Bundesamt für Naturschutz

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Keller, Verena (1989) Variations in the response of Great Crested Grebes Podiceps cristatus to human disturbance - A sign of adaptation?


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Angeln, Erholung am Gewässer, Rudern, Tretbootfahren, Wassersport

 

INHALT

An drei, einem unterschiedlich starken Freizeitbetrieb ausgesetzten Lokalpopulationen des Haubentauchers wird die Frage untersucht, ob in Erholungsgebieten brütende Haubentaucher Verhaltensanpassungen aufweisen, die ihnen unter den durch den Menschen veränderten Bedingungen erfolgreiches Brüten ermöglichen. Die Untersuchung wurde an drei Kleinseen im schweizerischen Mittelland durchgeführt: Zwei davon weisen zeitweise intensiven Freizeitbetrieb (Ruderboote, Spaziergänger, Fischer, Badebetrieb) auf, wobei dieser am Burgäschisee noch intensiver ist als am Moossee. Der dritte See, der Gerzensee, ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und praktisch frei von Freizeitbetrieb.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Aufgrund ihrer Neststandorte und dem Zeitpunkt des Brütens sind brütende Haubentaucher Freizeitbetrieb stark ausgesetzt.
  • In kurzen Abständen wiederholte Annäherungen führen weder zu einer Gewöhnung noch zu einer Sensibilisierung.
  • Am Moossee verloren die Hälfte, am Burgäschisee die meisten Paare wenigstens 1 Gelege. Dies wird auf die Summe der Störungen an den Seen zurückgeführt. Einige Paare machten bis zu vier Brutversuche, wodurch die individuellen Energiekosten stark anstiegen.
  • Die reduzierte Fluchtdistanz auf intensiv gestörten Seen wird als eine Anpassung interpretiert, die einen Brutabschluss erst möglich macht, weil ansonsten, aufgrund der Vielzahl und Permanenz der Störungen ein Ausbrüten (Raub, Auskühlen) der Eier nicht möglich wäre. Wäre die Fluchtdistanz hoch, könnten einige Paare keine Brut beginnen.
  • Die Frage, ob das Verhalten der Haubentaucher, v. a. die starke Reduzierung der Fluchtdistanz bei stark gestörten Seen, Gewöhnungseffekt oder genetisch bedingt ist, kann nicht beantwortet werden. Individuen, die über mehrere Jahre beobachetet wurden, zeigten keine Habituation an Störungen. Jedoch ist möglich, dass Jungtiere, die mit Störungen aufwuchsen, ein verändertes Verhalten als ihre Eltern entwickeln können. Es gibt u.a. bei einer nordamerikanischen Population des Eistauchers (Gavia immer) einen Hinweis darauf, dass sich eine zunehmende Toleranz gegenüber Erholungsaktivitäten entwickelte.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 1304) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Gerzensee (27 ha, 20 km südlich von Bern, Schweiz); Moossee (31 ha, 10 km nordöstlich von Bern); Burgäschisee (23 ha, 35 km nordöstlich von Bern)

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Beschreibung der Neststandorte und die zeitliche Verteilung der Bruten
  • Vergleich der Fluchtdistanzen und der Schlüpferfolge an den drei Seen
  • Diskussion der Gründe für die Unterschiede im Schlüpferfolg
  • Mit Schwerpunkt in 1984 und 1985 wurden ein bis drei Mal wöchentlich von Ende März bis Anfang August Nester kontrolliert. Weiterhin wurde vom Ufer aus das Verhalten der Haubentaucher beobachtet. (Moossee: 43 Stunden ohne -, 35 Stunden mit Erholungsbetrieb; Burgäschisee: 35 Stunden ohne -, 44,5 Stunden mit Erholungsbetrieb; Gerzensee (störungsfrei): 30,5 Stunden ohne Erholungsbetrieb)

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Fluchtdistanz. Nestabdeckungsverhalten. Bruterfolg

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

1 weitgehend ungestörter See (Gerzensee) und zwei stark, aber unterschiedlich intensiv gestörte Seen (Moossee und, intensiver gestört, Burgäschisee)


Moossee stichprobenhafte Zählungen
Wochenende:
41 resp. 75 Spaziergänger/3 Stunden
bis zu 18 Angelboote gleichzeitig auf dem See
Sonntag: 85, 163 und 175 Spaziergänger/3 Stunden
Burgäschisee bis zu 11 Angelboote gleichzeitig auf dem See
Zusätzlich Schlauchboote und Luftmatrazen; Abstandsregelungen zum Ufer werden nicht beachtet; insgesamt bis zu 100 Fahrzeuge gleichzeitig auf dem See

Haubentaucher

  • Fluchtdistanzen: Brütende Haubentaucher verlassen bei Annäherung von Menschen das Nest. Die Fluchtdistanzen nehmen im Verlauf des Brütens leicht ab.
  • In den Erholungsgebieten Moossee und Burgäschisee brütende Haubentaucher weisen wesentlich geringere Fluchtdistanzen auf als die keinem Freizeitbetrieb ausgesetzten Paare am Gerzensee: Haubentaucher am Gerzensee verlassen das Nest auf sehr große Distanz, oft über 50 oder sogar 100 m. Am Moossee liegen die Fluchtdistanzen zwischen 0 und 20 m, am Burgäschisee zwischen 0 und 10 m. An Moossee und Burgäschisee verlassen einige Individuen das Nest nicht und verteidigen es teilweise sogar gegenüber sich bis ans Nest nähernden Menschen.
  • Schlüpferfolg: Trotz geringer Fluchtdistanzen liegt der Schlüpferfolg in den Erholungsgebieten unter demjenigen am Gerzensee. Am Gerzensee gingen in den vier Untersuchungsjahren (1983 - 1986) im Mittel 33,3 % der Gelege verloren, am Moossee 53,3 % und am Burgäschisee 75,3 %. Am Moossee deutet sich eine Verbesserung des Schlüpferfolgs an.
  • An Moossee und Burgäschisee brüten Paare mit sehr geringen Fluchtdistanzen häufiger erfolgreich als auf größere Distanz fliehende.
  • Gründe für den schlechteren Schlüpferfolg: Zudecken des Geleges vor dem Verlassen des Nestes: Experimente mit auf verlassenen Haubentauchernestern ausgelegten Hühnereiern zeigten, dass das Zudecken des Geleges mit Nestmaterial einen wirksamen Schutz vor dem Raub durch Blässhühner bildet. Haubentaucher am Gerzensee deckten das Gelege in 93 % der Beobachtungen ganz oder teilweise zu, am Moossee in 46 %, am Burgäschisee nur in 16 %.
  • Ob ein Haubentaucher das Gelege zudeckt, ist abhängig von der Fluchtdistanz: Bei Distanzen unter 6 m wird das Gelege fast nie zugedeckt. Das Gelege ist deshalb bei störungsbedingter Nestabwesenheit in verstärktem Maß Räubern ausgesetzt.
  • Abwesenheit des Brüters vom Nest: Durch Menschen ausgelöstes Nestverlassen tritt - außer bei Paaren mit fast vollständig abgebauter Fluchtdistanz - an Moossee und Burgäschisee regelmäßig auf und führt an Tagen mit Freizeitbetrieb zu einer erniedrigten Schutzrate. Am Burgäschisee verlor ein Brutpaar während der Abwesenheit sein Gelege; die Nestabwesenheit dauert zwischen wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden.
  • Nestbauverhalten: Haubentaucher bauen während der ganzen Brutzeit regelmäßig am Nest. Dadurch wird das Nest bis zum Schlüpfen der Jungen in gutem Zustand erhalten. Bei Wegfall des Nestbauverhaltens verschlechtert sich der Nestzustand sehr rasch. In Nestern mit schlechtem Zustand treten häufiger Eiverluste auf. An Tagen mit Freizeitbetrieb ist das Nestbauverhalten an Moossee und Burgäschisee teilweise reduziert, insbesondere die Häufigkeit des Zutragens von Nestmaterial. Das Risiko von Eiverlusten wird dadurch nur unwesentlich erhöht, da die Reduktion des Nestbauverhaltens wahrscheinlich in Zeiten ohne Freizeitbetrieb kompensiert werden kann.

BEMERKUNGEN

Haubentaucher bauen kaum verankerte Schwimmnester, hauptsächlich in Röhrichtbeständen (Phragmites australis und Typha sp.) oder in den ins Wasser hängenden Zweigen von Weiden (Salix sp.). Die Nester liegen nahe am offenen Wasser, bei schmalem Vegetationsgürtel ebenfalls nahe am Land und sind von der Seeseite meist gut, vom Ufer aus meist schlecht sichtbar. Die Hauptbrutzeit liegt am Gerzensee im April und Mai, an Moossee und Burgäschisee im Mai und Juni. Ersatzgelege werden bis Anfang August gefunden.

Die Reaktion auf Störung hing auch vom Neststandort in Abhängigkeit von der Entfernung zum offenen Wasser ab: Seen mit ausgedehnten Schilfröhricht führten dazu, dass die Nester weiter von der Seefläche entfernt angelegt wurden. Solche Paare hatte auch im Durchschnitt größere Fluchtdistanzen als Paare, die nahe der offenen Seefläche nisteten. Individuen, die auch bei Annäherung eines Bootes auf dem Nest sitzenblieben, hatten ihre Nester immer im Abstand bis zu max. 2 m von der offenen Seefläche entfernt gebaut. Insgesamt zeigte sich jedoch, dass das Fluchtverhalten stark von den jeweiligen Individuen abhängt, die unterschiedlich sensibel auf Störungen reagieren.

Ergänzende Informationen wurden der Dissertation von Frau Keller (1988) entnommen.