermehrt Aufenthalt in der Nähe der Baue, d.h. abseits der Nahrungsfelder
  • wegnahe Bereiche während des Wanderbetriebes tagsüber nicht genutzt, am Morgen und am Abend dagegen intensive Nutzung dieser Bereiche
  • schwach frequentierte Gebiete: Nutzung großer Teile des Territoriums während des ganzen Tages

Wegnahe Bereiche werden von den Tieren bei Wanderbetrieb gemieden. Die räumliche Verteilung wird demnach durch Wanderer beeinflußt.

Der Wanderbetrieb hat zur Folge, daß ein breiter Streifen entlang der Wege am Tag nicht genutzt werden kann. Um so mehr halten sich die Tiere jedoch vor und nach dem Wanderbetrieb in dieser Zone auf.

Anpassung

  • Reaktions-, Flucht und Verschwinddistanz in den stark frequentierten Gebieten deutlich kleiner als in den schwach frequentierten, keine Veränderung dieser Reaktionen im Verlauf eines Sommers
  • Zeitspanne bis zum Wiedererscheinen der Tiere nach störungsbedingtem Verschwinden in stark frequentierten Gebieten kürzer, keine Veränderung dieser Reaktionen im Verlauf eines Sommers
  • Warnpfiffe: in beiden Gebiete zu Beginn des Sommers keine Warnpfiffe, im Spätsommer in schwach frequentierten Gebieten häufiger Warnpfiffe als in stark frequentierten Gebieten
  • bei Jungtieren anfangs keine Unterschiede in den Reaktionen in den verschiedenen Gebietstypen, mit zunehmendem Alter entwickeln sich die gleichen Unterschiede wie bei den Alttieren

Alttiere: Im schwach frequentierten Gebiet reagieren die Tiere empfindlicher auf Störreize. Gewisse Anpassungserscheinung an den Wanderbetrieb sind im stark frequentierten Gebiet vorhanden. Eine zusätzliche Gewöhnung im Verlauf der Saison scheint nicht stattgefunden zu haben.

Junge: Zum Zeitpunkt des Verlassens des Baus sind Junge in beiden Gebieten in gleichem Maße empfindlich gegenüber Reizen. In beiden Gebieten nimmt die Empfindlichkeit zu, im schwach frequentierten Gebiet jedoch stärker.

Verhalten gegenüber unterschiedlichen Formen des Wanderns

  • Abnahme der Intensität der Reaktion in allen Parametern in folgender Reihenfolge: Wegwanderer => Variantenwanderer => Bauwanderer => Wanderer mit Hund an kurzer Leine auf dem Weg => freilaufender Hund

Fitneß

  • tendenziell in den stark frequentierten Gebieten weniger Junge vorhanden und höhere Wintermortalität der Jungen (nicht signifikant)