Bundesamt für Naturschutz

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Kapelari, Peter (1998) Hänge- und Paragleiter - Eine Bedrohung für das Gamswild (Rupicapra rupicapra L.)?


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Schwerpunkt der Arbeit ist die Untersuchung der Auswirkungen des Drachen- und Gleitschirmfliegens auf die Tierart Gemsen und deren Lebensraum am Beispiel zweier Untersuchungsflächen im österreichischen Ostalpenraum.

Daraus werden Verhaltensvorschläge für die beteiligten Interessensgruppen von Flugsport, Naturschutz und Forstwirtschaft abgeleitet.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Der Hänge- und Paragleitersport kann unter bestimmten Voraussetzungen gravierende Folgen für Gemsen und den Gebirgswald haben:

  • In gelegentlich beflogenen Gebieten, da dort kaum Gewöhnungsvorgänge erfolgen können,
  • in Gebieten mit großen freien Flächen oberhalb der Waldgrenze,
  • in bevorzugten Wildeinstandsgebieten,
  • wenn die Gemsen nicht bereits durch andere Störungen vorher vertrieben wurden,
  • bei überraschendem Eintreffen des Fluggeräts,
  • bei hangnahen Flügen in geringer Höhe,
  • bei tiefer Schneelage,
  • während der Setzzeit und knapp danach,
  • in Gebieten, wo Fluchten aufgrund fehlender Latschen oder Grünerlengürtel direkt in die sensiblen Waldbestände führen (S. 106 ff.).

Daraus folgernd werden Verhaltensvorschläge für Flugsportler, Jäger, Forstwirtschaft und Naturschutzbeauftragte abgeleitet (S. 108 ff.)

 

BEZUG/QUELLE

Österreichischer Alpenverein

Fachabteilung Raumplanung - Naturschutz (Bibliothek)

Postfach 318

A - 6010 Innsbruck


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Ostalpenraum, Österreich

Untersuchungsgebiete:

Christlum (Achenkirch), 165 ha, seltene Nutzung durch den Flugsport, anderweitige Freizeitnutzung vor allem im Winter: intensive Nutzung durch Ski- und Snowboardfahrer (10 Lifte, Schneekanonen) sowie Rodelbetrieb auf einer Rodelbahn - auch nachts (S. 47).

Loser (Altausee), ganzjähriger intensiver Flugbetrieb (Wettbewerbe, Flugschulen) sowie kaum beflogene Bereiche (Naturschutzgebiet), Befliegung schon seit 1975 (S. 49 ff.).

Beide Gebiete in tieferen Lagen bewaldet, in den Hochlagen offene Matten mit Fels- und Latschenbereichen.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Ganztagesbeobachtungen an 20 Tagen im September und Oktober 1995.

Beobachtungen des laufenden Flugbetriebs und experimenteller Versuchsflüge.

Untersuchung der Reaktionen (insbesondere der Änderungen des Raum-Zeit-Verhaltens) der Tiere auf den Flugsport und auf andere Einflußfaktoren sowie der daraus erwachsenden Folgen für die Individuen und deren Lebensraum (S. 3 ff.).

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Reaktionen von Gemsen auf den Flugbetrieb in Abhängigkeit von:

  • Deckungsnähe
  • Fluggerät
  • Flughöhe
  • Häufigkeit der Befliegung
  • Flugroute/Art des Eintreffens
  • Geschlecht der Tiere
  • Ort und Zeitpunkt des Flugbetriebs


EINWIRKUNGSDAUER

Christlum: äußerst seltene Befliegung im Sommer, stärkere Frequentierung im Winter: Nutzung der Skilifte als Aufstiegshilfe, geringe Gefahr von Turbulenzen, problemlose Landung auf verschneiten Wiesen ( S. 42ff.).

Loser: ganzjährige intensive Befliegung bestimmter Bereiche (S. 57 ff.).

Schwerpunkt der Befliegung in beiden Gebieten mittags und nachmittags (S. 115).

 

EINWIRKUNGSART

optischer Reiz am Himmel. visueller und akustischer Reiz durch Wanderer am Boden

 

EINWIRKUNGSGRAD

unterschiedlich hoch fliegende und dicht aufeinanderfolgende Drachen- und Gleitschirmflieger

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gemse (Rupicapra rupicapra) Christlumkopf (selten beflogenes Gebiet) Geiß-Kitz-Rudel reagierten sehr heftig auf Überflüge und Startversuche, aber auch auf Warnpfiffe von Murmeltieren. Sicherungs- und Fluchtdistanzen waren meist identisch, und betrugen (in Abhängigkeit der Wahrnehmbarkeit des Flugobjektes) zwischen 200 und 500 m. Unbemerktes, überraschendes Eintreffen eines Fluggeräts hatte panische, unkoordinierte Flucht zur Folge. Fluchten blieben nur bei Passierflügen in einem Abstand von mehr als 200 m aus. Die Tiere flüchteten zumeist hangparallel in Waldstücke oder steile Latschenbereiche und blieben für einige Stunden von den Freiflächen fern (S. 80 ff.).
Böcke reagierten sehr tolerant und zeigten höchstens Sicherungs- oder Ausweichverhalten (S. 83).
Die Nähe zum nächsten Deckungseinstand hatte nur bei großen Abständen zum Fluggerät (größer als 400 m) Auswirkungen auf Geiß-Kitz-Rudel, welche dann seltener mit sofortiger Flucht reagierten (S. 83).
Drachen- und Gleitschirme unterschieden sich in ihrer Wirkung auf Gemsen durch die Geräuschentwicklung der Gleitschirme beim Start, die zur Beunruhigung der Tiere führte (S. 84 ff.).
Geiß-Kitz-Rudel reagierten auf Überflüge unter 200 m immer mit Flucht, Böcke nur unter 50 m mit Ausweichverhalten (S. 85).
Gewöhnungs- und Anpassungseffekte waren aus verschiedenen Gründen nicht nachweisbar (S. 85).
Neben dem Flugbetrieb, der die gravierendsten Störungen verursachte, stellte das Wandern die häufigste, zu Fluchtreaktionen führende Störquelle dar. Autos, Weidevieh oder Greifvögel hatten so gut wie keine Störungen zur Folge (S. 86 ff.).
Eine Änderung des Raum-Zeit-Verhaltens der Gemsen konnte nicht festgestellt werden (S. 89 ff.).
Loser (intensiv beflogenes Gebiet) Die Tiere hatten sich bei Einsetzen des Flugbetriebs wegen Sonneneinstrahlung oder früher einsetzendem Wanderbetrieb normalerweise schon in die kaum beflogene Bereiche zurückgezogen (S. 91).
Auf der stark beflogenen Bergseite zeigten die Tiere eine generell sehr geringe Fluchtbereitschaft (S. 91).
Auf der kaum beflogenen Bergseite reagierten die Tiere heftiger, waren aber immer noch toleranter als im Gebiet Christlumkopf. Besonders Geiß-Kitz-Rudel flüchteten schon bei Überflügen in 150-200 m Höhe. Böcke hatten eine deutlich geringere Fluchtbereitschaft (S. 91 ff.).
Ein Einfluß von Deckungsnähe und der Art des Fluggeräts auf Art und Heftigkeit der Reaktion könnte bei den Versuchsbedingungen nicht festgestellt werden (S. 92).
Die Flughöhe hatte besonders auf der kaum beflogenen Seite, einen Einfluß auf die Reaktionen der Tiere (150 -200 m als kritische Höhe). Auf der stark beflogenen Seite reagierten die Tiere nur bei Flughöh