Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Ingold, Paul; Boldt, Andreas; Bächler, Erich; Enggist, Peter; von Arx, Manuela; Willisch, Christian (2002) Tourismus und Wild: Schlussbericht 1997-2002


Diese Auswertung wurde erstellt von: Andreas Boldt

 

SPORTARTEN

Andere Freizeitaktivitäten, Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Jagd, Luftsport, Motorflug, Schneeschuhwandern, Skilanglauf, Snowboarden, Tourenskilauf, Wintersport

 

INHALT

Die Arbeiten der dritten und letzten Phase des Projektes "Tourismus und Wild" umfassen drei Themenschwerpunkte:

 

1. PROJEKT MÄNNLICHEN

Dieses stellt den Löwenanteil der Arbeiten der Phase 1997-2002. Hier geht es um den Einfluss von Winterflugbetrieb auf Gämsen und mögliche Folgen für den Wald. Dieses Thema ist in der Dissertation von Boldt (2003) ausführlich dokumentiert. Ergänzend sei festgehalten, dass die Gämsen am Männlichen den oberen Waldrand intesiv nutzen, dass dies nur sehr bedingt vom Flugbetrieb herrührt und dass dies keine gravierenden Konsequenzen im Waldesinnern hat.

 

2. VARIABILITÄT DER EMPFINDLICHKEIT DER GÄMSEN BEI VERSCHIEDENEN BEDINGUNGEN

Generell spielt die Empfindlichkeit von Wildtieren im Kontext der Freizeitaktivitäten eine bedeutende Rolle, weil sich Tiere dem Menschen grundsätzlich wie einem natürlichen Feind gegenüber verhalten. Konkret wurden Faktoren ausgelotet, welche die Aufmerksamkeit und Reaktionsempfindlchkeit von Gämsen beeinflussen.

  • von Arx (2000) ermittelte das Wachsamkeitsverhalten von Gämsen in einem Gebiet mit Luchsvorkommen (Simmental) und in einem andern ohne regelmässige Präsenz (Männnlichen). Im Simmental sicherten die Gämsen häufiger in Waldnähe als im Offenen. Am Männlichen bestand diesbezüglich kein Unterschied. Offenbar bewirkte der Kontakt mit dem Beutegreifer an Orten, wo Angriffe wahrscheinlich sind, eine erhöhte Wachsamkeit der Gämsen.
  • Bäbler (2001) mass die Reaktionsempfindlichkeit von Gämsen gegenüber Wanderern in je 7 bejagten und unbejagten Gebieten mit unterschiedlich starkem Tourismus. Entgegen der Erwartung, dass Jagd die Tiere scheuer macht, Kontakt mit Wanderern aber zu einer Habituation führen sollte, ergab die Analyse der gemessenen Reaktionsparameter (Fluchtdistanz und Fluchtstrecke) keine Unterschiede, welche auf einen Einfluss der Jagd oder des Tourismus hätten schliessen lassen.

3. BIRKHUHNBESTAND 1990-2002 UND FREIZEITBETRIEB IM GEBIET AUGSTMATTHORN - LOMBACHALP - HOHGANT

Seit 1990 wird in der Nähe von Interlaken eine lokal Birhuhnpopulation durch Zählungen der balzenden Hähne systematisch überwacht. In einem Gebiet von rund 10 Quadrtkilometer wurden zwischen 58 (1992) und 14 Hähne (1998) gezählt. Parallel zu den schwankenden Bestandeszahlen ist ein starke Zunahme von einzeln balzenden Hähnen zu verzeichnen. Seit Mitte der 90er Jahre ist eine zubringende Strasse auch im Winter geöffnet. Diese Wintererschliessung zog starke touristische Aktivitäten nach sich (Langlauf, Schneeschuhwandern), die sich bis in die Kerneinstände der sensiblen Raufusshühner ausdehnen. Vor dem Hintergrund, dass die Schweiz als Alpenland eine zunehmende Verantwortung für die Erhaltung der alpinen Populationen des Birkhuhns trägt, muss der im Rahmen einer Landschaftsplanung vorgesehene Schutz als ungenügend bezeichnet werden.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Über eine ganze Wintersaison betrachtet, waren die Einflüsse anderer Faktoren (v. a. Schnee) wesentlich grösser als derjenige des Flugbetriebs. In einzelnen Perioden konnte dies durchaus auch anders sein, wie das Beispiel vom März 2002 zeigte, einem Zeitraum mit sehr intensivem Flugbetrieb. Andere Gründe für den geringen Einfluss des Flugbetriebs waren u. A. auch die Art und Weise wie am Männlichen geflogen wurde.

Die Studie zeigt, dass unmittelbare Reaktionen der Gämsen auf Flugbetrieb nicht unbedingt weitere negative Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Mit den Bedingungen, wie sie am Männlichen im Winter herrschten, kommen die Gämsen jedenfalls gut zurecht. Diese Erkenntnisse bilden eine wertvolle Grundlage, um den Einfluss von Flugbetrieb in anderen Gebieten beurteilen und allfällige Massnahmen problemgerecht anwenden zu können.

 

BEZUG/QUELLE

Bundesamt für Umwelt BAFU
Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität
CH-3003 Bern
www.umwelt-schweiz.ch


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Gebirgswald und alpine Weiden im W-SW-Hang des Männlichen (2343 m ü. M.), Wengen, Berner Oberland, Kanton Bern, Schweiz

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

30 Gämsen wurden mit Schlingenfallen gefangen und mit Halsbandsendern versehen. Die Tiere wurden in den Wintern 2000/01 und 2001/02 während drei- bis viertägigen Sessionen jede Stunde gepeilt. Das Peilsystem umfasste drei fixe Empfangsstationen in Wengen und wurde vor und während der Datenaufnahme intensiv getestet und geeicht. Mit einer neu entwickelten Methode wurden die Lokalisationen berechnet und mit einem individuellen Lokalisationsfehler gewichtet. Die Senderdaten zur Aktivität und zum Höhenaufenthalt der Gämsen wurden durch zwei Datenlogger automatisch aufgezeichnet. Mittels multivariater Modellanalysen wurden die für die Habitatnutzung und Aktivität der weiblichen Gämsen relevanten Umgebungsfaktoren identifiziert, separat für die Hell- und Dunkelperioden.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Der Flugbetrieb wurde charakterisiert durch:

  • Auftreten des ersten täglichen Luftfahrzeugs,
  • Auftreten des letzten täglichen Luftfahrzeugs,
  • Anzahl der täglichen Luftfahrzeuge,
  • Art der Luftfahrzeuge (Gleitschirm, Helikopter, Kleinflugzeug),
  • überflogene Gebiets-Sektoren,
  • Intensität des Flugbetriebs (berechnet sich aus den anderen Parametern).

Als weitere Umgebungsfaktoren flossen in die Analyse ein:

  • Schneebedeckungsgrad,
  • Neuschneemenge,
  • Schneehöhe,
  • Lufttemperatur,
  • Sonneneinstrahlung (div. Parameter),
  • Windgeschwindigkeit.

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Verglichen wurden:
a) Individuen an Tagen mit starkem und schwachem (bzw. ohne) Flugbetrieb.
b) zwei Gruppen, die wegen unterschiedlichem Home Range unterschiedlich starkem Flugbetrieb ausgesetzt waren.


EINWIRKUNGSDAUER

kurzfristig (Minuten bis 2 Stunden)
mittelfristig (2 bis 24 Stunden)

 

EINWIRKUNGSART

Optische (seltener akustische) Störung durch direkten Überflug oder Passierflug innert < 500 m. Keine andere anthropogene Störung.

 

EINWIRKUNGSGRAD

Variabel; zwischen 0 und 69 Luftfahrzeuge.

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gämse Die tägliche Abwärtsbewegung kann vom ersten Luftfahrzeug ausgelöst werden.
Birkhuhn Die täglich zurückgelegte Höhendifferenz wird nur sehr schwach von der Intensität des Flugbetriebs beeinflusst.
Der Energieverbrauch ist durch den Flugbetrieb nicht wesentlich erhöht.
Der mittelfristige Höhenaufenthalt ist nicht vom Flugbetrieb beeinflusst.
Kurzfristige Wechsel in den Wald können von Luftfahrzeugen ausgelöst werden.
Die mittelfristige Habitatnutzung ist nicht beeinflusst.
Die Aktivität (Äsverhalten) ist mittelfristig nicht beeinflusst.
Kompensationsmechanismen kommen nicht vor.

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Übertragbarkeit ist prinizipiell gegeben. Kritische Aspekte sind:
  • Die Vorgeschichte (Erfahrung der Tiere, Gewöhnung, Geschichte des Flugbetriebs)
  • Die Existenz alternativer Äsgründe
  • Die kleinräumige Strukturierung des Gebiets (Entfernung zum Wald)

BEMERKUNGEN

Einzelne Teile der Arbeit werden als eigenständige Publikationen eingereicht. Zur Hauptstudie s. auch die Auswertung zu Boldt (2003).