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Klaus, Siegfried; Augst, Ulrich (Hrsg.) (1994) Das Aussterben des Auerhuhns Tetrae urogallus L. im Elbsandsteingebirge


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin typo3/index.php?d=impressum2&lang=HYPERLINK./index.php?d=impressum2&lang=

 

SPORTARTEN

Klettern, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die Autoren untersuchten über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten den Rückgang und das Aussterben des Auerhuhns im Elbsandsteingebirge und versuchen Ursachen für das Aussterben der Population zu analysieren. Dabei werden verschiedene Faktoren, die als potentielle Rückgangsursachen in Betracht kommen können, hinsichtlich ihres speziellen Einflusses im Untersuchungsgebiet geprüft. Neben den natürlichen Faktoren wie Prädatoren, Klima, Geländestruktur, sind insbesondere anthropogene Lebensraumveränderungen durch Forstwirtschaft und touristische Aktivitäten dargestellt. Das Ergebnis zeigt, daß für das Aussterben des Auerhuhns ein komplexes Faktorengefüge verantwortlich ist. Als bedeutendster Faktor erweist sich dabei die touristische / sportliche Nutzung, insbesondere die Zunahme des Klettersports, zum einen durch direkte Einwirkungen und zum anderen durch die Potenzierung der natürlichen Rückgangsfaktoren.

Abschließend wird ein Überblick über die Veränderung der Faktoren nach Gründung des Nationalparkes "Sächsische Schweiz" geben und Voraussetzungen zur Wiederansiedlung des Auerhuhns diskutiert.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Als unmittelbare Ursache für den rapiden Zusammenbruch der Auerhuhn- Population ist eine mangelnde Reproduktionsrate wahrscheinlich:

  • hohe Kükenverlust bis hin zu Totalausfällen
  • Verschiebung des Geschlechterverhältnisses zugunsten der Hennen durch erhöhte Sterblichkeit männlicher Küken
  • Geschlechtsdimorphismus der Küken: Hahnen-Küken wachsen schneller als Hennen-Küken -> Nahrungsmangel, schlechte Nahrungsqualität, Unterkühlung, häufige Störungen der Nahrungsaufnahme etc. vermindern Kondition und erhöhen Mortalität männlicher Küken stärker als weiblicher

Reproduktionsrate als komplexe Größe ist von verschiedenen Faktoren, wie Klima, Feinden, Habitateigenschaften oder menschlichen Störungen, abhängig:

  • forstliche Veränderungen, klimatische Einflüsse, Immissionen und natürliche Feinde spielten eine untergeordnete Rolle
  • entscheidende Größe: Zunahme der durch Menschen verursachten Störungen: Wandern, Nächtigen und insbesondere Klettern
  • Der steile Anstieg der Kletteraktivität zwischen 1950 und 1960 bedingte bereits vor 1959 Reproduktionsausfälle, so daß zu Beginn der Untersuchung zwar die Bestandszahlen noch auf altem Niveau, die Altersstruktur aber zuungunsten der Jungvögel verschoben (fehlende Jährlingshähne) waren.
  • Die jahreszeitliche Dynamik des Klettersports zeigt eine erhöhte Störungshäufigkeit in den sensibelsten Reproduktionszeiten (Balz-, Lege- und Brutzeit).
  • Beerensammeln betrifft besonders Gesperre in der Zeit, in der Körpertemperatur noch nicht aufrecht gehalten werden kann und die Küken durch schnelles Wachstum erhöhten Nahrungsbedarf haben.
  • Die Erschließung neuer Klettergipfel setzte eine Suche nach entsprechend geeigneten Türmen voraus, die zeitaufwendig war und entlegenste Bereiche streifte; infolge der Neuerschließung entstanden dann neue Routen und Übernachtungsstellen in bis dahin ungestörten Bereichen.
  • Tiere sind beunruhigter -> fallen leichter Prädatoren zum Opfer, Küken verunglücken etc.
  • für den Rückgang des Auerhuhns und das spätere Aussterben ist ein komplexes Faktorengefüge verantwortlich, aber Potenzierung der natürlichen Rückgangsfaktoren durch anthropogene Freizeit-Störung, da diese die hochgradige Labilität des Vorkommens bedingte
  • durch touristische Nutzung Blockierung essentieller Teile der Kernlebensräume, die durch die Forstwirtschaft ohnehin auf ein Minimum an Fläche reduziert wurden -> Nutzung suboptimaler Habitate bspw. Abdrängen der häufig gestörten Gesperre in mikroklimatisch ungünstigere Schluchten und tiefere Hanglagen -> Einfluß auf Reproduktionserfolg
  • "Katastrophenereignisse" wie illegale Abschüsse, hohe Verluste durch Beutegreifer etc., die individuenstarke Populationen ausgleichen können, waren so nicht zu kompensieren

Fazit

Der Bestand an Auerhühnern nahm im Gebiet A schneller ab und das Aussterben trat 5 Jahre früher ein als in Teilgebiet B. Im Teilgebiet A wirkten mehrere negative Faktoren stärker als in Gebiet B: Forstwirtschaft, touristische Störungen, Immissionen und Randeffekte. Im Teilgebiet B waren nur der Einfluß des Rotwildes und das Ausmaß der illegalen Jagd größer als im Gebiet A.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 5) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Affensteine, Großer Zschand/Sächsisch-Böhmisches Kreidesandsteingebiet; Elbsandsteingebirge/Sachsen

Untersuchungsgebiet umfaßt zwei Teilgebiete:

A: Affenstein (ca. 1000 ha), B: Großer Zschand (ca. 1600 ha), beides Balzgebiete

(teilweise darüber hinaus Angaben für die gesamte Sächsische Schweiz, differenziert nach sächsischem und böhmischem Teil)

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Untersuchungszeitraum von 1959 bis zum Aussterben des Auerhuhns Mitte der 80er Jahre:

1. Bestandskartierung:

Zählung der Frühjahrsbestände adulter Tiere (Hähne und Hennen) während der Balzzeit (Kopulationswoche = "Hochbalz") und Kartierung indirekter Nachweise: Sichtbeobachtungen, Losung, Schlafplätze, Sandbadestellen, Mauserfedern,, Rissen und Rupfungen;

Ergänzung durch Befragung von Förstern und anderen Gebietskennern über Beobachtungen der genannten Nachweise im Jahresverlauf

2. Quantitative Erfassung touristischer Nutzungen:

Auswertung der Gipfelbücher repräsentativer, durchschnittlich frequentierter Gipfel in den beiden Teil-untersuchungsgebieten (Balzgebieten), Auswertung nach

  • Monats- und Jahressummen aller Besteigungen
  • Zunahme neu erschlossener Gipfel
  • Zunahme neu erschlossener Route (letzteres Abgleich mit erscheinenden Kletterführern)

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Statistische Analyse mittels linearer Regression: Prüfung des linearen Zusammenhangs zwischen Auerhuhnbestandsentwicklunge, Wetterdaten und Zunahme bergsteigerischer Aktivitäten.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Frühjahrsbestand vor 1959: Sächsische Schweiz gesamt: 100 adulte Tiere Untersuchungsgebiet 32 adulte Tiere

Geschlechtsverhältnis bei stabilen, nicht bejagten Populationen, wie hier vor 1959, 1:1

 

 

EINWIRKUNGSDAUER

  • ganzjährig
  • ganztägig

EINWIRKUNGSART

  • Tritt
  • Stoffeintrag
  • optische Reize
  • akustische Reize

Klettern

Anzahl Klettergipfel Jahresbesteigungen
Teilgebiet A
1951 27 1971
1964 41 3362
Teilgebiet B
1951 29 1827
1964 48 4521
Gesamtlebensraum Sächs. Schweiz, sächs. Seite
Anzahl Klettergipfel Neuerschließungen
1950 127 37
1963 62
1971 84
1975 227 ges.: 1950-75=1115
Gesamtlebensraum Sächs. Schweiz, böhmische Seite
1950 55
1975 128
  • steiler Anstieg an Kletteraktivitäten im Frühling
  • Maximum im Mai, dann durchschnittliche Frequentierung des UG 262 Personen/Tag

monatliche Verteilung:

  • steiler Anstieg an Kletteraktivitäten im Frühling
  • Maximum im Mai, dann durchschnittliche Frequentierung des UG 262 Personen/Tag

Untersuchungsergebnisse der Bestandskartierung

1. Populationsrückgang des Auerhuhns

Jahr Bestand [Stück] Rückgang um [%] Jahr Bestand [Stück] Rückgang um [%]
1959 32 1967 7
1960 32 1968 5
1961 28 1959-1965 1969 4 1965-1970
1962 22 Durchschnittlich 1970 3 Durchschnittlich
1963 17 um 25 % 1971 2 um 19 %
1964 12 1972 2
1965 9 1973 1
1966 8 1974 0

2. Geschlechtsverhältnis

  • Veränderungen zugunsten der Hennen: ab 1968 2 Hennen : 1 Hahn
  • die letzten beobachteten Tier Anfang der 70er ebenfalls Hennen

3. Daten zur Reproduktion

  • Legebeginn i. d. R. nach dem 20. 4., Brutbeginn 1. Maiwoche, Schlupf 1. Juniwoche
  • unbekannt sind Gelegegrößen, Schlupfergebnisse, Sterblichkeit der Jungen pro Jahr
  • aber an den beobachteten Balzplätzen keine sicheren Hinweise auf die Anwesenheit von Jährlingshähnen

Raumnutzung und Siedlungsstruktur

  • im Vergleich zu anderen Populationen in Deutschland relativ kleine, kompakte Gruppenbalzplätze (Arenen) von 5 – 6 ha
  • Tiere treffen hier während der Balz zusammen und kehren danach in ihre Wohngebiete zurück

Lebensraum

  • ganzjährig genutzte Habitate im Elbsandsteingebirge ausschließlich im Bereich der Gipfel- und Plateaulagen der Sandsteintafeln
  • lichter, alter Heidekiefernwald, kaum forstlich beeinflußt, ungleichaltrig, sehr strukturreich, hoher Anteil an Totholz, Naturverjüngungsinseln etc.