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Göken, Frank (2006) Untersuchungen zur Habitatwahl und Reproduktion des Eisvogels an der mittleren Hunte unter besonderer Berücksichtigung von anthropogenen Störreizen


Diese Auswertung wurde erstellt von: Frank Göken

 

SPORTARTEN

Andere Freizeitaktivitäten, Angeln, Erholung am Gewässer, Kanu, Kajak, Spaziergang mit Hund, Wassersport

 

INHALT

Der Landkreis Oldenburg hat die mittlere Hunte zwischen Wildeshausen und Wardenburg zum geschützten Landschaftsbestandteil nach § 28 NNatG (Amtsblatt Reg.-Bez. Weser-Ems Nr. 46, S. 1.006, vom 17.11.2000) erklärt und damit ein Befahrensverbot zwischen dem 01. März und 15. Juni eines Jahres für Wasserfahrzeuge jeder Art verbunden. Hintergrund war die stetig steigende Anzahl von Boot- und Floßtouristen. Mit dieser Arbeit wurde die Habitatwahl und Reproduktion des Eisvogels an der mittleren Hunte im Hinblick auf die geltende Schutzverordnung untersucht. Dabei waren u. a. folgende Fragestellungen von Interesse:

  • Wie viele Paare brüten im Untersuchungsgebiet?
  • Welche Brutbereiche sind beliebt und was hat das für Konsequenzen für die Revierbesetzung?
  • Wie gestaltet sich die Versorgung der Jungvögel, insbesondere im Hinblick auf die festgestellten Störereignisse?
  • Wie erfolgreich waren die Bruten zwischen 2002 und 2004 und sind Unterschiede zwischen beliebten und weniger beliebten Brutbereichen festzustellen?


SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Eisvögel können hohe Verluste, wie sie durch strenge Winter auftreten, durch eine große Nachkommenzahl und Mehrfachbruten ausgleichen. Allerdings müssen hierzu optimale Brutbedingungen vorherrschen und ausreichend Brutmöglichkeiten vorhanden sein.

Ein wichtiger Beitrag zum Bruterfolg ist das vom 01. März bis 15. Juni eines Jahres geltende Befahrensverbot für Wasserfahrzeuge jeder Art. In dieser Ruhezeit können die Eisvögel ihre Eier ausbrüten und ihren Nachwuchs ausreichend mit Nahrung versorgen.

Ein ungestörter Fischfang am Brutstandort ist dem Eisvogel außerhalb dieser "Schonfrist" während massenhafter Kanudurchgänge, wie sie teilweise an der Hunte festzustellen waren, unmöglich. Vermutlich wird eine störreizbedingte verminderte Fütterungsleistung, durch eine Erhöhung der Beuterate während störungsarme bzw. –freie Zeiten kompensiert. Die Fütterungsfrequenz kann durch ein Fischen vor Ort erheblich gesteigert werden. Allerdings ist diese Kompensationsleistung abhängig von der Tageslänge.

Das Verhalten der Bootsfahrer ist ein wesentlicher Faktor der auf die Wirksamkeit eines Störreizes Einfluss nimmt. Die Einhaltung der „10 goldenen Regeln (jetzt: Grundlinien) des Deutschen Kanuverbandes (DKV)" sollte für jeden ambitionierten Kanuten verpflichtend sein.

BEZUG/QUELLE

Archiv der Universität Koblenz-Landau: Diplomarbeit Frank Göken




UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Als Untersuchungsgebiet wurde ein 26 km langer Teilabschnitt der Hunte zwischen der Stadt Wildeshausen und der Gemeinde Wardenburg (Niedersachsen) ausgewählt. Der untersuchte Flussabschnitt durchschneidet die flachwellige norddeutsche Grundmoränenlandschaft der Naturräume Delmenhorster Geest und Hunte-Leda-Moorniederung.

Dieser Abschnitt ist innerhalb des gesamten Huntelaufes unterhalb des Dümmer Sees der letzte freifließende Gewässerabschnitt in einem sonst weitgehend regulierten und ausgebauten Verlauf. Die Nutzung der mittleren Hunte erfolgt überwiegend zu Erholungszwecken. Hier sind insbesondere der Bootstourismus und der Angelsport zu nennen.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Habitatwahl

  • Ermittlung der Besetzungsrate und des Beliebtheitsmaßes
  • Charakterisierung der Brutstandorte
  • Erfassung von Habitatfaktoren

Reproduktion

  • Zahl der Bruten in Abhängigkeit zur Beliebtheit
  • Beginn der Bruten in Abhängigkeit zur Beliebtheit

Brutpflege

  • Versorgung der Jungvögel
  • Huderleistung

Brut-/Ausflugerfolg

 

 

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Diese Arbeit ist eine Fortsetzung der Diplomarbeit von GÖKEN (2004) "Der Einfluss freizeitbedingter Störreize auf das Brutverhalten des Eisvogels an der mittleren Hunte zwischen Wildeshausen und Oldenburg (Oldb.). Einen Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die fünftägige Dauerbeobachtung eines Eisvogelbrutstandortes.

 

EINWIRKUNGSDAUER

Die Störreize wurden nach ihren Störquellen unterschieden. Der Bootsverkehr hat als Störquelle mit rd. 83 % den größten Anteil eingenommen. Es folgen Fußgänger mit 5,9 %, Hunde mit 3,8 % und Angler mit 1,7 %.

Rund ein Fünftel des Beobachtungszeitraumes war von Störreizen betroffen. Legt man die zeitliche Inanspruchnahme eines Störreizes nach seiner Quelle zugrunde, ergibt sich folgende Verteilung: Der Bootsverkehr tritt noch mit 43,0 % in den Vordergrund, aber nun folgen mit 24,3 % Angler, mit 11,7 % Fußgänger, mit 9,4 % Hunde und mit 2,7 % Badende.

Angler, Badegäste und Hunde wurden vorwiegend auf der in 8 bis 10 m Luftlinie entfernten Sandbank beobachtet. Diese Störquellen erzeugen - bedingt durch ihre Verweildauer - einen kontinuierlichen optischen Störreiz. Die mittlere Verweildauer von Anglern lag bei 49,2 Minuten.

 

EINWIRKUNGSART

Die Hunte ist gekennzeichnet durch sommerliche Niedrigwasserphasen, wodurch sich die Durchfahrtszeiten von Booten weiter verlängern. Daneben besteht bei Niedrigwasserfahrten die Gefahr der Grundberührung. Am Kanu schleifende und ins Wasser schlagende Paddel sowie Zurufe von Kanuten stören erheblich. Auch führt die oft eingeschränkte Ausdauer untrainierter Kanuten zu „wildem Anlegen", insbesondere an Brut- und Jagdstandorten des Eisvogels.

Von Anglern gehen überwiegend optische, weniger akustische oder mechanische Störreize aus. Die Anwesenheit von Anglern führte zu mehrfachen vergeblichen Anflugversuchen der Altvögel. Nur in Einzelfällen konnten bei Anglerpräsenz erfolgreiche Fütterungen nachgewiesen werden. Festgestellte geringe Fluchtdistanzen stellen keine Gewöhnung an den Angler dar, sie bedeuten vielmehr Stresssituationen, die verhaltensökologisch mit starker Erregung, Sichern und Übersprungsverhalten (falsches Putzen) einhergehen.

Badegäste konnten an Eisvogelbrutstandorten nur in geringer Zahl registriert werden, von ihnen gehen jedoch äußerst intensive optische, akustische und mechanische Störreize aus. Als kontinuierliche Störreize lösen sie ebenfalls eine Blockadewirkung aus.

Fußgänger bewirken optische, akustische und mechanische Störreize. Soweit Trampelpfade und Wege nicht unmittelbar über eine Abbruchkante führen und ein entsprechender Sichtschutz durch eine deckende Vegetation vorhanden ist, führen diskrete Störreize nicht zur Flucht des Eisvogels. Ansonsten kann der Trittschall ausreichend sein, um einen brütenden oder hudernden Eisvogel zur Flucht aus der Röhre zu verleiten. Zu dem Trittschall treten bei engen Trampelpfaden oft auch nicht unerhebliche Schleifgeräusche durch Berührung der Randvegetation hinzu. Tritterosion stellt eine weitere erhebliche Gefahr dar. In vielen beobachteten Fällen führte das Betreten der Steilwand durch Erholungssuchende zu Sandrieseln. An einem Standort führte im Jahr 2003 das Betreten der Steilwand durch anlegende Kanuten zum Abbruch einer Sandschicht und vermutlich zu einem Totalverlust einer Brut.

Von freilaufenden Hunden gehen optische, akustische und mechanische Störreize aus. Zu den akustischen und mechanischen Störreizen wurden die Hunde in den meisten Fällen von ihrem Begleiter animiert.

 

EINWIRKUNGSGRAD

Kontinuierliche Störreize, wie sie z. B. durch lang gezogene Bootskolonnen, anlegende Boote, Angler, Badende erzeugt werden, nehmen Einfluss auf die Einflugfrequenz: Je länger eine Störung andauert, desto geringer ist die Fütterungsfrequenz gemessen an der Zahl der Einflüge je Stunde.

Ebenso sind tageszeitliche Unterschiede in der Versorgung der Jungvögel und der Verteilung der Störreizdauer festzustellen. Stellt man der Einflugverteilung die Verteilung der Störreizdauer gegenüber, sind deutliche Zusammenhänge abzulesen. In den Mittagsstunden - während die Fütterungsintervalle den niedrigsten Stand erreichten - dauern die summarischen Störreize am längsten an. In den späten Nachmittags- bis Abendstunden hingegen erhöht sich mit der Verringerung der Störreizdauer die Zahl der Einflüge.

Vermutlich werden vom Eisvogel störungsarme bzw. –freie Zeiten genutzt, um eine störreizbedingte verminderte Fütterungsleistung, durch eine Erhöhung der Fütterungsaktivität zu kompensieren. Allerdings ist diese Kompensationsleistung durch die Tageslänge beschränkt.

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Eisvogel Abnahme der Fütterungsintervalle mit Zunahme der Dauer von Störreizen
Verminderte Fütterungsaktivität während störungsintensiver Tageszeiten
Unstetiges Hudern
Reduzierter Brut-/Ausflugerfolg/Verlust einer Brut
Brutstandort nicht als Jagdstandort nutzbar
Stress durch Übersprungshandlungen erkennbar

BEMERKUNGEN

Die Reproduktionsrate schwankte in den Jahren 2002 bis 2004 bei 12 Bruten zwischen 3,33 bis 5,5. Während der Befahrensregelung lag der Ausflugerfolg in den Jahren 2002 bis 2004 zwischen 4 und 7 (n=8), außerhalb der Befahrensregelung zwischen 2–4 Jungvögeln (n=4).

In beliebten Brutbereichen war ein früherer Brutbeginn als in weniger beliebten Bereichen zu verzeichnen. Die Zahl der erfolgreichen Bruten war in den beliebten Bereichen am höchsten. Schachtelbruten fanden ausschließlich in den beliebten Brutbereichen statt. Die beliebten Brutbereiche sind durch Nutzung hochwassersicherer vorjähriger Brutröhren gekennzeichnet. Wichtiger Habitatfaktor scheint auch eine ausreichende Deckung des Brutstandortes zu sein.