Bundesamt für Naturschutz

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Koepff, Christa; Dietrich, Katharina (1986) Störungen von Küstenvögeln durch Wasserfahrzeuge


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Kanu, Kajak, Motorboot/Wasserski/Parasailing, Rudern, Segeln, Surfen

 

INHALT

An vier Rastplätzen in der Jadebucht wird in unterschiedlicher Nähe zu Fremdenverkehrsorten das Verhalten von Wat- und Wasservögeln und ihre Reaktion auf Wasserfahrzeuge beobachtet. Zusätzlich werden Versuche mit sich näherndern Surfern und Paddelbooten durchgeführt und die Reaktion bei Annäherung auf unterschiedlichen Entfernungen untersucht.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Vögel reagierten auf Störungen mit Beunruhigung oder mit Flucht. Die Reaktionsdistanzen reichen bis zu 400 bis 500 m. Sie waren aber sehr variabel, auch innerhalb der Arten. Sie werden beeinflusst von individuellen Dispositionen gegenüber Störreizen, Gruppengröße, gegenseitige Beeinflussung gemeinsam rastender Arten, Gezeiten bzw. Wasserstand und Art und Fahrtrichtung von Wasserfahrzeugen.

Das Fluchtverhalten von Vögeln wird nicht nur durch augenblickliche äußere Faktoren bestimmt, sondern auch durch Lernvorgänge. Dies zeigen Vergleichsversuche von brütenden Flussseeschwalben an einem Dock in Wilhelmshafen und auf einer Brutinsel im Banter See.

Bei ausreichend großen Schutzzonen können die Tiere im Rahmen ihrer jeweiligen Anpassungsfähigkeit die Anwesenheit des Menschen tolerieren. Diese ist jedoch bei allen Arten unterschiedlich hoch. Eine Gewöhnung kann aber nur dann stattfinden, wenn Störungen nicht zu stark sind. Zu starke und anhaltende Störungen sensibilisieren die Vögel.

Schutzzonen sollten möglichst den gesamten Bereich umfassen in dem es zu Fluchtreaktionen kommt. Aus den Ergebnissen der Untersuchungen am Jadebusen ergibt sich eine Breite der Schutzzone von 500 m. Wenn Vögel nicht direkt an der Wasserkante rasten, sondern im seichten Gewässer, müssen die Schutzzonen um diese Distanz erweitert werden.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2637) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Jadebusen, Niedersachsen: Parkenser Groden bei Crildumersiel, Bockhorner Groden bei Dangast, Nordender Groden östlich von Dangast, Groden südlich des Schweiburgersiels.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Protokollierung des Verhaltens der Vögel in Abhängigkeit von Störereignissen.

Durchführung von Versuchen zum Raum-Zeit-Verhalten der Tiere bei anthropogenen Störungen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Rastende Wat- und Wasservögel

Vergleich des Verhaltens der Vögel in ungestörten und gestörten Situationen.

Als Reaktionen auf Störungen wurden gewertet: Recken des Halses, Rufen, Umherlaufen, Flügelschlagen oder Flügelheben. Auffliegen wurde nur dann als Flucht gewertet, wenn die Vögel nicht durch andere Faktoren beunruhigt wurden.

Bei den Störungen durch Wasserfahrzeuge wurde die Entfernung von den rastenden Vögeln geschätzt bzw. gemessen. Die Fluchtdistanzen wurden zur Auswertung in Klassen von 50 m bzw. 100 m eingeteilt. Als Entfernungsmarkierung plazierten die Bearbeiter farbige Fähnchen in 2 bzw. 3 Reihen ins Watt hinaus in 50, 100, 200, 300, 400 und 500 m Abstand von der Grodenkante.

Durchführung von Versuchen bei denen das Wasserfahrzeug, bei der größten Entfernung beginnend, parallel zum Ufer von einer Fahne zur gegenüberligenden in gleicher Entfernung vom Ufer fuhr. Daraufhin bewegte es sich auf das Ufer zu bis zur nächsten Fahnenreihe und wiederholte den ganzen Versuch wieder pararllel zum Ufer.

 

Brutvögel

Beobachtung des Verhaltens von Seeschwalben und Registrierung der vorbeifahrenden Wasserfahrzeuge aus 20-50 m Entfernung zur Kolonie.

Durchführung von Versuchen mittels eines Tretbootes, Paddelbootes und Surfern.


EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beunruhigungen

 

EINWIRKUNGSGRAD

Entfernungsveränderungen bei den Versuchen mit mit unterschiedlichen Arten von Wasserfahrzeugen

Wasserfahrzeugart Zahl der Beobachtungen Zahl der Störungen % bezogen auf die Häufigkeit des jew. Bootstyps
Segelboot 34=13 % 8=12 % 24 %
Paddelboot 16=6 % 3=5 % 19 %
Paddelboot 29=11 % 24=38 % 83 %
Sufer 180=70 % 29=45 % 16 %

Paddelbooten und Surfer sind die bedeutendsten Störungsquellen, da sie sich dem Ufer sehr weit nähern können. Das größte Störpotenzial haben Paddelboote mit 83 Prozent.

Austernfischer Bei Störungen blieben die Austernfischer oft als letzte Art am Rastplatz stehen. Als einzige reagieren sie nicht auf Wasserfahrzeuge bereits bei einer minimalen Distanz zur Wasserkante von 100 m bzw. 200 m Entfernung. Surfer und Paddelboote lösten erst bei 100 m und 50 m Laufen oder kurzes Auffliegen aus.
Säbelschnäbler Säbelschnäbler rasteten am Nordender Groden und bei Schweiburgersiel. Dies waren Gebiete in denen nur sehr selten Störungen festgestellt wurden. Bei den durchgeführten Versuchen mit einem Paddelboot flogen die Tiere bei der Annäherung nicht sofort auf, sondern zeigten Verhaltensweisen einer Beunruhigung wie z.B. Flügelheben, Flügelschlagen und Hüpfen. Bei einem Versuch bei dem das Boot zuvor in 200 - 300 m Enfernung den Schwarm passierte und nun direkt auf die Tiere zusteuerte, zeigte sich, dass die Flügelschlag-Rate drastisch anstieg. Diese erhöhte sich nochmals als das Boot in 100 - 200 m Abstand am Schwarrm vorbeifuhr. Dies zeigt, dass eine Beunruhigung bereits lange vor einer Flucht einsetzt. In anderen Fällen reagierten die Tiere bereits bei Entfernungen von über 500 m mit Flucht.
Kiebitzregenpfeifer Kiebitzregenpfeifer rasteten meist mit anderen Vögeln wie z.B. Brachvögeln und Pfuhlschnepfen zusammen. Die Bearbeiter hatten den Eindruck, dass die Tiere sich von den empfindlicheren Arten mitreissen ließen. Sie zeigten zwar schon bei großen Entfernungen durch Rufen ihre Beunruhigung an, flogen aber erst mit den anderen Tieren auf.
Trotz der generell sehr hohen Fluchtdistanzenen war in manchen Fällen eine Annäherung bis auf 50 oder 100 m möglich, bevor die Vögel aufflogen. Diese geringen Fluchtdistanzen ergaben sich dann, wenn das Wasser extrem niedrig auflief und die Störquelle aufgrund der hohen Vegetation längere Zeit verdeckt blieb.
Rotschenkel Rotschenkel bildeten im Untersuchungsgebiet keine größeren Schwärme. Bei Beunruhigung begannen sie zu rufen und flogen schon bei Entfernungen von 300 m auf. Nach weiteren Annäherungen verließen sie das Gebiet.
Brachvogel Die Fluchtdistanzen des Brachvogels reichten bis zu Entfernungen von 500 m. Bei dieser Art stellten die Bearbeiter die größten Fluchtdistanzen gegenüber Fußgängern und die gravierendsten Auswirkungen von Störungen im Watt bei der Nahrungssuche fest.
Pfuhlschnepfe
Bereits bei 500 m Entfernung eines Bootes reagierten einige Individuen mit Herumlaufen und flogen dann bei 450 m auf. Dennoch ist diese Art im allgemeinen weniger empfindlich als Brachvogel, Rotschenkel oder Säbelschnäbler.

Einflüsse verschiedener Faktoren auf die Fluchtdistanzen

Gruppengröße: Mit der Schwarmgröße steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich sehr empindliche Individuen darin befinden, die die anderen mitreißen. Somit reagieren Vögel in großen Schwärmen häufig früher und die Fluchtdistanzen steigen. Hinweise auf eine Tendenz zum Anstieg der Fluchtdistanzen mit der Gruppengröße ergab sich beim Rotschenkel, Brachvogel und Alpenstrandläufer, sowie bei Enten und Ringelgänsen.

Gegenseitige Beeinflussung verschiedener Arten: Limikolenarten rasten oft zusammen in großen lockeren Schwärmen. Dadurch können sich die einzelnen Arten gegenseitig im Verhalten beeinflussen.

Gezeiten: Sowohl die Störempfindlichkeit, als auch die Fluchtdistanzen sind im allgemeinen vor Hochwasser höher als danach. Dies liegt nach Auffassung der Autoren daran, dass die Vögel während des Steigens des Wasserspiegels unruhiger sind, da sie häufiger den Platz wechseln müssen. Bei niedrigem Wasserstand reagieren die Tiere auf Störungen weniger empfindlich. Fallen ufernahe Wattflächen trocken, fliegen die Limikolen nach und nach auf diese Flächen und reagieren wieder empfindlicher.

Wasserfahrzeugtypen:

Rastvögel haben gegenüber Surfern höhere Reaktionsdistanzen als gegenüber Paddelbooten.

Brütenden Flussseeschwalben an einem Dock in Wilhelmshafen reagierten gegenüber Motor-, Paddel- und Segelbooten, die im Abstand von weniger als 10 m an den Tieren vorbeifahren nicht. Bei einer Annäherung von Surfern flogen alle adulten Tiere bzw. ein großer Teil von ihnen bei Entfernungen von 40 m auf. Bei einer Unterschreitung der Distanz von 10 m kam es zur Alarmierung der ganzen Kolonie, Angriffsrufe wurden geäußert und gelegentlich wurde die Spitze des Surfsegels attackiert.

In der Brutkolonie an einem neuen Brutplatz im Banter See lösten Surfer keine Reaktion der Flussseeschwalben aus, wenn sie am Südende der Brutinsel vorbeifuhren. Bei dem Versuch des Vorbeifahrens am kaum befahrenen Längsteil der Insel lösten die Surfer jedoch die gleichen Reaktionen wie am Dock aus.

Für die Autoren beruht der Unterschied der Fluchtdistanzen gegenüber Paddelbooten und Surfern darin, dass gleichförmige Bewegungen eines Bootes die Tiere nicht so sehr beunruhigt wie die hohe Geschwindigkeit und die plötzlichen Bewegungen eines Surfers.Ein weiterer Grund hierfür ist auch, dass die Gestalt des Menschen bei Surfern deutlicher zu erkennen ist und so eher ein Schreckreiz ausgelöst wird.

Fahrtrichtung des Wasserfahrzeugs: Bei Rotschenkel, Knutt und Großem Brachvogel waren die Fluchtdistanzen gegenüber parallel zum Ufer fahrenden Booten im Mittel tendenziell geringer als bei direkt auf die Tiere zufahrenden Booten.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

keine Angaben