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Leuthold Hasler, Barbara (2001) Lebensraumstudie Canyoning Schweiz


Diese Auswertung wurde erstellt von: Markus Ruff

 

SPORTARTEN

Canyoning, Wassersport

 

INHALT

Die Studie enthält
- eine Auflistung möglicher negativer Auswirkungen des Canyoningsportes auf die Natur
- einen Vorschlag für Verhaltensregeln für ein umweltgerechtes Canyoning
- einen Vorschlag eines sinnvollen Vorgehens und eines Rasters zur Erstellung von Nutzungsplänen für stark frequentierte Canyons
Die Fakten wurden einerseits aus Resultaten bestehender Untersuchungen und Publikationen und andererseits aus Gesprächen mit verschiedenen Experten zusammengestellt.
Das Kapitel 'Auswirkungen auf die Natur' ist unterteilt in die Gruppen Wirbellose, Fische, Vögel, Amphibien/Reptilien, Übrige Wirbeltiere sowie Flora. Die Autorin zitiert zuerst die bestehenden Aussagen und kommentiert diese anschliessend.


SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Zur Auswirkung des Canyoningsportes auf die Natur existieren bislang nur wenige Untersuchungen. Ausführliche Felduntersuchungen sind, soweit bekannt, nur von A. Schmauch durchgeführt worden. Die übrigen Studien enthalten entweder nur sehr knappe oder gar keine eigenen Untersuchungen. Langjährige Untersuchungen fehlen vollständig. Hinzu kommt, dass lokal durchgeführte Studien nur begrenzt auf andere Gebiete übertragbar sind (z. B. andere Tier- und Pflanzenarten, andere Laichzeiten von Fischen usw.). Ausserdem handelt es sich bei Schluchten um natürlicherweise sehr dynamische Lebensräume, was wissenschaftliche Aussagen generell erschwert.
Die wissenschaftliche Grundlage zur Auswirkung des Canyonings ist damit höchst dürftig. Weitere Untersuchungen in diesem Bereich wären dringend nötig (insbesondere vorher/nachher- sowie langjährige Untersuchungen).
Weil noch so wenig über die Auswirkung des Canyonings bekannt ist, sollte im Zweifelsfall immer für die Natur entschieden werden, sollte das Canyoning stets mit der grösstmöglichen Rücksicht auf Pflanzen und Tiere betrieben werden.
Trotz der dünnen Grundlage sollen im Folgenden die Auswirkungen des Canyoningsports auf den Lebensraum Schlucht beurteilt werden. Dabei ist stets von den Auswirkungen eines häufigen Canyoningbetriebes die Rede, das heisst die Schlucht wird während der Saison
regelmässig besucht.

Die folgende Beurteilung ist eine vorläufige, die je nachdem angepasst werden muss, wenn neue Erkenntnisse gewonnen werden.
1. Schluchten sind verhältnismässig ungestörte Lebensräume. Da sie eine Vielzahl verschiedener Standorte aufweisen, darunter Extremstandorte wie Wasserfälle, Felsspalten oder trockene Steilhänge beherbergen sie auch zahlreiche Tiere und Pflanzen. Ein Teil davon ist selten oder gefährdet. Viele können auch ausserhalb von Schluchten vorkommen; einzelne sind hingegen auf die Schlucht als Lebensraum angewiesen.
2. Völlig unberührte Lebensräume sind Schluchten hingegen nicht. Viele Schluchten werden nicht nur durch den Canyoning-Sport bedrängt. Die möglichen Beeinträchtigungen von anderer Seite sind zahlreich: zu geringe Restwassermengen, fehlende Dynamik des Gewässers, weiterer Erholungsbetrieb (Badende, Wanderer, evtl. Kanuten), Wege, Strassen oder Siedlungen in unmittelbarer Nähe. Je nach Verhältnissen kann es sein, dass der Canyoningbetrieb neben den anderen Beeinträchtigungen gar nicht ins Gewicht fällt. Es kann aber auch sein, dass das Canyoning das "Tüpfchen auf dem i ist", der Tropfen, welcher
das Fass zum Überlaufen bringt (z. B. für Fische in Flüssen mit geringen Restwassermengen).
3. In wirklich unberührten Schluchten ist ein Canyoningbetrieb für die Natur zumindest problematisch.
4. Ein Versuch einer sehr groben quantitativen Beurteilung: Im Wallis und im Berner Oberland sind etwa ein Drittel der grösseren Schluchten nicht oder wenig beeinträchtigt. Mehr oder weniger häufig begangen werden im Wallis rund ein Viertel, im Berner Oberland rund ein Drittel der Schluchten (vgl. Anhang). Im Tessin dürfte der Anteil an begangenen Schluchten wesentlich grösser sein.
Ob und wieviele begangene Schluchten ansonsten unberührt sind, kann nicht gesagt werden. Es müssten umfangreichere Abklärungen vorgenommen werden.
5. Es gibt negative Auswirkungen des Canyonings auf die Natur, v. a. diejenigen auf die Wirbellosen, Fische und Vögel sowie eventuell auf gewisse Reptilien könnten von Bedeutung sein. Die Empfindlichkeit von Fischen, Vögeln und Reptilien ist saisonal stark schwankend.
6. Wie schwerwiegend diese negativen Auswirkungen sind, ist aber unbekannt. Das Ausmass allfälliger negativer Auswirkungen ist von verschiedenen Faktoren abhängig:
a) Schluchten mit seltenen geschiebeführenden Hochwassern (1-2 x jährlich) sind tendenziell störungsanfälliger als Schluchten mit häufigen Hochwassern (mind. 3-4 x jährlich). Je seltener Hochwasserereignisse stattfinden, desto schlechter sind Pflanzen und Tiere an häufige Störungen angepasst.
b) In weiten, flachen, sonnigen Schluchtabschnitten sind eher negative Auswirkungen durch den Canyoningsport zu erwarten als in engen, steilen, schattigen Abschnitten.
Weite, sonnige Schluchten können sehr viele Tiere und Pflanzen beherbergen. Sehr enge, steile Schluchten sind dagegen für viele Tiere und Pflanzen keine geeigneten Lebensräume.
c) Entscheidend sind neben der Begehungshäufigkeit und -intensität v. a. auch die Saison des Canyoning. Für Fische und Vögel ist ein Canyoningbetrieb im Frühling Saisonbeginn vor Anfang Juli) und im Herbst (Saisonende nach Ende September) am ehesten problematisch.
7. Problematisch sind gewisse Begleiterscheinungen des Canyoningsports wie Zuschauer, welche sich an den Schluchträndern aufhalten oder Abenteuer-Anbieter, welche mit unangepasster Geschwindigkeit Waldsträsschen befahren.
8. Eine allgemein gültige Aussage zu den Auswirkungen des Canyonings auf die Natur ist nicht möglich. Jede Schlucht ist anders und damit auch die Auswirkungen des Canyonings.

BEZUG/QUELLE

Die Studie kann direkt von der Website der Umweltfachstelle Trendsportarten keepwild! downgeloadet werden:
http://www.mountainwilderness.ch/projekte/keepwild-trendsport/canyoning/

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2961) sortiert.
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