Bundesamt für Naturschutz

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Jenny, Hannes (1984) Zur Winterökologie der Gemse (Rupicapra rupicapra L.) in unterschiedlich vom Skitourismus beeinflussten Gebieten im Raume Grindelwald-First


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Pistenskilauf (Ski Alpin), Tourenskilauf, Wintersport

 

INHALT

Es wurden flächendeckend Verteilungsmuster und Populationsaufbau und die Reaktion der Gemsen bei direkten Begegnungen mit Skifahrern protokoliert. In einzelnen Testgebieten mit unterschiedlichem touristischen Einfluss wurden Beobachtungen über die Aktivitätsperiodik, besonders des Fressverhaltens durchgeführt.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Gemsen durch den Skitourismus beeinträchtigt werden. Dabei stellten sich Unterschiede in der Beunruhigung durch die einzelnen Skisportarten heraus. Ebenfalls wird deutlich, dass auch die Tageszeit in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt

  • Der Vergleich der Verteilungsmuster der Gemse für die Winter 1979/80 und 1982/83 zeigt, dass sich sowohl die Bestandsgrößen als auch die Verteilungsmuster aus beiden Jahren decken.
  • Die von den Gemsen aufgesuchten Einheitsflächen befinden sich meist 200 m bis 500 m von der nächsten Skiabfahrt entfernt. Abfahrten selbst werden gemieden.
  • Die Tiere halten eine mittlere Distanz von ca. 200 m gegenüber Skifahrern ein.
  • Pistenskifahrer halten sich im Winter zum größten Teil in Gebieten auf, die zu dieser Zeit von Gemsen nicht aufgesucht werden. Befinden sich oberhalb der Pisten noch ausreichend große, äsungsreiche Gebiete, von denen aus die Tiere die Sportler beobachten können, so können Gemsen dort vorkommen. Ist dies nicht der Fall, so geben die Tiere ganze Teile der Überwinterungsareale auf.
  • Tiefschneeskifahrer dringen schon tiefer in die von Gemsen genutzen Gebiete ein. Dennoch befinden sich die meisten Tiefschneeabfahrten in für die Gemsen ungeeigneten Gebieten.
  • Variantenskifahrer sind der bedeutendste Störfaktor für die Tiere, da sowohl Steilhänge, stark strukturierte Tobel als auch Felsgebiete befahren werden.
  • Bei der Beobachtung des Fressverhaltens mittels 3-minütiger Fokustierbeobachtung konnten keine eindeutigen Unterschiede zwischen den unterschiedlich beeinflussten Teilpopulationen herausgearbeitet werden.
  • Für die Gemsen ist es wichtig, Störfaktoren (Skifahrer) optisch kontrollieren zu können.
  • Die geomorphologischen Gegebenheiten im Untersuchungsgebiet sind hauptverantwortlich für die beobachtete Gewöhnung der Gemse an die Skifahrer. Dabei handelt es sich um sanft geneigte und von hohem Schnee bedeckte Abhänge, die mit schroff abfallenden, steilen und unzugänglichen Felsgebieten abwechseln. Letztere verlaufen meist vertikal zum Hang und enthalten fruchtbare Äsungsplätze.
  • Abfahrtsverbote oder Naturschonzonen sollten zuerst für die Variantenabfahrten Haselstein, Bim gelben Brunnen und Reeti-Südflanke eingeführt werden.

BEZUG/QUELLE

Universität Zürich-Irchel, Zoologisches Institut, Abteilung Ethologie und Wildforschung, Winterthurerstr. 190, CH-8057 Zürich, Schweiz

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2691) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Das Untersuchungsgebiet Grindelwald befindet sich im Berner Oberland in der Schweiz. Es umfasst eine Fläche von 24,6 km² und liegt zwischen 1410 und 2780 m ü NN. Für die Analyse der Aktivitätsmuster und des Populationsaufbaus der Gemsen wurden im Untersuchungsgebiete 6 Testflächen näher untersucht. Dabei handelte es sich um die Gebiete Reeti, Lengbalem, Chlofen, Schilt, Gemschberg und Bort. Der Untersuchungszeitraum umfasste das Winterhalbjahr 1982/83.

 

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Ausweisung von Einheitsflächen als Auswertungsgrundlage
  • Raum-zeitliche Untersuchungen der Verteilungsmuster von Gemsen und Skifahrern
  • qualitative und quantitative Untersuchungen über Gems-Skifahrer-Begegnungen und Aktivitätsaufnahmen

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Aufnahme der Verteilungsmuster und Analyse der Habitatansprüche der Gemse

Von Januar bis April 1983 wurde einmal im Monat das Untersuchungsgebiet flächendeckend untersucht. Aufgenommen wurden direkte Beobachtungen und sichere indirekte Nachweise wie z. B. Spuren, Liegeplätze und Äsungsplätze. Bei Direktbeobachtungen wurden Alter, Geschlecht, Verhalten (äsen, stehen, gehen, liegen) und Tageszeit notiert. Zudem wurden Wetter, Temperatur und Schneeverhältnisse protokolliert. Der Verlauf der Skipisten wurde ebenfalls flächendeckend aufgenommen wobei die Variantenabfahrten durch die Zählung der sichtbaren Skispuren erfolgte.

Als Auswertungsbasis fungierte ein Netz aus naturräumlichen Einheitsflächen, die nach gemeinsamen vegetationskundlichen und topographischen Merkmalen ausgewiesen wurden. Sie reichen von 0,2 ha bis 15 ha bei einer mittleren Größe von 2,8 ha.

Quantitative Auswertungen erfolgten mittels univariater Statistik. Es wurde dann ein Dichteindex für den gesamten Winter 1982/83 errechnet. Die Werte der Dichte und des Dichteindexes wurden in Klassen unterteilt.

Die skitouristischen Beeinflussungen und die Habitatfaktoren wurden ebenfalls in verschiedene Klassen unterteilt.

 

Beobachtung und Auswertung direkter Begegnungen von Gemsen und Skifahrern

Beobachtung von direkten Begegnungen und Einteilung in vier Fluchtintensitätsstufen. Diese unterteilte der Autor nach "keine äußerlich sichtbare Reaktion", "geringe", "mittlere" und "hohe Fluchtintensität".

Folgende Merkmale wurden bei jeder Beobachtung in einer Karte notiert: Ausgangssituation, Route der Skifahrer und Reaktion der Gemse. Zudem wurden Alter und Geschlecht der Gemse, Gruppenzusammensetzung, Art der Störquelle, Datum, Uhrzeit, Witterung, Windstärke und Windrichtung protokolliert.

Die Beobachtungen wurden mit Bezug auf den Höhenunterschied, den Horizontalabstand und die direkte Distanz zwischen Tier und Sportler analysiert.

 

Aktivität der Gemsen

In den 6 Teilgebieten wurden für jedes Tier im halbstündigen Abstand folgende Daten aufgenommen: Datum, Uhrzeit, genauer Platz, Abstände in der Gruppe, Blickrichtung und Verhalten der einzelnen Tiere. Das Verhalten wurde folgendermaßen unterschieden: Äsen, Stehen mit oder ohne Kauen, Liegen mit oder ohne Kauen, Ziehen ohne Äsungsintension sowie Sozialverhalten wie Drohen, Imponieren, Werben usw. Zudem wurden Temperatur, Windrichtung, Windstärke und Bewölkung notiert.

Die Aktivitätsmuster wurden für jedes Testgebiet in aktive und inaktive zusammengefasst, qualitativ beschrieben und dann statistisch bearbeitet. Aus den Aktogrammen ergaben sich auch genaue Daten über den Populationsaufbau in den beobachteten Testgebieten. Es wurden die prozentuelen Anteile von Geißen, Kitzen, Jährlingen und Böcken errechnet. Dazu errechnete der Autor den Kitzanteil als Anteil der Kitze an den über 2 Jahre alten Geißen.

Innerhalb eines Testgebietes schied der Bearbeiter 2 oder 3 kleine, ca. 100 m² große Testflächen nach bestimmten Kriterien aus, um in ihnen Fokustierbeobachtungen durchzuführen.


EINWIRKUNGSDAUER

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beeinträchtigungen

 

EINWIRKUNGSGRAD

Reaktion der Gemsen auf direkte Störungen durch Menschen

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gemse (Rupicapra rupicapra L.) 150 mal wurden fliehende Tiere beobachtet.
Wenn Personen unterhalb des Aufenthaltortes von Gemsen auftauchen ist die Fluchtintensität geringer als bei Menschen die oberhalb von Gemsen - hier wurde teilweise panikartiges Fluchtverhalten beobachtet - erscheinen. Somit ist die Fluchtintensität stark geländeabhängig.
In solchen Fällen fliehen Tiere in die nächstgelegenen Felsgebiete. Dies erfolgt selbst dann, wenn sich der Skifahrer zwischen den Felsgebieten und den Tieren befindet. In diesem Fall fliehen die Gemsen auf den Skifahrer zu und queren dessen Route.
Der höchste Habituationsgrad wurde im engeren Skigebiet Grindelwald-First beobachtet. Je weiter die Lebensräume der Gemsen vom Skizentrum entfernt waren, desto weniger waren die Tiere an den Menschen gewöhnt und umso größer waren ihre Reaktionsdistanzen auf Störreize.

Aktivitätsmuster der Gemse in unterschiedlich beeinflussten Testgebieten

Gemse (Rupicapra rupicapra L.) Die Hauptaktivitätszeit fällt auf die frühen Vormittags- sowie die Spätnachmittags- bzw Abendstunden. Der Anteil aktiver Tiere steigt ab 8.30 Uhr weit über 50% an, um 10.30 Uhr erreicht er sein Maximum. Ab 12.00 Uhr bis 15.00 Uhr folgt eine Periode geringerer Aktivität. Daraufhin beginnt die zweite Hauptaktivitätsphase bis über 18.00 Uhr hinaus. Zur Mittagszeit konnte in allen Testgebieten noch ein dritter Anstieg der Aktivität zur Mittagszeit beobachtet werden. Besonders deutlich war dieser in den Testgebieten Gemschberg, Reeti und Chlofen.
Am wenigsten aktiv sind die Geißen, gefolgt von Jährlingen, Kitzen, und Böcken.
Es zeigte sich, dass sowohl habituierte Populationen wie z. B. in Schilt, Lengbalem und Gemschberg, als auch nicht habituierte wie z. B. in Reeti eine hohe Aktivität in den Randstunden und eine verminderte Aktivität in den zentral gelegenen Tagesabschnitten aufweisen.
In den unterschiedlich beeinflussten Gebieten zeigten die tageszeitlichen Aktivitätsmuster der Teilpopulationen keine Unterschiede. Dies liegt an der weitgehenden Habituation in den beeinflussten Testgebieten. In Hinblick auf das Fressverhalten zeigte sich, dass Gemsen in kleinen von Skipisten umgebenen Habitatinseln eher kurze Äsungsintervalle aufweisen und vermehrt "sichern".

Aktivitätssummen der Gemsen während der vom Skifahrern beeinflussten Zeit

Gemse (Rupicapra rupicapra L.) Der Störfaktor Skitourismus weist neben der räumlichen auch eine deutliche zeitliche Komponente auf. Die Skifahrer halten eine feste immer wiederkehrende Periodik ein. Dadurch definierte der Bearbeiter zwei Zeiträume, von 8.00-10.00 Uhr und von 16.00-18.00 Uhr als unbeeinflusste Bereiche und die Zeit zwischen 10.30 und 15.30 als beeinflusst
In den unbeeinflussten Zeiträumen weist Chlofen die höchsten Aktivitätssummen der Gemsen mit 84,9 % auf, gefolgt von Reeti 79,6 %, Gemschberg 74,1 %, Schlit 72,7 %, Lengenbalem 71,0 % und Bort mit 64,1 %.
In beeinflussten Zeiträumen ergaben sich folgende Werte: Bort 69,0 %, Gemschberg 65,5 %, Chlofen 63,9 %, Lengenbalem 58,1 %, Reeti 55,7 % und Schilt mit 55,5 %


ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Es ist keine Übertragbarkeit auf andere Gebiete möglich.

 

BEMERKUNGEN