Bundesamt für Naturschutz

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Kempf, Norbert; Hüppop, Ommo (1994) Teilweise Wiederinbetriebnahme der ehemaligen Start- und Landebahn 06/24 als Nebenstartbahn 24 für Luftfahrzeuge bis max. 5,7 t am Verkehrsflughafen Bremen


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

SPORTART

Luftsport

 

INHALT

Ziel des Gutachtens ist es, auf der Basis von Literaturangaben und eigenen Untersuchungen abzuschätzen, ob bzw. welche Auswirkungen beim Betrieb der Nebenstartbahn 24 am Verkehrsflughafen Bremen auf die Avifauna der Umgebung zu erwarten sind.

Dabei sollen nur direkte Störwirkungen von Flugzeugen auf Vögel berücksichtigt werden. Allgemein umweltschädliche Auswirkungen des Flugverkehrs sind nicht Gegenstand dieses Gutachtens, auch wenn Vögel davon betroffen sind.

Nach einer Bewertung der Arbeitsergebnisse erfolgt eine Abschätzung der Auswirkungen des Flugbetriebs auf die Vogelwelt, die durch Empfehlungen aus ornithologischer Sicht zu Flughafenbetrieb und Naturschutz im Untersuchungsgebiet ergänzt werden.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Brutvögel

  • Die Verbreitung der Brutvögel wurde von der Beschaffenheit des Lebensraums bestimmt (S. 75).
  • Bei Störungen durch Personen im beobachteten Ausmaß wurde eine Erhöhung des täglichen Energieverbrauchs der Wiesenvögel um weniger als 1 % veranschlagt (S. 64).
  • Die psychische Wirkung von Flugzeugüberflügen auf die Brutvögel ist nur im Zusammenhang mit anderen Störreizen zu bewerten. Aus diesem Grund ist das Gesamtmaß an Störungen möglichst gering zu halten (S. 65).
  • Vom Flugverkehr am Bremer Flughafen gingen keine negativen Effekte auf Verteilung, Überlebensrate und Bruterfolg der Brutvogel aus (S. 65).
  • Von Personen auf den Flächen waren dagegen eindeutig negative Effekte zu befürchten (S. 65).
  • Die zu erwartende Erhöhung des Flugverkehrs wurde bei regelmäßiger und auf gleicher Route verlaufender Befliegung als nicht gravierend eingeschätzt, da von einer möglichen Gewöhnung der Vögel ausgegangen wurde (S. 66).
  • Die Neuansiedlung nicht an den Flugverkehr gewöhnter Arten wurde bei einer Erhöhung des Flugverkehrs jedoch als zweifelhaft erachtet (S. 75).

Rastvögel (S. 69 ff)

  • Rastvögel wiesen eine höhere Empfindlichkeit auf als Brutvögel.
  • Die Störungsempfindlichkeit der Rastvögel hing in starkem Maße von der Summation verschiedener oder gleicher Störreize ab.
  • Insbesondere innerhalb größerer Ansammlungen konnte das Verhalten eines Vogels durch das Verhalten von Artgenossen oder artfremder Individuen beeinflußt werden.
  • Gewöhnung an Flugzeuge war für einen gewissen Teil der Vögel möglich.
  • Eine Zunahme des Flugverkehrs über dem Teilgebiet "Mitte" wurde als Grund für spürbare Auswirkungen auf Rastvögel angenommen. Insbesondere eine beliebige Nutzung der Nebenstartbahn 24 läßt eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensraumkapazität für Rastvögel erwarten.
  • Eine Steigerung der Flugaktivität der als Gruppe reagierenden großen Schwärme von Vögeln wird zu Abwanderungserscheinungen der Tiere führen, da der Aufenthalt im Gebiet nicht mehr "wirtschaftlich" sein wird.

BEZUG/QUELLE

Institut für Vogelforschung, "Vogelwarte Helgoland"

Inselstation, Postfach 1220

27494 Helgoland

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 115) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Verkehrsflughafen Bremen, Wesermarsch, Bremen

Die Kladdinger Wiesen in der Bremer Wesermarsch stellen ein relativ großflächiges offenes Gebiet dar, das große zusammenhängende Grünlandbereiche ohne Besiedlung und mit nur geringer Erschließung aufweist (S. 22).

Das Untersuchungsgebiet weist eine Gesamtfläche von ca. 740 ha auf und wurde in die Teilgebiete "Mitte", "Ost", "West" und "Nord" unterteilt (S. 22).

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Aufbauend auf einer Literaturauswertung über Auswirkungen von Flugverkehr auf Vögel, erfolgte eine Kartierung der Landschaftsstruktur und der Nutzung der gesamten südlich und westlich des Flughafens gelegenen Niederungsfläche.

Zusätzlich erfolgte im Jahr 1993 durch Geländebegehungen eine Erhebung des Brut- und Rastvogelbestand in diesem Gebiet sowie Verhaltensbeobachtungen der Reaktionen auf Flugzeuge, welche durch gezielte Versuchsüberflüge ergänzt wurden.

Brutvogelerfassung und Verhaltensbeobachtungen (S. 31 ff.)

  • Eine Erhebung des Brutvogelbestandes wurden im Frühjahr und Sommer 1993 mit einem Schwerpunkt auf Wiesen- und Wasservögel sowie grünlandbewohnende Singvögel durchgeführt.
  • An den Arten "Kiebitz" und "Uferschnepfe" wurden Untersuchungen über das Zeit-Aktivitätsbudget durchgeführt, mögliche Störreize notiert und zusätzlich Versuchsüberflüge durchgeführt.

Rastvogelzählungen und Verhaltensbeobachtungen

  • Im Herbst und Winter 1993 wurden rastende und Nahrung suchende Vögel mit einem Schwerpunkt auf größere und schwarmbildende Arten zahlenmäßig erfaßt.
  • Das Verhalten von Rastvogeltrupps wurde im Hinblick auf Reaktionen auf Störreize beobachtet und notiert. Zusätzlich wurden Testüberflüge über einen Kiebitzschwarm durchgeführt.

Bei den ornithologischen Untersuchungen wurde auf Basis von im Halbminuten-Rhythmus aufgezeichneten Verhaltensweisen die Zahl der Übergänge pro Zeit innerhalb von verschiedenen Verhaltenskategorien unter An- und Abwesenheit von Menschen und Flugzeugen verglichen (S. 45).

Außerdem wurden auf dem Teilgebiet Mitte zehn simulierte Starts von der Startbahn 24 geflogen und gleichzeitig das Verhalten einzelner Vögel über etwa 1 Stunde kontinuierlich protokolliert (S. 49).

Bei den Veränderung von Verhaltenskategorien wurden verschiedene "Aufmerksamkeits- bzw. Erregungsindikatoren" (Übergänge im Verhalten von "Schlafen", "Ruhen", "Gefiederpflege", "Nahrungssuche" zu "Aufmerken" und "Auffliegen") unterschieden.

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Intensität von Flugbetrieb und anwesenden Personen ("verkehrsreich": Start- und Landeschneise; "verkehrsarm": Flugzeuge und Personen selten)
  • Vogelart
  • Flugzeugart
  • Flughöhe
  • Flugroute (direkter oder seitlicher Überflug)
  • Schwarmgröße


KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Landwirtschaftliche Situation

Eine Kartierung der Landnutzungstypen und -intensität sowie der Grundwassersituation im Untersuchungsgebiet wurde durchgeführt um die Eignung des Gebiets für die Nutzung durch Vögel abschätzen zu können (S. 22).

Darauf aufbauend wurde die Eignung der Flächen für die Nutzung durch Vögel folgendermaßen bewertet: Teilgebiet "Ost" geringe Eignung als Brutgebiet aber als Pufferzone; "Mitte" bedingt geeignet; "West" geringe Eignung; "Nord" gute Lebensraumbedingungen (S. 22).

Flugverkehrssituation

  • Mittels Flugspuraufzeichnungen und Beobachtungen der Autoren wurde die Zahl der Flugbewegungen im Untersuchungsgebiet geschätzt. Für das hauptsächlich zu beurteilende Gebiet "Mitte" betrug die Zahl der Flugbewegungen, die für Vögel potentielle Störreize darstellen, mindestens ein Drittel der Zahl von Teilgebiet "Nord", das direkt in einer Start- und Landeschneise liegt (S. 28 ff.).

Situation des Naturschutzes

  • Das Untersuchungsgebiet hatte den Status eines "Brutgebiets von nationaler Bedeutung" (Stand 1990), wies jedoch zurückgehende Bestände wichtiger Vogelarten auf (S. 57 ff.).
  • Die Bedeutung des Untersuchungsgebietes für Rastvögel war mit einigen Ausnahmen als durchschnittlich oder mäßig einzustufen (S. 67).


EINWIRKUNGSDAUER

Unterschiedliche Flugzeiten

 

EINWIRKUNGSART

optischer Reiz am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Unterschiedlich hoch fliegende und unterschiedlich dicht aufeinanderfolgende Flugzeuge sowie Flugrouten je nach Teilgebiet (S. 28 ff.)

 

 

Ergebnisse der Literaturauswertung (S. 20 ff)

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Vögel reagieren angeborenermaßen auf fliegende Objekte mit Flucht. Sie lernen erst allmählich harmlose (normalerweise häufige) von gefährlichen (normalerweise seltenen) Erscheinungen zu unterscheiden.
Rastvögel Als mögliche Reaktion von Vögeln auf Flugzeugüberflüge ist Alarmverhalten in stark variiertem Ausmaß bis hin zu Flucht anzuführen. "Erregung" kann jedoch auch bei äußerlicher "Gleichgültigkeit" nachgewiesen werden (z. B. durch Telemetrie).
Auswirkungen der Fluchtreaktionen von Vögeln lassen sich als Energie-, Zeit- und/oder Gebietsverlust zusammenfassen. Negative Auswirkungen auf den Bruterfolg sind nachweisbar.
Zur Brutzeit sind vorwiegend wiesenbrütende Limikolen, auf dem Zug und im Winter hauptsächlich Enten und Limikolen durch Flugverkehr betroffen.
Bei Modellflugzeugen sowie Ultraleichtflugverkehr sind meist gravierende Auswirkungen auf die Vogelwelt zu erwarten.
Flugverkehr mit Düsenjets hat insgesamt geringere Auswirkungen auf Vögel als allgemein angenommen; Hubschrauber dagegen können die stärksten Störwirkungen bei den personenbefördernden Flugzeugen entwickeln.
Der Lärm eines Flugzeuges spielt eine untergeordnete Rolle. Insbesondere geringe Flughöhen, direktes Überfliegen sowie langsam und unvorhersehbar fliegende Flugobjekte wirken besonders stark.
Die Reaktion eines Vogels kann außerdem durch zusätzliche Störfaktoren (gleichzeitig oder davor) den physiologischen Zustand des Vogels, das Verhalten anderer Vögel, die Wettersituation usw. beeinflußt werden.
Gewöhnung an den Flugbetrieb wird durch regelmäßigen Flugverkehr (hinsichtlich Zeiten, Routen, Höhenstufen, Geräuschen, Flugzeugtypen usw.), durch große Flughöhen und weniger bedrohlich wirkende Flugzeugtypen erleichtert.
Trotzdem können empfindliche Arten und Individuen von der Nutzung von Lebensräumen mit überdurchschnittlichem Flugverkehr ausgeschlossen bleiben.

Ergebnisse der ornithologischen Untersuchungen

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Eine Abhängigkeit der Verbreitung von Kleinvögeln/Singvögeln von der Häufigkeit der Überflüge durch Flugzeuge war nicht erkennbar (S. 35).
Rastvögel Eine Auswirkung des Flugverkehrs auf Nicht-Singvögel ist nicht zu erkennen.
Die relativ häufig von Flugzeugen überflogenen Teilgebiete ("Nord" und "West") waren nicht grundsätzlich weniger von Vögeln genutzt als die Gebiete "Mitte" und "Ost". Es konnten Vogelschwärme beobachtet werden, die sich direkt auf dem Flughafengelände aufhielten (42 S.).

Verhaltensbeobachtungen an Brutvögeln bei gegenwärtigem Flugbetrieb

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Bei den untersuchten Wiesenvogelarten (Kiebitz und Uferschnepfe) waren ein Viertel aller Reaktionen auf anthropogene Störreize zurückzuführen. Bei beiden Arten überwogen Reaktionen auf natürliche Störreize (73 % bzw. 76 % aller Aufmerk- und Aufflugreaktionen) (S. 46).
Rastvögel Eine Zunahme der Flugaktivität der Vögel aufgrund des Flugverkehrs ergab sich aber nicht. Personen machten 3,3 % (Uferschnepfe) und 1,6 % (Kiebitz) der gesamten störungsbedingten Flugzeiten mit bekannter Ursache aus (S. 46).
Bei Uferschnepfe und Kiebitz gab es bei Anwesenheit von Menschen im Gebiet "verkehrsreich" keine Änderungen in der Zahl der Übergänge zu "Aufmerken" oder "Auffliegen"; im Gebiet "verkehrsarm" wurde in den 2 beobachteten Fällen immer "Auffliegen" festgestellt (S. 45).
Bei Flugzeugüberflügen ergaben sich bei der Uferschnepfe im Gebiet "verkehrsreich", beim Kiebitz im Gebiet "verkehrsarm" deutlich mehr Übergänge zu "aufmerken" und "Auffliegen" (S. 45).

Verhaltensbeobachtungen an Brutvögeln bei simulierten Flugzeugstarts

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz/Rastvögel Die Überflüge führten nicht zu auffallenden Reaktionen. Bei der Uferschnepfe traten allerdings während der Überflüge Übergänge zu "Aufmerken" oder "Auffliegen" signifikant häufiger auf; beim Kiebitz nicht (S. 49).

Verhaltensbeobachtungen an Rastvögeln bei gegenwärtigem Flugbetrieb

Vergleich der Teilgebiete:

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Insgesamt bewirkte die Mehrzahl der Flugzeuge (70 %) keine offensichtliche Reaktion der Vögel. In den Gebieten, wo sehr häufig Überflüge in niedrigen Höhen stattfanden war dies besonders auffällig ("Nord" 79 % und "Flughafengelände" 84 % keine Reaktion) im Gegensatz zu den Gebieten "West" und "Mitte" (59 % keine Reaktion) (S. 52).
Rastvögel Eindeutige Fluchtreaktionen wegen Flugzeugen erfolgten auf dem Flughafengelände in 11 %, in den Teilgebieten "West" und "Mitte" in 27 % der Überflüge (S. 52).

Vergleich der verschiedenen Flugzeuge:

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Am seltensten reagierten die Vögel auf größere Propellermaschinen, am häufigsten auf Hubschrauber (S. 53).
Rastvögel Seltene und damit ungewohnte Flugzeugtypen schienen eine stärkere Wirkung zu haben (S. 53).

Vergleich der beobachteten Vogelarten:

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Kiebitz und Star wurden stärker durch den Flugverkehr beeinträchtigt als die meisten anderen Arten (S. 54).
Rastvögel Vögel schienen häufiger auf Störreize zu reagieren, wenn sie in großen Schwärmen auftraten (S. 54).

Flughöhe und -route:

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz Die Flughöhe der Maschinen schien sich nicht auf die Häufigkeit, aber auf die Intensität der Vogelreaktionen auszuwirken (S. 53).
Rastvögel Direkte Überflüge führten häufiger zum Auffliegen von Vögeln als seitliche; letztere riefen allerdings stärkere Reaktionen hervor (S. 53).

Verhaltensbeobachtungen an Rastvögeln bei simulierten Flugzeugstarts

Brutvögel, Schwerpunkt: Uferschnepfe und Kiebitz/Rastvögel Die Versuche innerhalb weniger Stunden bei gleicher Versuchsanordnung zeigten widersprüchliches, sowohl ruhiges als auch sehr beunruhigtes Verhalten der Rastvögel (S. 56).