Bundesamt für Naturschutz

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Ingold, Paul; Bächler, Erich; Enggist-Düblin, Peter; Fankhauser, Toni; Gander, Hans; Lederer, Barbara (1997) Tourismus/Freizeitsport und Wildtiere: Synthese-Bericht Projekt "Tourismus und Wild"


Diese Auswertung wurde erstellt von: Andreas Boldt

 

SPORTARTEN

Ballonfahrt, Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Landgebundener Sport, Luftsport, Motorflug, Mountainbiking, Segelflug, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Im Projekt „Tourismus und Wild" wurde 1990-1997 der Einfluss von Freizeitaktivitäten auf Wildtiere der höher gelegenen Gebirgslandschaft untersucht. Dabei mussten auch Grundlagen zum Auftreten der Freizeitaktivitäten zur Lebensweise der Tiere erarbeitet werden. Im wesentlichen ergab sich folgendes:

 

 

Freizeitaktivitäten oberhalb des Gebirgswaldes

  • Wanderbetrieb ist am intensivsten zwischen späterem Vormittag und Nachmittag. Am frühen Morgen hat es eher Wanderer im Gebiet als am Abend.
  • Mountainbikefahrer treffen erst am Vormittag in den höheren Regionen ein; sie befahren vorwiegende Gebiete mit Strassen und gut ausgebauten Wegen.
  • Gleitschirmbetrieb kann bereits am Morgen einsetzen und bis zum Abend andauern. Im Winter wird vorwiegend über den steilen, besonnten südost- bis südwestexponierten Hängen geflogen.

Grundlagen zur Lebensweise der Tiere

  • Weibliche Gämsen leben in Homerange-Gruppen. In höheren Lagen nutzen sie das ganze Jahr über weitgehend die offenen Gebiete oberhalb des Gebirgswaldes, im Winter bevorzugt stark besonnte, steile und daher rasch ausapernde Hänge.
  • Männliche Gämsen leben meist in kleinen Gruppen und einzeln (die grössere Gruppe von jüngeren Böcken am Augstmatthorn ist eher als Ausnahme zu betrachten). Sie beziehen vermehrt bewaldete Gebietsabschnitte ein.
  • Geissen und Böcke haben unter Bedingungen, wie sie am Augstmatthorn herrschen, vom Herbst bis zum Frühjahr vorwiegend einen durchgehenden 8-Stunden-Rhythmus, sind also auch in der Nacht aktiv.

Einfluss der Freizeitaktivitäten auf Wildtiere

  • Gegenüber Gleitschirmen reagieren Gämsen und Steinböcke (nicht aber Murmeltiere) heftig: Sie verziehen sich auf große Distanz aus den offenen Gebieten vorwiegend in den Wald. Intensiver Gleitschirmbetrieb hat bei Gämsen eine starke Mindernutzung der offenen Gebiete und einen vermehrten Aufenthalt im Wald zur Folge. Die bei Gämsen in solchen Gebieten festgestellten Gewichtseinbussen weisen auf weitergehende Auswirkungen für die Tiere hin.
  • Deltas und andere Luftfahrzeuge können bei Gämsen und Steinböcken ebenfalls heftige Reaktionen erzeugen, wenn sie tief übers Gelände fliegen.
  • Gegenüber Wanderern verziehen sich die Tiere je nach Route (ober-/unterhalb der Tiere, auf/abseits von Wegen) auf unterschiedliche große Distanz, wobei auch soziale Faktoren eine Rolle spielen können (z. B. geringere Ausweichdistanz der Steinböcke in Gruppen mit einem grossen Anteil an alten Tieren).
  • Wanderbetrieb kann die Gebietsnutzung der Tiere ebenfalls einschränken, wobei bisher keine Hinwiese für weitergehende Auswirkungen vorliegen. Am Boden brütende Vögel können vor allem von Abseitsbetrieb betroffen sein.
  • Gegenüber Mountainbikefahrern reagieren Gämsen ähnlich wie gegenüber Wanderern.
  • Von Gleitschirmen geht eine wesentlich stärkere Wirkung aus als von Wanderern, auch wenn letztere früher im Gebiet erscheinen.

Umsetzung

Am Schluss werden von den Ergebnissen des Projektes abgeleitete Empfehlungen abgegeben. Erste, auf das Projekt zurückzuführende Erfolge in der Praxis sind die Aufnahme von entsprechenden Bestimmungen in der Verordnung über die Infrastruktur der Luftfahrt (VIL), die Ausarbeitung eines Ausbildungs- und Informationskonzeptes „wildtierschonendes Hängegleiterfliegen" und die Entwicklung von regionalen Schutzkonzepten im Sinne von Pilotprojekten.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Freizeitaktivitäten können schwerwiegende Auswirkungen auf Wildtiere haben:


1. Verlust von wichtigen Teilen des Lebensraumes,

2. Beeinträchtigung der körperlichen Verfassung,

3. einen verminderten Fortpflanzungserfolg.

Wenn damit Arten aus gewissen Gebieten verschwinden oder in ihren Beständen zurückgehen und seltener werden, ist das gemäss Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz ein naturschützerisches Problem, unabhängig davon, ob es sich um eine gefährdete oder häufige Art handelt. Erreichen Freizeitaktivitäten ein Ausmass mit solchen Auswirkungen, sind das nach dem Bundesgesetz über die Jadg und den Schutz freilebender Vögel und Säugetiere "Störungen", vor welchen Tiere zu schützen sind.

Empfehlungen für die Praxis:
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, den Einfluss von Freizeitaktivitäten auf Wildtiere zu verhindern oder wenigsten zu vermindern, wie den Verzicht auf Erschliessungen oder die Lenkung von Aktivitäten. Am Anfang einer erfolgreichen Umsetzung solcher Massnahmen stehen aber immer sachkundige Information und das Gespräch mit den Beteiligten.

 

BEZUG/QUELLE

Bundesamt für Umwelt BAFU
Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität
CH-3003 Bern
www.umwelt-schweiz.ch

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Berner Oberland, Schweiz