Bundesamt für Naturschutz

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Kruckenberg, H.; Jaene, J.; Bergmann, H.-H. (1998) Mut oder Verzweiflung am Straßenrand? Der Einfluß von Straßen auf die Raumnutzung und das Verhalten von äsenden Bleß- und Nonnengänsen am Dollart, NW-Niedersachsen


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

INHALT

Für die hocharktischen Gänsearten sind auf ihren jährlichen Wanderungen von den Brutgebieten in die Winterquartiere und zurück ungestörte Rastgebiete in Norddeutschland von entscheidender Bedeutung. Dabei werden Gebiete präferiert, in denen Grünland als Nahrungsbiotop und die Schlafplätze auf Gewässern nahe beieinander liegen. Zunahme der Straßennetzdichte, Befestigung von Feldwegen, und hierdurch ermöglichte intensivere Erschließung des Raumes für Freizeitaktivitäten, führen zunehmend zu Störungen der Gänse in ihren Rastgebieten. Es wird untersucht, welchen Einfluss Straßen inmitten der Äsungsgebiete von Gänsen haben.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Der eingehaltene Abstand und das Verhalten äsender Bleß- und Nonnengänse im Einflussbereich befahrener Straßen vergrößerte sich parallel zur Verkehrsdichte. Nonnengänse hielten größere Abstände als Blessgänse ein. Im Laufe des Winters verringerten sich aber die eingehaltenen Distanzen infolge der abnehmenden Nahrungsvorräte in straßenferneren Bereichen. Die Gänse reagierten bei der dadurch notwendigen Nahrungsaufnahme in Straßennähe mit vermehrtem Aufmerken und anderen Verhaltensänderungen, wobei die Nonnengänse wiederum niedrigere Reaktionsschwellen als Blessgänse aufwiesen. Eine Gewöhnung war nicht erkennbar. Dauerhaft wirkende anthropogene Störreizquellen müssen daher neben dem Nahrungsangebot und dem Einfluss natürlicher Feinde als Hauptfaktoren für die Raumnutzung der überwinternden Gänse in ihrem Rastgebiet angenommen werden. Dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Einschätzung, Planung und Gestaltung von Gänseschutzgebieten.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1381) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Dollart, NW-Deutschland. Die Untersuchungen wurden im nahezu ausschließlich von Grünlandnutzung geprägten Niederrheiderland (Landkreis Leer, Niedersachsen) durchgeführt. Das Untersuchungsgebiet umfasst Flächen der Brackwassermarsch und Flussmarsch sowie degenerierte Niedermoorbereiche.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Die Untersuchungen wurden vom 15. November 1994 bis 15. April 1995 an insgesamt 74 Beobachtungstagen durchgeführt. Zwei Zähler kartierten synchron flächengenau die Abstände der Gänsetrupps zu nächstgelegenen Straßen. Der maximale Abstand zu einer Straße wurde mit 500 m definiert, weil sich bei größeren Entfernungen die Flächen häufig nicht mehr eindeutig nur einer Straße zuordnen ließen. Neben den Ermittlungen der Raumnutzung und der von den Gänsen eingehaltenen Abstände zu den Straßen wurden mittels der Sample-Scan-Methode nach ALTMANN (1974) Verhaltensbeobachtungen der äsenden Gänse an Straßen verschiedener Verkehrsdichte festgehalten (Scandaten von 219 Stunden (= 658 Scans)). Alle Verhaltensweisen der Nahrungsaufnahme werden mit "Fressen", die des Sicherungsverhaltens als "Aufmerken" und Gefiederpflege, Flügelstrecken, Baden usw. als "Komfort" bezeichnet. Parallel zu den Beobachtungen wurde der fließende Verkehr erfasst, um die Verkehrsdichte während der Anwesenheit der Vögel zu bestimmen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Verkehrsdichte (6 Nutzungsdichtekategorien), Abstände der Gänsetrupps zu verschiedenen Straßenkategorien, Verhalten von Bless- und Nonnengänsen an Straßen verschiedener Verkehrsdichte, saisonale Veränderung des Abstandes und des Verhaltens.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Abstand und Verhalten von äsenden Bless- und Nonnengänsen


EINWIRKUNGSDAUER

Abhängig vom Verkehrsaufkommen

 

EINWIRKUNGSART

PKW auf Straßen

 

EINWIRKUNGSGRAD

abhängig von Distanz zur Straße und Verkehrsfrequenz

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG

Abstände der Gänsetrupps zu verschiedenen Straßenkategorien

Die Flächenanteile im straßennahen Bereich werden mit zunehmender Verkehrsdichte prozentual immer geringer genutzt. Die Anzahl der Trupps, die sich im straßennahen Bereich (< 400 m) aufhielten, sank. Von der Bundesstraße 75 (Kategorie 5: >500 PKW) und an der BAB 280 liegen keine Sichtungen aus dem angenommenen Einflussbereich der Straße vor.

 

Verhalten von Nonnengänsen an Straßen verschiedener Verkehrsdichte

Im Vergleich der Straßen nimmt der Anteil des Fressens mit steigender Verkehrsdichte bei Nonnengänsen ab. An stark befahrenen Straßen der Kategorie 4 konnten keine Nonnengänse über längere Zeit protokolliert werden.
Der Anteil des Aufmerkens bei den Nonnengänsen steigt mit steigender Verkehrsdichte signifikant an.
Bei Nonnengänsen ist eine Abnahme des Komfortverhaltens deutlich sichtbar. Bereits bei Straßen zwischen 30 und 99 Fahrzeugen pro Stunde erfolgt kein Komfortverhalten mehr.

 

Saisonale Veränderung des Abstandes und des Verhaltens

Nonnengänse nähern sich saisonal während der Rastperiode der K42 signifikant an. Allerdings nähern sich Nonnengänse den Straßen nicht so stark wie Blessgänse. Aber parallel zur beobachteten Annäherung ändert sich auch das Verhalten der Vögel: Das Fressen nimmt von 69 % auf 63,2 % ab, und das Aufmerken nimmt zu (von 18,3 % auf 25,1 %).

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

keine Angaben

 

BEMERKUNGEN

Gänse minimieren den Einfluss der Reizquelle (PKW auf der Straße) über den Abstand. Trotzdem muss aufgrund anderer Faktoren, wie z. B. des Nahrungsangebots, eine Annäherung an die Störquelle erfolgen. Es ist damit zu rechnen, dass die nahe Straße bzw. steigende Verkehrsdichte einen Einfluss auf das Verhalten zeigen. Fressen bildet während der hellen Tagesstunden die Hauptaktivität von überwinternden Gänsen. Daher ist ein ausreichender Zeitanteil an Nahrungsaufnahme auch für die Aufrechterhaltung aller anderen Aktivitäten und Körperfunktionen notwendig. Besonders in der Phase der Zugvorbereitung ist die ungestörte Nahrungsaufnahme wichtig, da der Aufbau von Fettreserven für den bevorstehenden Heimzug und die anschließende Brut direkten Einfluss auf die Individualfitness hat.

Für beide Arten zeigen sich unterschiedliche Auswirkungen der steigenden Verkehrsdichte auf die Verhaltensweise Fressen: Blessgänse zeigen eine Zunahme des Fressens bei konstantem Zeitanteil des Aufmerkens. Dabei könnte es sich um kompensatorische Nahrungsaufnahme handeln, mit der die Auswirkungen punktueller Störreize ausgeglichen werden. Die erhöhte Nahrungsaufnahme kann aber auch durch andere Faktoren wie jahreszeitliche Veränderungen im Aktivitätsbudget, Heterogenität der Flächen o. ä. verursacht werden.
Im Gegensatz dazu sinkt der Anteil des Fressens bei den Nonnengänsen mit steigender Verkehrsdichte. Die für das Fressen verlorene Zeit wird von den Nonnengänsen für Sicherungsverhalten benötigt. Die Zunahme des Sicherungsverhaltens ist als direkte Reaktion auf die von der Straße ausgehenden Störreize zu werten.
Nonnen- und Blessgänse zeigen also verschiedene Reaktionen auf die von einer Straße ausgehenden Störreize. Dies hängt mit den verschiedenen Abstandsverteilungen zusammen, die die beiden Arten in Bezug auf Straßen einnehmen. Blessgänse nähern sich auch stark befahrenen Straßen an und werden durch punktuelle Störungen beeinflusst. Sie reagieren darauf in Form von kompensatorischer Nahrungsaufnahme. Nonnengänse halten größere Abstände zu der Störreizquelle Straße ein. Sie entziehen sich dadurch stärker als Blessgänse den punktuellen Störungen, zeigen aber erhöhte Aufmerksamkeit. Bei beiden Arten ist ein Rückgang des Komfortverhaltens mit steigender Verkehrsdichte zu beobachten. Das Komfortverhalten bildet offensichtlich eine Art "Pool", aus dem Zeit abgezogen wird, um kompensatorisches Verhalten zu zeigen und so negative Einflüsse auszugleichen. Ob sich daraus langfristig für die Vögel nachteilige Auswirkungen ergeben, ist derzeit ungeklärt.

Die Autoren gehen davon aus, dass eine Gewöhnung an den Verkehr im Saisonverlauf nicht erfolgt. Dass Tiere näher an die Straßen heranrücken wird auf die Qualität und Verfügbarkeit der Nahrung und die Notwendigkeit zur Nahrungsaufnahme zurückgeführt.